Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 212 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Die jüdische Geschichte usw. Glaubens. Jetzt wird der Bestand der Judenheit durch einen neuen, aber viel gefährlicheren Feind bedroht: die Assimilation. Immer schwächer wird in West־־ und Mitteleuropa das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Einerseits erheben sich zwischen den Juden der verschiedenen Länder trennende Scheidewände, andererseits fühlt sich der einzelne mehr und mehr als Individuum, dessen persönlicher Einstellung es überlassen bleibt, ob man noch weiter Jude sein will oder restlos in die nichtjüdische Umwelt aufgeht. In Deutschland hatte die Mendelssohn’sehe Zeit den Boden gelockert. Die Führung der jüdischen Gemeinden entglitt mehr und mehr den Händen der Rabbinen und ging an eine dünne Schicht wirtschaftlich und sozial höher Gestellter über. Diese standen grossenteils unter dem Banne der Aufklärung. Ihr Ideal war eine möglichst restlose Angleichung an die christliche Gesellschaft: hierdurch hoffte man auch am leichtesten die bürge!- liehe Gleichberechtigung zu erlangen. Das Zurücktreten des positiv religiösen und nationalen Empfindens gegenüber dem allgemeinmenschlichen, wie es für das europäische Geistesleben um die vorige Jahrhundertwende bezeichnend ist, Hess ein allmähliches Verschmelzen auch ohne ausdrückliche Aufgabe des väterlichen Glaubens leicht erscheinen. Anders wurde es, als nach den Befreiungskriegen das Nationaldeutsche und Christliche wieder schärfer betont wurde und die zum Teil durchgeführte bürgerliche Gleichstellung der Juden vielfach rückgängig gemacht wurde. Jetzt galt es. Farbe zu bekennen, ob man unter Aufgäbe der Erfüllung naher Hoffnungen Jude bleiben wollte, oder um den Preis der Taufe ganz in die christlich deutsche Kultur aufzugehen bereit war. Nur zu viele, in denen das Judentum innerlich längst abgestorben war, konnten der Versuchung nicht widerstehen, unter ihnen auch Männer, die sich vor Jahren als Regeneratoren des Judentums gefühlt hatten. Für die jüdische Gesamtheit war es ein Glück, dass sie hierdurch von dem zersetzenden Einflüsse solcher Elemente befreit wurde, die bis jetzt kraft ihrer Intelligenz und ihrer sozialen Stellung Führer- 1*o! 100. beansprucht hatten. —