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Jeschurun · 1923-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1923) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1923)
Date
1923-05-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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196 Das Hohelied Das Hohelied. Von Dir. Dr. Joseph Carlebach. II. Allegorie oder Liebeslied? Motto: Ruf es Jerusalem in die Ohren, ich denke Dir die Liehe Deiner Brautzeit. Mit einem überlegenen oder ironischen Lächeln beliebt man in der neueren Bibelwiss enschaft die Allegoriesierung des Hohenliedes zu betrachten. Man stellt es so dar, als hätte eine nachträgliche strengere Bibelauffassung an dem weltlichen Liebesliede im Kanon Anstoss und zu einer Umdeutung auf ein übersinnliches Liebesverhältnis, auf das Gottes zu Israel ihre Zuflucht genommen. Es wird dann wohl auch mit einer gewissen Entdeckerfreude der ursprüngliche Sinn aus der allegorischen Verhüllung wieder freigelegt, so etwa wie in Scheffels ״Ekkehard“ der in Liebe entbrannte Mönch in beseeligter Ueberraschung den Ursinn des Liedes als Spiegel und Echo seines liebeglühenden Herzens ״entdeckt“. Mir scheint alles dies auf einer völligen Verkennung vom Wesen der Allegorie zu beruhen. Es sei daher verstattet, an einem neutralen Beispiel den Sachverhalt zu illustrieren, an Goethes Gedicht: Mahomets Gesang. Im Bilde eines Stromes, seines Wachstums in allen Phasen malt der Dichter das Wesen des Genies. Gesetzt, die Ueberschrift Goethes wäre verloren gegangen. Man hätte dann zunächst nur die Entwicklungsgeschichte eines mächtigen Stromsystems vor sieb, als hätte der Dichter uns dieses selbst in seiner völkerverbindenden Bedeutung vorführen wollen. Nur an einigen Stellen verrät der Poet in leisen Anspielungen, dass er etwas Andres meint als das Bild des Flusses: ״über Wolken nährten seine Jugend gute Geister“ ״und mit frühem Führertritt reisst er die Bruderquellen mit sich fort“ ״keine Blumen, die ihm seine Knie’ umschlingen, ihm mit Liebesaugen schmeicheln“ . . .

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