Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1923)
- Date
- 1923-05-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Hohelied 197 Gleichwohl würde nach dem schlichten Sinne das Bild des Flusses für sich allein Inhalt und Ziel des Gedichtes zu sein scheinen. Ich frage nun: wird ein Wesentliches hinzugetragen, wenn jemand käme und sagte: dieses Bild des Stromes ist zugleich eine Veranschaulichung vom Werdegang und dem Leisten eines grossen Menschen, eines Mahomet? Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Sind die Merkmale der Flussentwicklung und die des Genies ähnliche, so hat der Dichter, der die Geschichte eines Riesenstromes überlegen darstellt, die ״Nutzanwendung“, die geistigen Analoga seines Bildes selbstverständlich mit charakterisiert, und die künstlerisch empfindende Seele hört von selbst bei seinen Worten ihre allegorische Vieldeutigkeit heraus. Oder anders formuliert: Nur deshalb reizt das Bild des Stromes den dichterischen Sinn, weil es in sich ein Mehreres verkörpert, weil es in allem sein Gegenstück findet, was aus kleinen Anfängen zu grosser Selbstentfaltung, zu entscheidender ״Beeinflussung“ weiter Lebenskreise vordringt und emporsteigt. Die ״Geister singen über den Wassern“, dem genialen Ohre vernehmbar künden sie im Bilde des Wassers das Gleichnis der Seele. Jedes Kunstwerk, der redenden wie der bildenden Kunst, das nicht über das Zufällige des künstlerischen Motivs und Vorwurfs hinausweist, das nicht in seiner Begrenzung das Unendliche, das Unaussprechliche, das nur im Gleichnis und Bilde Fassbare mitklingen lässt, ist sowenig ein Kunstwerk, wie ein akustisch isolierter Ton, bei dem keine Obertöne mitschwingen, musikalisch unbrauchbar ist und kalt und eindruckslos verhallt. Es ist gradezu der Gradmesser für den Rang eines Kunstwerks, wie reich und tief die unausgesprochene Stimmungswelt ist, welche in uns beim Betrachten oder Hören ausgelöst wird. Ebenso aber ist die Frage ganz unwesentlich, ob die Dichtung Schir Haschirim eine Allegorie ist. Ob sie es sein kann, das ist die Frage; ob die darin angestellte Liebe das Höhere ahnen lässt, ob sie aus dem Vergänglichen hinaus in die Regionen der edleren Gefühle und Regungen, in die Welt der Gleichnisse 2