Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 4 (April 1915)
- Date
- 1915-04-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Psalter Davids im Wechsel der Tage. 163 Der Psalter Davids im Wechsel der Tage1). Von Oberlehrer Dr. Joseph Carlebach. II. Das Judentum ist wie die Welt der Wirklichkeit viel־־ gestaltig und von den verschiedenartigsten Bildungen. Kein ethisches Schema, kein dogmatisches Abstraktum. Seine religiöse Literatur spiegelt die Totalität des Lebens, mit seinem Wechsel und seiner Dauer, seinen Gütern und seinen Widersprächen; für jede Situation, die sie in ihrer Besonderheit zu würdigen weiß, für jeden Fall und jedeLage schafft sie den entsprechenden religiösen Ausdruck. Alles hat in ihr seine Zeit, und einer bestimmten Gelegenheit entspringt und dient jedes ihrer Worte. Darum urteile über keine ihrer Lehren, keinen ihrer religiösen Empfindungsausdrücke, bis daß du in die richtige, jenen zugrunde liegende Lage kommst; urteile nicht im Glücke über das, was sie dich in Not und Drangsal zu üben und zu sprechen lehrt; verachte die goldenen Brücken nicht, die sie aus tiefem Seelenverständnis, dir für die Stunde gestörten inneren Gleichgewichtes baut; sage nicht, du könntest nur lieben, wenn in ihr auch der Haß eine Stelle hat, nur segnen, wenn sie zu fluchen nicht unterlassen hat. Es möchte dir wie unserer deutschen Mitwelt in ihrem Werturteil über des Psalters ewige Gesänge gehen, die früher so oft die Lauterkeit der Bibel Israels verdächtigte, weil ihre Leier auch Vergeltung und Abwehr. Abscheu und Haß zu Saiten hat und im Hohenliede des Gottvertrauens symphonisch mitklingen läßt, und die jetzt, da ihr Stunden des Leids zugedacht sind, plötzlich ihr Herz verändert findet und leidenschaftlich gerade nach dem greift, was sie vorher in selbstherrlichem Dünkel verworfen hat. Jeder Psalm hat seine Zeit; aber dennoch ist er zeitlos. Er ist aus bestimmtem Anlaß erwachsen, aber über den Anlaß hinausgewachsen, daher ewig. Denn das Menschenleben und ג) Vgl. Jeschurun II, 1. S. 21—29