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Jeschurun · 1915-04-01 · Heft 4 (April 1915) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 4 (April 1915)
Date
1915-04-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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164 Der Psalter Davids im Wechsel der Tage. das Menschenschicksal wiederholt sich in gleicher und ähnlicher Gestaltung immer wieder; Krieg und Frieden, Feindschaft und Liebe, Erfolg und Mißlingen, Lüge und Tugend, Sünde und Heue, Trauer und Glück, Verzweiflung und Zuversicht bilden ehedem wie jetzt die Schatten und Lichtpunkte im Bilde unseres Daseins. Und wo immer solche Wallungen und Ereignisse dich ergreifen, wirst du den Psalm richtig erfassen, der dieser Gefühlslage geweiht ist. Da bedarf es keiner Ausmalung der historischen Verhältnisse, in denen einst sein Sänger sich befunden, in denen Gott ihm gab, zu sagen, was er leidet; dein erregtes Herz gibt dir über jedes seiner Worte den besten Aufschluß, und dich will es bedünken, als sei alles nur für dich, für deine augenblickliche Stimmung, zu deiner inneren Befreiung gesagt. Die religiöse Literatur muß zeitlos sein, oder sie ist eben nicht das Wort Gottes, des über Zeit und Ort Erhabenen. Wohl wird in Form und Sprache, in Bild und Wendüng des Einzelnen Sonderart sich kundgeben, aber dennoch ist es das Charakteristikum der jüdischen, der heiligen Literatur, daß: ״die Verschiedenheit der Zeiten, die Besonderheit der Umstände und die Trennung der individuellen Personen weit zurücktritt hinter dem siegreichen, gestaltungskräftigen, einheitlichen . . . Gesamtgeist“; . . denn ״aus der innersten Quelle der Ideen selbst schöpft sie ihre Kraft. . . . Alles Zeitliche und Zufällige hat im ganzen Bereiche jüdischer Weisheit und Gedankenschöpfung nur geringen Teil ... es verschwindet die Bedeutung des Individuums und seiner zeitlichen Bestimmtheit vor der treib enden Macht der Ideen.“ . (Lazarus: Ethik I, S.6—8). Ist doch gewiß die Bibel nur ein eng begrenzter Ausschnitt aus der Fülle geistiger Schöpfungen des Propheten Volkes; aber nur נבואה שצריכה לדורות נכתבה, was dem Kanon der heiligen Schriften einverleibt wurde, das hat nicht nur den Besten der damaligen Zeit genug getan, das lebt und dauert für alle Zeiten. Ist es daher verwunderlich, wenn ihre Verfasser so oft hinter ihren Werken verschwinden, wenn wir von ihnen oft nicht mehr wissen als den Namen, und wir Spätgeborenen

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