Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 40 (6.10.1938)
- Date
- 1938-10-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Interview mit Adolfo Hirsch Was bedeutet die Argentinische Einwanderungsgesetzgebung? K. J. R. Buenos Aires, 26. September Mit Interesse und mit Sorge haben die Juden in Deutschland die Entwicklung der argentinischen Einwanderungsgesetzgebung verfolgt. Nach den Vereinigten Staaten ist Argentinien das wichtigste Zielland der nichtpalästinensischen Wanderung gewesen. Ueber Ausmaß, Wirkung und Ursache der argentinischen Neuregelung hat es vielfach Unklarheit gegeben. Man hat sich in weiten Kreisen ein falsches Bild von den Folgen der Maßnahmen gemacht und ihren Sinn nicht selten mißverstanden. Um diesen Mißdeutungen zu begegnen, hat der Korrespondert der C.-V.-Zeitung in Buenos' Aires den um die jüdische Hilfsarbeit überaus verdienten Vorsitzenden des Hilfsvereins deutschsprechender SI6 AUREN W§IP Frankfurt/Main, Zeil 49 Groß- und Kieinverkauf Versand ab Mk. 20.- frei Haus Juden, Adolfo Hirsch, um ein Interview gebeten. Adolfo Hirsch hat unserem Korrespondenten in den Räumlichkeiten des Hilisvereins in liebenswürdiger Weise auf seine Fragen Rede und Antwort gestanden. Frage: Welche Motive leiteten nach Ihrer Kenntnis die verantwortlichen Regierungsstellen beim Erlaß der neuen Dekrete, besonders in bezug auf die jüdische Einwanderung aus Deutschland und Oesterreich? Antwort: Die einschneidenden Dekrete der argentinischen Regierung sind uns nicht überraschend gekommen. Sie waren seit Monaten in Vorbereitung, und wir wußten lange, daß die Regierung an eine Verschärfung der Bestimmung denke; besonders war esuns auch bekannt, daß eine Abschaffung der Geschwisterllamaden beabsichtigt war. Die Auffassungen der verschiedensten Amtsstellen gingen aber bei der Beurteilung des gesamten Fragenkomplexes sehr auseinander. Für die Entscheidung, die schließlich getroffen wurde, waren in erster Linie wirtschaftliche Gründe maßgebend. Die erheblich schlechtere Ernte des letzten Jahres und die absinkenden, sehr wesentlich verschlechterten Preise für die wichtigsten Landesprodukte im Welthandel haben sich fühlbar auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt. Eine Reihe von öffentlichen Arbeiten, die für die nächste Zeit geplant oder schon im Gange waren, mußten mit Rücksicht auf die öffentlichen Finanzen zurückgestellt werden, so daß der Stellenmarkt noch eine weitere Belastung erfuhr. Hier hat offenbar das Hauptmotiv der Regierung gelegen. Dazu kam äJ. MtiüH&CO. SÄÜ? Berlin-Schöneberg, Martin - Luther-3tr. 26 / Teiefon 77 22 20 Ausland-Usbersee aber noch anderes: es setzte in den letzten Monaten ein — uns Juden leicht begreiflicher — Ansturm von Antragsstellern auf die Di- reeeiön de Immigraciön ein, die Llamaden für ihre Verwandten beanspruchten; leider befanden sich unter ihnen sehr viele Neueinwanderer, die sich erst einige Wochen im Lande aufhielten und sich selbst noch nicht eingeordnet hatten. Das hat Bedenken ausgelöst, aber zweifellos hat auch die Tatsache mitgesprochen, daß die Einwanderungsbehörde materiell einfach nicht mehr in der Lage war, die Llamadengesuche so auf Herz und Nieren zu prüfen, wie das nach den Bestimmungen notwendig gewesen wäre. Aus Wien und dem übrigen Oesterreich sind Tausende von Einwanderungsgesuchen eingegangen, die, von der argentinischen Behörde her gesehen, vollkommen gegenstandslos waren. Die offiziellen Stellen haben schließlich geradezu Angst vor einer plötzlichen Masseneinwanderung bekommen, die mit den wirtschaftlichen Erfordernissen des Augenblicks nicht in Einklang zu bringen gewesen wäre. Für eine bewußt antijüdische Maßnahme halte ich die neuen Bestimmungen aber keinesfalls. Sie haben genügend Spielraum für eine qualifizierte Einwanderung auch von Juden 'gelassen. Bei' den Behörden besteht " allerdings auswanderungs-p^bel Spes. Umarbeitungen praktisch, elegant und preiswert MART!Mi ADAäfl, Innenarchitekt, BERLIN W 50 AUSSteEIung: Tauentzienstr. S (Fahrst.) Ruf: 24 4915, im Arnold-Müller-Haus der Eindruck, daß die Landeshauptstadt Buenos Aires einen gewissen Sättigungsgrad für Zuwanderer, die sich erst noch einordnen müssen, erreicht hat. Eine bessere Verteilung der jüdischen Einwanderer über die übrigen Landesteile wird sicher sehr gern gesehen werden. Außerdem habe ich von autorisierter Stelle selbst das Wort fallen hören, daß bei einer weiteren Zunahme der Klein- und Kleinsthändler eine Reaktion von Seiten des bestehenden Kleinhandels befürchtet werden müsse. Aber auch eine Reaktion des Kleinhandels würde nicht antisemitische Hintergründe haben. Bedenken Sie bitte, daß durchaus nicht nur die jüdische Einwanderung, sondern auch die von Spaniern und Italienern, die ja bisher eine erhebliche Rolle spielte, ganz den gleichen Erschwerungen unterliegen. Daß die Juden aus Deutschland zum überwiegenden Teile brauchbares Mensch enmateriai sind, und daß sie ein kultiviertes, aufbauendes Element darstellen, wird allgemein zugegeben. Man wünscht sich freilich für Argentinien keine intellektuellen Einwanderer, sondern Menschen, die über wertvolle technische Kenntnisse und Erfahrungen verfügen; qualifizierte Handwerker werden neben Landwirten für besonders wichtig gehalten. Es ist ja eine weitverbreitete, recht törichte Illusion, glauben zu wollen, daß Argentinien auf vielen Gebieten Wissenschaftler und Jntcllektuelle geradezu benötige, um Land und Wirtschaft aufzubauen! Was man will, sind Menschen, die sich einordnen wollen und auch objektiv einordnen lassen. Die Einwanderung, auch die jüdische, soll keinen Fremdkörper im Lande bilden, sondern man sucht geradezu die Verschmelzung der einwandernden Menschen mit dem argentinischen Volkskörper. Argentinien ist kein Kolonialiand; die Nation hat ihre eigene Lebenshaltung und Kultur, die sie bewahren und entwickeln will. Nichtsdestoweniger ist Einwanderung erwünscht. Das Land braucht Menschen, vor allem auf lange Sicht, und ich erinnere immer wieder daran, daß der Sinn der Bestimmungen und Dekrete auch nach ihrem ausdrücklichen Text nicht die Beschränkung oder gar Aussperrung der Einwanderung vorsieht, sondern Auslese. Frage: Wie beurteilen Sie die Einwanderungsmöglichkejten für Juden aus Deutschland nach den neuen Dekreten? Antwort: Ich möchte sagen, daß die Dekrete gleichzeitig eine Erschwerung und eine Erleichterung enthalten. Das Erschwerende drängt sich bei der Betrachtung der neugeschaffenen Situation natürlich zuerst auf. Im Gegensatz zu früher werden neben Ehegatten und Verlobten nur noch Verwandte in auf- und absteigender Linie und nicht mehr Geschwister oder gar entferntere Verwandte auf Verwandtenllamada angefor- Danzas & GöAm Abteilung für Ausiandsumiüge| Franaifuri a. Ri. Mainzer fands'r. 52. Tel. 701 311! Transporte nach aalen Ländern | in Lifts und Sammelladungen Sachgemäße Verpackung- — Lagerung; — Versicherung || dert werden können. Außerdem ist die Anforderung erst zulässig, wenn der Anfordernde mindestens zwei Jahre im Lande ansässig ist. Das bedeutet eine Erschwerung gerade für die Neueinwanderer und 'somit ein starkes Hemmnis für einen ganz wesentlichen Teil der eingewanderten Juden. Die vor Erteilung der Llamada anzustellende Prüfung wird, wie man versichert hat, besonders streng gehandhabt werden, wenn der Anfordernde in Buenos Aires ansässig ist. Man hat den jüdischen Organisationen, die selbstverständlich in Verbindung mit den Behörden stehen und sie um Informationen über die neue Lage gebeten haben, aber versichert, daß bei Llamadenanträge von auswärts wohnenden Personen etwas nachsichtiger verfahren werden würde; vor allem besteht begründende Hoffnung, daß Llamaden von den seitens der ICA und der Seprotimis (HICEM) empfohlenen Kolonisten für ihre Verwandten eine nachsichtigere Behandlung erfahren; doch werden sich in diesen Fällen beide Teile, der Anfordernde wie der Angeforderte, zu verpflichten haben, sich im Landesinnern zu betätigen. Landwirtschaftliche Llamaden werden auch nach unserer Meinung nach dem 1. Oktober, an dem ja die Behandlung der Anträge auf Grund der neuen Bestimmungen beginnt, ohne Schwierigkeit zu erlangen sein, doch wird sich die Bestätigung für diese Meinung erst aus der Verwaltungspraxis ergeben. In jedem Falle wird eine strenge Kontrolle geübt werden, auch darüber, ob wirklich die Bedingung einer landwirtschaftlichen Betätigung erfüllt wird. Bei allen Arten von Llamaden wird eine strenge Prüfung nach doppelter Richtung ausgeübt werden: die Konsuln werden zu vertraulichen Informationen über die noch im Auswanderungsland befindliche Person des Angeforderten angehalten werden, während die argentinische Polizei Nachforschungen über den Anfordernden anstellen wird. Demgegenüber gibt, es auch Erleichterungen, und gerade hier will ich auf einige bisher zu wenig beachtete Dinge hinweisen: die Dekrete sehen ja eine eingehende Prüfung jedes Falles nicht nur durch das Konsulat, sondern auch durch die Einwanderungsbehörde und das ihr beigegebene beratende Kornite vor. Die Aus- Jüdische Pioniere des Wanderns;. Von Dr. J. Kliersfeld, Bochum I. Das Zeitalter der geographischen Entdeckungen hatte auch viele Männer jüdischen Stammes als Bahnbrecher und kühne Wanderer gezeigt. Als einen großen Pionier dieses jüdischen Wanderns können wir im 19. Jahrhundert Israel Josef Benjamin ansprechen. Er war in Foltitscheny in Rumänien geboren und fühlte sich, als er dieses Land verließ, als Nachfolger des mittelalterlichen Wanderers Benjamin von Tudela, weshalb er sich auch Benjamin IL nannte. Seinen rumänischen Brüdern, denen es in ihrer Geschichte besonders schlecht ergangen war, 2m helfen, das war der glühende Wunsch, der ihn beseelte. Er wollte deshalb Neuland suchen, um ihnen die Möglichkeit zur Wanderung in ein freies Land und in ein neues Leben zu geben. So machte er sich im Jahre 1845 auf, das „Land" der verlorenen zehn Stämme" zu suchen. In achtjährigem Wandern durchzog er das östliche Mittelmeer, die Türkei, Aegypten, Palästina, Syrien, Babylonien,, Kurdistan, Persien und Indien. Nachdem er über Afghanistan zurückgekehrt war, trat er eine neue Fahrt über Wien und Konstantinopel nach Nordafrika an. Noch aber ließ es ihm keine Ruhe. Ein echter Pionier, der die ersten Brücken baut und die ersten Erkundigungen einzieht, wollte er den neuen, zukunftsträchtigen, den Wanderer anziehenden Erdteil mit eigenen Augen sehen und seine Eigentümlichkeiten und Bedingungen erfahren. Und so bereiste Benjamin IL in den Jahren 1859—1861 Amerika, um dann auf Grund seiner persönlichen Anschauungen und Erlebnisse einen eingehenden Bericht über das Leben der dortigen jüdischen Kongregationen, die erste zusammenfassende Beschreibung des amerikanischen Zentrums der Judenheit, zu veröffentlichen. Seiner Gesundheit nicht achtend, von einem inneren Trieb gedrängt, eilte er, kaum zurückgekehrt, nach London, um dort Mäzene für eine neue Expedition in das „Dunkle" Asiens und Afrikas zu interessieren. Bevor diese aber verwirklicht werden konnte, starb der vom Wandern aufgezehrte Mann, dessen früher Tod das Tragische dieses entbehrungsreichen Wanderlebens symbolisierte. Eines der WTanderzieie dieses- Jahrhunderts war Arabien. William Glifford Palgrave, ein Sohn*' des bekannten Sir Francis Palgrave (Cohen), durchwanderte dieses Gebiet und war der erste Europäer, der den Nedschd besucht hat. Sein Bericht über diese ausgedehnte arabische Reise ist 1865 erschienen. Immer wieder treibt die Sehnsucht nach Freiheit und eigenem Boden jüdische Menschen, d a s Land zu suchen, in das die Juden mit einem Rechtsanspruch einwandern könnten und wo diese Einwanderung freudig begrüßt würde. Ein solches Land kann nur ein von Juden bewohntes oder bewohnt gewesenes sein. Und so träumten sie immer wieder vom Land der zehn SMhrme, und immer wieder gab es Juden, die hinauszogen, es für ihre Brüder zu suchen. So kam der Rabbinersohn und spätere Missionar Josef W o 1 f aus Württemberg auf der Suche nach dem sagenhaften Land schon in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts nach Südarabien, nach Abessinien, Buchara, Balkh und Kabul. Den gleichen Weg gingen Josef Stern und Josef Halevy, der unter den größten Schwierigkeiten im Auftrage der französischen Regierung in Arabien Forschungen anstellte. Mit Empfehlungsschreiben des Rabbinats von Sanaa ausgestattet, reiste Halevy in der Tracht eines einheimischen Juden. Er fand u. a. die Ruinen der einstigen Residenz des jüdischen himjarischen Königs Dhu Nuwas, der hier ein Jahrhundert vor Mohammed geherrscht hatte. Auf dein Rückwege entdeckte er die Stätte der einstigen Residenz der Königin von Saba. Halew hat als einer der ersten das Leben der Falaschas studiert und uns darüber berichtet. Seine Wanderungen durch Abessinien und Arabien haben auch großen geographischen und etnographischen Wert. Der erste Jude, der nach ihm wichtige Entdeckungen in Arabien, vor allem in Südarabien,, machte, war der 25jährige Siegfried Langer. Unter den schwierigsten Umständen machte er auch wissenschaftlich wertvolle Funde in Südarabien, die er dann nach der Heimkehr der Allgemeinheit vorlegen wollte. Aber der junge Wanderer sollte se:n Wagnis, unerforschtes Gebiet zu erkunden, mit dem Leben bezahlen. Im Juni 1882 wurde er am Zusammenfluß des Wadi Bonna und Wadi Jahar in Südarabien von Eingeborenen ermordet. Einen besonderen Platz in dieser Reihe nimmt Eduard Glaser aus Deutsch- Rust in Böhmen ein, der unter den allergrößten Entbehrungen mehrere Reisen nach Arabien unternahm und dort Großtaten der Forschung vollbrachte. Als Sohn armer jüdischer Eltern hatte er früh schon das bittere Los jüdischen Wanderns am eigenen Leibe erfahren müssen. Aber das hatte ihn eher gestählt als geschwächt. Im Alter von 18 bis 20 Jahren mußte er wiederholt lange Wanderungen zu Fuß machen, wobei er bis zu 90 km am Tage zurücklegte. Während seiner militärischen Dienstzeit war er bei den schwierigsten Märschen noch in der Lage, Gewehr und Gepäck eines Kameraden außer dem eigenen zu tragen. Ursprünglich für den Kaufmannsstand bestimmt, hungerte Glaser sich bis zur Hochschule durch. Als er eines Tages den Bericht über den Afrikaforscher Livingstone las, erwachte auch in ihm der Wunsch, zu wandern und zu reisen, neue Länder zu finden. Nachdem er sieh in Tunis als Hauslehrer zum Arabisten ausgebildet hatte, machte er seine erste Fahrt nach Südarabien, die er dann noch zweimal wiederholen sollte. Manchen heißen Kampf hatte er mit den Eingeborenen auszufechten — aber er war auch früher als jüdischer Wanderer nicht unangefochten durch die Gegend gewandert. Was bedeutete es schon Neues, sich auf dem Wege hart durchsetzen zu müssen? Dafür waren aber dann die Erfolge seiner Fahrten so überzeugend, daß er bald als Autorität für arabische Fragen galt. Er war der erste, der die Saba- Sprache erklären konnte. Wie er überhaupt als einer der genialsten Köpfe auf diesem Gebiete galt und durch seine Fähigkeiten die größten Gelehrten auf dem Gebiete der orientalischen Sprachen ins Erstaunen versetzte. Mehr als einmal holte die türkische Regierung, wenn sie ihre Schwierigkeiten mit den dortigen Stämmen hatte, seinen Rat sein. Und er war es auch, der die erste Anregung zum Bau der Hedschas-Bahn nach Mekka gegeben hat. Eduard Glaser war ein leidenschaftlicher Jude, der die Taufe als „Entreebiilett" wiederholt entschieden von sich wies. Als einmal bei einer Fahrt durch den Suezkanal einer der Mitreisenden — ihn nicht kennend — sagte: „Hier ist wohl die Stelle, wo die Aegypter unter Pharao ertrunken sind. Schade, daß es nicht anders gekommen ist", deutete Glaser auf die in der Ferne sichtbaren Sinai-Höhen und erwiderte: „Dann wäre aber auch nicht für die Menschheit geschehen, was sich dort begeben hat." „Da haben Sie