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Central-Verein-Zeitung · 1935-02-14 · 7 (14.2.1935) · page 17

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
7 (14.2.1935)
Date
1935-02-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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r '.Ijr i _ V:3q wo Ls > 0-1. Nr. 7 ^•ßo^bBott —^ Ü u J 14.Fcbröor1935 j AM MK WZ MNWW Zum 7». S-LucMtU vcs LwSen ZLsSerS um 19. FeLruar Es war an einem Januartag des Jahres 1890. Ter schwedische Student Sven Hedin. der seit ein paar Monaten die Berliner Universität besuchte, war eben dabei, im Geographischen Institut eine große «Karte Ostasiens zu zeichnen, die er für einen Sewinar-Vortrag benötigte. Ta trat sein Lehrer ' Ferdinand von Nicht Hosen, der führende Geograph jener Zeit. zu ihm. betrachtete die Karte, sah da einen großen weißen Fleck iuz Quellgcbiet der indo^ chinesischen Ströme und sagte zu Hedin: „Das bleibt Ihnen Vorbehalten, diese Lücke auszufüllen!" Wie kam der berühmte Professor, der selbst einer der besten Kenner Chinas war. dazu, gerade dem kaum 25jährigen Schweden eine solche Großtat zuzutrauen? . 3hm, Sven Hedin war damals kein „unbeschriebenes Blatt" mehr. Er hatte in märchenhafter Jugend schon eine Probe seiner außerordentlichen Forschcrbcgabung geliefert: als Eindundzwanzigjähriger hatte er, nachdem er einige Monate als Hauslehrer nahe Baku gelebt und dort die ersten Eindrücke von der Welt des Orients empfangen hatte, die unwirtlichsten Teile Persiens allein und fast mittellos durchstreift; er hätte dabei viel Neues gesehen, worüber er in einem beachtlichen Erstlingswerk berichtete. «Hat Sven «Hedin die Prophezeiung seines geliebten Meisters Nichthofen erfüllt? Ja, er hat ' sie sogar noch weit übertroffen! Er hat auf zahlreichen jahrelangen Reisen vor allem das geheimnisvolle Tibet durchforscht und damit, wie sein Lehrer' einmal in einem Brief feststellt, den Schlußstein in das Gebäude der großen Entdeckungen außerhalb der Antarktis gelegt: „Sie konnten noch neues Land durchziehen, das keiner europäischen Macht gehörte, und dessen Kenntnis nicht nur intensiv, sondern auch extensiv fördern. Das danken Sie Ihrem frischen Unternehmungsgeist und Ihrer eisernen Energie." Wie oft war Sven Hedin dem Tode nahe! Seine grausigen Erlebnisse auf feiner ersten großen Tibet-Expedition, als er und seine Begleiter in der Wüste zu verdürsten drohten, sind uns aus seinen erregenden Schilderungen (zuletzt in der gut zusammen-, fassenden Autobiographie „Mein Leben als Entdecker". Verlag F. A. Brockhaus) wohlbekannt. Auch jener Forschungsreise, auf der er den Transhimalaja entdeckte — vielleicht seine Wissenschaftliche Glanzleistung —, stellten sich kaum zu überwindende Hindernisse entgegen. Auch die jüngste Expedition, die Sven Hedin jetzt gerade abschließt, war ebenfalls reich an aufregenden Zwischenfällen. Es versteht sich von selbst, daß einem solchen Manne an seinem 70. Geburtstag die gesamte Kulturwelt huldigt. Deutschland ist Sven Hedin zu besonderem Dank verpflichtet, weil er im Weltkrieg — wie kein anderer Gelehrter der neutralen Lander — leidenschaftlich die Sache der Mittelmächte verfochten hat. Und wir hier haben noch zwei weitere Gründe, seiner heute zu gedenken. Der eine liegt in seiner Abstammung. Wohl ist es falsch, wenn seine Neider und Feinde ihn zum Juden stempeln wollen. Doch fließt in seinen Adern immerhin ein Tropfen jüdischen Blutes: feine Mutter, eine Tochter des . evangelischen Propstes Berlin, hatte unter ihren Vorfahren einen aus Deutschland eingewanderten Juden namens Abraham Brody. Hedins Schwester Alma erzählt über dies Thema in ihrem prachtvollen, warmherzigen Buch „Mein Bruder Sven" (Verlag F. A. Brockhaus): „Der schlimmste Vor-, Wurf, den seine Gegner ihm zu. machen glauben, ist der: er sei ein Jude. Sven ist zu fünfzehn Sechzehntel Germane. Das jüdische Erbe, das er von dem Urgroßvater seiner Mutter empfangen, hat, ist sicher nichts Tadelnswertes." Wichtiger aber ist für uns etwas anderes: daß Sven -Hedin ein besonders schönes und gedanken-: reiches Buch über Jerusalem geschrieben hat; es ist im letzten Kriegsjahr bei Brockhaus erschienen. Nachdem Hedin schon vorher die andern Fronten der Zentralmächte besucht hatte, wollte er auch den Kampf der Türken au§ der Nähe beobachten. Das Entgegenkommen vor allem Djemal Paschas ermöglichte es ihm, sich fast ungestört im Kriegsgebiet zu bewegen. Die Ergebnisse dieser langen Reise, die ihn bis ins Sinai-Gebiet hinabsührte, hat er in zwei stattlichen Bänden niedergelegt. Der erste gilt den uralten Kulturstätten Bagdad, Babylon, Ninive; der zweite — eben das „Jerusalem" - Werk — geleitet uns von Baalbek bis zur Suez-Front. Auch in diesen Kriegsbüchern hat nur selten der Politiker, vielmehr meist der scharf beobachtende und glänzend sor-> mulierende Forscher .Hedin das Wort. Auf Schritt und Tritt spürt man des Autors Bibelsestigkeit — das Buch der Bücher hat er auch in den Wüsten Tibets stets bei sich getragen — und seine gründliche Kenntnis der orientalischen Kulturgeschichte. Sein Buch ist ein menschliches Dokument, das von. den Bekennern aller Religionen mit gleicher Liebe gelesen zu werden verdient wie vordem Friedrich Naumanns „Asia". Gewiß, in Palästina hat sich unendlich viel geändert, seit der schwedische Neisende dort weilte; dennoch behalten seine Betrachtungen über die Stadt Jerusalem, über die ersten jüdischen Siedlungen und den geographischeu Charakter des Landes dauernden Wert. Und die vielen Skizzen palästinensischer Typen, die Hedins eleganter Zeichenstift festgehalten hat, wird man immer gern und mit Gewinn anschauen.' Der letzte Brief, den Sven Hedin von seinem alten Lehrer Nichthofen empfing (ihre Korrespon» denz liegt seit zwei Jahren gedruckt vor; Verlag Dietrich Reimer), war eine Gratulation zum 40. Geburtstag: „Ich kann Ihnen nur wünschen, daß Sie Ihre herrliche Kraft und Frische bewahren mögen, daß Ihr Herz auch weiterhin warm und treu für die Ihrigen, für Ihre Freunde und für die Aufgaben schlagen möge, die Sie sich für Ihr Leben gestellt haben." Diesen Wunsch > wiederholen wir heute nach drei erlebnisreichen. Jahrzehnten. Möge Sven Hedin in gleicher Rüstigkeit wie sein Vater, dessen Andenken er sein „Jerusalem" - Buch weiht, das höchste Alter erreichen und noch die ganze Ernte seiner glorreichen Forscherarbeit heimbringen! F.H. FÄllMhest tcs «KoMN" ' Die Monatsschrift „Der Morgen", an die nicht oft und nachdrücklich genug erinnert werden kann, hat den prinzipiellen Aufgaben der „Bildung" der deutschen Juden in der heutigen Zeit ein höchst lebendiges und mit jeder Zeile fesselndes Heft gewidmet. Die sieben sehr verschiedenen Hauptaufsätze stimmen im Ergebnis in der Feststellung der Unmöglichkeit eines total j ü d i s ch en Bildungsprinzips in erfreulicher Weise überein. Tos „Lernen" im altjüdischen, vor-emanzipatorischen Sinn hat mit dem modernen Lerngang auf der- Grundlage der persönlichen Freiheit der geistigen Entscheidung und der Wissensaneignung mitteleuropäischer „Bildung", die ein Kind der Aufklärung ist, nichts zu tun. Martin Bub er zeigt in seinem Aufsatz „Bildung und Weltanschauung" vollkommen deutlich den zeitwahrcn. zCitgerechtcn jüdi-' scheu Bildnngsbegriff in einem richtigen.modernen' Erlernen uno Kennenlernen der menschcnbildnerischen Kräfte jenseits von einem politischen Ziel, und abseits jeder „theologischen" Abstraktion: „wer unsere Sprache und unser Schrifttum, unsere Ge- - schichte und unser Volksleben nicht kennt und nicht kennen lernt, lasse ab von unserer Sache, wo er nur irrcgehcn und irreführen kann." Es geht um gemeinschaftliche Erkenntnis der gemeinsamen Wirklichkeit. — Ignaz Maybaum behandelt mit Strenge „Die Legitimität des Gei st es gegenüber dem Glauben". Er lehnt „Mythos" und romantische „Rückkehr zum Osten" strickte ab. „Tie Erziehung der jüdischen Jugend müssen wir in verbissener Entschlossenheit gerade wegen der unbürgerlichcn Wirtschafteexistenz, die wahrscheinlich den meisten bevorsteht, in Anlehnung an die bürgerlichen Bildungsmaßstäbe gestalten." Sehr klar und entschieden zieht F r i tz F r i e dlaender die „Grenzender Kulturautonomie": im Gegensatz zu dem Phantom einer eigenständigen oder geschlossenen nur jüdischen Bildung steht er deutlich, daß „Orient und Okzident nicht mehr zu.trennen sind" und daß die bekannten Grundmächte der deutschen Kultur von unseren Bildungswegen einfach nicht abzuschließen oder äbzuschirmen sind. — „Zur Problematik der jüdischen Erwachsenenbildung" trägt Paul Eppstein einen wichtigen Beitrag dadurch bei. daß er „jüdische Bildung" in besonderer Weise als Funktion der Gemeinschaft zeigt, die durch systematisches Bewußtmachen ihrer Herkunft einen Sinn erhält. Er schildert den Weg des jüdischen Lehrhauses und die Ziele jüdischer Bilduri gsprogrammatik im allgemeinen: „Erziehung im Bilde des um seine Wirklichkeit wissenden, existenziell seinemVolk verbünde-- nen Juden." Für den wichtigsten und besten Teil der Samm-' lung halten wir den Beitrag des jungen Lehrers des Landschulheims Herrlingen Kurt Bergel über „Religiöse Jugenderziehung". Aus den hier wiedergegebenen praktischen Ersahf .xungen, die dem Lehrer, aus allen jüdischen Lagern aufs dringendste zum Studium empfohlen seien,' erhellt die ganze ungeheure Schwierigkeit, die' jüdische Formenwelt der nicht jüdisch-relrgiös ausgewachsenen Jugend vertraut zu machen und dar-' aus ein unentbehrliches Lcbensgut entstehen zu' lassen. Es ist die Wechselwirkung von Sinn und Tun, woraus eine echte jüdische Religiosität in der Jugend wieder entstehen könnte. In dem Aufsatz von Kurt Julius Riegner „B rücke it: zum Deutschtum" soll das Schreckbild eines. „unsichtbaren Gettos" gebannt werden. Fritz Bamberger spricht m dem letzten Hauptaufsatz „Zur Forderung einer jüdischen Pädagogik". Die Pädagogik selbst kann kein neues jüdisches Bildungssystem schaffen; ein solches haben Sie, wenn Sie bei Ihren Einkäufen unsere Inserenten bevorzugen ausgebautcs System ist zunächst nur eine Hofs- - rumg. Die Schule aber geht weiter, sie experimentiert noch; Judentum als „Konzcntrationstycma", d. h. alle Fächer unter jüdischem Aspekt (also nicht bloß isolierte „Religionsstunde" oder ..Religionsfächer") ist die Forderung, die sich von der einer jüdischen Ausschließlichkeit indes scharf abhebt. Das Heft wird beschlosien durch eine Presseschau über die deutsche höhere Schule, ferner durch Besprechungen über eine Reihe neuerer Bücher (hebräischer Sprachunterricht, Handwörterbuch dev Soziologie. Brods Heine-Biographie, Germania Judaica usw.). Alles in allem eine seltene Fülle lebcnswich. tiger Themen! Die Lektüre eines Heftes wie die des neuen „Morgen" ist selbst das denkbar beste jüdische Bildungsinittel und kann den Gesichtskreis jüdischer Menschen aller Richtungen und Altersstufen erheblich erweitern. Ludwig Feuchtwangcr-München Ein Mann nraül drm „Zuöeneid" rin / An Zacharias Frankels 60. Todestag Am 30. September 1801 erblickte Zacharias ' Frankel in Prag das Licht der Welt. Neben einer ausgezeichneten jüdischen Erziehung erhielt er — eine Seltenheit in jener Zeit — auch Gymnasialbildung und studierte vier Jahre in Pest, wo er 1830 zum Doktor der Philosophie promovierte. Ein Jahr später wurde er als Kreisrabbiner von Leitmeritz nach Teplitz berufen. Es erregte Aufsehen in Böhmen, als dieser junge Rabbiner es wagte, deutsch zu predigen, doch war sein schon damals weitverbreiteter Ruf als Wissenschaftler auf weltlichem und geistlichem Gebiete so bedeutend, daß er sich allen Angriffen zum Trotz halten konnte, ja die Teplitzer Gemeinde bedauerte es schmerzlich, als ihr Seelsorger, der auch bei den Behörden mutig für ihre Rechte wirkte, vier Jahre später, 1836. einen Ruf als Oberrabbiner von Dresden und Leipzig annahm. Auch hier wirkte er ungemein segensreich, nicht nur für Sachsens Juden, sondern für das Judentum überhaupt. Seine Gutachten. Streitschriften und Abhandlungen zugunsten seiner Brüder wirkten weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Selbst der höchste Gerichtshof Frankreichs, der Kassationshof. entschied nach einem von ihm abgegebenen Gutachten: „Ueber die Eidesleistung der Juden." Ihm ist es zn verdanken, daß der Judencid, dieses UeberbleibfeL aus dem finstersten Mittelalter, in Deutschland endlich abgeschafft wurde. Das Jahrzehnt von 1832 bis- 1842 war eins Sturm- und Drangperiode in der Religionsaeschichte des deutschen Judentums. Das grelle Licht der Aufklärung war zu plötzlich in die geistige Abgeschlossenheit der Juden hereingebrochen. es blendete und — verblendete viele so stark, daß sie vom Judentum abfielen. Eine breite Schicht der gebildeten und bessergestellten' DER GAST von MAX SAMTER 2. Fortsetzung Und Anton sprach weiter: „Denn damals, als die Väter zu uns kamen — und das ist das Wesentlichste aller der Dinge, die ich andere als Christian sehe —, damals haben sie leichten Herzens Gesetz und Schutz des Landes hingegeben, die Unsicherheit und Abenteuerlichkeit der ersten Jahre hier auf der Insel bingenommnn, um freie Männer zu sein, niemandem verantwortlich als sich selbst Wir aber sind nahe daran, diese Freiheit aufzugeben, nur weil der Augenblick uns keine Möglichkeiten zu bieten scheint, jedem einzelnen zu Grund und Boden zu verhelfen. Ist das nicht eine Kleinmütigkeit, die sich' eines Tagee bitter rächen muss? Denn später, wenn wir den übereilten Entschluss auslöschen und rückgängig machen wollen, wird eich der Staat keinesfalls so leicht dazu finden. Vielleicht sagt ihr: Anton hat es leicht, grosse Worte zu machen, er sitzt ja fest auf seinem grossen Hof! Ich erwidere euch: da« wäre sehr eng und kleinlich gedacht. Denn wenn auch die Sorgen, die euch quälen, mein Dasein nicht so unmittelbar bedrängen, so werden es doch die Sorgen auch meiner Kinder sein. Um der Kinder willen bitte ich euch: sagt nein! Denn eher wollte ich meinen Hof zerteilen und jedt-m von euch den Boden geben, uxn eich ein Haus darauf zu bauen und Bäumo . nach seinem Willen zu pflanzen, als zu dulden, dass ihr, die ihr in Wahrheit Herren seid, — genau wie wir Bauern, die ihr nach einer neuen Gewohnheit Herren nennt —- dass ihr das heilige Recht und die Würde der Väter hingeht» weil ihr verzagt und ohne Hoffnung seid. Denn ec gibt nichts, was so furchtbar, so vernichtend sein kann, dass es uns das Recht gäbe, der Freiheit aus eigenem Wunfcch und Willen zu entsagen!“ Bei diesen Worten brach ein Beifall aus, dem, so schien es Christian, sich kaum einer der Männer widersetzte. Doch während er noch versuchte, in den Gesichtern zu lesen, hatte Anton noch einmal begonnen: „Noch bin ich nicht am Ende. Wenn der Plan, von dem ich gesprochen habe, Wirklichkeit werden soll, wenn ihr wohl Knechte und Mägde, Fischer und Tischler sein könnt, aber keiner vom Grund und Boden der Insel ausgeschlossen sein soll, dann gehört dazu, dass wir eine Gemeinschaft von Menschen sind,, in der unerschütterlich einer zum andern steht. Dann darf es keine Bauern und keine Fischer, keine Bäuerinnen und keine Mägde geben, sondern nur Männer und Frauen der Insel. Ich habe viele Nächte darüber gegrübelt, um zu ergründen, ob dieser Traum vor der harten Not der Tage besteht. Ich weiss, dass wir es schaffen können. Mit einer Ausnahme freilich, von der ich nun mit wehem und zerrissenem Ilorzen sprechen muss. Wir alle wissen, dass Menschen auf der Insel leben, die nicht von Anbeginn, mit dem Schiff der Väter gekommen sind. Ich habe in den letzten Monaten oft ln der Chronik gelesen, dass ein Schiffbrüchiger zu uns verschlagen wurde, und — durch einen Zufall — die Insel vor einer Sturmflut bewahrt hat. Dafür haben die . Väter ihm Grund und Boden gegeben. Ich habe, vor einem halben Jahr, in der Wohnung meines Bruders sein Bild gesehen, das einer der Väter gemalt hat: da steht er, mit dor Gewalt «einer Jugend, mit einem schmalen Kopf und hellen, harten Augen, auf dem braunen Boden der Insel und sieht zum- Meer, zu den Schiffen und zu den weissen Segeln. Das Alter und der Staub und der Ruse aus vielen Wintern hatten die hellen Augen auf dem Bild nicht dunkler machen können. Und wenn seine . Kinder heute die drei schönsten Höfe der Insel besitzen, und wenn ihr hundertmal glaubt, dass es gute Bauern sind: seit ich das Bild gesehen habe, weise ich, dass die Kinder dieses Menschen niemals Männer und ‘ Frauen , der Insel werden können* Ich sage das alles ohne Hass, wenn es mir auch nicht gefällt, dass eie an manchen Abenden zusammensltzeu und sich die Zeit mit allerhand Zauber vertreiben, den keiner von uns gesehen bat Ich sage das alles voller Schmerz, denn es iit ja der Bruder, den ich an diese Menschen verloren habe: Ihr sagt ja alle: „die Fremden“, wenn ihr von ihnen sprecht. Die. Fremden bleiben für sich: das haben sie heute bewiesen; sie haben es nicht der Mühe für wert gehalten, zum Strand zu kommen. Es muss einmal offen davon gesprochen werden, nachdem, nun schon seit Monaten, soviel gemunkelt und geflüstert worden ist: das ist der Grund dafür, dass ich die Einladung an die Höfe der Fremden heute zurückgehalten habe. Vielleicht war es ein Unrecht, daun zieht mich zur Verantwortung. Aber seit ich gehört habe, worum es geht, ist mir noch. etwas klar geworden. Ich sagte vorhin, dass es meine Meinung sei, Friedrich und Heinrich und auch mein Bruder würden sich nicht in die Gemeinschaft fügen. Ich muss jetzt noch mehr sagen: gerade diese drei Höfe müssen ja wünschen, dass die Insel den Gesetzen des Landes unterworfen wird; denn damit ist das, was der Zufall ihnen geschenkt hat, für alle Zeiten gesichert Das gibt der Frage natürlich ein neue« und dringendes Gesiebt, und ich möchte euch bitten, dies ernst genug zu bedenken.“ In dem Schweigen, das nach diesen Worten entstanden war, hatte sich Christian erhoben und wandte «ich an Anton: „Ich glaube“, sprach er ihn. selber an, behutsam, als müsse er sich Zwang antun, um seiner Erregung Herr zu worden, „ich glaube, du vorbindest Fragen, die nicht zueinander gehören. Gewiss, ich gebe zu, man kann der Ansicht sein, dass der Schutz des Lande«, das ja vor fünfzig Jahren von unseren Vätern nichts wissen wollte, zurückgewiesen werden muss. Da« aber bat doch mit den Fremden nichts zu tun. Denn gerade die Freiheit, die du erhalten willst, Anton, Jiegt in unserer Chronik beschlossen. Und in der gleichen Chronik Ist das Recht Friedrichs und Heinrichs und auch das Recht deines Bruders verbrieft und besiegelt Mögen sie anders sein als wir, mögen sie ruhig an den Abenden, von denen du gesprochen hast, Geister heraufbeschwören, die wir uns alle nicht vorstellen können: jeder von uns hat doch Stunden, von ■ denen er keinem «rzählt- Meine Kinder spielen (so fröhlich mit den Kindern deines Bruders, dass ich nicht glauben kann, sie wären böse oder schlecht. Vielleicht dauert es nicht fünfzig, sondern hundert Jahre, bis sie vergessen können, dass ihr Vater vom Meer zu uns gekommen ist: sie geben sich wirklich Mühe, das Land zu erobern, das ihnen zugeteilt ist. Ich glaube nicht, dass es Absicht war, wenn sie heute früh auf ihren Höfen geblieben sind: vielleicht“ — er lächelte eia wenig —, „vielleicht hat man cs ihnen auch nicht gesagt. Keiner von euch wird annehmen, ich hätte auch nur den geringste« persönlichen Grund, für die drei einzutreten: ich hätte beute bestimmt nicht von ihnen gesprochen. Wenn ich freilich etwas dazu sagen soll, was ganz und gar nur mich selber berührt, so muss ich ehrlich sein und zugeben, dass ich sie gern habe, gerade weil sie Augen haben, mit denen sie sich bisweilen hier nicht zurechtzufinden scheinen, Seefahreraugen, wenn ihr wollt . . .“ Er dachte nach, er woltle weiter-, sprechen, aber inzwischen war Anton in der Meinung, Christian habe nichts mehr sagen wollen, aufgesprungen: „Du magst recht haben,' Christian, Gefühl ist jedermanns Sache. Uns,' und ich spreche im Namen fast aller Männer“, — dies sagte er mit einer deutlichen, beeitzergreifenden Betonung —, „uns berührt es pein-. lieh, wenn Menschen, die bei uns wohnen, ihre Liebhabereien fünfzig Jahre lang vor uns ver-. schliesscn. In der Chronik steht, der Fremdo sei ein hilfsbereiter Mensch gewesen, und ich weiss, dass auch Friedrich und Heinrich niemals’ einem von euch Rat und Hilfe versagt haben. Aber wenn, umgekehrt, mein Bruder Georg mit einer Sache nicht fertig wird, kommt er zu uns? Ach, dann bocken die drei zusammen und arbeiten, und es fällt ihnen niemals ein, dass cs noch andere Menschen auf der Insel gibt, die man fragen kann. Kannst du denn nicht verstehen, Christian, dass man die Lust verliert, hinzugehen und ihnen ehrlich die Hand zu schütteln, aber“ — und er führte, mit einer unwilligen Gebärde, diesen Gedanken nicht weiter — „es ist ja gleichgültig darüber zu sprechen. Denn da, wo du eine überflüssige . Vermengung siehst, besteht für uns ein untrennbarer Zusammenhang. Du musst einsehem — ich habe vorhin versucht, dir unsere Ansicht aus-

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