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Central-Verein-Zeitung · 1934-08-30 · 35 (30.8.1934) · page 14

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
35 (30.8.1934)
Date
1934-08-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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tragende Titel eines jiddischen 'Gedichtbuches bon Abraham Heszel (Verlag Insel, Warschau). Es ist das erste Buch des Autors, und es ist für den deutschen Leser, dem die Fragen jüdischer Literatur am Herzen liegen, voller Überraschungen. Daß die Gedichte talentvoll, auch originell sind, stellt man gern fest, daß der jiddische Dichter hat, was jeder Lyriker haben muß, nämlich Innigkeit, Herz« Hastigkeit, eine ArtWeltsrömmigkeit, Ehrfurcht, Zärtlichkeit und vor allem die innere Musik, ist erfreulich, wenn auch noch nicht überraschend. Daß er ein jiddischer Lyriker ohne den geringsten Anklang an Heine ist, scheint schon fast bemerkenswert. Daß er trotzdem die Welt, die Natur nicht unmittelbar, sondern — wie es Ernst Simon kürzlich auch von Balik konstatiert hat — wie durch das Fenster des Bet- und Lehrhauses wahrniinmt, wird man Wohl als typisch jüdisch registrieren; so vergleicht Heszel das Geräusch des Wasserfalls mit dem Gerausch, das entstehen würde, wenn „jemand zugleich eine ganze Bibliothek umblättcrte". Aber schon bei einem anderen, viel verblüffenderen Bergleich wird man mit dem Argument der jüdischen Stnbenhocker-Mentalität nicht viel ausrichten. sondern zugestehen müssen, daß diese ungefähr übertragene Strophe — aus einem Gedicht „Abend in den Straßen von Berlin" — mehr nach Tauthendey als nach Judentum schmeckt: Das Pflaster liegt wie ein Tuch über einer verborgenen Klaviatur. Klänge tauchen auf, verklingen, und es zieht mich nach auf ihrer Spur. In einem anderen Gedicht der Bers: „Steine leuchten mir wie Sterne", und in dieser Art gibt cs mancherlei hier, das als Bild originell und treffend genrig ist, um sich niehr nicht vergleichen zu lassen, lind doch liegt die Stärke des jiddischen Autors nicht eigentlich.ans diesem diesseitigen, allgemeinen Gebiet der Lyrik, die Natur, die Landschaft. die Stimmung der Stadt ist sowenig seine cigeiitliche Domäne wie das Liebeslied, obschon ihm so schöne Zeilen gelingen, wie: Aus der Schale deiner Hände laß mich Trost und Nnhe trinken — Sein wahres Feld ist das religiöse Gedicht. Darin erreicht er eine schlichte Innigkeit, die an Novalis, eine gedankliche Geprägtheit, die an den Ehernbinischen Wanöersmami eriruiert. Und doch ist dies alles ganz und gar nicht „westeuropäisch" iiisiziert, sondern jüdisches Eigengeivächs, und noch ein gewisser naiver Pantheismus oder vielmehr ein wieder naiv gewordener Panentheismus, den man beim Angelus Silesius vielleicht auf Meister Eckhart zurncksühren könnte, läßt bei Heszel nur aus chassidische Einflüsse schließen, höchstens noch auf eine sehr intuitwe Spino',a-Berarbeitung. So wird der Dichter zum Sprecher ans Grund eines Anspruchs der Tinge: Alles dringt in mich: fühl' uns! Alles bittet mich: sich' uns! — Gott, borg' mir deine Augen! Aber dieses sponiane und in seiner derben Zärtlichkeil so ganz jüdische, östliche Ausruf „Gott, borg' mir deine Augen!" ist auch schon das letzte Wort des Anßenstehens, bei lctzle Stufe vor dein Untertauchen in Gott und innige Heiterkeit, in der es dann ganz wie beim EhernbinisäM Wandersmann wird: Im Uhrgehäuse meiner Freud' ist jeder kleinste Splitter Ait ein Abbild von der Ewigkeit. Diese Bcr-gleiche jüdischer mit deutscher Mystik, östlicher und westlicher. Lyrik können für uns. zumal die Beweise unmöglich wären, nicht den Sinn statt aus der Sprache ihrer Epoche heraus neu zu gestalten. Gottfried Keller schreibt in einem Brief an Berthold Auerbach: „Ich halte es für Pflicht eines Poeten, nicht nur das Vergangene zu verklären, sondern das Gegenwärtige, die Keime der Zukunft soweit zu verstärken und zu verschonen, daß die Leute noch glauben können: ja so seien sie, und so gehe es zu." Darum wird es sich der Dichter zur höchst wichtigen Ausgabe stellen, alle diese verhängnisvollen Komplexe zu zertrümmern, — eine geistige Atomzertrümrnerung — um das gefährliche und bequeme Arbeiten mit fertig gelieferten, übernommenen und überkoinmenen Kunstformen auszuschalten, und die einzelnen Kompositionselemente jedes für sich wieder möglichst neii zu erleben und mit neuen eigensten Bewußtseinsinhalten zu erfüllen. Und hier liegt wirklich bei folgerichtiger Durchführung ein Weg zu dem von Julius Bab so benannten „Expressionismus", der, wie er schön formuliert, „unmittelbar aus dem Erlebnis das Gefühl reißt" und eine Erklärung für sein häufiges Vorkommen im jüdischen Schrifttum. Denn hier scheinen mir, außer dem von Julius Bab genannten jahrtauseudalten religiösen Bewußtsein, zwei weitere ausgesprochen jüdische Phänomene am Werk zu sein. Einmal ein objektives: nämlich die Nötigung des jüdischen Menschen, sich ständig von neuem mit der ständig wechselnden Einstellung seiner deutschen Umwelt ausciuanderzuse-tzen. und so eine ständige Alarmbereitschaft des Geistes zu üben, die (nicht zum Nachteil geistiger und künstlerischer Leistung), zu einer wirklich immerwährenden, dauernd sich neu orientierenden Unmittelbarkeit zwingt und verpflichtet. Und eine subjektive: nämlich der jüdische Individualismus, der der Einzelerscheinung in diesem nur von Persönlichkeiten geführten Ringen anhastet, ein schöpferischer Individualismus, der in keinem Widerspruch zu sozialer Einstellung zu stehen braucht. Diese beiden genannten Momente liegen außerhalb rein begrifflicher Theorie haben, MeraÄM WHSngWIkÄ, soMrrk wtt kk Gemeinsamkeiten des tiefsten menschlichen Empfindens festzustellen, daS sich in.der Dichtung kundtut, und zwar in der wahren Dichtung jedes wah. ren DichterS und jeder Sprache, und nicht am schlechtesten in 'folgenden (roh übersetzten) Versen; Gott ist in Gefangenschaft im Jrrgang. ohne Ausweg, flieht und kommt durch alle Gassen — Eottestum läßt dich nicht entfliehen, Gott! Du bist nicht nur allmächtig, nein, du kannst auch arm und traurig fein und bist auch manchmal wie ein Kind, so daß wir wie die Großen sind, unser Bruder Gott ,., Leo Hirsch. Mißverstandene rrrid' mißdeutet Talmud- und Soharstellen. Ein Wort mt Aufklärung in den eigenen Reihen. 1924 — 5694. Her. auSgegebcn von der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums e. D. Das nützliche Büchlein greift wahllos einige Themen heraus, die im wissenschaftlichen Kämpfe gegen das Judentum besonders erörtert worden sind und weist in verständlicher und überzeugender Methode die Unrichtigkeit der Anschuldigungen nach. Besonders wichtig ist die Darstellung der Blntbeschuldigung. Kann die Broschüre ailch nicht die größeren Werke von Alexander und Munk ersetzen, so wird sie bei ihrem geringen Umfange und ihrer klaren Tarstellungsweise in weite Kreise der Judenheit dringen können. Sic' wird dort notwendige Ausklärungsarbeit derrichten. Und gerade in heutiger Zeit tut solche Die Umkehr des Intellektuellen. Sören Kierkegaard: Kritik Der Gegenwart. Mit Nachwort von Theodor Haecker. Bren» ner-Derlag. 1,50 RM. Kierkegaard wurde einmal von dem Redakteur einer Zeitung seiner Heimatstadt Kopcn- Hagen mit einer Kritik jener unproduktiven Art bedacht, die durch Schwätzen in den Starrb zieht. Kierkegaard trat diesem Mann aus der Straße entgegen und hielt ihm, seinem Feind, in dem er aber immer noch Gott verehrte, die ganze Verlorenheit seines Treibens vor Augen. Hier kritisierte er, aber nicht in der Art des Spötters, sondern in der liebend zürnenden, freundlich strengen, also produktiven Art der großen Propheten. Kierkegaard brachte den Mann zum Weinen und erreichte, daß er sein Geschäft an dieser Zeitung, die Theodor Haecker mit dem früheren Berliner Tageblatt vergleicht, aufgab, und die Stadt verließ. Bon diesem Menschen, der hier durch das Leben von Sören Kiekegaard huscht, sagt Haecker: „Es war also immerhin einer, der, weil er sich vom Geist vernichten ließ, auch wieder vor dem Geist bestehen konnte." Damit gibt Haecker das Grundmotiv dieser jetzt in dritter Auslage erscheinenden Schrift an, die zum erstenmal im Jahre 18-16 erschien. Sie hat von ihrer Aktualität nichts verloren. Diese ist sogar heute sichtbarer denn je. Auch Haeckers Nachwort zur ersten Auslage seiner Uebersetzung aus dem Jahre 1914 hat seinen großen Wert beibehalten. Das Prob l e m des Intellektuellen i st nämlich nicht das Problem nur eines best imten Standes, etwa nur des Schriftst e l l e r s, etwa gar nur des jüdischen, sondern es ist das P r ob l e.m des heutigen Menschen überhaupt. In: Massenzeitalter existiert der Mensch nicht mehr in seiner geschöpslichen Ursprünglichkeit, sondern als der von der Reflexion erfaßte. Der Geist und nicht mehr die Unschuld kennzeichnet uns. Zeitung und Radio dringen in den entlegensten Winkel der Welt und in die kleinste Stube. Aber der Geist ist keine Sünde. Er ist Sünde dort, wo er ohne Ehrfurcht, ohne Liebe und ohne Mut zur Konsequenz — Kierkegaard sagt: ohne Leidenschaft — ist. Solcher Geist nivelliert. Er wirkt nicht intensiv, sondern extensiv. Er zerstört echte Gemeinschaft und schafft das unverbundene Zusammensein der Masse, des Publikums. Masse ist kein Ouantitäts-, sondern ein Qualitätsbegriff. Im Kopenhagen von 1846, das nach unserer heutigen Größenvorstellung mit einer sind unmittelbar im wirklichen konkreten Leben, in der Geschichte verankert. Dadurch aber, daß sie mit dem theoretischen Begriff in gleicher Richtung wirken, ergänzen und begründen sie die abstrakte Erkenntnis zu ihrer tatsächlichen, greifbaren äußeren Auswirkung. Und nun noch etwas sehr Wichtiges: Worin berühren sich Judentum und spezifisches Künstlertums Im steten Bereitsein, im steten Heutigsein, stets zur Auseinandersetzung mit dem „Heutigen der Umwelt" gezwungen. Auch die Künstler sind ein „auserwäyltes Volk" mit Sonderpslichten und hiernach auch mit Sonderrechten. Es ist daher die größte Pflicht des Künstlers, zu seiner Generation in einer neuen Sprache zu sprechen. So wie die Verheißung einer messianischcn Erfüllung ihre Gläubigen recht eigentlich nicht zur Ruhe kommen lassen kann — die Erfüllung kann heute oder morgen, demnächst oder in langer Zeit vor sich gehen, man weiß es nicht —, so ist der Künstler in steter Alarmbereitschaft eines metaphysischen Anrufs: sein Körper, letzten Endes nur gequältes, ausführendcs Instrument, ist nebensächlich vor der ekstatischen Hingabe an die Berufung. fyfföfeüi Wie Odysseus mit dem Schwert Dem Gedräng der Schatten wehrt. Das, sich um die Grube sammelnd. Gierig schmatzend, lüstern stammelnd Opferblut begehrt — Ebenso, wenn alles ruht, Fordern nachts von mir Tribut Verse, schattenhaft und mager, Drängen wölfisch an mein Laaer Und begehren Blut! Rasend setz' ich mich zur Wehr. Doch, ich fühl's, nicht lange mehr. Eines Nachts vertausendfältigen Wird's sich's, wird mich überwältigen. Und dann trinkt's mich leer, ., kleinen Provinzstadt verglichen werden kann, erkannte Kierkegaard das Wesen des Massenmenschcn. Dieser Mensch entsteht, wo die Reflexion, der Geist allein, dem Menschen genügt — reflektieren heißt zurückbeugen, nämlich auf das menschliche Ich, — und wo der Geist nicht dient, vom Menschen weg zu Gott zu führen. Dieser sich selbst genügende Geist de8 von Gott emanzipierten Menschen ist der Geist der Nivellicrnng. Masse. Publikum gibt es im heidnischen Rom und gibt es jetzt in unserm Zeitalter. Aber die Situation ist nicht die gleiche. „Das Trostlose im Altertum war, daß der Ausgezeichnete war, was die andern nicht fein konnte n." (Kierkegaard.) Das ist die Trostlosigkcit des Zeitalters vor der weltgeschichtlich wirksam gewordenen Offenbarung. Den Trost unserer Zeit fornniliert Kierkegaard dahin, „daß der. der religiös sich selber gewann, nur ist, was alle sein können." In der Nivellierung ist der einzelne nicht mehr benamter Mensch — „Ich habe dich mit Namen gerufen, du bist mein" (Ics. 4-‘5, 1) — sondern eine Nummer, ein Anony. ums, ein „Man". Kierkegaard weiß dies: „Blau schreibt nicht bloß anonym, sondern man schreibt anonym mit seinem Namen drunter, ja man redet anonym." Die entscheidende Aufgabe des Geistes in einer Zeit, die bloß reflektiert, also denkt ohne zu glauben, anstatt im Denken vom Glauben aus- Zugrhen und vom Glauben sich leiten zu lassen, ist die Erkenntnis des Entweder-Oder in der vorhandenen Situation. Entweder wir sind bloße Massenteile. oder wir gehen den Wen der Religion. Gehen wir aber diesen Weg, so eröffnet sich uns auch im Massenzeilalter, in dem die verschiedensten Kollektive ihre Fangarme nach uns strecken, um uns die Seele zu rauben, die Möglichkeit eines gottesebenbildlichen Menschentums. Es gilt nach Kierkegaard, „im axrnnan rigorosum der Nivellierung die Wesentlichkeit der Religiosität in sich selber zu gewinnen." Ignaz Maybaum. Nietzsche und George. Ihre Sendung und ihr Menschtnm, von Wolfgang Noscngarth, Verlag der Offizin Richard Havl, Leipzig 1934. . Diese Schrift will weder ein Lebensbild der beiden Meister, von denen sie kündet, biographisch nachzeichnen, noch seht sie sich einen eigentlichen Vergleich zwischen ihnen zum Ziel. Der Verfasser sucht vielmehr „den Gleich nischarakter ihres Werkes und ihrer Erscheinung" nachzuweisen und ist sich bewußt, damit eine Aufgabe „weniger literarischer als k u l t u r - und w e r tk r i t i s ch e r Natur" durchzuführen. Es wäre also grundsätzlich nicht angebracht, eine solche Arbeit auf die wissenschaftliche „Nichtigkeit" ihres Bildes hin zu betrachten; man kann die Wertmaßstäbe, die sie an Nietzsche oder George gewinnt, nur entweder annehmen oder ablehnen, aber nicht diskutieren. Doch ist die Haltung eines neuen H u m a n i 8 m u s, die sich als Ziel der Schrift herausbildet, wichtig und charakteristisch genug, um ihre Entwicklung auf- ■ merksam zu verfolgen. Nosengarth geht aus won Nietzsches Erlebnis des Dionysischen, der ein ähnliches Verhältnis zur Antike be: George entspricht: „Aus dem gleichen heidnisch-antiken Instinkt, einem neucrwachten Körpersinn und Feingefühl und natürlichen Schmelz unp Adel der Form und für den Zauber des schönen Lebens bejahen beide die aristokratischen Werte des Bluts, die selbst überschäumende Fülle blühenden, hochgearteten Seins — sogar die dämonisch - unheldenhaften Natur- und Lebcnsgewalten, wenn sie erstarkten Kräften zu Fall und frischen, ursprünglichen zum Durchbruch verhelfen, — das Glück in der hohen Spannung des Leibs und eine männliche Schönheit, soweit sie Ausdruck, jener Tugenden, des Muts, des Edelsinns, von leiblich.seelischer Gesundheit ist." Doch wird diese neuerwachende Kraft des Eros unmißverständlich abgcgrenzt, wenn es z. B. von einigen Bünden der Jugendbewegung heißt, sie hätten „die Entgottung des Eros, die Schändung seines Rufs, seine „Umwertung" und Entwertung zum widernatürlichen Laster nicht aushalten können". Im weiteren Verlauf der Darlegungen wird die Stellung zu Nietzsche immer kritischer; immer mehr setzt Nosengarth eine feste, gemeinschaftbildende, ethische, eine apollinische Form, die er in George verkörpert sicht, gegen Nietzsches dionysisch-entbundcnen, fessel- und geineinschastslosen „Willen zur Macht". Er zieht, mit ebenso großer Achtung wie Ablehnung, einen Vergleich mit Thomas Manns „Tod in Venedig" heran, um den Begriff des „Uebermenschen" als „tragische Illusion 'des vereinsamten S'hers von Sils-Maria" zu erkennen, dessen Entdeckung des Ressentimentbcgrisfs zeige, daß er der von ihm bekämpften Welt eines wurzellosen „freien Geistes" selbst noch angehört habe. So kann Nietzsches Denkart, vor allem aber feine „intellektuelle Rechtschaffenheit" vorbildlich sein, doch hat er höchstens die Möglichkeit einer neuen Ethik, nicht aber eine neue Ethik geschaffen. „Warum ihn: dies selbst nicht gelang, warum er als Relativist, als Kritiker^ nicht aber als Wertsetzer Recht behielt, Hegt däran, daß' Nietzsche denk „Willen Macht", der im Bereich Pflanzlich wuchernder Natu« faktisch den Kardinaltrieb, eine organische Grund, funktion darstellt, unter Leugnung des Geistes und der Ethik zum Grundprinzip auch der mensck. lichen Natur, jeder Lebens- und Nanaordnu'cr überhaupt erhoben hat . . . Tie Unrichtigkeit jener These, die Manisestierung eines Naturphanom-ns zur kritischen Norm, des Machttriebs zum Willen zur Macht, erweist sich endlich aus ihren Praktischen Konsequenzen: sie führt in der Tat „zurück zur Natur"; sie weist nicht über den Menschen hinaus — sie sührt nicht zum „Uebermenschen". sondern zum Umnenschen; ihr Resultat ist auf die Dauer der Kampf aller gegen alle". Ihm stellt sich H George, der „die Gestalt des synthetische n Deutschen geboren hat", ein neuer Menschcimw und auch ein neuer Begriff des Geiste? gegenüber- „Was den Menschen über sich hinaushebt und feine Sonderstellung auslnacht, ist das (apollinische) Prin. zip der schöpferischen Form, das Element seiner Freiheit gegenüber blindern Werden: durch den Geist, mittels Ueberlegung und «Sinngebung endiat er das Chaos in und um sich, wird er Schubser seiner selbst und Herr der Erde; alle selbstbestimmten Lebensformen — Kultur als der zur Reife gediehene Ausdruck organischer stilbildender Kräfte, Staat als die Einfügung völkischer Gemeinschaft in Gesetz :,nd Ordnung, Technik als Transformation der Naturkräfte zum Ausdrucksmittel menschlichen Willens und auch die schöpferische Lebensethik als suhlst miertcr produktiver Lebensdrang — stammen jenseits der chaotischen Natur auS dem subjektiv bewußt gewordenen Logos." Es ist wohl kaum das letzte Wort über Nietzsche, das hier gesprochen wird; neue Generationen wer.' den vielleicht noch tiefere Antworten zu geben haben. Aber es ist ein tapferer Versuch, aus' dem bitteren und tragischen Nein des Denkers ein neues Ja, eine neue Form, eine neue Gemeinschaft zn erringen. H. ß. Dr. Erika Emmerich: „Wahrheit und Wahrhaftigkeit in der Philosophie Nietzsches. Verlag Max Nicmcyer, .Halle a. d. Saale, 1933. Vom Standpunkt der phänomenologischen Schule aus, und zwar in der speziellen Form, wie sie .Heidegger vertritt, erörtert die Verfasserin die verschiedenartigsten Definitionen des W'grüws „Wahrheit" seit den Anfängen der griechischen Philosophie. Dieser weite Nahmen ist für die Untersuchung der Frage, wie sich Nietzsche zn dein Problem der Wahrheit und dem ganz anders ge« arteten der Wahrhaftigkeit in den verschiedenen Phasen seines Lebens gestellt hat, nicht zu weit gezogen, denn Nietzsche selbst nennt Heratlit seinen Vorgänger und Meister. Die Untersuchung wendet sich gegen die Unterschätzung des Gedankens ewigen Wiederkehr in Nietzsches System, den die bisherige Nictzsche-Jnterpretation (Bänmler. Eharte-s, Andlcr) gegenüber dem „Willen zur Macht" hat zurücktreten lassen oder den sie Haupt nicht ernst genommen hat. So klar auch die Verfasserin die innere Spannung von Nietzsches Philosophie zwischen diesen beiden Polen sieht. io findet sie doch selbst die Synthese nicht, die Nietzsche selber offenlasscn mußte, und nur Vermutung kann der Schlußgedanke bleiben, der in Dionyses dm Gott nicht nur der Wahrheit, sondern auch der Wahrhaftigkeit und Nietzsche selbst als daS edelste Opfer dieses Gottes sieht. H. II. AaWuÄ bst MWgMWMMr SS!!! 1934 / «erlag P. Fink, Köln Das über. 100 Seiten umfassende, gut ausgemachte Buch ist mehr als ein Führer durch Ge älteste jüdische Gemeinde in Deutschland. Der'Herausgeber, Tr. Siegfried Braun, versucht seine?ffc* sicht, den Lesern zugleich einen kleinen Querschnitt durch das deutsche Judentum zu bieten, in einein einleitenden Anssah über „Richtungen in der deutschen Judenheit" zu verwirklichen. Bei der Betrachtung der jüdisch.politischcu Gruppen ist dem Eentral-Berein ein verhältnismäßig breiter Raum gewidmet. Wünschenswert wäre dalvi eine eingehendere und klarere Skizzicrnng der umnimireichen praktischen Arbeit gewesen, wie sie der E.-B. als die größte Organisation der deutschgesinnten Juden mit dem Ziel der Erhaltung von Existenzen in d Deutschland leistet. Rabbiner Tr. Leo Bae ck schickt dem Jahrbuch eine schon früher an anderer Stelle erschienene Betrachtung über Sinn und Bedeutung der Gemeinde für den deutschen Inden der Gegenwart voraus. Tie beiden Kölner Gew.einderabbiner Tr. Adolf Kober und Tr. Ludwig Rosenthal liefern ^lnrze, interessante Berichte über die Geschichte der Synagogengemeinde, ihre Gotteshäuser und den Religionsunterricht. „Aus Bä'er- und Großväterzeiten" berichtet S. E h a i in übcr^d-e indische Wohlfahrtsarbeit I. N e n h a u s, der Herausgeber selbst gibt einen Ueberblick über die Kölner jüdischen Schulen. Am Schluß findet man Abriße über Jugendarbeit. Tätigkeit der Frauenvercine und Wirksamkeit der jüdischen Handwerkerorg.mi'ationen, im Anhang eine llebersicht über die Organisation der Kölner Großgemeinde wie der dauebeil bestehenden kleineren Anstrittsgemeinde. Tie Herausgabe eines solchen Buches iß iur Interesse des Zrisammenhalts der jüdischen Bürger und der Verstärkung ihres Kontakts mit der Gemeinde nur zn begrüßen. E. 6. L. Ein BushöndlerjMlium In diesen Tagen feiert Jakob Sa e nger, das Jubiläum seiner 40jährigen Jnhaberschaü in der weltbekannten BerlinerJudaica-Buchhandlung M. Poppelauer. Als Jakob Saenger im Jahre die Firma übernahm, erfreute sich diese schon einer ausgezeichneten Rufes, den Jakob Saenger durat seine tiefe Kenntnis der jüdischen Bnchkunde uno sein lebhaftes Interesse an jüdischer Wisseuschrn nicht nur gehalten, sondern auch zu der heute im jüdischen Leben zukonunendcin Bedeutung emporgefnhrt hat. Sein Wissen >"w seine Interessen ließen ihn zu einem der betten Sachkenner auf dem Gebiete der jüdischen Brillttimo«. und Geschichte, besonders der Gclehrtenge'ch:aiu, werden. Ter vornehm denkende Ntann hat ttP/ßs weiten Freundeskreis in der ganzen Welt und viel zur Verbreitung und Vertiefung i"viM Wissens beigetragcn. Der Arbeit des C.-B. i-1-. er innerlich nahe. Wir wünschen ihm ßufnujt.-J eine lange segensreiche Wirksamkeit.

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