Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 35 (30.8.1934)
- Date
- 1934-08-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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/Qi—70ÜL Mp. SS wmm RNNM Eine rüdisch- AeSE^r°-8g °o-r geetaoim Stamm*, anger-igk oot» ZaSos piecetb. MWo-Ss-K». SnM * I g« ist bedeutsam, daß sich schon vor dem äußeren j iimbrndfi vor eineinhalb Jahren ein Hinwenden fc-5 jüdisch-deutschen Schrifttums zum jüdischen m, zur jüdischen Geschichte zeigte, wie nie zu. rur, nur zmn Teil freilich aus reinen Motiven,! ::mr anderen aber auch, indem die Autoren nach! xjchts als billigem Erfolg schauten und ihre Stoffe ' Uannn nur wühlten, weil irgend eine Aktualität xcohnt wurde und ohne die große ethische Ge. istiienlistlissteit, die gerade für den jüdischen lichter, um bei ihm zu bleiben, in seinem besten LZtim immer charakteristisch war. Ausfallend war jcheiiialls, wie gerade die jüdische Wortkunst lange Pit nach der formellen Emanzipation und mährend der Jahrzehnte bis zum Krieg es gejliiicntiid) vermied, gerade unsere Geschichte zu ge. PIten, wir wollen nicht sagen, nur um sich zu „tnrnnr, vielmehr war es ein anderes Zeichen fiifiir hanvtsächlich, wie jüdisches Leben und Er- Irhcii zuriirktrat vor dem allgemeinen der Umwelt, mehr und mehr und ausschließlich seinen Platz in im; eimiahm. Nun, das ist vorbei, war zmn Icil schon vorbei, ehe man uns seither auch äußerlich die Tinge klar machte. Denn wie stets, so lytrc auch hier der Dickster die Tinge vorausgcchnt und geweclt. Absichtlich seien keine Aamcn Berlin) maßen ist Maria Nunnez, die Tochter eines portu» giesisch-maranmschen Großkaufmanns. Aus der Secfahrt gefangen mit den anderen von einem cng- . loschen Kaperschiff und nach England gebracht, stürzt sie in eine reine Liebe zum fremden Kapitän, der ein Herzog ist, und vor allem sremdgläubig. So besteht sie eine letzte Prüfung gewissermaßen, die zur Bewährung wird für den neuen alten Glauben. Tenn sie überwindet um des Höheren, der jüdischen Gemeinschaft und Gottes nullen ihr großes persönliches Gefühl, versagt sich dem gleichfalls entbrannten Richtjuden, der ihr durch die große Königin Elisabeth hilft, und erinöglicht es dadurch den Ihren, aus England entlassen zu werden in das neue Land, die eben befreiten niederländischen Staaten, in die Stadt Amsterdam, wo sie. glücklich gelandet, die erste jüdische Gemeinde gründen. — Ties der äußere Hergang, den Sinsheimer schildert, svarlichen historischen Onellen über das inirflidjc Geschehen folgend, indem er ihn psychologisch zu begründen sucht. Und freilich kommt es. wie er selbst meint, nicht auf die historische Wahrheit an. Auch muß prinzipiell festgestellt werden. daß es überhaupt nidjt darauf nnkommt, um ein jüdisches Kunstwerk zu; genannt. llnf* es war zu erivarten und es mußte kom-! ir.cn, daß mm in dieser schweren Zeit, gleichsam :Trost und als Symbol der Hoffnung, künst- I Imidic Gestaltungen jüdischer Menschen vor allem s literarischer Art wachsen würden, Zuflucht zugleich •' für die Sclstffenden, die au Parallelerscheimmgcn - der beschichte unser eigenes Los zeigen würden. llnfcrc Gegenwart hat in der Vergangenheit,! irnni auch nur ganz oberflächlich betrachtet, ein i ' Gäihsicscheheu im Schicksal der spanisch-pvrtuchiischen Juden, ein Vorgang übrigens, der sich i echt mir 1192 vollzog, sondern sich über ein Jahr- : hindert und mehr hinzog, weil die jüdischen Mensstn von damals sich unterm Zwang nur zum •cr.cinc taufen ließen, im Herzen aber Inden blieb.nr.t» darum ein Leben dauernd in Gefahr vcrrac'rti, gewärtig immer der Entdeckung mit örrn.wlgen. Es ist bekannt, daß man sie Marani m. das heißt die Verfluchten nannte. I mag gewiß Hermann Sinsheimer veran- : 'ßt haben, in seiner Erzählung sein Erleben unserer : i^iitigm Zeit symbolhaft darzustellen, die Isabel ' fincr wahren Begebenheit nachdichtend, indem er die,flucht einer kleinen Gruppe Maranncn in die . mrihcit eines fremden Landes zeigt. Ein paar Aschen sind es für ein ganzes Volk, die die neue s rckrnat suchen, weil sie in sich aus einer Zcitstimi rang heraus Plötzlich den Drang fühlen, sich zu bel'nnen und offen Juden zu sein und wieder zurück, ''rinden zu dem, was ein Jahrhundert lang zwar '-rergetancht war, aber unzerstörbar doch sortlebte. i linier ihnen und ihr seelischer Mittelpunkt gewisser- ZWÄ MsMrn Kar! Benno von Mechow „Vorsommer"; Ernst Wiechert „Die Magv Des Jürgen Doftocil" DeiDc Langen-Müller-Derlag München Wir können hier wieder zwei Werke nennen, die, beide deutsch-östlicher Landschaft entwachsen, in die Reihe bester Prosaleistungen gehören und ganz in der guten Tradition stehen. Der Inhalt der beiden Romane ist an sich sehr schnell erzählt. Beide stammen von Dichtern, kein Zweifel, und damit ist schon gesagt, daß cs ans die Fabel kaum ankommt, daß die Gestaltung schon so wirkt, um uns zu fesseln, da die Persönlichkeiten als solche ihren Reichtum dem hergeben, der zu ihnen mit innerer Bereitschaft kommt. Ten „Vorsommer" von Mechow anlangend, so ist es nichts als dies, daß ein Mädchen. Schülcrin einer höheren Großstadtschule, zur Erholung für einige Monate aufs Land muß, aus ein Gut,, dort den Sommer verlebt neben einem jungen Gutsherrn und dem sommerlichen alltäglichen Geschehen mit der Kreatur und dem Feld und, als die Zeit um ist, wieder nach Hause fährt, nachdem sich der Gastgeber in sie verliebt hat. Ein Idyll also? Könnte man fragen, wenn nicht neben der zarten novellistischen Verknüpfung hier der Alltag irgendeines deutschen Menschen von heute, der es in seinem Beruf schwer hat und es sich schwer werden, aber sich nicht unterkriegcn zeigen, nun gerade jüdische Stoffe zu wählen: eine Prosaseite etzva von Franz Kafka ist, wiewohl sie kein Wort begrifflich vom Judentum sagt, wohl jüdischer in ihrer ethischen Strenge und ihrem bcsonderen Melos, als ein modisch „interessantes" Buch irgendeines' der erfolgreichen Autoren der letzten Jahre, das nur von jüdischen Dingen erzählt, wenn mau überhaupt zugeben will, daß es rein jüdische Kunst im formalen Sinne gibt, worüber viel zu sagen wäre. Hermann Sinsheimer hat von den zwei Möglichkeiten der Behandlung seines Stoffes, legendenhafte Gestaltung oder psychologische Aufklärung, keine, hat vielmehr eine mittlere ge> wählt. Dabei ist natürlich bei der künstlerischen Einsicht dieses Autors eine Sache daraus geivorden, die uns alle augeht und für die wir ihm danken müssen. Sie ioird Erfolg haben, schon darum, weil wir nicht viel Derartiges aus unserer Geschichte, wenn die Geschichte dieser Portugiesen auch unsere ist, haben. llnd sic wird dauern; denn es ist Hermann Sinsheimer ohne die Aufdringlichkeit billiger Aktualität ein fesselndes Stück Prosa damit gelungen. Und, ziveclvoll gesehen, gibt ja auch ein einziges so geartetes Werk, das Gefühltes künstlerisch gestaltet, mehr als ein Dutzend jener rationalen, so überaus klugen psychologischen Betrachtungen über unsere Lage, die im Uebermaß von Berufenen und Unberufenen seit Jahr und Tag auf uns losgelassen wurden, ohne uns je innerlich zu wärmen, das fei einmal gesagt. läßt, geschildert wäre. Ja, die reifende Frau läßt den Mann zurück in seiner harten Arbeit, der sie liebt, und vielleicht liebt sie ihn auch. Plump ausgesprochen ist es nicht; wie überhaupt das Ahnungsvolle in dem Buche wirksam ist lang über die Stunden des Lesens hinaus und gerade den Reiz der Erzählung ausinacht. Ein bedeutender Gestalter kann Mechow nicht genannt werden, aber ein reiner Mensch ist er. bewußt seiner Sendung. Und dann stärkt das Landschaftliche und der Ton des Erzählers eben, der seines innersten Wesens Stimme ist, dies vor allem. Darum haben wir hier ein herbes zwar, aber auch ein tröstendes Buch in dieser Zeit für uns, soweit wir nicht snobistisch immer noch nach sogenannten interessanten Stoffen ansschaucn. Wiechert ist, wenn man genau hinsieht, und wenn man cs so bezeichnen will, literarischer als Mechow, der echter wirkt. Der eigentliche Stofs des neuen Buches des Ostpreußen ist wieder feine Heimat, und es ist ihre Einsamkeit und Last, die aus dem Schicksal eines Fischers und Fahrmanns spricht, eines seltsam urtümlichen Menschen und seiner Frau, eines Geschickes allerdings, das jcweilcn in den Städten sowohl als aus den Dörfern den besonderen Menschen begegnet, die unverstanden neben den vielen leben, von denen sie an irgendeinem Tage, wie hier, überfallen werden. Das Opfer der Frau befreit ihn und fein Heimatdorf von einem aus der Fremde eiugebrocheuen religiöfen Hetzer, der seine angebliche Mission mißbraucht zu 'erotischen Abenteuern. Manchmal sprechen diese Personen ja nickst, wie mau es von ihrer Art gewohnt ist. nein, ein wenig zu philosophisch, zu sehr wie der Dichter wohl selber. Zweifellos auch sind sie in der seelischen Haltung etwas überhöht; aber es darf dann eben nicht vergessen Werder: die starke Gestaltung des Landschaftlichen, von dem die Menschen eben nichts als ein Teil sind, und das dem Ganzen ein Balladenhaftes gibt. Die auch spracht lich große Schilderung etwa des gefährlichen Eisbraches beim Einfallen des Frühlings macht dem Dichter Wiechert so leicht keiner nach. 7. P. NMZ WM - KM UOWl Notizen znr jüdischen Lyrik ..Tie Lieder des ewigen Brunnens^ ist der schöne Titel eines neuen Gedichtbuches vor? F r i tz N v s c n t h a l sbci R. Loewit, Wien und Leipzig). Aus der letzten Seite des Buches erfahren wir, daß der Autor bereits ein dramatisches Mysterium namens „DaS Messiasspiel" verfaßt und für ein Legeudeubnch „Die seltsame Gemeinde" mehrfach gelobt worden ist. Auch das neue Bändchen ivird sicherlich mehrfach gelobt iverden, denn cs kommt dem Zeitgeschmack sehr entgegen. Es Echandelt vornehmlich biblische Motive, an denen sieh auch andere Dichter schon versucht haben. Solche Stosswalst fordert den Vergleich etwa mit Vörries von Münchhausen heraus, der die biblischen Vor- N'ürfe dynamisch, als Handlungen, als Geschehnisse gestaltet hat; Rosenthal empfindet mehr statisch, bei il)m wirken die Figuren nicht durch Handlung und Veiveguug. sondern sie verharren in der gemessenen Scheinbewegimg von Glasmalereigestalten. Tie Sprache von Rosenthals Versen ist getragen und oft gewühlt. Es kommt zivar vor. daß er im gleichen Gedicht einmal Rahel auf der ersten und gleich darauf auf der zweiten Silbe betont, alx'r iin übrigen herrscht eine gewisse Sorgfalt. Es ist nicht zu verkennen, daß Rosenthal die Bubersche Bibelübertraguug gelesen und daß er für Rilkes Wortwahl und Tonfall ein besonderes Ohr hat. Es ist auch keiuesivegs zu verkennen, daß unter dieser wohltönenden Konventionalität eigenes Talent schlummert, und zivar ivohl ein Talent für die „objektive" Darstellung allgemeiner Stoffe, während bei den wenigen Versuchen zu subjektiver, reiner Lyrik Phrasen herauskommen ivie: „In meinen Adern rollt das Blut der Jahrtausende". In unserer seelischen Belagerung muß mau wenigstens ein lyrischer Rachkomme des Königs David sein, um die Harfe zu schlagen . . . Was ist also an irgendivelcheu Versen irgendeines Autors mit jüdischem R'ameu jüdisch? Hier sängt wirklich eine Lebensfrage an. Es zeigt sich znm hundertsten Rüste, daß die Maße fehlen, mit denen man jüdische Literaturkritik üben tonnte. Aber fehlen nur die jüdischen Kriterien? Verlieren sich nicht, wenn wir vorurteilslos iveiterdenken. alle Maße ins Unendliche? Kanu es, was wir nun jüdisch nennen, etivas anderes sein als eine Fordernng nach möglichst viel Herz. Leidenschaft, Vcruunst und Wahrhaftigkeit?- „D e r Sehe m hamephoros e!i - M e n s ch" ist der etwa mit „Eccc homo“ zu über- Am MM M föl lSÜ San Georgs A. SMÄiW Fron Käthe Goldschlag stellt uns aus dem Nachlaß ihres vor wenigen Wochen verstorbenen Mannes, des Lyrikers George A. Goldschlag, nachstehende Betrachtung zur Verfügung. Wir veröffentlichen sie, da ne uns eine wertvolle Ergänzung zu dem Aussatz in Nr. 50 der „E.-V.-Zcitung" vom _!*. Dezember 1933 „Das Schassen des Lyrikers" zu sein scheint. Der Dvd hat den begabten Dichter erreicht, ehe er diese Arbeit vollenden konnte. Statt des fehlenden Schlusses fügen wir eines seiner letzten Gedichte, „Tichterlos", an. Äein aufrichtiger Künstler wird behaupten. Himmel gefallen zu sein und völlig trasRionslos geschaffen zn haben. Eine solche Behauptung müssten ihm Stolz und Beschei- Jiihcit gleicherweise verbieten. Jeder wird in einen der großen Stränge eingliedern, uü dem Geschichtlichen parallel laufend, das '«echtwerk des geistigen Lebens zn einem -’Auftcr verschlingen. Aber diese Eingliederun3 dars ihn nicht von der Pflicht entbinden, neue Sprache zn sprechen. . dichter ist derjenige, diese Formulierung! :? nickst neu. der immer wieder überrascht ''k- Tenn schon bei der Arbeit nimmt das -Reberraschnngsmvment" eine wichtige Rolle!U1-. Beim ständigen Uebergehen des Ent. 7"Nes kann das Gedicht leicht zur Formel gerben — es kann „gewohnt" werden. Dies 'Jülne große Gefahr, man sieht es dann nicht . 2% richtig. Das ist auch in der bildenden f ffunst der Grund, weshalb der Maler während! Alalens vom Gemälde zirrücktritt. Das f «^wohiitwerden", das Fortfällen des „Ueber-! E'^ulg-niomentes" ist auch bei unserer Ein-! PMng klassischen Dichtungen gegenüber ein i s'Ler Grund zu mangelhaster Einfühlung.! schule zum Beispiel sorgt dafür, daß wir! große Anzahl von sprachlichen Knnjt-;;SC!; schließlich überhaupt nicht mehr un- - t'^lbar empfinden kviinen. Dabei redet na) - gerade die Schule ein, durch ilzre Be» >Aastigung mit den Meisterwerken der -^prachkunst, durch Absassuug von Aiifsäßen ilsw. das Verständnis derselben irnd ihre Ausnahme zu fördern. Ossenbar geht sie hierbei an einem künstlerischen Gcundsatz achtlos vorüber, zum Schaden der „Aiifnehmenden", die später vieles, was sie in der Schule gelesen irnd womit sie sich gezwungenermaßen beschäftigt haben, nicht mehr riechen können, es als „verekelt" empfinden, wie der übliche technische Ausdruck dafür lautet. Es wäre gilt, wenn sich zünftige Psychologen mit der Ergründiing dieser Zusammenhänge befaßten, ruid wenn die Schicke sich diese neu zu erarbeitenden Erkenntnisse niitzbar machte — statt sich mit der Unleugbarkeit der Tatsachen abzufinden. Darum ist es meines Erachtens zinn Beispiel auch vom tünstlerischen Standpunkt falsch, sich auf einen Kunstgenuß „vorzubereiten". Das Lesen von Textbüchern vor dem Opernbesuch, das genaue S:ichvertrailtmachcn mit einem Drama vor der Ailssühruiig, manche wohlgemeinte Einleitung berühmter Nomanc, die eine Inhaltsangabe mitunterschmuggcln, sind zwar philologisch oder pädagogisch'gedacht — aber niemals künstlerisch, denn sie vernichten das Ueberraschungsrnoment. Ter Dichter empfiiidet immer wieder das Erlebnis der Welt als etwas Neues, Unerhörtes, Ungewohntes, Wimderbares und sticht im Uebermaß dieser Enipfindnng überivältigt und stammelnd diesem Hingcrissenscin in Worten Ausdruck 311 geben. Um den Begriff durch seinen Gegensatz noch klarer ins Licht zu setzen: schärfster Antipode des Dichters ist der Mensch, der alles als formelhaft, gewohnt erlebt, der sich, um den Refrain eines fo-' kannten Couplets heranzuziehen: „über jarnischt mehr wundert", der das Wiinderbare vor lauter Ucbersülle des Wiinderbaren rings ilmher nicht mehr spürt, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen vermag, der, wie Carl Maria von Weber einmal ausdrückte, den berühmten „Schauer über den Rücken" nicht empfindet. Darum muß auch tatsächlich ein dichter, wie überhaupt jeder .wahrhaft künstlerische Mensch, in gewisser Beziehung naiv, ja ausgesprochen kindlich sein. Das Kind, der Jugendliche erlebt ja täglich uiid stündlich Teile seiner Umwelt tatsächlich zum erstenmal lind steht ihnen mit der inicingeschräiikteii ungeschrvächteii Fähigkeit großer Verwuiidcrung gegenüber. Ties ist nebenbei bemerkt auch der Grund dafür, daß iinter dem Eindruck des ersten überaus starken Erlebnisses, des Pubertätserlebnisses, in einer Zeit relativer geistiger Reife viele Menschen vorübergeheiid künstlerisch begabt sind, deren Begabiing sich, je mehr das Erlebnis sich ihrer Erfähruiig einordiiet, mit der Zeit verliert. Hierher gehört das geflügelte Wort so vieler Dilettantcii: „Ja — in meiner Jugend habe ich auch Dcrse gemacht!" Wenn also der Dichter naiv sein, eine gewisse Einfalt, als Gegensatz zur Zwiesältigkeit, zum Rasfinierteu, Routinierten — haben muß, so folgert daraus auch eine gewisse charaktcrologisüie Voraussetzung für die dichterische Persönlichkeit. Tatsächlich sind alle wirklich großen, schöpferischen Atenschen in gewisser Hinsicht kindhast und von einer gewissen Reinheit des Innern gewesen, und wo scheinbar das Gegenteil in Erscheinung tritt, ist es oft Maske, betonte Sicherheit nach außen, die nur innere Unsicherheit übertönen soll. Ganz sicher muß man gegen raffinierte und routinierte Eharaktere in künstlerischer Hinsicht misstrauisch sein. Mögen sie intellektuell geistig noch so Hervorragendes leisten — das Dichterische bedarf einer nachtwandlerischen Gefühlssicherhcit, des einzigen inneren Rssaßstabes, der ihm belassen ist — und diese ist intcllektualistisch orientierten Menschen versagt; sie gewährt sich nur Persönlichkeiten von innerer Reinheit und Einfalt. Wer nun so geartet ist, daß er das von ihm gehabte innere Erlebnis peinlichst getreu nachzugestalten strebt — der wird auch das Bestreben haben, in der formalen Gestaltung so neu, so eigen, so sehr „Er selbst und kein anderer" zu sein, wie nrrr irgend möglich. Ties ist keineswegs mit einer gesuchten und bewussten Originalitätssucht 311 verwechseln, es ist einfach eine Ehrlichkeitsjrage des Könnens. nicht des Wollens — er hat das Erlebnis so geschaut, wie nur eben seine einmalige Persönlichkeit es einmalig schauen kann, und keine Gestaltung kann ihm genügen, die nicht dieser Einmaligkeit aus daL Gewissenhafteste Rechnung trägt. Darum ist cs dem Produktiven verhasst, wenn er sich darüber ertappt, etwa an irgendeiner Stelle fertig übernommene Sprachkomplexe verwendet zu haben —• so etwa, als ob ein Baumeister nicht ein Fenster in seinen Fassadenentwurs zeichnet, sondern dieses Fenster mit allem Zubehör, mit Seitenpilastern, Rclicfsries und Uebergiebelung gleich fir und fertig ans irgendeiner Vorlage übernimmt. Dieser Teil seines Entwurfs wird dann ein srenider Bestandteil, wird naturgemäß „ungelöst" sein. Auch irr der Musik gibt es Parallelen: Als Schubert seinen Freunden zum erstenmal die „Forelle" vvrspielt, macht ihn ein Zuhörer nnvörsichtigcrweise aus die Aehnlichkeit der Klavierbegleitung mit einer Figur aus Beethovens .ckEvriolan" - Ouvertüre aufmerksam. Sofort ruft Schubert erschrocken: „Meiner Sir! Zerreißen mer's!" und ist kaum und nur nach mühsamer, langer Ueberrednng von diesem verhängnisvollen Entschluß wieder abznbringen. Genau so der Dichter: im diametralen Gegensatz zum Dilettanten ivird er nichts so sehr fürchten und scheuen als die bekannte „gebildete" Sprache, die für ihn dichtet und denkt, wird ihm kein Gedanke rmerträgliclier fein, als der, fremde, geistig unverdaute Bestandteile in Bausch und Bogen in seinen persönlichsten Gestaltungsvorgang hcrübergenommcn, „übernommen" zu haben. Das ist zcnn Beispiel auch mit ein Grund dafür, daß uns umfängliche Teile deutscher Lyrik, besonders aus der sogenannten Atatärtzeit. schwer erträglich und unknnstterisch erscheinen, weil sie in unwahrem erborgtem Stil mit häufiger Verwendung sogenannter „poetischer" Sprachkomplerc historisierende Wirkungen erstreben.