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Central-Verein-Zeitung · 1933-09-28 · 37 (28.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
37 (28.9.1933)
Date
1933-09-28
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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SefeadjfMsig zum VeLsöhwungskag Von Rabbiner De. Max Wiener Unseren Gefühl ist seit langem das Wort >,der Ewige" als kongeniale Ucberschung für den charakteristischsten der biblischen Gottesnamcn eingegangcn. Und diese Bezeichnung drückt in der Tat aus, was sich jüdischem Empfinden in der Hinkchr der Seele zum höchsten Weien offenbart. Die Ewigkeit Gottes steht im Gegensatz zu dem in der Zeitlichkeit sich wandelnden Inhalt welthaften Treibens. An ihm, der sich enthüllte als „Ich bin, der ich bin", must all' das gemessen werden, was nicht im bleibenden Sein gegründet, sondern dessen Lebenselement das kommen und Gehen, das Werden und Berschwinden ist. Im Gedanken deö Ewigen, von tiefer doller Gläubigkeit erfasst, steckt eine ungeheuere Kraft, die stärkste überhaupt, die auf Menschen wirken kann. Zuvörderst strömt non ihr die Gewistheit aus, dast alles, was wir tun, erfahren, erleiden, erstreben, seinen eigentlichen, seinen letzten Sinn von einem Weltüberlegenen erborgt, das der Fragwürdigkeit aller Existenz endgültige Antwort gewährt. Nicht, daß das Ewige das Zeitliche leer und bedeutungslos macht, daß das Sein Gottes das Sein der Welt oder doch ihren Wert entwurzelt und verneint; sondern so, daß — wenigstens für jüdische Auffassung — irdisches Leben, die Sphäre des Menschen, gerade in ihrer Gültigkeit vom Göttlichen, vom Ewigen her bestätigt werden, daß das Zeitlose dem in der Zeit Berschwebenden überhaupt erst sein Dasein beweist. Wie die Menschen dazu gekommen sind, den Gedanken vom höchsten Gott zu denken, das ist leine Frage der Religion, sondern die ihrer Geschichte. Sobald aber jene Erkenntnis, sobald Religion da ist, lebt auch die -Ueberzeuguug, dast die Seele sich nicht dadurch Gottes bemächtigt, dast sie den Menschen von seiner Schwäche und Gebrechlichkeit befreit, so durch Steigerung ihrer selbst ein Idealbild formend, sondern daß umgekehrt die Gestalt des Ewigen und Heiligen sich ihr auszwingt, die selber erst der wahre Ala st stab des Menschen ist. Die Tage, die wir jetzt feierten, hießen Gott den Weltenrichter; sie scheiden sein Recht, seine Gerechtigkeit von allem, was Menschen so nennen. Die Stunde des göttlichen Gerichts ist furchtbar; denn sie bringt alles ans Licht und urteilt als letzte Instanz. Aber gerade weil Gott ins Innerste sieht, Herz und Nieren Prüft, ist alles menschliche Urteil nur vorläufig, der Prüfung durch den obersten Richter unterworfen. Steckt in dieser Lehre von Gott als dem wahren Richter und seinen: Urteil als dem letzten Gericht nicht wirkliche Erlösung? Der Mensch kann dem Menschen mit seinem Urteil, mit seiner Verurteilung gar vieles zufügen, er kann ihm Freiheit und bürgerliche Ehre, Lebensstellung, Vermögen rauben, kann ihn in seiner irdischen Existenz vernichten. Aber Gott kann mehr. Denn er spricht das Urteil über die wirkliche Ehre und über das wirkliche Recht, und es ist gegründet in echter Wahrheit und in klarer Erkenntnis. Und diese Wahrheit und Erkenntnis vernichten niemals, sondern weisen nur auf, was in Wirklichkeit existiert, den Guten oder den Bösen. Wenn inan diese uralten religiösen Bilder genau betrachtet, dringt man tief in den Sinn des GottcsglanbenS ein, erkennt man vor allein, dast für die Religion der Mensch wirklich nach dem Bilde Gottes geschaffen ist. und nicht, dast der Mensch sich ein Bild von Gott nach seinem eigenen entworfen hat. Gibt es überhaupt Gilles und Böses, ward zweifelnd gefragt, wo doch ossensichtlich die Begleitumstände des Lebens, Erziehung und Milien, äußere Verhältnisse wie innere Anlagen, Kraft oder Schwäche der Leidenschaften, höchst wirksame Faktoren sind, die das Leben, das Handeln des Menschen gestalten? Für die Welt ohne Gott braucht es in der Tat das Gute und das Böse nicht zu geben, nur das Angenehme und Nützliche, das Zweckmäßige und klüglich zu Erstrebende und den Widerpart zu all dem. Die Welt ohne Gott entbehrt der unendlichen Tiefe des Unter-, des Hintergrundes, der allein als Ziel ein volles Ja oder Nein auszusprechen und zu wirken erst gestattet. Das Judentum läßt die Offcubarung des Gebotes, das Recht, von Gott her über die Menschen sich ergießen. Es heiligt so das Recht ullt der Majestät des Göttlichen. Wir sind uns bewußt, dast es zu allen Zeiten vielfältige Rechte gegeben hat. Rechte, die gerecht, und Rechte, die ungerecht waren und sind. In diesen: Wissen liegt Erhebung, Befreiung der Seele, auch wenn sie sich noch so sehr bedrückt und gedemütigt suhlt durch ungerechtes Recht. Aber ni:r der Gläubige, nur der Mensch, für den die Ewigkeit Gottes und seiner Wahrheit in das zersplitterte, verzerrte Leben der Zeitlichkeit hineinreicht, kann sich mitten in der Not und der Demütigung erlöst fühlen. Das ist kein Hinweis auf ein Jenseits. das aus ein Diesseits folgt, auch keine Bortröstung aus eine bessere Zeitlichkeit, welche eine schlechtere ablöst, sondern schlichte Einsicht in die Göttlichkeit des Rechts und der Wahrheit. Denn die Ewigkeit beginnt nicht, nachdem das Leben aufgehört hat, sondern, wenn sie überhaupt Sinn hat, dann trägt sie dieses in der Zeit verfließende Dasein. Religiosität ist nicht die Zuflucht des Schwachen, sondern die Uebcrzeugung des Starken, dessen Stärke gerade im Wissen um das Ewige und wahrhaft Wahre verankert ist. Sie ist Optimismus, nicht der ruchlose, der das Böse, Gemeine, Niederträchtige oder Not und Elend übersieht, aus dem Bilde der leidigen Welt wegrctouchicren will, sondern der Auge für das Ganze ist, für das so oft ungöttlich Wirkliche und für das ewig göttlich Wahre. Aber nicht die Wahrheit, die in den Sterncn hängt, scheint unser Schicksal, sondern die Wirklichkeit, mit der wir uns herumschlagen, an der wir uns wnudreiben müssen. Gibt es eine Versöhnung zwischen der Wirklichkeit und der Wahrheit? An: 'Ie>m Kippur, heißt cs. wird das Los des Menschen besiegelt, das Los, das von ungefähr ans ihn fällt, das er sich nicht anssucht, und das doch bis ziun Letzten alle seine Stunden bestinunt. Diese Wirklichkeit in ihrer Dumpfheit und Schwere, in ihrer Rätselsülle und Undurchsichtigkeit durchdringen wir nicht. Sie ist Gottes, sagt der Glaube und nullet uns damit zu, sie zu tragen, ohne uns von ihr erdrücken zu lassen. Hier hilft keine Formel der Weisheit, lein Augenverschließen. Frommes Denken hat einen Satz geprägt, in dein die Weite der göttlichen Macht, aber auch feine Grenzen gegenüber menschlicher Kraft bezeichnet werden. „Alles ist in der: Händen des Himmels, nur nicht die Furcht vor dem Hinunel." Es ist ein Wort, das offenbar dem Menschen bei aller Anerkennung seiner Begrenztheit seine Stärke vor Augen führen Null. Tenn cs legt den Nachdruck ans das. was der Mensch kann, nicht auf das, was ihm mangelt. Und mit den: Können zugleich auf seinen Willen. Dieser Witte vci> nmg gegen das Schicksal, das allein in den Händei: Gottes ist, nichts. Aber er verfügt über die „Furcht vor Gott", über das Gebiet des Lebens, in den: die Ewigkeit und ihre Wahrheit an beit Menschen rühren. Und indem der Mensch so als der Herr eines intvendigen Schicksals von sich selber erfahre:: wird, als die Kraft, mit der er zu Gott durchdringt, fühlt er Gott nicht mehr als das übermächtige starre Geschick, das ihn ängstigt und bedroht. Denn der Gott, m dessen Händen alles ist, ist derselbe wie der, zu dem, in freier Ehrfurcht sich bekennend, er emporsteigt. Das ist die Versöhnung in, die Versöhnung nüt Gott. Vermag der Men ich bei allem, was ihm. was mit ihm geschieht, noch aus ein Ich sich zurückzii,ziehen, den: das Li ciu ewiger Wahrheit, ewigen Rechtes leuchlli. vermag dieses Ich sich selbst als den Widerschein des Göttlichen zu erfahren, dann wird kein „Los", das ihm zugesallen, es zermalmen können. Tenn der Gott, der die göttliche Seele geschaffen, läßt sie nicht an Verzweiflung sterben, wein: sie nur an Go-c, ihrer: Schöpfer, glaubt. Es mt einmal... Kleine EcluuerirngsbilSer Von Aritz Engel (Schlusg Ter Streit drang in die Oefsentlichkeit; alle Nummern der „Vossischen Zeitung" wissen davon zu berichten. Es war vergeblich, das Testament erwies sich als hieb- und stichfest. Alles blieb, wie Jonas Fränckel sich ausgedrückt hatte, bei seinen „wohlbedächtig getroffenen Bestimmungen". Dieser Tatsache ist es zu verdanken, daß wir heute lebenden Nachkommen vielleicht längere Jahre hindurch behaglicher hätten leben können, aber auch aus dem Wege der Inflation rächt noch mehr eingebüstt haben. Diese Familienangelegenheit hat ein Interesse, das auch in anderer Hinsicht über den Kreis der Nüchstbeteiligten hinausgeht. Um die an der Stiftung berechtigten Personen sestzustellen. wurde im Jahre 18(51 die „Stammtafel des sel. körrigl. Landesrabbiners Isaak IoscvhTheom:m-Fränkel"geschasfen. Das war der Großvater der Brüder David liiiD Jonas. Es ergibt sich ein seltsau: buntes Bild jüdischen Leoens überhaupt, weit in die Jahrhunderte zurück. Verschollene Geschlechter tauchen aus, ehrwürdige Männer, fast alle der Gottesgelehcthert hingegeben, ullt ihren Frauen, die oft so srcmdgcwordene blumendusiende Zunamen trugen. Man bemerkt auch, wie groß die Wanderlust oder der Wanderzwang jener Alten war, in Zeitläuften, in denen Reisen, zumal für den strenggläubigen Juden, eine Kette von wochenlangen Strapazen bedeutete. Der Aeltcste dieser'Ahnenfolge war Juda Mainz. Ter Name kann aus deutschen Ursprung Hinweisen, aber er war Rabbiner in Padua und „starb, über hundert Jahre alt. nach siebeiumdvierzigjährigcr Amtstätigkeit im Jahre 1508". Durchlauchtigster Vorfahr, wenn ich das enthülle, messe ich mich getrost mit manchen: Fürstcngeschleckst! Seine Nachkommen wirkten ebenfalls in Padua und in Venedig. Den Urenkel aber finden wir um das siebzehnte Jahrhundert quer durch Europa sir Brzesc Litewski :n Litauen. Dies war kem anderer als Saul Katzenelnbogen, genannt Schaul Wahl, „ein höchst angesehener Alaun", und der Glanz einer für den Laus einer einzigen Nacht sozusagen leihweise getragener: Königskrone beginnt über meinem später: Enkelhaupte zu flimmern. Freilich, nach aller Wahrscheinlichkeit m:r eine Legende. Ich will meinen Prätendentenhochmut zügeln, ich werde den Thron des neuerstandenen Polen nicht besteigen. ed)on deshalb nicht, weil ich mich eines kleinen Erlebnisses erinnere, das mich sehr gedrillt und in die Bezirke des llrolännm vulgus zurückgestostcn hat. Als ich später einmal aus dem alten Prager Iudenfriedhof stand, innig versunken in den Anblick der Gruft des Hohen Rabbi Löw, des Golem-Kon strukterrrs, der dort im Kreise seiner Schüler ruht, und als ich mich nicht enthalten konnte, zu flüstern: „Mit ihm soll ich verwandt sein", bekam ich von denr Ansscher, der mich führte, nur den tödlicher: Bescheid: „<sagen viele..." Jener Thcomim-Fränkel hatte vier Töchter. Drei davon waren mit Rabbinern verheiratet, von diesen eine mit Wolf Eger ir: Leiprllk in Mähren. Die vierte war die Mutter von Treine, die einen Kali sch heiratete, und diese Frau gebar eine Friederlle. Sie wurde meine Großmutter, nachdem sie einen Verwandten Wolf Jakob Egers zum Manne bekommen und ihm ein Häuflein Kinder beschert hatte. Wer sich für Namensforschnng interessiert, rvird bemerkt haben, dast hier die unterschiedlichen Bezeichnungen „Eger" und „Egers" eng beieinander auftauchen. Irgendeine schikanensrohe Landesregierung war aus den Einsall gekommen,'die ihr untertänigen Juden dürsten nicht Städtcnamen führen. Also mußten die in jenen: Bezirk wohnenden Juden sich ein „S" anhängen. Es gab ja in damaliger Zeit sogar Brüder, die ganz verschiedene Familiennamen trugen. Tie Eger m:d die Egers waren also nahe verwandt, und die gerneinsame Erinnerung an den Vorfahrei: Rabbi Akiba Eger brachte zuwege, dast sich aus Alllast seines hundertfünfzigsten Geburtstages ein Egcrbund gründete, der sein Andenken pflegen, Minderbemittelte ftützcr: rrrrd die Geschichte der Familie sammeln sollte. Ein Gcschlechtstag führte in Berlin mehrere hundert Personen zusammen; aus Deutschland, aus den: Ansland bis well nach Rußland hinein. Das geschah aber erst im Jahre 1913. Und ein Jahr später... Die Fronten standen gegeneinander, hüben r:nd drüben auch Egcrbündler. Ar: meine Großeltern Wolf Jacob und Friederike Egers erinnere ich mich gut und mit aller Herzlichkeit. Sie waren altgläubig fromm, und wenn ihnen Kinder starben, ein Sohn, der in Leipzig studiert und feingeformte Aphorismen hinterlassen hat, und später eine begabte und liebenswürdige Tochter, dann wurde die Trauerwoche uach dein strengster: Ritrrs zugebracht. Ich sehe die Großeltern ans dem Schemel sitzer:. und das erschier: mir ganz fremd und seltsam. Jetzt weiß ich, daß dies auch eine Art Absolution von einer weiteren Trauerpflicht ur:d ehrliche Gottergebenheit bedeutete: .Ker Herr hat gegeben,, der Herr hat genommen!" In der Tat, cs war trotz vielen Sorgen, die sich später erst drirch den reich gewordenen Sohn L. W. Egers lösten, ein heiteres Haus. Tie Großmutter war ein mildes Wesen. Nur einmal habe ich sic tief aufgewühlt gesehen: als sie einen anderen Sohn, der lange vorher nach Amerika ausgewandert war und jetzt nach einem Besuch in der Vaterstadt sicherlich aus Nimmerwiedersehen wieder verabschiedete, bis auf die Treppe begleitete und ihre alten Hände segnend ausstreckte. Wenn ich heute vernehme, wie jüdische Söhne und Töchter sich von ihren Eltern trennen müssen, tritt mir jene Szene wieder vor Augen, alttestamentlich und in allem Kummer erhaben. Die Großmutter tri:g eine Haube mit lila Schleifen, an jeder Schläfe guckten vier gedrehte Löckchen hervor, noch im Alter dunkelbraun. Ich habe sie lange für echt gehalten, bis ich, in einer Schublade hcrumschnüffelnd, die zweite Garnitur fand, die bessere, die für die Festtage. Wie urmütterlich schön sah die alte Frau am Passahabend aus, ringsum :n weißer Seide! Der Großvater war eine schärfere Natur, ein Kopf aus altem kritikgcübten Talmudistengeschlecht; etwas pedantisch und rechthaberisch. Er hatte eine altjüngferlich gelehrte Schwester, die mit ihren Freunden gefühlvolle Stammbuchverse austauschte und mit Gabriel Riester in Briefverkehr stand. Diese Briefe existierer: noch — aber wo? Ludwig Geiger hat sie sich von meiner Mutter ausgeliehen. Ich habe es seiner sammelsrohen Gelehrsamkeit zugute gehalten, dast er sie nicht zurückgegeben hat. Der Großvater schnupfte aus der silbernen Dose, die mit Rapce gefüllt war, die Tüte zu vier Pfennig, und wenn er keiner: anderen Sport trieb, so doch den, mit immer erneuten Eingaben der Steuerbehörde das Leben zu versüßen. Er neckte gern, und dast er bei aller Frommheit nicht ohne Toleranz gervesen, war seinem Humor zu danken. Es gab einen Tag, da schickte mein Vater mit den Geschäftsdienern auf den: Handwagen^Kohlei: in die Wohnung. War es nicht >Lohnespslicht, daß ich den Vater aus dem Kontor abholte? War es nicht gegeben, daß ich die Fahrgelegenheit ausnutzte, in eine dev entleerten Kohlentonnen kroch und mich dem gutmütigen Menfchenvorspann anvertraute? Ging der Transport mit dem kleinen Diogenes in der Graupenstraße nicht an dem Fenster vorbei, an 'dem der Großvater immer saß, in dem doppelwangigen Lederstuhl, ans dem Kopf das Käppchen, bestickt mit Vergißmeinnicht und Rosenranken? Was war schon dabei? Oh, es war Sabbat, noch lange nicht war der erste Stern erglommen! Ugd ich ich benutzte ein Fuhr> werk! Niemals Halle ein Kind Aehnlichcs acwagt! Run, aller Mann, du hast mich niciu verflucht! Als ich zu dir kam, gerciniq: vom Kohleustauv, noch nicht von der Sünde. du nur gesagt: „Mein Kind, ich hn.be dir etwas aufgehoben, dort oben auf oem Spindel Ich versuchte meine Klellertunst. Ich fand ein Tellerchen, zugedeckt mit einem anderen. Tie Spannung'war groß, d... Appetit nicht klein. Es ' waren abgenagm Hühnerknöchelchcii. Aber Großpapa! Ich bin ihn: aber doch um den Hals gefallen . . . Von der Verehrung, die diese braven Menschen verdienten und genossen, zeugen auh die Tagebücher meiner Mutter und die Au- Zeichnungen meines Vaters. Tiefe vergilluen Zellen geben auch sonst den Ton der Zerr wieder, in der die Familie der feste Kern des Gemeinschaftslebens war. Es gab natürlich auch Neionngen. wenn eine Cousine einen Sanllrnantel kaufen korulle und die andere ihn nur bewundern durfte. Es gab ansehnliche und minder ansehnliche Familienzweige, tüchtige und untüchtige Verwandte. imb darum auch Eifersüchteleien und spellt. Zuletzt aber war es immer ein enger Zusammenhalt und, wenn es nötig war, setfle stille Hllw ein. Tas Grundclcment war Liebe, in ihr. .T Ausdruck erfüllt von einer Sentimentaliräi. die durchaus empfunden war, mag sie auch heute ein wenig phrasenhaft klingen. Man ehrte die Abgeschiedenen in schwärmerischen Wendungen. Man sprach von der Hoffnung aus die Kinder und von der ^orge um sie. Alan war rasch gerührt und geriet dabei auch in starke Rührung um das eigene Ich. Selbstmitleidig nannte man sich, auch wohl gern „unverstanden" oder doch nur Von weuiger: Anserwälflten begriffen. Nur ii: das Tagebuch sprach man hinein, wie elend man sich körperlich fühle, denn lieblos wäre es gewefen, die Nächsten damit zu belästigen. Man dachte auch viel an den Tod. Alan nahm, erfreulicherweise voreilig, Abschied vom Leben und von den heißgeliebten Seinigen. Alan traf letzte Bestimmungen. Und das ift gewiß ein allgemein jüdischer Zug, erklärbar aus der vererbten steten Angst vieler durch alle Nöte gehetzten Generationen, die immer vor einer neuen Wende des Schicksals zittern mußten. * Nach und nach war ich ja nun wohl flügge geworden. Prima; erster Besuch iu Berlin, jetzt gerade fünfzig Jahre her: Abitur; Abschied von Breslau bis auf gelegentliche. Heimkehr; Universitäten; Studerllenkämpse zwischen rechts und links; unrnhvoller Werdegang. Am Ziel? Ach, am Ziel ist man niemals ...

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