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Central-Verein-Zeitung · 1933-09-28 · 37 (28.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
37 (28.9.1933)
Date
1933-09-28
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Hier war schou jahrelang die erfolgreichste Berliner Operettenbnhne gewesen. das Friedrich-Wilhel in st Üdtischc Theater, das nun mit seiner Firma weiter nach Norden in die Eyausseestraße zog. Das HauS in der Schumannstraße aber wurde Adolf UArronge äußerlich und innerlich neugestattet bau den: Aianue. der es für die erhebliche Summe von 0 000 000 Mark erworben hatte, und daS war der erfolgreiche Theaterdichter Adol p h e L'Ärronge. Er nannte das Haus null „Deutsches Theater zu B e r li n", und damit sollte ausgedrückt werden, daß seht mit alleur Ernst und größter Kraft der Versuch gemacht werden sollte, den Deutschen aus der Basis des Privatunternehmens ein Knnsttyeater höchsten Ranges zn schenken. Seit 12 Jahren besaß Deutschland die Gewerbesreiheit, und Versuche mit Privattheatcrri waren schon massenhaft gemacht worden; aber kein Institut von künstlerischer Bedeutung und dauernder Lebcnslraft war dabei zustande gckonnnen. L'Ärronge hatte nun zur Durchsetzung seines Planes eine Koalition von außerordentlicher Wucht und Breite geschasscu. Gr bildete mit den namhaftesten Bühnenkünstlern des damaligen Deutschlands eine ..Sozietät", die diesem Theater Glanz verleihen mußte. Sehr lange hielt jedoch die Sozietät diese nicht; schon während des ersten SpicljahreS schied Haase aus und am Schluß der Saison Baruah. Förster blieb immerhin 4 Jahre der Regisseur des Hauses, bis er die Leitung des Burgtheaters in Wien übernahm und dann allzufrüh starb. Nur Friedmann blieb fast ein Jahrzehnt bei dieser Sache. Eine Sozietät am Theater hat noch nirgends auf die Dauer glücklich gearbeitet. Sie konnte durch das Gewicht der großen Rainen wohl dein Beginn des Unternehmens Schwung verleihen; aber daß etwas Haltbares und Dauerhaftes daraus wurde, das lag ausschließlich daran, daß der einzige Nichlschauspieler der Sozietät, ihr klarster und selbstlosester Kops, zugleich der Hausbesitzer lvar und also die Zügel in der Hand halten konnte: Adolphe L'Ärronge wurde sehr bald der alleinige Direktor des Hauses und er setzte durch, was er sich vorgenommen hatte: er schuf ein Privattheater in Berlin, das nicht nur das damals verstaubte Hvstheater ganz in den Schatten stellte, sondern das bald noch den Glanz des Wiener Burgtheaters übertraf und der Stadt Berlin zum ersten Male die führende Stellung im deutschen Theaterleben errang. Am 28. September 1883 war das Niederwald-Denkmal am Rhein eingeweiht worden. Alan empfand deutlich den Zusammenhang, wenn am folgenden Tage als ein lebendiges Denkmal der geeinten deutschen Nation das „Deutsche Theater" eröffnet wurde. Gespielt ivurde „Kabale und Liebe", und daß die berühmten Sozietäre in betonter Bescheidenheit die kleinen Rollen spielten, war zunächst die Sensation dieses Abends. Das auf die Dauer Entscheidende aber lvar, daß sich hier bereits da-) außerordentliche Talent von L'Ärronge im Anffinden und Festhalten besonderer Bühnentalente bewährte: von jungen Kräften stand neben der Lady Milsord der Anna Haverland als Ferdinand Joses Kainz ans der Bühne! In einer der nächsten Vorstellungen spielte die Minna von Barnhelm ein junges Mädchen, die freilich von der Kritik als noch etwas zu jung für diese Aufgabe bezeichnet wurde, und die Adele Sandrock hieß. Bald aber leuchteten über, ganz Berlin die Angen einer zunächst noch sehr schüchternen Naiven, die ans Weimar geholt worden lvar, und die dem Antlitz von Agnes Sorma gehörten. Das Entscheidende war. daß das gewissenhafte Eusemblespiel der Meininger, das vor einem Jahrzehnt das deutsche Theater revolutioniert hatte, und das auch in L'Arronge einen sehr verehruugsvolleu Jünger besaß, hier zusammengesngt wurde mit einer Schar glänzenden schauspielerischer Individualitäten. lvie das kleine Meiningen sie nie besessen hatte. Das war die Grundlage der außerordentlichen Wirkling, die dieses „Deutsche Theater" erreichte, vor allem in seillen Klassiker-Aufführungen. Vor allem in seinen Klassiker-Aufführungen — denn mit dem modernen Repertoire sah es bei L'Ärronge sehr bescheiden aus. Diese Vorstellungen erhielten alle durch vorzügliche Schauspielkunst Leben und Wert, aber vom Dichter ans besaßen sie ihn kaum. Die bescheidenen Vvlksstücke von L'Ärronge selber waren beinahe noch das Beste; im übrigen gab es Schwänke und staubige Gesellschastsstückc von Lindau und von Lnbliner, und ab zu ein Jamüen-Drama im Epigonenstil. Dabei kam eine neue literarische Aera empor; Ibsen lvar da und bald alich Ecrhart Hauptmann, lind sie verlangten nach der Bühne. Aber L'Ärronge, dessen Geschmack literarisch bei der alten Generation war, begab sich nur Otto Brahm sehr zögcrno auf das neue Gebiet. Inzwischen aber war in Berlin unter der Führung des Theatcrkritikers Otto B r a h m eine „Freie Bühne" ins Leben getreten; sie hatte die entscheidenden Siege für Gerhart Hauptmann erfochten, und sic beherrschte jetzt die öffentliche Meinung so sehr, daß L'Ärronge nach einem Jahrzehnt erfolgreichen Wirkens spürte, daß seine Zeit vorbei lvar. Er lvar klug und taktvoll genug, freiwillig von der Bühne abzutreten und als seinen Nachfolger den Führer der jungen Generation einzusetzen — Otto Brahm. Und abermals wurde das „Deutsche Theater" tonangebende Bühne im ganzen deutschen Sprachgebiet, und diesmal als Musterbeispiel des, „N a t u r a l i s m u s". Brahm, der nicht eigentlich selbst Regisseur seiner Truppe war, aber doch ihren Stil vollkommen bestimmte, erwies sich als der Todfeind jener Pathetik, jedes unmotivierten Effekts auf der Bühne. Seine Aeußerung zu einem Schauspieler: „Versprechen Sie sich von dieser Nuance 'n Effekt? Tann lassen Sie sie weg!" ist berühmt und charakteristisch. Natürlich aber stammte die Fähigkeit, mit diesem Prinzip zn siegen, vor: der Bildung eines Ensembles her, dessen Hauptkräste in solchem natnrnahen Stil doch cle. mlar zn wirken lvllßten. Emannel Reicher, schon lange ein leidenschaftlicher Theoretiker der Natürlichkeit auf dem Theater, bereitete sozusagen die Grundlage dieses Schauspiels, mit» Oskar Sauer mit seiner wunderbaren, ans preußischer Härte wachsenden Seelenkrast bedeutete ihre Höhe; in der lebendigen Mitte aber standen Rudolf Nittlier, der Schlesier, mit seiner spröden, nervös zufahrenden Natnrkrast, und Else Lehmann, die Berlinerin, mit ihrer erdgebuudeueu und doch himmlischen mütterlichen Größe. Zn diesen sammelte Otto Brahm mit sicherstem Instinkt eine ganze Zahl . kleinerer, aber ausgezeichneter Eharakterspieler und schuf so die schlechthin vollendeten Ausführungen des mittleren Ibsen und des frühen Hauptinann und der kleineren deutschen Naturalisten. Ter naturalistische Stil setzte sich damals in wenigen Jahren in ganz Deutschland durch, und sogar in dem ganz anders gewöhnten Wien hatte ein Brahmsches Gastspiel ungeheueren Erfolg. Liber mit dem neuen Jahrhundert begannen die Grenzen dieser Brahmschen Kunst deutlicher ins Gefühl zu treten. Kainz und die Sorma waren zwar noch in Brahms erster Zeit tätig, spielten ein Paar von L'Ärronge her stehengcblicbene Klassiker, auch in Sudermaims „Moritnri" und „Johannes" und in Hauptmanns „Versunkener Glocke"; aber bald gingen sie davon und damit versiegte das übernaturalistische Element in Brahms Ensemble ganz, er war schon der Mystik des späten Ibsen und dein farbigeren Stil des reisen Hauptmann nicht ganz gewachsen, und das, was um die Jahrhundertwende als Neuromantik in die Erscheinung trat, blieb ihm vollkommen fremd. Die Jugend aber bekam nach einem halben Jahrzehnt das gleichmäßige Grau der Brahmschen Wahrheitskunst über, und dem Verlangen nach Licht und Farbe und phantastischer Bewegung erwuchs ein Führer in Brahms eigenen: Lager: ein junger Schauspieler, den er als naturalistischer Charalteristiker von Rang nach Berlin geholt hatte, Max Reinhardt war ans seiner Wiener Theaterjngend von bunteren, reicheren Vorstellungen des Vühnenlebens erfüllt — er brach aus der Brahmschen Hürde. Er begann zunächst am „Kleinen Theater", dann am „Neuen Theater" selbständig zu arbeiten; er spielte Maeterlinck, Wilde und Hofmannsthal, auch Wedekiud und Strindberg, alle diese von Brahm gemiedenen Autoren, und er wurde durch seine Klassiker-Inszenierungen, vor allem durch „Minna von Barnhelm" und „Sommernachtstraum", bald ein weltberühmter Regisseur. Brahm mußte, nach einem Jahrzehnt, aus rein geschäftlichen Gründen das „Deutsche Theater" aufgeben, spielte aber noch geraume Zeit erfolgreich im „Lessing-Theater" (bis zu seinem Tode 1912). Nur für ein Jahr führte in der Schumannstraße Paul Lindau die Direktion, der aber gar keinen Erfolg hatte; und dann war es wieder kein Zweifel, daß der neue Führer der künstlerischen Jugend die Erbschaft antreten mußte: am 19. Oktober 1905 erösfnete Reinhardt seine Direktion des „Deutschen Theaters" mit der Ausführung des „Käthchen von Heilbronn". Und damit hatte das Hgus in der Schnmannstraße (neben dem jetzt an Stelle eines übel beleumundeten Tanzsalons die schöne Zweigstelle der „Kammerspiele" entstand) zum dritte Male eine große Zeit. Wie einst L'Arronge und wie dann Brahm, so beherrschte Reinhardt mit seinem Theaterstil mehr als ein Jahrzehnt lang alle deutschen Bühnen. Auch er war ein außerordentlicher Finder von schauspielerischen Talenten. Er begann fast ganz ohne Prominente (nur ein paar Charakterkomiker von Wert; Victor Arnold, Hans Waßmann, Richard Leopold waren zu Anfang bei ihm), aber er hotte sich Kayßter und Vassermann, und Rndols Schildkraut aus Hamburg; er entdeckte die blonde Lucie Höflich und den jungen Italiener Moissi, den er sehr gegen die Stimmen der maßgebenden Kritik durchsetzte: er verhalf der Agnes Sorma zu einer letzten Blüte und ließ das neue Talent der Ehsolt ans Werk, und holte Paul Wegcner und Tilla Durienx nach Berlin. Und alle diese stellte Reinhardt in die Mitte eines En- Max Reinhardt fembles, das er mit einer phantastischen Erfindungskraft, mit einer organisatorischen Energie ohnegleichen zn beleben wußte, und das in Klajsiker-Aussührungen, vor allem aber in Shakespeareschen Lustspielen, wahre Wunder der Erneuerung und Belebung vollbrachte. — Ein literarischer Theatersührer ist dieser Schauspieler aus Wien im Gegensatz zu den: Hamburger Kritiker Otto Brahm nie gewesen. Nach der ersten ziemlich schnell schwindenden Beziehung zur nenromantischen Literatur hat Reinhardt Stücke neuerer Dichter jahrelang nicht mehr selbst inszeniert, und seine Phantasie eher (außer an klassischen Meisterwerken) an nichtigen Spektakelstücken wie „Sumnrun", „Tnrandvt" und „Mirakel" wuchern lassen. Aber diese Rcgiephantasie war in der Tat unerschöpflich. So sehr der immer mehr ins Breite wachsende Reinhardtsche Betrieb zuweilen mit Veräußerlichung des Künstlers drohte — er fand sich doch immer wieder imstande, seine Kraft Zu außerordentlichen Leistungen zu sammeln — noch in jüngster Zeit hat es die „Jledermaus'KJnszenierung und das Hosmannsthalsche „Welttheater" bewiesen. Ein paarmal machte Reinhardt Miene, sich aus Berlin nach Wien und Salzburg zurückzuziehen, und jedesmal bedrohte solch Entschluß das „Deutsche Theater" mit Verfall, und jedesinal bedeutete seine Rückkehr Rettung! Auch tüchtige Männer vermochten nach seinem Weggang an dieser Stelle nicht Wurzel zu fassen; und jetzt scheint es, als ob das „Deutsche Theater", vor 50 Jahren als das erste siegreiche deutsche Privattheater gegründet, mit dieser Aera des privaten Unternehmertums dahingeht, und jedenfalls im alten Sinne keine Auferstehung erleben wird. Aber ein großes und ruhmreiches Kapitel der deutschen Thealergeschichte, das bedeutet das hallte Jahrhundert dieser Bühne zweifellos. L'Ärronge. Brahm, Reinhardt, alle drei waren Juden; sie haben Kainz und die Sorma, Rittner und die Lehmann, Bassermann und die Höflich zur^Entfaltung gebracht, sie haben Schiller und Shakespeare erneut und Hauptmann und Wedckind durchgesetzt — man wird mit gar keiner Art von Wahrheit sagen können, daß sie „jüdisches" und nicht deutsches Theater gemacht haben. Auch in der Geschichte der Kulturarbeit, die Juden innerhalb Deutschlands geleistet haben, füllt das Kapitel vom „Deutschen Theater" in Berlin keinen geringen Platz. 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