Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 49 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Umschau Zur Neugestaltung des Reiches Edgar J. Jung: Gegen die Herrschaft der Minderwertigen Zu den Politikern, die sich nicht damit begnügen wollen, hier und da an den bestehenden Zustanden zu bessern oder ein System für das andere zu setzen, gehört Edgar I. Jung, dessen Buch „Gegen die Herrschaft der Minderwertigen, für deutsche und europäische Neuordnung" kürzlich in zweiter Auflage erschienen ist. Wesentlich in diesem Buche ist nicht der äußere Aufbau des staatlich-gesellschaftlichen Zukunftsbildes, sondern die grundsätzliche Haltung gegenüber der bestehenden Ordnung und die Forderungen geistig-seelischer Art an den Menschen der Zukunft. Es wird eine völlige Wandlung erwartet, eine Wandlung von der verstandesmäßig orientierten, vereinzelnden Betrachtungsweise des Menschen der Gegenwart zu einer unbedingten Hinwendung an die Gern e i n s ch a f t. Ohne diese innere Wandlung — man wird diese Feststellung bei der Betrachtung der GedankengängeJungs nie außer acht lassen dürfen — wird auch das neue Reich, dessen Grundzüge hier entworfen werden, nur eine andere Form starrer Organisation bleiben. Es fragt sich, ob die organische Gesellschaftsform der Zukunft, auf die Jung hofft, nicht eher das Werk des Denkers als das Werk des Politikers ist. Gewiß muß der Politiker dem Gedanken den Weg zur Wirklichkeit ebnen; denn ohne Gestalt kann inneres Leben nicht sein. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß das Ziel durch eine einfache Umwandlung der Staatsform erreicht werden kann. Jung hat diesen Widerstreit empfunden, ohne ihn klar herauszuarbeiten. Er versucht, die Zielsetzung des Politikers mit der des Denkers zu vereinen. Die Verschmelzung ist nicht gelungen. Das häufige Hineingleiten in die Tagespolitik beeinträchtigt die Herausarbeitung und Vertiefung der Kernfragen. Seine politische Einstellung läßt ihn Gegebenheiten gegenüber, deren notwendiges Werden er als Denker anerkennen muß, in eine seltsam anmutende Voreingenommenheit verfallen. Sie verführt ihn zu Ungerechtigkeiten, zu Ungenauigkeiten im Ausdruck, so z. B. im Titel. Vieles ist gar zu einfach gesehen, und vor allem ist nicht genügend hervorgehoben, daß die neue Form ohne die entsprechende innere Einstellung zu Mißbräuchen führen muß. Der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft kann nur von innen heraus überwunden werden. Aeußere Aenderungen werden -die Vereinzelung der Individuen, die Jung mit Recht beklagt, nicht aufheben. Jung wendet sich mit aller Schärfe gegen die Geisteshaltung, die unsere Zeit beherrscht. Wir leben noch im Zeichen der Aufklärung, die im 18. Jahrhundert in Blüte stand. Der Verstand leitet als obersten Grundsatz Erkennen und Handeln. Begriffe treten nebeneinander, das Ganze wird zu einer Summe von Einheiten, die streng voneinander geschieden und einander gleich sind. Der Verstand ist das Organ der Abstraktion, er trennt und vereinzelt. Seiner Herrschaft verdankt das Einzelwesen eine besondere Bewertung. Die politischen Folgerungen dieser Anschauungen sind Liberalismus und Demokratie. Das gegensätzliche Verhalten zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft, das zwar nach der einen oder nach der anderen Seite ein Uebergewicht erfahren kann, im ganzen aber nach Ausgleich strebt, ist zerstört zugunsten des Einzelwesens. Dieses stellt nun den höchsten Wert dar, und wenn seine Sphäre eingeschränkt wird, so geschieht es nur um des Ausgleichs der Interessen willen, weil sonst im Kampfe aller gegen alle ein jeder zerrieben würde. Der einzelne ist unmittelbar in den Machtbereich des Staates gestellt, ans dem sich nur locker gefügte Interessengruppen, Parteien, Klassen herausheben. Volk wird zur Masse, wie der Staat aus einem lebendigen Organismus zu einen: formalrechtlichen Gebilde. Jung bestreitet nicht, daß die Wertmaßstübe allein aus der lebendigen Persönlichkeit entnommen werden; aber er bestreitet, daß die Persönlichkeit letzter Wert ist. Er ist der Ansicht, daß der Individualismus die Persönlichkeit zerstört. Eben durch die Vereinzelung, die er zur Folge hat, lähmt er die lebendigen Impulse der Persönlichkeit und hebt ihre wesentlichen Merkmale, Wirkung und Leistung im kulturellen Sinne, auf. Denn kulturelle Leistung entsteht nur durch innere Verbundenheit der Menschen zueinander und züm metaphysischen Weltgrunde. Die kleine Welt der Persönlichkeit kann nicht für sich allein bestehen. Seine Lebensströme müssen in die des gesamten Weltgebäudes münden. Zwei Höhepunkte kulturellen Lebens sieht Jung in der abendländischen Vergangenheit: die Kultur der Griechen und die europäische Kultur des Mittelalters unter deutscher Führung. Die Kultur des Mittelalters ist ihm als eine dem deutschen Leben völlig entsprechende Form Vorbild für das werdende „neue Reich, für das „neue Mittelalter", wie er die Zeit des volklichen Organismus der Zukunft nennt. Hier findet jene universalistische Forderung Erfüllung, in der das Leben als Ganzes betrachtet wird, das Volk als geschlossene Persönlichkeit, deren gesamte Lebensäußerung trotz aller äußeren Vielfältigkeit einheitlich bestimmt ist. Das Grundlegende aber dieser Gemeinschaft ist die Hinwendung zum Uebersinnlichen. Jung stellt an die Spitze seiner Darlegungen den Satz: „Ein unveränderlicher Zug im menschlichen Geiste ist der metaphysische Trieb (der Drang ins Reich des Uebersinnlichen). Dieser Trieb läßt sich nicht unterdrücken und rächt sich für jede Mißhandlung." Es handelt sich nicht bloß um die Annahme eines Uebersinnlichen, um seine Erfassung durch die Vernunft, sondern um ein Erlebnis der Transzendenz. In diesem Gefühl wird nicht die Summe der Einzelheiten, sondern eine Ganzheit erfaßt. Dieses Ganzh eitsgefühl ist Jung gleichbedeutend mit Religion. Für das neue Reich der Deutschen würde nach dem Vorbild des Mittelalters die christliche Religion als Grundlage zu fordern sein. Jung verkennt nicht, daß die kulturelle Blüte des Mittelalters und vor allem ihre universalistische Gerichtetheit nicht so sehr dem Christentum an sich als der katholischen Kirche, ihrer ungemein kulturfördernden Unterscheidung zwischen Priestern und Laien und jener eigentümlichen Durchdringung von „magischem Heidentum und pneumatischem Christentum" zu verdanken ist. Er berücksichtigt indes diesen Tatbestand kaum und glaubt mit der allgemeinen Forderung der christlichen Grundlage für die neue Kultur auskommen zu können. Dre Hauptschwierigkeit für die Verwirklichung dieser Forderung wird allerdings offenbar, wenn man den augenblicklichen Befund des religiösen Lebens betrachtet. Es kann nicht verkannt werden, daß die religiöse Bewegung Zunimmt und daß der „metaphysische Trieb" immer weitere Kreise erfaßt. Aber es gibt Arten der Hinwendung zum Uebersinnlichen — und auch die Abwendung vom Uebersinnlichen kann eine metaphysische Haltung sein — in so reicher Zahl, daß eine gemeinsame Basis schwerlich zu schaffen sein wird. Run weiß Jung wohl, daß Grundlage einer Kultur nicht nur das rein Geistige ist, sondern im wesentlichen das Seelische, daß das Stoffliche mit dem Geistigen verbindet. Wenn es die katholische Kirche im Mittelalter in bewundernswerter Weise verstanden hat, in das Geistige der religiösen Haltung das Seelische mit hineinzunehmen (wovon die Kunst jener Zeit Zeuge ist), so wird man heute aus eine solche Bereinigung geistiger und seelischer Beziehungen hoffen, die eine weiter umfassende metaphysische Einheit bilden, die Glaubensinhalte unangetastet lassen könnte, aber doch kräftig genug wäre, um als seelische Grundlage in den plastischen Gebilden der Kultur erkennbar zu sein. Eine neue Besinnlichkeit wird diese Epoche einleiten müssen und eine Soeben erschien die Zweimonatsschrift DER MORGEN Begründer: Julius Goldstein. Jahrgang 6 Heft 5 Aus dem InhaltNr. 5, 6. Jahrgang: Heinrich Aull: Persönlichkeit oder Masse? — Max Dienemann: Lebensgestaltung der jüdischen Frau. — Bertha P appenheim: Vision. — Max Eschelbach e r : Vom Sinn der jüdischen Trauung. Der Trauungssegen. — Carl Gebhardt: Das Lied der Lieder. — Wilhelm Michel: Die Schicksalsfrage des Nationalismus. — Paul Bettelin: Die Jewish Colonization Association (J.C.A.) ins Deutsche übertragen von Margarete Goldstein. — Jakob Meit- 1 i s : Randbemerkungen zur jüdisch-deutschen Erzählungsliteratur des 16. Jahrhunderts. Preis M. 2,25. Philo Verlag iinl" " : (r. tu« b, H, Tel. 12 Oliva 5074 BSfÜS W15 Emser Strasse 42 neue Sinngebung des Lebens und der Dinge um uns. Es kann sich nicht um die Herrschaft des Geistigen handeln, sondern um seine richtige Erkennung. Auf Grund dieser gemeinsamen und allgemeinen Haltung (die man sich wohl nicht als eine Uebereinstnnmung der Meinungen vorstellen darf) erwächst organisch das Volkstum und schafft sich den gesellschaftlichen und staatlichen Aufbau, der die Einordnung und Einstufung des einzelnen in das Ganze ermöglicht. Denn im neuen Reich wird der einzelne nicht Gleichheit mit dem andern beanspruchen können, die ihm von Natur nicht Zukommt. Er wird auch nicht frei sein in dem Sinne, daß er losgelöst wäre von allen Bindungen, sondern ihm ist nur die Freiheit zum Werke gegeben. Das Recht des zukünftigen Reiches sichert jedem die Stellung, die er seiner Besonderheit nach innerhalb der Gemeinschaft einnimmt: Recht, VonkpiegspnÄss! Tube 60 Pf. u. 1 Mk.