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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-05 · 49 (5.12.1930) · p. Seite 632

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
Seite 632 (sequence 8)
Language
German
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ö32 «äSISLJ z"r Gesundkaltung! mim Mil! l Fachinger Yersandstelle, Berlin SW 11, Schünefaerger, Strasse 16a. Telefon:'Lützow 8260/61. Sittlichkeit und Sitte fließen aus derselben Quelle. Das Ganze, das über dem Individuum steht und es durch die tiefe Bindung metaphysischer Gleichgerichtetheit in sich faßt, liefert den Wertmaßstab. Dem Ausbau des Staates dient wiederum die hierarchische Gliederung der katholischen Kirche zum Vorbild. Dem Staate wird die absolute Verfügungsgewalt genommen. Aus dem Ganzen lösen sich geistige Lebenskreise, die ihr Recht selbständig schaffen. Staat und Gesellschaft sind nicht mehr dasselbe. Nur in kleinen Zellen hat das demokratische Prinzip seine Stätte und dient einer engen, gesellschaftlich-lebendigen Verknüpfung zwischen Führer und Geführten. Gerade dieses Verhältnis soll eine grundsätzliche Neuordnung erfahren. Der Führer, der bisher die Interessen der Geführten vertrat und ein im Grunde willenloser Exponent seiner Gefolgschaft war, hat nun im wesentlichen sittlich-erzieherische Aufgaben. In ihm lebt nicht der Wille, sondern die Wesensart der Geführten, und dieses Bewußtsein ist so stark, daß es ihm Kraft zum Handeln gibt, für das er sich verantwortlich fühlt nur vor der höheren Idee der Gemeinschaft und vor seinem Gewissen. Solche Menschen sind immer in der Minderheit. Jung bezeichnet sie als die Hochwertigen und stellt ihnen den bisherigen Führertyp als den der Minderwertigen gegenüber, der nicht von der sittlichen Verantwortung dem Ganzen gegenüber geleitet wird, sondern sich als Vollstrecker des Massenwillens fühlt. Hochwertig sind für Jung alle Handlungen, die die Zwecke der Ganzheit, nicht den reinen Teilzweck verfolgen. Es ist nicht möglich, auf Einzelheiten der umfassenden Vorschläge Jungs einzugehen. Einzelfragen haben zudem, vom großen Fragenkomplex her gesehen, nur untergeordnete Bedeutung. Es ist jedoch nicht zum umgehen, hier mit einigen Worten Jungs Stellungnah m e z u m Jude n t u m anzudeuten. Seine Ansichten sind im wesentlichen beeinflußt von Stapel. Die Auseinandersetzung mit den Juden ist ihm nicht eine Raffenfrage, sondern eine Frage der wesensmäßigen Verschiedenheit ziueier Völker, der verschiedenartigen geistigen Struktur. Das Gespenst jüdischer Führung, ja geradezu jüdischer Verführung, taucht auf. Händlergeist und Judentum sind ziemlich identische Begriffe, und bei der Erbitterung gegen das Finanzkapital, das angeblich die schaffende Wirtschaft unter sein Joch gebracht und sich mit dem Marxismus gegen sie verbündet hat, zeigt sich im Hintergründe die Ansicht, daß auch hierfür der Jude verantwortlich'gemacht werden soll. Wenngleich Jung zugibt, daß es eine einheitliche Geisteshaltung unter den Juden nicht gibt, so scheinen sie ihm doch überwiegend Individualisten zu fein. Diese Beobachtung ist wohl im Augenblick zutreffend. Aber Jung stellt die Frage, ob sie nun Individualisten kraft Blutes und Religion oder kraft Geschichte sind, ob ihr Individualismus innere Geistesverfassung oder geschichtliches Ressentiment ist, für einen besonnenen Schriftsteller in seinem Zusammenhang reichlich spät, an einer Stelle, wo bereits der Urteilsspruch gefällt ist und an der man Einwände und Milderungen nicht mehr erwarten kann. Wie einfach es sich Jung macht — Aehnliches findet sich übrigens auch bei der Behandlung anderer Probleme — ersteht man an der Darstellung des jüdischen Aufstiegs. „Der Jude", so heißt es da, „brauchte nur die Partei der Aufklärung und des Individualismus zu ergreifen, um von innen , heraus das Gebäude deutschen gesestschaftlichen Aufbaues auszuhöhlen. Er brauchte sich nicht zur Spitze der Gesellschaft emporzudienen, sondern er zwang den Deutschen eine gesellschaftliche Auffassung auf, welche die Judenschaft zu ragender Höhe führen mußte." Man beachte das Wort „brauchte nur". Es klingt, als habe der Jude so lange aus der Lauer gelegen, bis sich eine günstige Gelegenheit bot, und dann habe er sich frisch und fromm ans Werk gemacht und alles niedergerisfen, was ihm in den Weg kam, wie man eine schlecht gemörtelte Mauer abträgt. Man kann sich kaum eine erheblichere Ignorierung der geschichtlichen Fakten denken, als in dieser Darstellung zu finden ist, zumal der Erfolg, der bekanntlich in Deutschland am längsten aus sich warten ließ und am unvollkommensten erreicht wurde, in gar keinem Verhältnis zu einer so einfachen Arbeit steht. Tatsächlich haben Juden in der Epoche der Aufklärung gar keine nennenswerte Rolle gespielt. Der einzige, der Wesentliches zu jenen Fragen gesagt hat, Moses Mendelssohn, griff in die Diskussion ein zu einer Zeit, als die Ergebnisse bereits feststanden und übernahm seine Anschauungen durchweg aus der nichtjüdischen Aufklärungsphilosophie, insbesondere aber von der Leibniz- Wolsfschen Schule. Hier zeigt sich eine Erscheinung, die sich in der jüdischen Geschichte der Diaspora durchweg findet und die das Bild von der angeblich jüdischen Führerschaft gerade umkehrt. Die Geschichte zeigt, daß sich die geistigen Strömungen im Judentum immer gewandelt haben gemäß den Strömungen, die in der jeweiligen Epoche das Geistesleben der Völker bestimmten. Der Jude war im Mittelalter genau so streng in die hierarchische Gliederung und in die geistigen Strömungen eingefügt (Maimonides) wie der Nichtjude. Der Jude unterlag auch dem Siege der liberalen Geistesrichtung, und wenn er zäher an ihr sesthielt als der Nichtjude, so ist das wohl zu verstehen; denn sie hat ihn aus einem unwürdigen Zustand befreit, während die vorher herrschende Gesellschaft von sich aus nicht die Kraft aufbrachte, diesen Zustand zu ändern. Sollten wirklich einzelne Juden — denn nur um einzelne, keineswegs aber um die Masse kann es sich handeln — sich Führerstellungen im deutschen Volke errungen haben, so kann das zunächst ohne Bedeutung sein, da die heutigen Führer nach Jung nichts als „Vollstrecker des Massenwillens" sind. Richtig gesehen, sind sie die Geführten; denn sie folgen dem Zeitgeist. Spät erst kommt bei Jung das Eingeständnis, daß das deutsche Volk selbst individualistischem Denken Tür und Tor geöffnet hat. Eine Betrachtung der alttestamentlichen Staatsauffassung würde Jung gezeigt haben, wie nahe die im jüdischen Religionsgesetz festgelegten Gedanken seiner eigenen Staatsaussassung verwandt sind. Auch dort findet sich — es wird sich trotz aller liberalen Interpretation nicht bestreiten lassen — das Reich Gottes aus Erden, auch hier findet sich eine ständische Gliederung, entsprechend den einfacheren sozialen Verhältnissen zwar nicht so differenziert wie im Mittelalter, aber doch ganz deutlich hervortretend, und ebenso ist hier das Hauptgewicht aus den bäuerlichen ^tand gelegt, den man dank der Einrichtung des Jubeljahres aus die Dauer gar nicht vom Boden lösen konnte. In der deutschen Judenheit macht sich ebenso wie im übrigen Volksteil heute eine heiße Sehnsucht bemerkbar nach einer echten Gemeinschaft. Mit Schmerz wird hier wie anderwärts die Vereinzelung des Menschen der Gegenwart empfunden und der Trieb, aus gemeinschaftlicher Quelle heraus gemeinsam Leid und Freud erfühlen zu können, drängt auch hier zur Verwirklichung. Wenn man diese Gesichtspunkte beachtet, so ist die jüdische Frage die unwesentlichste, die das deutsche Volk zu lösen hat. ' Wird das deutsche Vo-lk aus eigener Kraft zu einer würdigen Neugestaltung seines staatlichen und kulturellen Lebens Vordringen, so werden die deutschen Juden gewiß nicht versagen und sie werden sich nicht dem Strome eines neuen, einigenden und eng verbindenden Geisteslebens entziehen. vr. Kurt Eckstein.- Dem Weltkrieg entgegen jüdisches aus dem zweiten Band von Büiows „Denkwürdigkeiten“ Unter dem Titel „Von der Marokkokrise bis zum Abschied" ist soeben der zweite Band der Bülow-Memoiren im Ullstein- Verlag erschienen. Die Zahl der Stellen, in denen Bülow aus jüdische Dinge zu sprechen kommt, ist im neuen Bande bei weitem geringer als im ersten. Vor allem sind es die Persönlichkeiten V a l l i n s, dessen Bild den Band unter anderem schmückt, und R a t h e n a u s, die immer wieder an stauchen, lieber Raihenau finden sich folgende Stellen in dem Band: Als Anfang September 1906 das Kolonialamt mit einem neuen Leiter besetzt werden sollte, dachte. Bülow zuerst an Walther Rathenau, den er damals noch nicht persönlich kannte, von „dessen vielseitiger Begabung" er aber gehört hatte, und im gleichen Zusammenhang zitiert er, der Zitatenreiche, einen Ausspruch des Grasen Ballestrem: „Ein evangelischer Kultusminister ist uns nicht gerade sympathisch, einen katholischen können wir als Minorität nicht verlangen, wie wäre es, wenn Sie uns einen jüdischen Kultusminister gäben?" Weiter betont Bülow, daß ihn Rathenau bei der Beilegung des Eulenburg-^kandals unterstützt habe. Zwei Jahre später, nachdem Bülow Nathenau kennengelernt hat, im Jahre 1908, will Bülow ihn abermals zur verantwortlichen Mitarbeit an den Regierungsgeschüsten heranziehen. Echeißt darüber: „Als Nachfolger dachte ich zunächst an Walther Nathenau, der viel in meinem Haus verkehrte und mir wiederholt Beweise großer und feuriger Verehrung für mich' gegeben hatte. Am Abend des 17. November über- - sandte er mir (nach der großen Reichstagsdebatte über die „Taily-Telegraph"-Assärel ein Prächtiges Blumenarrangement mit seiner Visitenkarte, aus der stand: „Dem . Retter des Vaterlandes sein allezeit getreuer Walther Rathenau". Ich glaube noch heute, : daß er sich zum Reichsschatzsekretär wohl geeignet haben würde, besser als später zum Minister des Aeußeren. Bei Kaiser Wilhelm war er wohl gelitten. Ich habe schon gelegentlich erwähnt, daß dem Kaiser 'konfessionelle Voreingenommenheit und Rassenvorurteile, insbesondere auch jeder Antisemitismus, völlig fern lagon. Er meinte aber, daß die Ernennung eines Israeliten für dieses im damaligen Moment wichtige Amt des Reichsschatzsekretärs die Rechte zu sehr verstimmen würde, die ohnehin ^gerade in Steuersragen schwer bei der Stange zu halten war. Aus diesem Grunde lehnte er auch den sehr klugen Bankier Karl F ü r - stenberg ab und selbst seinen Liebling Albert Ball in. Ich bin übrigens nicht sicher, ob die beiden letztgenannten, vorher und nachher von mir sehr geschätzten Herren meinem Rufe gefolgt wären, wenn ich einen solchen an sie gerichtet hätte ..." Zu Beginn des Jahres 1909 beschäftigte sich Bülow eifrig mit dem klane einer kiottenverrtLneiitznntz mit England. Man weiß, daß das Nichtzustandekommen dieser Abmachungen dem Für-, sten Bülow die schwersten Vorwürfe eingebracht hat und daß ein großer Teil unserer Historiker hierin letzten Endes die Ursache der Keltkatastrophe von 1914 erblickt. Auch bei dieser Gelegenheit läßt Bülow sich von B a l - lin beraten, der ihm zu dieser Zeit einen: „langen und glänzenden Bericht" Rathen a u s übersendet, in dem dieser seine Ein-

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