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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-05 · 49 (5.12.1930) · p. Seite 630

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
Seite 630 (sequence 6)
Language
German
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H30 t e r"; und schon früh erknnnte er die soziologische Macht des F i l m s. Bab ist einer der wenigen heutigen Kritiker, die Dichtung nicht, oder nicht allein, nach ihren psychologischen, ihren lebensnahen oder lebensfernen Inhalten beurteilen, sondern aus Grund ihrer spezifisch dichterischen Kraft: den Weltstoss unmittelbar in Sprachstosf zu verwandeln. Auch das Drama deutet er in diesem Sinne, und er formulierte diese ästhetische Grundmeinung in der wichtigen Abhandlung „11 eber d ie sprachlichen Wu r zeln des Dramas", dem Hauptstück des Bandes „Nene Kritik der Bühne". Nicht anders als die lyrische und die epische Dichtung ist auch das Drama vor allem ein sprachliches Kunstwerk. Es ist ein großes Verdienst, daß Bab diese Elemente herausarbeitete. Allerdings unterschätzt er die andere, die baumeisterliche Wurzel des dramatischen Kunstwerks: wohl ermangelt das bestgebaute Stück der tiefsten und der dauernden Wirkung, wenn das sprachliche Leben fehlt, aber ebenso das sprachlich starke Drama, dem es an Aufbau und Struktur gebricht. Babs dramaturgisches Werk gliedert sich in zwei Folgen: allgemeine ästhetische Darlegungen über „M orphologie des D r a m ct s", den Dialog, „M Y t h o s und Drama", „Philosophie der Schaus p i e l k u n st", und ständige, systematische Kritik der zeitgenössischen Dramatik, gewissermaßen ihre mitlaufende Geschichte. Bab wirkte als Theaterkritiker der „Welt mu Montag", als Berliner Korrespondent auswärtiger Blätter und verwaltet jetzt das Referat der „Berliner Volkszeitung". Seine Betrachtung des modernen Dramas ist zusammengefaßt in der fünfbändigen „Chronik", deren einzelne Teile Abschnitte von je. sieben Jahren überblicken und die fortgesetzt werden soll. Wie das Drama, so hat Babs Arbeit unablässig das Problem des Schauspielers umkreist. Für ihn ist der Schauspieler nur „ein krasser Fall des Menschen, er tut täglich einmal, was der gewöhnliche Mensch lebenslänglich einmal tut: er bildet aus dem Vorrat seiner vorhandenen Instinkte, Kräfte, Vorstellungen . . . einen Charakter, eine Persönlichkeit". Wiederum: die Kunst ist Bab ein Mittel, eins der .stärksten Mittel, um in die Fülle des Menschentums, uni an den Kern des Lebens vorzudringen. Die Kunst, inslnsondere das Drama, ist ihm letztlich wichtig und teuer als ein krasser Fall des Lebens. Auf den Menschen kommt es ihm an, darum wendet er sich gegen alle Dichtung, ob „privat" oder „kollektiv", ob „konservativ", oder „fortschrittlich", die der Gestaltung des Menschen aus irgendeine Weise ausweicht, und immer wieder preist er Shakespeare als den Gestalter des Menschen schlechthin und Zitiert immer wieder das Wort aus seinem Werk, dem „Sturm": „O Himmel, ist der Mensch so schön?!" Vielfältig ist Bab ein Menjch der fruchtbaren Mitte. In unserer Epoche, die gleichzeitig End- und Früh-Zeit ist, haben sich alle Grundlagen, Ueberlieferungen, Konventionen aufgelöst, und nichts ist bequemer, als das „Neue" und immer wieder Neue, den „Fortschritt", zu verkündigen. Bab hat niemals über den geschichtlichen Bedingungen der Jahrzehnte die zeitlosen Grundsorderungen vergessen. „Der kritische Geist", heißt es im fünften Teil der „C h r o - n i f', „muß sich bewußt bleiben, daß in den Kunstformen der Ausdruck eines zeitlosen Natnnvillens, einer ewigen Gesetzmäßigkeit für alles Menschenleben schlummert, und daß der besondere Wille einer Generation nur schöpferisch werden kann, wenn er in all seinem notwendigen Eigensinn sich mit dem unerschütterlichen Gesey dieser Formen in Einklang zu bringen weiß." Bab ist ein Mensch ohne Borniertheit, ohne Scheuklappen, ohne Vorurteil. Wer in Epochen voller Umsturz und Willen zur Erneuerung das Ueberzeitliche nicht vergißt, gilt leicht als rückständig; und wer nicht unbedingt auf jedes Quartalsgenie, auf jeden Saisonmessias schwört, ist ohne weiteres reaktionär. Bab ist niemals durch Tag und Mode verführt würden; gewiß hat seine bei aller Besonnenheit enthusiastische Natur sich bisweilen zu superlativischen Urteilen Hinreißen lassen, die auf die Dauer nicht Stand hielten, aber im allgemeinen merben seine immer vorsichtig begründeten Erkenntnisse vor dem höchsten Appelationsgericht, denn zeitlichen Ablauf, bestätigt weiden; ja, viele sind schon bestätigt worden. Bab ist de:: Lesern dieser Blätter wohlbekannt. Er hat sich oft zu den Problemen der Judenheit, insbesondere der jüdischen Deutschen, geäußert, er hat zum Beispiel eine Broschüre veröffentlicht „Goethe und die Juden", aber er hat immer nur als ein deutscher Schriftsteller gewirkt. Er hat, selbstverständlich, auch Kultur und Schrifttum anderer Völker betrachtet. Er hat Bücher über Shakespeare und Shaw verfaßt, fein „Theater der Gegenwart" handelt auch vorn italienischen, französischen, englischen, russischen Theater, die Reihe „Der Mensch aus der Bühne", als „Eine Dramaturgie für Schauspieler", betrachtet das griechische, das shakespearische, das Drama Calderons und Moliöres. Und trotzdem: der weitaus größereTcil seiner Arbeit dient, gewiß ohne vorgefaßte Absicht, einfach aus Notwendigkeit und Gesetz, der deutschen Kultur. Diese selbstverständliche Liebe, diese schicksalsgebundene Zugehörigkeit hat er ausgesprochen in dem hier abgedruckten Gedicht „D e u t s ch - l a n d", einem tiefen Bekenntnis, das aller nationalistischen Phraseologie weltenfern ist. Es ist nicht möglich, dies Land und sein Schicksal inniger zu umfassen, sogar Liebe ist ihm ein noch zu geringes Wort, um diese Nähe zu bezeichnen; nicht „Nähe", Identität „Kann ich mein Haar, mein Blut, mich selber lieben?" Und damit hat er formelhaft geprägt, was alle fühlen, die unserem Kreise Zugehörig sind. Wie im geborenen Dramatiker ein unvollständiger, ein verkümmerter Schauspieler steckt, so im geborenen Kritiker zumindest ein verkümmerter Dichter. Bab schuf außer den beiden, mindestens in einzelnen Akten und Szenen eindrücklichen, sprachlich von Hofmannsthals schwelgerischem Pathos bestimmten Dramen „Der Andere" und „Das Blut" drei lyrische Bücher. Biele seiner Gedichte stehen an einer charakteristischen Stelle zwischen Lyrik und Kritik, Zwischen Dichtung und Schriftstellertum, und dennoch, dies ist das Entscheidende/ wirken sie zu einem erheblichen Teil als Dichtung. Bab begann mit einem Bändchen „F r e i s p r ü ch e", bezeichnenderweise Sprüche, in denen ja von vornherein das verstandesmäßige, erkennende Element dem dichterisch schauenden gleichgeordnet ist. In diesen: Heft steht manches Hübsche: ein Mensch spricht sich frei; und schon ist das Bekenntnis zu jenem schöpferischen Aktivisnms vernehmlich. Das Zweite Versbuch formt „Lyrische Porträts": nicht Erzählungen oder Balladen von geistigen Schöpfern, sondern auf das knappste verdichtete lyrische Essays; Gedichte des Kritikers, aber Zum Teil wahrhaft Gedichte. Um solche Stücke hervorzubringen, bedarf es sprachlicher Einfühlung; der lyrische Porträtist ahmt, wie wäre es in unserer Zeit anders nröglich, das Urbild nach, doch er schasst keine Kopie, sondern ein umfassendes Abbild kraft eigener Schau. Zuweilen aber formt er ein Bildnis aus eigener sprachlicher Macht, ohne sprachliche Anfärbung. Der Dichter Bab ist viel zu wenig gekannt; in den Anthologien findet man ihn niemals. Indessen, Kern und Mitte des Babschen Wesens ist seine deutende Schau. Als ich vor geraumer Zeit in dieser Zeitschrift) Babs Essayband „B e f r e i u n g s s ch l a ch t" anzeigte, sprach ich den Wunsch aus, „daß Bab ein großes, zuscnnmenfassendes Werk, eine Babsche Summa schasse"; ein Werk, das nicht wie seine meisten Bücher „durch andere Bücher, durch Anlässe hervorgerusen wird, sondern von vornherein als Gesamtbild empfangen ist und Gesamtheit darstellt, eben die gegenwärtige geistesgeschichtliche, kulturpolitische Situation und ihre geschichtlichen Voraussetzungen". Um dieses Werk bitten wir Julius Bab abermals 31t seinem fünfzigsten Geburtstag. *) Nr. 12, Jahrgang 1929. Man trifft r^l Weihnachten sich llÜffl Neujahr im internationalen Kurort Bad Weisser Hirsch auf den Elbhöhen bei Dresden. Verlangen Sie ausführlichen Prospekt S. W. 30/81 von der Stadt. Kurverwaltung Bad Weisser Hirsch - Dresden.

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