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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-17 · 42 (17.10.1930) · p. Seite 550

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
Seite 550 (sequence 6)
Language
German
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550 strahlen läßt. Das spricht weder fite noch gegen die Eigenschaften von hell und dunkel, Licht oder Tuch, solange sie isoliert sind. Aber ihr Zusammenwirken ergibt solche Erscheinungen. Theater in jedem Sinne wird für das P u - b l i k u m gentacht. Man sagt mit tiefem Rechte, daß jede Generation ihren Faust, ihren Shakespeare schafft. Das bedeutet: jede Generation h ö r t anderes und ü b e r hört anderes. Sogar zeit lose Dichtung wird so zum Z e i t - theater. Weil die Konflikte des Individuums wie der Gemeinschast stets die gl e i ch e n bleiben, wie sie auch benannt werden mögen, erlebt jeder Bewußte stets Gegenwart, ob die große Totenklage der Troerinnen des Euripides erklingt oder Hamlet spintisiert, der Prinz von Homburg rebelliert, Faust sein Volk beglücken will oder Meister Anton die Welt nicht mehr versteht. Ter Ewigkeitswert einer Dichtung liegt in ihrer Eigenschaft, zeitliche Distanz aufheben zu können. Trotzdem gibt es eine besondere Form der Aktualität, eine gefährliche Form: Mode. In diesen Blättern ist bei zahlreichen Anlässen die Frage aufgeworfen lind ihre Beantwortung versucht worden, weshalb gerade in dieser Zeit, die Juden und Judentum in den Schnittpunkt gehässiger oder sachlicher — m e h r geh ä s s i g e r als s a ch l i ch e r — Betrachtungsweisen stellt, kaunr eine Woche hingeht, ohne daß nicht ein Theaterstück, ein Film, ein Roman mit jüdischem Inhalte oder jüdischen Figuren erschiene. Müßig ist die Frage, ob daher die Aktualität jüdischer Fragen stammt oder ob zuerst die Gegenwärtigkeit und Umkämpftheit jüdischer Dinge im Alltag war, und dann erst literarische Verwertung teils aus dichterischem Drange, teils aus Konjunktur folgte. Heute i st.die Judensrage ein brennendes Problem der Wirklichkeit, und darum verstärkt ihre literarische Verwertung in jedem Falle die grundlos zentrale Bedeutung, die das Judentum und speziell das deutsche Judentum in der Vorstellung zahlloser Menschen besitzt. Jeder Zuhörer, jeder Leser, auch der jüdische, besitzt Soeben erschien die: Zweimonatsschrift DER MORGEN Begründer: Julius Goldstein. Jahrgang 6 Heft 4 Aus dem Inhalt Nr. 4, 6. Jahrgang: M. Eliasberg: Not, Hilfe, Fürsorge. — Margarete Goldstein: Eindrücke von der Londoner Weltkonferenz. — Lily H. Montague : Aus meiner Lebensarbeit. — Felix Perles: Geschichtsphilosophische Gedanken im rabbinischen Schrifttum. — C. Watzinger: Die antiken Synagogen Galiläas. — Else Sc h ub e r t-Ch r i s t a 1ler: Zum Verständnis der Piutdichtung. — Max Dienemann: Zur Leben - Jesu- Forschung. — JuliusBab: Rudolf Schildkraut. — H. Stern: Staats- und Volksprobleme in der Erziehungswissenschaft. — Dora Edinger: Sommerschule des Jüdischen Frauenbundes in Bad Dürkheim. — Herbert Grabert: Seelenforschung und I Seelenführung. — Hanns Reissner: Aufgaben einer Palästinastatistik. Preis M. 2,25. Pbilo Verlas und Badrhändlung G. m. b. H. Tel. Dönhoff 3595 BCfliD SW 68 Lmdenstase 13. heute eine besondere Disposition, jüdische Vorgänge anfzunehmen. Heute verschwindet echolos alles, was an Recht und Gerechtigkeit im Zusammenhang mit Juden vom Dichter verkündet wird. Aber die Gewalt, die er verdammte, sindet begeisterte Billigung. Man sieht Gerissenheit und übersieht Klugheit, man empfindet Gemeinheiten und hat für Feinheiten kein Organ. Dichter und Schauspieler andern sich mitunter über Applaus an falschen Stellen — wie s i e meinen. Das Publikum spendet eben sein e n Stellen Beifall, und der Dichter hatte vergessen, daß sein Stück im Augenblicke der Aufsührung ein Eigenleben beginnt. Diese Vergeßlichkeit ist heute eine höchst unerfreuliche Erscheinung. Sie ist gefährlich, wenn sie bei jüdischen Stoffen und Schriftstellern anzutressen ist, denn die Wirkung stellt sich dann nteist als Opposition par imitation dar: Als Protest gegen die Ueberschwemmnng mit jüdischen Sujets entschließt sich der Zuschauer, die vom Dichter abgelehnte Lösung seinerseits zu übernehmen. Man spricht und schreibt so viel über das Judentum, weil es modern scheint. Wir meinen, es sollte eine Mode von gestern werden. Warten wir ab, wie eine beruhigte Zeit das Schaffen beurteilen wird, das heute als Zeittheater gedacht war: Rührt es später an die Seele der Menschen, dann schadete die Panse nicht. Klingt es leer, dann war es wie in der Gegenwart: Unzeit-Theater. m. Politik auch im Film — Im Berliner Gloriapalast läuft seit Montag der neue Fannings-Film der Ufa „Der Liebling der Götter". Als Manuskript gerade kein Kunstwerk, ist er doch sehenswert wegen der ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen; vor allem von I a n n i n g s, des immer noch besten deutschen Filmschauspielers mit seiner ganz menschlichen Kraft und Fülle, dem alle Töne vom Lachen bis zum tiefen Schmerz zu Gebote stehen. Aber die Freude an seiner reifen Darstellungskunst wird stark getrübt durch eine große Geschmacklosigkeit. In ein paar kleinen Szenen in der Mitte des Films treten Willy Prager und Siegfried B e h - risch auf und geben wieder einmal eine kräftige Probe ihrer bekannten Jargonkünste, so daß schließlich sogar bei dem geduldigen Publikum des Berliner Westens — am Dienstag abend — einige Pfiffe laut werden. Damit wir richtig verstanden werden: wir haben uns immer gegen ein Kunstspießertum gewendet, das jeden harmlosen jüdischen Witz zum Anlaß einer gewichtigen Strafpredigt nnnmt. Aber um so entschiedener müssen nur uns gegen eine Jüdelei verwahren, die mit Kunst nicht mehr das geringste zu tun hat. Die in dem Film gegebene Situation gäbe an sich gar keinen Anlaß zur Verwendung von jüdischen Typen von einer Art, wie sie anscheinend nur noch auf der Possenbühne Vorkommen, wenn nicht, vom Schauspieler oder Regisseur, auf einen Beifall spekuliert würde, der aus der Sphäre sehr niedriger Instinkte konunt, möge er nun von Juden oder Christen gespendet werden. Wo es dem wirklichen Milieu entspricht, wie in dem gleichzeitig lausenden Film „Dreimal Hochzeit", der im New-Dorker Judenviertel spielt, werden Jargontexte, auch humoristischer Art, von einem bunt gemischten Publikum mit Verständnis entgegengenommen. Aber man braucht nur die komischen Szenen dieses Filmes und die „humoristischen" der oben genannten Herren nebeneinander zu sehen, um einen guten Anschauungsunterricht zu bekommen über künstlerische Würde und — ihr Gegenteil. Br. Friedrich Brodnitz. Und weint der kleine Bruder* 'Kommt Cottehen gfeich und spricht Nimm k JTA/SfJ? / ama, dann weint er nicht! IV. — und in der Malerei! Schon einmal f)at inDresden ein sozusagen völkisches Bild unliebsames Aussehen erregt. Das stammte von G u h r, suchte mit nicht unbeachtlicher Technik den Womnskult zu verherrlichen und verkörperte eine Idee, über deren Auslegung an Hand der das Bild umrahmenden hebräischen Initialen sich immerhin diskutieren ließ. Was aber dort ein vereinzelter Fall, ein Grenzsall war, hat nunmehr ein Haus weiter aus der Brühlschen Terrasse seine Erhebung zum S y st e m gesunden. Dabei sei vorausgeschickt, daß diese A u s st e l l u n g der sogenannten I u r y s r e i e n von vielen auswärtigen, ohne Zweifel meist nicht rechtsstehenden, vielleicht überhauvt unpolitischen Künstlern beschickt ist, unter denen sich Namen finden wie Lieberm a n n oder auch K ö r n e r, der als geschätzter einheimischer Spezialist für Kircheninterieurs ein stimmungsvolles Bild der Dresdener Synagoge zeigt. Den Eintretenden grüßen bereits links an der Kasse Reproduktionen von W. G a s ch s großem Hitler - Porträt sowie von einem Bilde „Deutscher Morgen". Auf das Original, einen Riesenschinken, stößt man im ersten Hauptsaal. An dem Bilde ist groß lediglich die bemalte Fläche, sonst nichts. Es macht durch die Porträtechtheit der drei schönen, lebensgroß nachgebildeten Hakenkreuzjünglinge in voller Dienstunisorm, durch die Farbensreudigkeit der Blumenwiese, aus der sie — vor Deutschlands Bergen und Burgen im Hintergrund — ihre Hakenkreuzsahne schwingen, und schließlich durch das Ausmaß der roten Fahne selbst, die im Winde flatternd als beherrschender Blickpunkt das Ganze krönt, den Eindruck eines gut ausgeführten Wahlplakats, das gar nichts anderes sein will als Gesinnungsmalerei. Es fehlt aber die künstlerische Kraft, die die Idee sinnfällig machen und das Tendenzwerk zum Kunstwerk erheben könnte. Auf dem Wege zu den oberen Regionen hat der Kunstfreund noch einmal das nationalsozialistische Kunst-Fegefeuer zu passieren: denn von der Wand des Treppenaufganges grüßt das schon erwähnte Hitler-Porträt, lebenstreu umrahmt von skizzenhaften Posen seiner Gardisten. Dem „Deutschen Morgen" waren bei der Eröffnung zwei uniformierte P osten beigegeben, und noch jetzt wird das — wertvolle oder gefährliche? — Gemälde ständig bewacht. Ein Lausitzer Maler soll die Weiher e d e auch mit entsprechendem politische n Einschlag gehalten haben, kurz: System. Das Dresdener Rechtsblatt nennt das Bild von Gasch „die Sensation der Ausstellung" mit der Begründung: „durch die starke politische Betonung nationaler Gesinnung." Wie echte und n a t i o n a l e K u n st i m eth ische n Sinne des Begriffs aussieht, zeigt in derselben Ausstellung ein kleines, seines Gemälde „Der Trommler". Das ist wahre Kunst, erhaben über Parteitendenz. Die Gefahr, daß sich auch in der Kunst „nationalsozialistische Zellen" bilden, ist groß; es gilt für alle Gutwilligen, sie Rechtzeitig zu erkennen ilnd nach Kräften zu bannen. Br. Richard Elb (Bresden).

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