Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- Seite 551 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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551 Wiröas Ephralmsche Palais abgebrochen! Ein Stück Mischer Geschichte in M-S erlin beöroht Für die Erweiterung des Wasserweges mitten durch Berlin haben die städtischen Behörden jetzt einen Plan herausgebracht, der, würde er Wirklichkeit, das Ephralmsche Palais, ein Kleinod deutscher Nokokokunst, aus dem Stadtbild verdrängen würde. Man weiß, daß dieses Gebäude an der . Ecke Mühlendamm und Poststraße einst dem Münzentrepeneur und späteren Erbpächter der königlichen Gold- und Silbermanufaktur gehörte, der es 1761 von Friedrich dem Großen als Zeichen seines besonderen Wohlwollens zur Niederlassung erhalten hatte. Nathan Beitel Ephraim war einst aus Hamburg nach Berlin gekommen, und da er ein begüterter Mann war, hatte der König ihm, wie es damals üblich war, die Münze aus unbestimmte Zeit verpachtet. Schon die Markgrasen aus dem bayerischen Hause pflegten, wenn sie in Geldnot waren, an einzelne Unternehmer oder oftmals auch an ganze Gesellschaften ihre Münze zu verpachten. Die Münzpächter erfreuten sich großen Ansehens im Lande, sie unterstanden der Hofgerichtsbarkeit. Das Gebäude gehörte den Tonnenbinderschen Erben während des 17. Jahrhunderts, ganz zuletzt dem Apotheker Tonnenbinder, dessen Sohn 1688 vom Kurfürsten Friedrich III. aufgesordert wurde, das baufällige Haus zu renovieren. Im Jahre 1700 stürzte der kaum begonnene Bau ein, sein Besitzer geriet in Schulden und zugleich in Prozesse mit der Stadt Berlin. Nathan Beitel Ephraim, der zusammen mit einen: noch freien Gelände am Mühlendamm, das Haus kaufte, ließ das Innere im Geiste der Zeit einrichten. Es bildet noch heute ein Kleinod sriderizianischen Rokokos. Ephraim, der Schwiegersohn und Kompagnon des reichen Münzsaktors Frankel — dessen Sohn der Rabbiner David, der Lehrer Moses Mendelssohns war —schuf dann die noch heute gut erhaltene Prachtfassade mit den acht Säulen, die, wie man sich erzählte, der große König seinem Münzentrepreneur nach der Zerstörung des Schlosses Brühl gestiftet hatte. Den neuen Forschungen von Tassilo Hofsmann über einen der bedeutendsten jüdischen Medailleure sriderizianischer Zeit, Abraham A b r a m s o n, ist es zu danken, daß auch wichtiges Material über Nathan Beitel Ephraim in unseren Besitz gelangt ist. (Tassilo Hoffmann, „Jakob Abraham und Abraham Abramson, 55 Jahre Berliner Medaillenkunst 1755—1810", Verlag I. Kauffmann.) Ephraim war es, der Abramson Zur Prägung der bekannten Münze aus den Hamburger- Frieden 1762 veranlaßte, deren geistiger Autor Moses Mendelssohn war. „Die Münzherren verlangen eine Friedensmedaille. . ., wo Sie nicht bald eine Idee einsenden, läßt Herr- Ephraim seine Illumination ganz wie sie war, mit Lampen und Kieserlaub, auf die Medaille bringen." So heißt es in einem Briese Mendelssohns an den Dichter R am leb. Moses Mendelssohn wollte den Ruhm Friedrichs des Großen durch Kursmünzen verewigen. Er schlug Ephraim kupferne Ein- und Zweigroschenstücke vor, wobei auf der einen Seite die Wertbezeichnung, auf der anderen aber die Taten Friedrichs II. aus dem Siebenjährigen Kriege angegeben werden sollten. Ephraim wollte die Kosten für das Unternehmen vorschießen, Mendelssohn, Nicolai und Na ml er sollten die Darstellungen erfinden. Wie uns Nicolai berichtet, „war ein unglückliches Mißverständnis mit dem Kupferstecher M e i l die Ursache, daß das Unternehmer: nicht zustandekam". Die Geschichte des Palais E p h r a i m, das hoffentlich ein gütiges Geschick vor der Abbruchsgefahr bewahren wird, trügt in jeder Beziehung ein typisches Berliner Gepräge. Bor hundert Jahren gehörte der Mühlendamm zur Hauptgeschäftsgegend der Stadt. Läden aller Art waren im Parterre und im Keller untergebracht, unter anderen auch das Geschäft des Kaufmanns W o l s s e n st e i n , iDa§Jld) in unseren Tagen in der Leipziger Straße befindet. Es ist inirner amüsant, aus Schilderungen Alt- Berliner Lebens zu hören, daß es manch erregten Briefwechsel mit der Polizei gab, die eine Entstellung der prächtigen Hausfassade mit Schildern nicht dulden wollte. Dr. Olga Bloch. Erste und letzte Begegnung mit 3ulius hart Von Josef Wirrckler Es war im Hause von H. Ostwald, wir saßen bereits am Tisch, als die Hausfrau mir zuflüsterte: „Wir haben eine besondere Ueberraschung für Sie — ein alter Herr ist's, der schon oftmals sagte: .Den tollsten Dichter meiner Heimat mutz ich endlich doch kennen lernen' — raten Sie, wer's ist?" Ich dachte an irgendein gutes Original, das mir wahrscheinlich neue Streiche vom ,Tollen Bömberg' erzählen wollte und danach die westfälische Literatur maß — aber die Hausfrau lächelte: „O nein, dieser alte Herr ist einst aus Westfalen geflohen, da er nach seiner Behauptung sonst drin erstickt wäre, gerade aus der Muffigkeit seiner Heimat aufgewacht als Streiter um ein freieres Weltgefühl!" — „Dann ist es Julius Hart!" — rief ich freudig überrascht. Die Tür ging auf, JuliusHart trat ein. Ich habe für alte Leute eine merkwürdige, heroisch-zärtliche Zuneigung behalten aus der Erlebnissülle, der Erzühlerfülle all' der alten und uralten Leute auf „Haus Nyland" in Westfalen, wie ich's in meinem Buche „Pumpernickel" als Kinderwelt zu schildern versuchte. Und mir schien mit dieser hohen Gestalt, dem frisch geröteten. Bläulich durchäderten, breiten Gesicht, der gewaltigen Habichtsnase, dem schohen Haar, den großen Händen und dem schweren Gang, mir schien, mit Julius Hart träte der Letzte meiner Sippe selber mir gegenüber und doch geistiger durcharbeitet — welt-gelockert. Wir waren in der Tat beide bewegt, fast geniert. Hart knipste ein Auge: „Ja, ja — in diesem Lande der langen Kerle — der Geschichtsschreiber Annegarn war klein, die Droste war nur mittelgroß, der Kortüm war klein, der Landois war sogar sehr klein, der Schücking war auch klein, Theodor Neuhoff, der abenteuernde König von Korsika, soll auch nur Schneidergewicht gehabt haben, aha, der Wiedertäufer Knipperdolling war selbstverständlich klein und der Widukind sogar ein rechter Knirps, alles, was aus der Art schlägt, bleibt klein. — Wissen Sie, weil ich lang geschossen bin, reichte es nur zum Kritiker!" Wir alle lachten. Die Sache mit Theodor Neuhoff war sicher geflunkert, aber der Alte war in Prächtiger Laune. So plauderten wir bald von alten Zeiten. Nun liege er meist auf der ,Dehmeline*. — Dehmel habe ihm nämlich eigenhändig damals diese Chaiselongue gezimmert, die bis heut seinen Namen trage! — A. Herrmann&Sohn BER LI N W 50 Ansbacher Strasse 42/43. B 4, BAVARIA 5947. Schokoladen / Gebäck / Tee Feines Teegebäck von M. 0,98 an Or. Fromm’s Nährmittel für Zuckerkranke. So folgte Geschichte auf Geschichte. Am merkwürdigsten diese: Hart schilderte seinen Vater in Tecklenburg als einen lebensleichteu Mann, bis er eines Tages an einen zugewanderten. Juden geriet, der ihm nach vielen: Hin und Her endlich Geld lieh. Und der Jude lief und lief durch die Gegend als Viehhändler, sparte und sparte und gewährte immer neuen Kredit. Er lieh, bis Kapital und Zinsen wie der Turm zu Babel schwollen — es wurden sage und schreibe 30 000 Mark! Für damalige Zeiten eine märchenhafte Summe! Einmal mutzte endlich abgerechnet werden, die schöne Sparbüchse Harts mußte Zins und Zinseszins jetzt ansschütten, aber der leichte Herr zu Tecklenburg kehrte die Taschen um und hielt die leeren Zipfel zwischen den Fingerspitzen. Es gab eine heftige Szene. Hart senior erwartete aus Hals und Kragen einen schlimmen Prozeß, der ihm die Stellung kosten, anutzte. Mutter in Verzweiflung. Kinder entsetzt an den Türen, da weinte Levy schließlich selber mit über solche Not, ging stumm hinaus und kam nicht wieder. Bald darauf starb er und siehe da — die g a n z e r i e s i g e S ch u l d s u m m e w a r i in T e st a m e n t d e in Schuld n e r v e r - m a ch t! „Seit dieser Zeit dulde ich kein Wörtchen gegen Juden", — fügte der Erzähler hinzu — „entweder hatte ihn unser Schreck ganz übermenschlich erschüttert, oder etwas von jener mythischen Vergebung aller Schuld des alten Judentums in jedem siebenten Jahr lebte in dem Manne wieder auf-jedenfalls konnte er aber dies Fiasko aller seiner Mühen anderseits auch nicht ertragen und starb daran. Ein seltsam tragischer Fall . . Geschichten, wie im eigenbrötlerisch abgeschlossenen Westfalen manche erlebt wurden, und ich bestimmte ihn, von Kindsbeinen an bis zu jenen Tagen der „kommunistischen" Boheme, eines jetzt schon entschwundenen Dichtergeschlechts, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Er schien noch nie daran gedacht zu haben, denn die letzten Jahre kränkelten, schweres, entsagungsvolles Leben mit persönlich bedrückendem Schicksal war über ihn niedergeganaeu ohne Verbitterung — ich hätte ihn mir in Münsters Altbierkneipen herrlich vorstellen können, für jedes ,Döhnkew dankbar, ob er auch mit Gelassenheit abwinkte: „Wenn dort wenigstens der Höllenprofessor Bautz noch lebte, der die Krater für Schornsteine der Hölle hielt und genau nach dem Druck geologischer Erplagerungen die einzelnen Hitzegrade berechnete, der hätte mich vielleicht bekehren können — sonst aber bliebe ich den Leuten drüben zu sehr entfremdet!" Dann streiften wir jene monströse Affäre von der „Lutherbibel", die eine lauge, unglaublich dreiste Mystifikation gewesen ist, darauf Gelehrte, Archivare, Fürsten, amerikanische Millionäre hereinsielen — wie wiederum nur in unserem, mit recht-grätischigen Originalen gesegnetem Münsterland Begebenheiten passieren können, die ich später mitteilen werde. Weiße Zähne: Chlorodont