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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-17 · 42 (17.10.1930) · p. Seite 549

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
Seite 549 (sequence 5)
Language
German
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JUD SÜSS Zugleich eine Betrachtung über das Zeittheater i. Geschichtliche Reminiszenzen zuPaulKornfelds neuem Bühnen werk Von Dr. Hugo Lachmanski Es sind hier und da Zweifel entstanden, ob es ratsam war, in einer Politisch so bewegten, von antisemitischen Sturzwellen überschwemmten Zeit uue der unsrigen, die heftig umfehdete Gestalt des jüdischen Emporkömmlings Joseph Süß Oppenheimer, beffctt Lebensweg vor etwa zweihundert Jahren ebenso steil auswärts, wie jäh in die Tiefe führte, dem grellen Licht der Bühnen rauche auszusetzen. Solche Zweifel scheinen mir weder im Geist, noch im Charakter, noch in der Tendenz des Kornfeldschen Stückes begründet zu sein. Die Absicht des Autors war offensichtlich, aus geschichtlichen Prämissen mit der frei schaltenden Phantasie des Dichters die Lebensschicksale eines jüdischdeutschen Ausnahmemenschen zu gestalten, der sich der neuen Umwelt ebenso rasch anpasch wie er von ihr wieder abgestoßen wird, oder, wenn man diese Absicht auf eine speziellere Formel bringen will, zu zeigen, wie die Not und der Haß des Volkes gegen den landfremden Juden nach einen: Ventil suchte, das sich dann, als die Zeit gekommen war, wie von selbst mit elementarer Gewalt öffnete. Von hier aus betrachtet, gewinnt die historisch freie Bilderfolge Kornfelds nicht nur eigentümliche Gegenwartsnähe; sie erhebt sich auch ins Allgemeingültige, Typische, indem sie das jüdische Schicksal in einem der frühesten Assimilationsjuden symbolisiert. # Seitdem sich die geschichtliche Spezialforschung mir Leben und Wirken des Pfälzischen Ghettojuden, der unter dem Namen Jud Süß hellte fast schon ins Reich der Legende entrückt ist, des näheren beschäftigt hat — noch immer bildet der historisch getreue, kurze Lebensabriß des württembergischen Kirchenrats Dr. Kroner im ersten Heft von Jahrgang IX der Zeitschrift des Centralvereins „Im deutschen Reich", die Grundlage aller späteren biographischen Darstellungen —, seit dieser erst verhältnismäßig spät einsetzenden Forschertätigkeit ist der Blick für die ebenso faszinierende wie abstoßende, ebenso geniale wie skrupellose, ebenso glückliche wie tragische Gestalt des ausgehenden Barock freier und leidenschaftsloser geworden. Und heute wissen wir aus dem gediegenen, aufschlußreichen, tief in die Zusammenhänge eindringenden Buche von Selma Stern (Akademie-Verlag, Berlin), daß dieser Jude fast der einzige seines Stammes war, der aktiv und bewußt den Entuücklungsgang der deutschen Geschichte beeinflußt hat. Erstreckte sich dieser Einfluß auch nur auf, das Herzogtum Württemberg und die Umwandlung seiner noch mittelalterlich gebundenen staatlichen Struktur zu einem modernen, die Hoheitsrechte des Fürsten respektierenden Staatswesen, so gewann er doch an Bedeutung durch die ungewöhnliche und ungezügelte Aktivität, die Süß Oppenheimer als treuer, aber freier und beamteter Diener des Herzogs Carl Alexander nach allen Seiten hin entfaltete. Aber schon hier spürt man die merkwürdige Tragik im Leben des wie von einem Dämon Getriebenen: seine Dienste galten einem völlig verarmten, von fortdauernden innerpolitischen Kämpfen Zerriebenen Lande, dem ein zwar tatkräftiger und energischer, aber verschwenderischer und prunkliebender Fürst wieder Macht und Ansehen zu verleihen suchte. Es mußten also vor allem neue Geldquellen erschlossen werden. Jud Süß sollte sie ausfindig machen — der Mann, „dessen sich Leute Unseresgleichen" -' wie Carl Alexander schon frühzeitig erkannte — „mit gutem Vorteil bedienen können." An diesen: Punkte setzt Jud Süß' klug erdachte, aber rücksichtslos brutale und unheilvolle Finanz- und Steuerpolitik ein, die sich wie ein Alp auf das Land und seine Stände legte und die in ihren ungeheuerlichen Ausmaßen durch keine staatspolitische Notwendigkeit zu entschuldigen ist. Immerhin, so gewalttätig und eigenmächtig der jüdische Finanzienrat auch bei der Erhebung immer neuer Steuern, in der Ausnützung der verschiedenartigsten Monopole, in der Verwaltung des Münzwesens, in dem Verkauf von Aemtern und Titeln zu Werke ging, und so gewiß es ist, daß er bei dieser Fülle der Geschäfte seinen eigenen Vorteil zu wahren wußte — irgendeine betrügerische Maßnahme ist ihm aus dem gesamten Aktenmaterial nicht nachzuweisen. Und ebenso wenig läßt sich die Beschuldigung nusrechterhalten, Süß Habe an den hochverräterischen Plänen der jesuitischen Militärpartei gegen die evangelischen wüttembergischen Landstünde teilgenommen, jenem umstürzlerischen Unternehmen, daß dann durch den plötzlichen Tod des Herzogs im Keim erstickt wurde. Mit dem Ableben Carl Alexanders nahm die mühsam zurückgehaltene Wut des Volkes gegen den verhaßten jüdischen Eindringling freien Lauf: er wurde verhaftet, in den Kerker geworfen und, in einem langwierigen Prozeß, zum Tode durch den Galgen verurteilt. Carl Rudolph allere der als neuer Regent den verwaisten Herzogthron bestieg, unterfertigte das Todesurteil nur widerstrebend mit den lapidaren Worten: „Ein seltenes Ereignis, daß ein Jud' für Christenschelme die Zeche bezahlt." * Wie die Historie, so hat sich auch die Dichtung — sieht man von der schlammigen Flut zeitgenössischer, literarisch völlig wertloser Schmühgedichte ab — erst lange nach der grotesker: Tragödie.seiner Hinrichtung der Gestalt Jud Süßens angenommen. Wilhelm Hauffs sentimentalische Novelle ist freilich noch ganz in traditionell-düsteren Vorstellungen befangen: dann aber, also wiederum fast ein volles Jahrhundert später, schuf Lion Feuchtwanger in seinem Roman „Jud Süß" ein großartiges. Es darf, neben und nach allen ästhetischer: und historischen Betrachtungen und Beurteilungen der Leistung von Dichter, Regisseur und Schauspielern, ein Gesichtspunkt nicht außer Betracht bleiben „Jud Süß" als Zeitt h e a t e r. Dabei ist es gleichgültig, ob der Dichter sein Stück so auffaßt. Das Pull l i k u m sieht es als Paraphrase zu höchst aktuellen Geschehnissen und Erwägungen außerhalb des Bühnenraums an. Die Zuschauer leben nicht dauernd in der gleichzeitig in: Visionären wie in: Menschlichen bedeutsames, in: Helldunkel seines Kolorits unheimliches Zeitbild, dessen Motive und Figuren aus Dichtung und Wahrheit bunt gemischt sind. Auch Paul Kornfeld, der nun als Drainatiker an den Stoff gekommen ist, hat, getreu der Lessingschen Maxime, das der Dichter Herr sei über die Geschichte, die historische Ueberlieserung dem autonomen Recht des Poeten dienstbar gernacht. So erfindet er, im: die oft stagnierende Handlung vorwärts zu bringen, manches neue Motiv (wie die Giftmordintrige des Generals und Ministers, die auf den Fuder: abzielte, der jedoch, durch einen bloß theatermäßiger: Zufall, der Herzog zun: Opfer füllt); so schafft er neue Beziehungen, neue Gruppierungen, biegt um, verstärkt, retuschiert — doch niemals so, daß das geschichtliche Gefüge völlig gelockert oder die Charaktere in ihr Gegenteil gewendet werden Insbesondere versucht er die traditionellen Züge der Haupt- und Mittelpunktsigur in ihrer eigentümlichen Zwiespältigkeit festzuhalten: den schlauen Kastanjuden und den amouröser: Kavalier, den agilen Geschäftsmann und den liebenswürdigsoigni-erten Hofmann, den unterwürfigen Liebling des Herzogs und den selbstherrlichen Parvenü. Zweifellos ist auch Kornfeld, lote jeder Dichter, der eine Gestalt aus dem Gestrüpp von Vorurteilen und der Verwirrung von Parteienhaß und -gunst herauszuführen sich bemüht, in seinen Helder: einiger'.näßen verliebt, und gewiß läßt diese Sympathie manchen Zug in Süßens Charakterbild allzu hellbelichtet erscheinen; aber diese Wirkung ergibt sich doch keineswegs etwa aus bewußten Kontrasten, die allen Schatten nun lediglich aus das Gegenspiel fallen lassen. Und wenn, in: letzten Bild des Kornfeldschen Stückes, der eitle Glanz der Höslingsgestalt verblichen ist und die Kerkermauern sich um den Gefangenen schließen, dann wird der freigeistige Weltmann, der auf der Höhe seiner Macht eimnal von sich sagen konnte, daß er „gegen keine Religion einige Passion habe und also einer weder geneigt, noch abhold sei", wieder ein gläubiger Jude. Er erblickt sein künftiges Schicksal in: Sinnbild des Ahasver, des ewig Wandernden, nie zur Ruhe Kommenden; und der eben noch feine jüdische Sippe voll Spott und kalter Ueberlegenheit von der Schwelle des Hofes verwiesen hat, klammert sich jetzt an eine Traumvision, die dem Pietätlosen längst verschüttete Erinnerungen an Eltern und Großeltern ins religiöse Bewußtsein znrückruft. lieber Paul Kornfeld ist einmal geäußert worden, die ewige Kraft des Judentums sei in seinen Dichtungen von bestimmender Wirksamkeit. Die letzte ^zene seines „Jud Süß" hat dies Wort bestätigt. II. verdünnten und intensivierten Luft des Theaters oder streifen die Eindrücke von Wort und Bild lind Handlung lächelnd ab, wenn sie hinaustreten. Was sie sahen, hörten, ruft sie. an und weckt Echo. Das ist bei jedem Stück so. Aber es ist unterschiedlich, woraus Echo folgt, und von wo es widerhallt. Jeder Zuhörer hört sein Stück, seine Maximen, seine Erhebungen und Warnungen. Was ihn nicht anspricht, verschluckt er — wie dunkles Tuch Licht aufsnugt, während heller Stoff es wider- Politisches Theater / Von Dr. Alfred Hirsdiberg

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