Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 21 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Oswald Spengler Zu seinem 50. Geburtstage / Von Dr. Max Grunwald (Wien). w ■r ■> Wenn auch Hindenburg mit triftiger Betzründung sich gegen das Jubilieren des Fünfzigers ausgesprochen hat, so kann man es doch sehr wohl begreifen, wenn dieses Datum den Anlaß gibt, das Werk einer Persönlichkeit Zu überprüfen, dessen erstes Erscheinen berechtigtes Aufsehen erregt hat und nun bereits längere Zeit Zurückliegt. Seit 1918 haben Spenglers Schriften, vor allem sein Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes", in Hunderttausenden von Exemplaren Verbreitung gefunden. . Manche seiner Wortprägungen sind sprachliches Gemeingut geworden. Im Für und Wider Spengler ist eine ganze Literatur entstanden. Festzustellen, wie weit und wie tief seine Anschauungen im allgemeinen im Denken und Fühlen unserer Zeit Raum gewonnen und Wurzel geschlagen haben, ist hier nicht der Ort. Nur auf die Frage, wieweit das Judentum hiervon berührt wird, insbesondere was Spengler praktisch für unseren Kamps um Recht und gesellschaftliche Geltung bedeutet, wollen die folgenden Zeilen eine Antwort versuchen. Spengler philosophiert, um mit Nietzsche zu reden, „mit dem Hammer". Er zertrümmert überkommene geschichtsphilosophische Grundbegriffe, wie den eines „Sinnes der Geschichte", einer „Menschheit", der „Macht des Geistes im Weltgeschehen", des „Weltfriedens" und andere mehr. Dies bedeutet prinzipiellen Gegensatz zum Judentum mit feinem Begriff eines Gottes der Gerechtigkeit und Liebe, seiner Ethik und Pädagogik, seiner Messiasidee usw. Hier steht Weltanschauung gegen Weltanschauung. Was Spengler aber über das Judentum sagt, ist zum Teil darum unrichtig, weil er, wie über andere Gegenstände, auch über das Judentum seine Kenntnisse aus zweiter Hand empfangen hat. Unhaltbar sind, wie ich in meiner Broschüre „Das Judentum bei Oswald Spengler" (Philo Verlag 1924) nachzuweisen mich bemühte, seine Ausführungen über jüdischen Fremdenhaß, über noch heute im Ghetto des Ostens wahrnehmbare Unterscheidung nach Stämmen in alttestamentlichem Sinne, über die Propheten, das Prinzip des Bösen als selbständige Macht im Kampfe mit Gott und anderes mehr. Ein Blick in die Quellenschriften genügt, um ihn zu widerlegen. Wenn er aber dem Westjuden das Heimatsgefühl und die Fähigkeit, mit seiner Umgebung auf Gedeih und Verderb solidarisch zu fühlen, absprach, und dies gerade unter den täglichen Erfahrungen des Weltkrieges mit feinen unzähligen Beispielen patriotischer Gesinnung der jüdischen Bevölkerung, so kann man Spengler hier nicht Mangel an zuverlässiger Unterrichtung, zugute halten. Wer, wie er in diesem Falle, in offenbarem Widerspruch gegen bekannte Tatsachen öffentlich eine Behauptung ausspricht, die eine ganze große Menschengruppe in Bausch und Bogen in ein ihr schädliches Licht stellt, der kann zu seiner Rechtfertigung höchstens sagen: „Ich bestreite natürlich nicht die Tatsache der patriotischen Opferbereitschaft der Juden. Doch widerspräche es meiner prinzipiellen Auffassung des Judentums, wenn ich diese Opfer aus echtem Patriotismus, aus seelischer Verbundenheit mit Boden und Umwelt herleiten sollte." Dürfen wir Spengler so kommentieren, dann würde eben aus ihn selbst seine These Anwendung finden, daß ein Mensch vom anderen, zumal aus einem anderen Kulturkreise, nur das Bild sieht, das er sich von ihm konstruiert. Was er am Westjudentum wahrgenommen oder darüber gehört oder gelesen hat, läßt ihn darin eine absterbende Fellachenreligion und ein zersetzendes Element erblicken. Als Repräsentanten des Judentums gelten ihm Spinoza, der Baalschem und — Meininger, von denen zwei sich zum Judentum in scharfen Gegensatz gestellt haben, der dritte — der Baalschem — jedenfalls als Vertreter der im Judentum noch immer überwiegenden Richtung gewiß nicht angesprochen werden kann. So greift, schlecht beraten, Spengler immer fehl, wenn er nach Maßstäben für das Westjudentum sucht. Er hätte sonst Erscheinungen, wie jene „zersetzenden Elemente" und ein zur Fellachenreligion herabgesunkenes leeres Formelwesen, nicht dem Westjudentum im ganzen auf Rechnung gesetzt. Aehnliche Verfallserscheinungen dürften ihm auch in Kreisen, die ihm näher stehen, begegnet sein, während manche Typen des Westjudentums bei eingehenderer Kenntnis ihn zu einer ganz anderen Urteilsbildung bestimmen könnten. Das Neuerwachen des französischen Judentums zu dem übrigens auch B e r g s o n, in dessen Spuren Spengler wandelt, zu zählen ist —, in Portugal Barros de Basto und seine Marranenwission, in Deutschland eine Gestalt wie der jüngst verewigte Franz Rosenzweig, ja die ganze Renaissancebewegung sprechen für alles eher, als für eine Zersetzungstendenz und Lebensmüdigkeit des Westjudentums. Vor allem aber fällt es auf, daß Spengler an einer Erscheinung wie L a s s a l l e vorübergegangen ist. Schon seine Doktordissertation über Heraklit müßte ihn diesem Geiste nähergebracht haben. An ihm hätteSpengler erfahren können, daß selbst für seine Verbindung von Sozialismus und Preußentum in gewissen Kreisen des Westjudentums Verständnis zu finden ist. Einen unüberbrückbaren Kulturgegensatz zwischen solchen jüdischen Elementen, die, zumal in England, keineswegs eine Ausnahme bilden, und dem Kreis, dem er selbst sich als zugehörig betrachtet, würde Spengler kaum noch behaupten wollen. Daß er bei alledem manche Tatsache der jüdischen Geschichte nicht nur richtig gesehen, sondern in ein neues lehrreiches Licht gerückt hat, verpflichtet uns ihm zu Dank. Mehr jedoch, als alles, die schlagkräftige, vernichtende Kritik, die er am Rassenhaß und seinen alles Maß überschreitenden Ausbrüchen übt. Schon, daß ein Buch wie das von Clauß, „Von Seele und Antlitz der Rassen der Völker", in der unglaublich verstiegenen und gehässigen Diskussion über die Rassen frage endlich einer besonnenen Stimme Gehör verschaffen konnte, ist sicherlich Spenglers Einfluß zuzuschreiben. Er lehrt ausdrücklich: „Rasse ist etwas Seelenhaftes", „Rasse wandert nicht, sie wurzelt i n d e r L a n d s ch a s t", „Rasse i st nichts Stoffliches, sondern etwas Kosmisches, Gerichtetes, gefühlter Einklang eines Schicksals, gleicher Schritt und Gang im historischen S i n n." „Gerade das hat auch den Typus des europäischen Juden in einem 1000jährigen Bestehen herangezüchtet und wird immer wieder eine Bevölkerung zu einer Rasse schmieden, sobald sie sich einem Schicksal gegenüber seelisch für lange Zeit aneinanderschließt." Den Rassensanatikern, die den Juden in ein Rassenghetto sperren wollen, ruft Spengler zu: „Diese Rassensteckbriefe sind sämtlich ebenso wertlos wie die, an denen der Schutzmann seine theoretische Menschenkenntnis erprobt." Er spricht von „entschlossenen jungen Leuten, die von den Jakobinern genug hatten und mit Fäusten und Stöcken, unbekümmert um die schweren Fragen der Politik, Verwaltung und Wirtschaft, die neue Epoche einleiten wollten. Nun, die Völkischen sind die Z6UU6886 äoree von heute, aus derselben Ursache hervorgegangen, von demselben Geist getragen. Sie haben die gleiche leicht entzündliche Begeisterung, den gleichen Tatendrang, dieselbe Ehrlichkeit und dieselbe Beschränktheit. Weder die einen noch die anderen ahnten etwas von der schweren staatsmännischen Ausgabe in einem durch imb durch verwüsteten Lande; sie sahen auf kühle Erwägungen verächtlich herab, und sie hatten wenig Lust, sich ernsthaft um prosaische Einzelheiten der Währung, der Arbeitslage, der Verwaltung, der Finanzen und der auswärtigen Beziehungen zu kümmern. Es war genug, wenn die Jakobiner ihre Stöcke auf den Rücken fühlten. Die kurze Geschichte dieser Bewegung ist noch nicht geschrieben, aber der Mangel' an Verständnis war damals der gleiche wie heute, wo er Realpolitik aus Rassegefühle ausbauen möchte". Dies und die kindlichen wirtschaftlichen Ansichten und Utopien seien so michelhast und Das „jüdische Volk" in Veutfthlan-. Der Pfeil, -er auf -en Schuhen zurückfallt. Mit erfreulicher Energie weist auch die „Jüdische Rundschau" (Nr. 38 vom 16. Mai), das führende zionistische Organ in Deutschland, die schweren Beschimpfungen des Judentums zurück, die Minister Dr. Fr ick mit seiner Antwort auf die sozialdemokratische Anfrage im Haushaltungsausschuß des thüringischen Landtags so eindeutig ausgesprochen hat. Bekanntlich hatte er die Stirn zu erklären, daß mit „den art- und volksfremden Kräften", gegen die sich das neue thüringische Schulgebet richte, das Judentum gemeint sei, das das deutsche Volk entsittliche. Die Erregung der „Jüdischen Rundschau" über diese ungeheuerliche Beleidigung Fricks in allen Ehren! Aber, wenn Frick sich gegen „art- und volkssremde Kräfte" wendet, so schwächt man einen Protest dagegen entscheidend ab, wenn man sich dabei selbst als „das jüdische Volk in Deutschland" bezeichnet, ja sogar so tut, als spräche man i m N amen dieses vermeintlichen „jüdischen Volkes in Deutschland". Die „Jüdische Rundschau" weiß doch selbst nur zu gut, daß vielleicht 5 v. H. der deutschen Juden sich als eigenes „Volk" im deutschen Volke fühlen, daß also dieses „jüdische Volk" gar kein Recht hat, einen solchen durch irreführende Worte belasteten Protest für alle deutschen Juden zu erheben. Auf diese Weise kann sogar leicht das Gegenteil von dem erreicht werden, was beabsichtigt ist; ja man könnte sogar — wenn man boshaft sein und nationalsozialistisch argumentieren wollte — sagen, daß durch den Wortlaut der Erklärung in der „Jüdischen Rundschau" Fricks ehrenkränkende Behauptung von „art- und volkssremden (jüdischen) Kräften" in gewissem Sinne unterstützt wird. So scharf wir Fricks Verleumdung vom entsittlichenden Einfluß der Juden zurückweisen, nicht minder fühlen wir uns getroffen, wenn uns der thüringische Minister als „volksfremd", also als nichtdeutsch bezeichnet, lieber unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volke jenseits unseres Willens wollen wir mit einem Frick nicht rechten. Die „Jüdische Rundschau" aber möge solche Entgleisungen vermeiden, und, wenn sie, was anzuerkennen ist, protestiert, dies im Namen der Zionisten, nicht aber im Namen des „jüdischen Volkes in Deutschland" tun.