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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-23 · 21 (23.5.1930) · p. Seite 278

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
21 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
Seite 278 (sequence 6)
Language
German
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27$ tttax Kcitityötdt / von m, provinziell, daß diese völkische Bewegung dadurch vollkommen abgeschnitten werde von allem, was durch Begabung, Erfahrung, Macht und Beziehungen Politisch und wirtschaftlich ernstzunehmen ist. Sie scheine bestimmt zu sein, den Boden aufzuwühlen, aber nur um einer gefährlichen Gegenströmung Platz zu machen. Wie klein, falsch, beschränkt und unwürdig stehe neben dem englischen Satz: „Wright or wrong, my country“ der deutsche: „Juden hinaus!" Die Nationalsozialisten rühmen als Herzstück ihres sogenannten Wirtschastsprogramms die Befreiung von der Zinsknechtschaft. Spengler sagt, in Deutschland würde der geringste Versuch, die bestehenden Formen der Kreditverzins)ung zu erschüttern oder die bestehenden Finanzmächte nicht als Mächte zu behandeln, zu einer Katastrophe führen, die uns in einigen Wochen in dieselbe Lage brächte, in der Rußland sich befindet. Er spricht weiter von einem Mangel an Intelligenz und von vererbten Vorurteilen, denen die Gegenseite die klügeren Köpfe gegenüberstelle. „Es kommt in der hohen Politik nicht auf Langschädel an, sondern aus das, was drin ist." Solche Bekenntnisse eines gewiß nicht der Judenfreundschast verdächtigen führenden Geistes verdienen in unserer haßverblendeten Zeit tiesergehängt zu werden. Wir danken Spengler für diesen Mut zur Wahrheit im Namen der Wahrheit, als Freunde der Gerechtigkeit. Gegen öen Koburger Künstlerboykott. Eine Eingabe des Centralvereins nnd die Antwort des Ministers. Wir hatten in Nr. 5 der „C. V.-Zeitung" vom 31. Januar 1930 gemeldet, daß die Intendanz des Koburger Landestheaters an die Theateragenturen die Anweisung ergehen ließe, die Voraussetzung für das Neuengagement von Künstlern sei „deutsche Staatsangehörigkeit und christliche Konfession". Der. Landesverband Bayern des E. V. hatte daraufhin im Februar an das bayerische Ministerium für Unterricht und Kultus eine Eingabe gemacht, in der es heißt: „Der unterfertigte Verein erblickt in dieser Maßnahme, die eine gefährliche Verquickung von Kunst und Politik darstellt, nicht nur eine Benachteiligung von Kunstinteressen, sondern auch einen gegen das Grundgesetz der Verfassung und das Grundrecht eines jeden Deutschen verstoßenden Willkürakt, der die deutschen Staatsangehörigen jüdischen Glaubens auf das tiefste verletzt. Wir fühlen uns verpflichtet, dem Ministerium von unserer Auffassung Kenntnis zu geben, weil durch diese und ähnliche Vorkommnisse bei der Koburger Theaterleitung Grundrechte von Staatsbürgern ignoriert werden ..." Das Ministerium hat unserem Landesverband Bayern am 9. Mai eine Antwort erteilt, aus der wir entnehmen, daß das Ministerium Bericht angefordert und dadurch erfahren hat, daß die Angelegenheit „inzwischen auf dem Wege des Benehmens eines Vertreters der jüdischen Interessen in Koburg' mit dem Intendanten des Landestheaters, dem ersten Bürgermeister von Koburg und dem Vorstande des Bezirksamtes dortselbst ihre Erledigung gefunden" habe. „Die beanstandete Weisung an die Theateragenturen unterbleibt in Zukunft." Das Ministerium weist im übrigen darauf hin, daß es nur in beschränktem Maße Einfluß auf die laufenden Verwaltungsmaßnahmen des Koburger Landestheaters ausübt und gibt anheim, sich noch an den Theaterausschuß für das Landestheater in Koburg zu wenden. Wenn wir auch nicht verkennen, daß das Ministerium dem Vorfall nachgegangen ist, so vermissen wir doch in dieser Antwort ein Eingehen auf die grundsätzliche Frage der Verletzung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung durch diese inzwischen allerdings abgestellte Maßnahme des Koburger Intendanten. Max Reinhardt feiert jetzt sein 25jähriges Bühnenjubiläum. Weshalb, ist durchaus nicht ohne weiteres klar. Daß er als Schauspieler zum Theater ging, ist bald 40 Jahre her, daß er in Berlin seine Direktion begann, ist mehr als 30 Jahre her, und daß er Direktor des Deutschen Theaters wurde, das werden erst im Herbst dieses Jahres 25 Jahre. Aber wie dem auch sein mag, sein Fest soll so gefeiert werden, wie er es fallen läßt! Denn wirklich, wir haben kaum einen Mann in Deutschland, dessen Verdienst um die Bühne uns dringender und häufiger mahnt, an ihn zu denken. Wahrscheinlich ist es doch die 25jährige Direktion des Deutschen Theaters, die jetzt gefeiert werden soll. Denn in der Tat ist die Herrschaft über dieses Privattheater in der Schumannstraße zu Berlin seit 50 Jahren beinahe gleichbedeutend mit dem ersten Platz in der deutschen Bühnenwelt. Indessen war Reinhardt auch als Regisseur keineswegs mehr ein Anfänger, als er sein Reich in der Schumannstraße antrat. Der junge österreichische Schauspieler, der früh von Otto Brahm aus Salzburg nach Berlin geholt und im Deutschen Theater mit ersten Charakterrollen betraut worden war, begann schon am Ende des vorigen Jahrhunderts mit ein paar befreundeten Kollegen in ausgelasienen Parodievorstellungen gegen das naturalistische Theater zu protestieren, dem er vorläufig noch angehörte. Aus diesen zunächst privaten Abenden mit dem übermütigen Titel „Schall und Rauch" wurde dann um die Jahrhundertwende das „Kleine Theater" Unter den Linden, das als Kabarett gemeint war. Aber da es in dieser Form vorder Oeffentlichkeit keinen Erfolg hatte, begann Reinhardt sehr bald, es aus ernsthafte Theaterkunst zuzusteuern. Und nach dem großen Erfolg von Gorkis „Nachtasyl" (in dem noch Richard V a l l e n t i n der Regisseur und R e i n h a r d t der Hauptdarsteller war) konnte er das Neue Theater am Schifsbauerdamm hinzunehmen. Inzwischen hatte Brahm das Deutsche Theater mit dem Lessing-Theater vertauscht, und sein Nachfolger, Paul Lindau, hatte an der berühmten Stätte als Direktor versagt. Und so wurde im Herbst 1905 das Deutsche Theater für Max Reinhardt frei. Aber damals hatten die Erfolge, die ihn rein äußerlich instand fetzten, die Herrschaft anzutreten, auch schon das Gesicht des Regiek ü n st l e r s Re i n h a r d t entscheidend gezeichnet, Wildes „Salome" war unter Reinhardts Regie in der ersten plastischen Dekoration (vom Bildhauer Kruse) und in dem ganz unnaturalistischen Stil gespielt worden, der dieser gobelinhaften, tänzerischen Dichtung gemäß ist. „Minna von Barnhelm" war erschienen, mit Agnes Sorma in der Hauptrolle, mit einer Ausstattung, deren Echtheit noch der alte Menzel' aus der Generalprobe begutachtet hatte. Und schließlich hatte die Aufführung des „Sommernachtstraum" Reinhardt in Berlin populär gemacht, denn hier war die strudelnde Lebendigkeit aus dem Shakespeareschen Lustspiel wieder entfesselt worden, die allzu lange hinter Hoftheaterglätte verschwunden war, und Zugleich hatte das neue, technische Wunder der Drehbühne seine erste Zauberwirkung getan und im Vorbeigleiten der Waldbilder die lebendigste Traumstimmung ausgelöst. So war schon alles deutlich, was dieser neue Regisseur konnte und wollte. Und nur der Grad feiner Begabung, die Stärke und unerschöpfliche Fülle der Variationen, mit denen er den so umrissenen Kreis einer phantastisch-farbigen, mit neuen Mitteln illusionsstarken und immer vom heftigsten schauspielerischen Leben erfüllten Theaterkunst zu.füllen vermochte, nur das hat dann, als er im Deutschen Theater, in München und Wien, in Salzburg und schließlich in aller Welt Regie führte, seinen Ruhm so mächtig ausgedehnt. An Phantastischer Erfindungskraft hat Max Reinhardt auch heute noch nicht seinesgleichen, obwohl wir doch inzwischen eine ganze Generation ' erstaunlich begabter Regisseure in Deutschland erhalten haben. Das hat er gerade in den letzten Jahren wieder bewiesen, als er nach dem zeitweilig gemiedenen Berlin (wenn auch leider nur immer zu gelegentlicher Arbeit) Zurückkehrte, und mit Inszenierungen wie „Victoria", „Artisten", „Fledermaus" jedesmal eine ganz neue Ader im Gebirge des Theaters strömen machte. Dabei ist es charakteristisch, daß keines von den drei eben genannten Werken seine Bedeutung im Bereich der dramatischen Dichtung hat. Die ganze große Kraft des Regisseurs und Bühnenleiters Max Reinhardt, und deshalb selbstverständlich auch seine Begrenzung, beruht darauf, daß er allen Dingen des Theaters als Schauspieler von Geblüt gegenübertritt, und niemals von literarischen Gesichtspunkten geleitet wird. Natürlich hat seine außerordentliche Bühnenphantasie auch oft genug bedeutenden dramatischen Dichtungen zum Siege verholfen. Shakespeare, vor allem den Lustspieldichter, hat er für Deutschland fast neu geschaffen. Und auf den Anfängen seiner Bahn begegnete sich sein theatralischer Wille mit der neuromantischen Strömung in der europäischen Literatur und Reinhardt hat Werke von Wilde, Maeterlinck, Hofmannsthal, vom späten Strindberg durch unvergeßliche Aufführungen zum Siege geführt. Aber ebenso oft hat er mit Recht berühmte Vorstellungen aus ganz anderer und auch dramatisch ganz minderwertiger Textpartitur hervorgelockt. Seine ganze Theaterführung war der vollkommene, wohl von geschichtlichem Rückschlag bedingte Gegensatz zu der von Otto Brahm, die ganz und gar auf die Durchsetzung eines literarischen Ideals gerichtet war, die ein Ensemble bildete und erzog, ausschließlich, um mit größtmöglicher Vollkommenheit die Dramatik des neuen Realismus, Ibsen vor allem, Hauptmann und Schnitzler, verkörpern zu können. Brahm ist in der scharf umgrenzten Ruhe, in dem fast mathematischen Gleichmaß seines Theaterbetriebes auch äußerlich der denkbar größte Gegensatz zu dem universellen, von immer neuer Unrast erfüllten Bühnenbetrieb Reinhardts. Es ist nicht uninteressant, zu bedenken, daß diese beiden ebenso wie schon der Begründer und Direktor des Deutschen Theaters, Adolf L' A r r o n g e, der Herkunft nach Juden sind. Das Verdienst, das diese jüdischen Männer sich um die Entwicklung der deutschen Theaterkunst während der letzten Generation erworben haben, kann kaum bestritten werden. In ganz Deutschland und auch über Deutschland hinaus hat ihre Art stilbildend gewirkt. Bis zu einem gewissen Grade hat in den betreffenden Jahrzehnten alle Welt Zum wenigsten versucht, so Theater zu spielen, wie Brahm spielte oder wie dann Reinhardt spielte. Die besondere, viel umrätselte Begabung der jüdischen Menschen innerhalb der europäischen Emanzipation für die Theaterkunst hat sich in der Leitung des

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