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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-19 · 29 (19.7.1929) · p. Seite 381

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
29 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
Seite 381 (sequence 5)
Language
German
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381 Frömmigkeit. Bus -er Trauerreöe von Rabbiner Dr. Max Dienemann (Gffenbach) Meister -es Worts.! I Von Dr. Julie Meyer (Nürnberg). | Die Rede ist in England in den Dienst! der Politik, in den Dienst des Staates ge-! stellt, in Frankreich umschmeichelt und - feiert sie die schönen Künste, in Deutschi land strebt sie nach der Erziehung des Menschengeschlechtes. Seit Fichte seine j Reden „An die Deutsche Nation" gehalten j hat, bis in unsere Tage, wo Rathenau jenes flammende Wort in die Jugend hineinwars: „Ziehet aus in den Kampf um die Seele eures Volkes!", waren die großen deutschen Redner große Erzieher. In ihre Reihe hineingestellt ist Julius Goldstein. Er, dessen Tod wir betrauern und dessen wir doch mit der großen Zuversicht Spinozas gedenken, den er so geliebt hat: „Der menschliche Geist kann mit dem Körper nicht absolut zerstört werden, sondern es bleibt von ihm stets etwas, das! ewig ist." I Die Rede ist, wie das Buch, Ausdruck j des Denkens. - Aber mehr als bei dem Geschriebenen verschmilzt hier mit der Darstellung die Persönlichkeit, und ihr Eindruck gibt dem gesprochenen Wort erst Blut und Fülle. Der Leser kann verweilend über dem Gedanken sinnen, der Hörer \ wird von einem zum anderen sortgerissen. So muß der Meister der Rede ein Meister ver Klarheit und der schlichten Sprache! fein. Sinnfällig steht er vor den Men-! schen, die ihm lauschen, sie sehen in die j Werkstatt des gestaltenden Geistes, Darstellung von Mensch und Werk. Höchste j Formung von beiden erfordert daher die | große Rede, sie muß als Kunstwerk gej formtes Leben sein.! Goldstein war ein Meister der Rede in | diesem Sinne. Höchste Lebendigkeit sprang von ihm in die Menge über, die Wellen f der Zeit schlugen aus seinen Worten, und | nichts kam aus ihr hoch, das sein Geist j nicht ergriffen hätte. Häßliches, das er abj wehrte, und Gutes, das er aufnahm und Iä gleichsam hintrug zu den reichen Schätzeil seiner seelischen Behausung, zu dem großen Kulturgut aller Zeiten. . Goldstein sprach über Philosophie, Soziologie, Judentum und Deutschtum. Es kam ihm auf die Probleme an und ihre Lösung. Sein klarer Geist, seine weite Menschlichkeit fanden sie immer, und, was schwer schien, wurde so klar und einfach in seiner Rede, daß jeder meinte, er hätte selbst schon so gedacht. Klarheit und Lebendigkeit waren bei Goldstein gepaart mit künstlerischer Formkraft. Schon sein schöner weißhaariger Kopf mit den jungen dunklen Augen, die | ausdrucksvolle Bewegung der Hand, | zeigten den Menschen von hoher Kultur, den dann erst recht die meisterhaste Formung der Worte offenbarte. Goldstein war ein großer Redner, weil er ein großer Mensch war. Die Beherrschung der äußeren Form, der künstlerische Stil wurzelten bei Goldstein ebensosehr im Boden des Judentums, das den geistigen Kräften im Leben des Menschen den Primat gibt, wie im Boden der alten bürgerlichen deutschen Kultur, genährt von der idealistischen Auffassung des Lebens. In diesem Sinne war Goldstein in seiner Rede ein konservativer Mensch, und es war kein Zufall, daß die Großen der Geistesgeschichte, die Klassiker, die Freunde . . . Leiten mag uns in dieser Stunde das Wort aus dem Buche Daniel, das große und starke: „Die Weisen werden leuchten wie des Hinunels Glanz, und die, welche viele zur Frömmigkeit geführt, wie die Sterne für und für . . . Weil er sebst ein so von Frömmigkeit erfüllter Mensch war, weil er selbst so tief in seinem Eigensten in der jüdischen Religion wurzelte, darum hatte er auch ein so tiefes Verständnis für jede andersgeartete Frömmigkeit, darum konnte er mit jedem Frommen anderer Religiosttüt so leicht sich verständigen und den Weg finden zu dem Ziel, das allen gesetzt ist. Aus seiner jüdischen Frömmigkeit kam zu ihm ein neuer Antrieb zu seinem Kampf gegen die Ueberspannung des Rassengedankens, gegen die Ausschreitung der nationalistischen Ueberhebung. Es war seine Frömmigkeit, die ihn fühlen ließ, daß hier ein Irreligiöses, ein Heidnisches, ein Widergöttliches sich erhob in unserer Welt. Aus seiner Frömmigkeit floß sein Kamps für den Frieden der Welt, für Volks- und Völkerversöhnung. Und hier im besonderen wurde der Fronuue zu einem, der ,viele zur Frömmigkeit geführt', denn fein Wirken strahlt hinaus in die weiteste und breiteste Öffentlichkeit. Es gab kaum eine Landschaft in unserem Vaterlande, in deren Mitte er nicht vor Menschen aller Art und aller Erkenntnisse, aller politischen Richtungen und Parteiungen über die Dinge geredet hätte, die sein Innerstes so tief bewegten. Was er hier gewirkt aus der Klarheit seines Denkens, aus der Schönheit seiner Rede, aus der inneren Bewegtheit seiner gotterfüllten Seele, das machte ihn zu einem der stärksten Führer unserer Gegenwart. An unserem größten Festtage, dem Versöhnungssest, wiederholen wir die Worte des Propheten, die Worte der Verheißung: Tu wirst genannt werden Vermaurer der Risse. E r war ein Mann, der Risse vermauerte, der die Klüfte, die innerhalb des deutschen Volkes zwischen den einzelnen Menschen sich auftnrmten, mit der Kraft seiner Rede heilte." 44JLc ißt* T/Ci Aus einem Vortragsmanuskript von Julius Goldstein. seiner Seele und seine Vorbilder waren. Aber gerade weil Goldstein ein geistiger Mensch war und sich sicher fühlte in den Bezirken alter Kultur, schloß er sich allem Neuen weit auf. Er formte an-der Zeit und sprach manches Zukünftige aus, das den meisten noch dunkel gewesen. So erhob er die Alten, da er ihnen vom besten Gut ihrer Jugend wieder spendete, und begeisterte die Jungen, die glaubten, daß er bei ihnen stände. Wahrscheinlich hat er, wie alle Großen, keiner Generation, sondern der Menschheit angehört, die ihm verkörpert war in Deutschtum und Judentum, zu deren edelsten Gedanken er die Menschen seiner Zeit erziehen wollte. Es gilt von ihm das Wort Jakob Burckhardts: „Die großen Individuen sind die Koinzidenz des Allgemeinen und des Besonderen, des Verharrenden und der Bewegung, in einer Persönlichkeit. Sie resümieren Staaten, Religionen, Kulturen und Krisen." Das heilige Zeuer. Die Parsen Indiens behaupten, daß das Feuer, das sie in ihren Tempeln unterhalten, von dem Feuer herstammt, das einstens Zoroaster vor 4000 Jahren in Persien angezündet hat. Mit größerem Rechte behaupten wir deutschen Juden, daß das Feuer, das in unserer Seele brennt, von jenem Feuer stammt, das einstens am Sinai leuchtete, von dem Feuer, das im Herzen eines Jesaias emporloderte, von dem Feuer des Alten Testamentes, das die Völker Europas ergriffen hat. Das Feuer, das in unserer Seele flammt, ist ein Teil jenes Feuers, das die Seele eines Luther, die Seele eines Kant durchglüht hat. Und so lange dieses unser jüdisches Feuer in uns brennt und lebendig ist, solange sind wir nicht nur dem Namen nach, sind wir nicht nur dem Zufall nach Deutsche, wir sind dem Wesen, denr Geiste, wir sind dem Schicksal nach Deutsche! , Auszug aus dem stenographischen Bericht über die Vierte Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden im Neuen Öperntheater zw> Berlm am Sonntag, den 6. November 1911.

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