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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-19 · 29 (19.7.1929) · p. Seite 382

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
29 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
Seite 382 (sequence 6)
Language
German
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Der „Morgen" verbindet die Religionen. An die Verwalter des geistigen Erbes! Von D. vr. Heinrich Zrilk. proseffor der evangelischen Theologie an der UniverWi Marburg. Gern ergreife ich die Gelegenheit, um zu bekunden, was die Zeitschrift „Der Morgen" für einen Außenstehenden bedeutet. Da ich an anderer Stelle — in dem Julius Goldstein gewidmeten Sonderheft des „Morgen" — ein auf das Ganze der Persönlichkeit zielendes Zeugnis ablege, so darf ich mich an dieser Stelle auf eine einzelne, aber bedeutsame Aeußerung seiner Geistesart beschränken. Daß ich auch dabei persönliche Töne anschlage, möge man dem Charakter dieser Ausgabe als einer Gedüchnisnummer zugute halten. In den bewegten Monaten des Winters 1918/19 hat mich der Kampf gegen den Antisemitismus mit Julius Goldstein zusammengesührt. Es war damals meine Pflicht, innerhalb christlicher Jugendkreise der Gefahr entgegenzutreten, daß antisemitische Einstüsse sich breitmachten. So kam es in Versammlungen und bei anderen Anlässen zu einer gemeinsamen Gesinnungsfront zwischen verschiedenen weltanschaulich und religiös weit voneinander entfernten Personen. Daraus erwuchs nach und nach eine immer tiefere Annäherung zwischen uns, die vor allem auf zwei Voraussetzungen beruhte. In Julius Goldstein fand ich zwei Gesinnungen lebendig, dioich dam a l s s e l b st e r st r e b t e: eine Vermählung von deutschem Verantwortungsgefühl mit konfessionellem Eigenbewußtsein. Daß dabei die religiöse Welt Goldsteins nicht die meinige war, konnte den Reiz nur erhöhen. So kam es bald dahin, daß wir uns über die gemeinsamen Anliegen von unserem verschiedenen Standort aus immer wieder besprachen. Wir mißbilligten—jeder an seiner Konfession— eine Erscheinung, die damals nur allzu schmerzlich auffallen mußte. Einerseits gab es — und gibt es — in jeder Konfession eine Strömung, die nur sich selber kennt und eine Auseinandersetzung mit Fremden von vornherein ablehnt. Anderseits gab — und gibt es — wiederum in jeder Konfession eine Gegenbewegung, die das Allgemeine, das Menschliche schlechthin, herausarbeiten möchte. Wir waren uns darüber einig, daß weder die eine noch die andere Richtung der wirklichen Ausgabe gerecht werden kann. Seiner ganzen Art nach mußte ja Julius 'Goldstein es für unwahr halten, wenn ein Mensch sich verkapselt in seine Eigenart und dadurch eine Sicherheit vortäuscht, /die in Wirklichkeit auf Unkenntnis fremden Lebens beruht. Ebenso unwahr mußte /ihm die entgegengesetzte Strömung erscheinen, die zu rasch und oberflächlich auf das allen Gemeinsame hinstrebt, und dabei den Ernst, die Kraft und die Notwendigkeit gewachsener Eigenart, insbesondere in konfessionellen Dingen, verkennt. In solchen Zusammenhängen des Ge- 'prächs wurde ich bekannt mit dem Plan, eine jüdische Zeitschrift „Der Morgen" erscheinen zu lassen. Soviel ich weiß, gab 1 kurz nach dem Kriegsende eigentlich nur eine Zeitschrift, die Vorbild für das neue Unternehmen sein konnte: das katholische „Hochland". Es war kein Zufall, daß gerade die Katholiken in Deutschland über ein solches Organ verfügten. Der Vom Sinn des C V, Auf breiter Front gilt es, in beweglicher Verteidigung den wechselvollen Angriffen des organisierten Antisemitismus zu begegnen: es gilt, dem Fanatismus tätiger Unwissenheit entgegenzutreten, die Verdrehung politischer Tatbestände zu enthüllen, Anschuldigungen zu prüfen und richtigzustellen, es gilt aber auch systematisch und prinzipiell die Voraus- Setzungen zu erkennen, von denen die antisemitische Geschichtsphilosophie ausgeht und das eingewurzelte Unkraut historischer Irrtiimer auszujäten. Unsere katholischen Volksgenossen haben mit grossen Opfern für ihren Glauben vorbildliche Arbeit geschaffen. Für die kleinere jüdische Minorität ist diese Aufgabe ungleich schwieriger — es fehlen vielfach die Männer, es fehlen mehr noch die Mittel. Und doch liegt hier die Entscheidung im Kampf für unsere staatsbürgerlichen Rechte. Wir müssen Werke schaffen, in denen die Wahrheit über das Judenkim und über dessen inneren Zusammenhang mit der deutschen Kultur klar und unangreifbar sich offenbart, und es müssen die Werke unseren nicht jüdischen V olksg rnossen nahegebrach t ■werden. Was der C. V. für diese Aufgaben an wertvoller deutscher Kulturarbeit geleistet hat, wird einer späteren Zeit erst zuguie kommen. Für die gegenwärtige Arbeit gilt der Spruch, der sich als Inschrift an einer Forstschule findet: „Wir ernten, was wir nicht gesät haben, und wir säen, was wir nicht ernten werden.“ Aber die Literatur des Antisemitismus beeinflusst auch die Juden selbst. Sie erschüttert die Sicherheit ihrer Lebenswerte; sie lockert die seelische Einheit von Deutschtum und Judentum; sie schafft gefährliche Minderwertigkeitskomplexe; sie vergiftet ihren Glauben an sich selbst, an den Sinn imd das Recht ihres deutschjüdischen Wesenstypus. Hier steht der G. V. für eine Lebensanschauung, die auch gegen inner jüdische Strömungen den Glauben verteidigt, dass nicht die Abstammung, sondern der Geist dem Menschen sein Vaterland und sein volkhaftes Schicksal zuweist, dass über unsere Kullurexistenz nicht das Woher unserer Vergangenheit, sondern das Wohin unseres Zukunfts- Willens entscheidet. Die Emanzipation hat sich am Judentum nicht durch das Judentum vollzogen. Man bekommt aber in der Geschichte nichts geschenkt. Wir haben die Emanzipation zu erwerben, nachdem wir sie geerbt haben. Nur ein schlaffes Geschlecht sehnt sich danach, beati possidentes zu sein. Wer den Konflikten ausweicht, in die Gott uns hineingestellt hat, der mag auf die Männer und Frauen des G. V. als Assimilantew und Zwischenschichtler herabsehen; die Titulaturen treffen uns nicht, denn nicht wir sind es, die sich an den Ideen des Zeitgeistes überrauscht haben. Darin liegt der Sinn des C. V. beschlossen, dass er die Schicksalseinheit von Deutschtum und Judentum bejaht. , ' Aus, dem Aufsatz „Vom Sinn des C. V. und seiner deutschen Kulturarbeit*, von Julius Goldstein. ,.C. V.-Ztg.“ Nr. 31, Jahrgang 1927. Kulturkampf unter Bismarck und die daj mit zusammenhängende verbreitete Ansicht, daß der Katholizismus kulturell minderwertig sei, hatten begreiflicherweise dazu geführt, daß bewußt katholische Kreise, um i jenen Verdacht zu widerlegen, sich ein Organ schufen, das — nach einem schonen Wort von Julius Goldstein über den „Morgen" — dem „geistigen Schicksal" der eigenen Konfession m Deutschland dienen sollte. Weder der Protestantismus noch das Judentum spürten ein Bedürfnis in j dieser Hinsicht, wohl zum Teil aus dem j Grunde, weil ihnen eine Verdächtigung, j wie sie die Katholiken traf, im großen und I ganzen erspart blieb. j Das Bild änderte sich sehr rasch seit j der Revolution. Nun standen alle relis giösen Kreise vor der Tatsache, daß das j deutsche Kulturleben in weiten Bezirken 1 sich loszureißen trachtete von religiösen s und erst recht konfessionellen Vorausjj setzungen. Die Lage wurde für die großen | Religionsgemeinschaften ähnlich, wie sie ' vorher für die römische Kirche in Deutsch-; land gewesen war. So kam es zu Unter- / nehmungen, die dem katholischen „Hoch- / land" ziemlich parallel laufen. Auf evänge- /: lischer Seite entstand die „Zeitwende", aus \ jüdischer der „Morgen". Der Parallelis- / mus der drei Zeitschriften ist schon bei oberflächlicher Betrachtung so deutlich, daß er nicht erst bewiesen zu werden braucht. Vor diesem Hintergrund wird es be- S greislich, daß nicht bloß das deutsche In- / denturn, sondern auch andere Schichten?. unseres Volkes sich irgendwie mitbeteiligt 1 fühlen an der geistigen Arbeit, die durch i den „Morgen" geleistet werden sollte. Heute ist es nicht mehr bloß ein? „sollte". Tatsächlich hat in den wenigen 1 Jahren seines Erscheinens der „Morgen" j| in einer außerordentlichen Weise seine / Ausgabe erfüllt. Das ist bei aller Anerj kennung für den Mitarbeiterkreis im j wesentlichen eben das Werk Julius Goldj steins. Ich habe es hier nur nach einer s Seite hin zu würdigen: insofern als der | „Morgen" eine Brücke geschlagen hat zwij schen Judentum und außerjüdischen j Kreisen. Nur davon ist hier die Rede. Es! würde auch vollauf genügen, diese einzige! Seite hervorzuheben, um das Erscheinen jj der Zeitschrift zu rechtfertigen. Mir scheint, » daß es vor allem dreierlei ist, was hier jj geleistet wurde. J Erstens hat der „Morgen" in der uns f allen gemeinsamen Sphäre der deutschen Oeffentlichkeit ganz Hervorragendes beigesteuert zur Bekämpfung des Rassenaberglaubens und des Antisemitismus. Hier ist, wie auch an anderen Stellen, der j „Morgen" ein Helfer dazu gewesen, daß eine Einheitsfront aller besonnenen und auf Volksversöhnung bedachten Kräfte in den verschiedensten Lagern echter Bildung deutlich an die Oeffentlichkeit trat. Zweitens: für uns Außenstehende ist vielleicht noch wichtiger am „Morgen", daß er eine weitherzige und doch

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