Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- Seite 380 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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380 Icirtb die Heimstätte der deutschen Juden. Wir müssen danach streben, die geistig - kulturelle Verschmelzung des deutschen Judentums mit der gesamten deutschen Kultur unter Aufrechterhaltung unserer religiös begründeten Stellung zu vollenden, und dabei immer mehr auf die Verinnerlichung jüdischen Erbgutes ohne unnötige Zurückhaltung, aber auch ohne besondere Betonung zu dringen. Die Mahnungen unseres Steiniger Aufstieg. Den Freunden des in der Fülle des Wirkens dahingegangenen Julius Goldstein dürsten Erinnerungen eines seiner frühesten Lehrer willkommen fein. Und wenn dieser Lehrer ihm auch ein Freund gewesen ist, der fast ein Menschenalter älter ist als er, werden die zahlreichen Freunde und Verehrer den Wunsch haben, auch über die Persönlichkeit des nun leider entschlafenen Gelehrten einiges zu erfahren. Nach einer harten Jugend im Elternhaus und auf der — erst kürzlich verstaatlichten — Talmud-Thora-Nealschule trat Julius Goldstein im Jahre 1890 in die Obersekunda des Realgymnasiums in Hamburg ein, wo er drei Jahre später die Reifeprüfung bestand. Die Anstalt war eine Neuschöpfung. Konrad ^Friedländer, der Vorkämpfer für die Gleichberechtigung des Realismus und des Idealismus auf Schule und Hochschule, verstand es, begabte Jünglinge für die oberen Klassen zu gewinnen, welche, im humanistischen Geiste erzogen, dem modernen Drange nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis folgen konnten. Goldstern gewann bald durch sein klangvolles Organ, seine aufrechte .Haltung, sein offenes Wesen und die großen leuchtenden Augen unser besonderes Interesse. Wir verstanden ihn glücklicherweise besser als die meisten seiner Mitschüler, die bürgerlich hochmütig waren, aber dank Friedländers Wachsamkeit und Menschenkenntnis frei von Antisemitismus. Man werkte dem wissensdurstigen Jüngling nicht an, wie schwer schon damals sein Lebenskampf war. Das vertraute er mir erst nach Jahren an. Das Bewußtsein, nicht für den Kaufmannsstand oder für ein Handwerk geschaffen zu sein, wie es von ihm erwartet wurde, brachten ihn in schwere Konflikte, weckten aber Kräfte und Impulse, die ihm über alle Kümmernisse hinweghalsen. „Auf sich selber stand er nun ganz allein." . . . Niemals empfand er Verbitterung oder Haß, 'wozu Anlaß genug vorhanden gewesen wäre. Stets auf gefährdetem Posten, kämpfte er mit scharfen, aber blanken Waffen für seine Ueberzeugung, ohne jemals persönlich zu werden. Goldsteins sprachliche Begabung machte sich früh geltend; nicht minder die Neigung zur Philosophie, worin er durch meinen älteren Freund S e l k i n für die spätere Laufbahn vorbereitet wurde, um dann unter E u ck e n s Schülern hervorzuragen. In volkstümlicher Behandlung verstand er es wie wenige, aus schwierigen Fragen auch der Gegenwart als Redner und Schriftsteller das Entscheidende herauszuschälen, insbesondere auch Studenten für eine philosophische Auffassung zu gewinnen. Der Ausstieg wurde ihm genügend erschwert. Seine zahlreichen Vortragsreisen führten ihn Freundes sind zum Teil recht hart; desto eindringlichersollten sie befolgt werden, denn ein Mann hat zu uns gesprochen, der erfüllt gewesen ist von wahrer jüdischer Frömmigkeit und von deutscher Gesinnung. Eine Persönlichkeit heischt von uns die Tat, für die sie selbst sich ein Leben lang einsetzte: Lebenserhöhung und Schaffung von Lebensinhalten aus der Grundlage deutschen Seins und jüdischer Religiosität. durch ganz Deutschland und viele fremde Lander. Sie brachten ihm Erfolge — zehrten aber auch an seiner Gesundheit. Erst 1925 bekam er einen Lehrstuhl, der ihm endlich materielle Sicherheit und damit zum ersten Male die Möglichkeit zu freier wissenschaftlicher Betätigung brachte. Was er nach dieser Seite Dauerndes geleistet, werden andere. Berufenere, seststellen. Wenn er mich bis zuletzt zum Empfänger seiner Bücher und Schriften gemacht hat, so mag ihn die Erinnerung an unsere weiter bestehende Freundschaft dazu getrieben haben. War es Dankbarkeit, so bekenne ich offen, daß ich ihm schon als Lehrer dankbar war für die seltene Art, durch kluges Fragen, schlicht und bescheiden den Unterricht zu beleben, im Lehrer das Bewußtsein der Unfehlbarkeit zu zerstören. So nehme man diese Zeilen auch als eine Dankesschuld aus, die ich als Mensch dem Menschen anssprechen möchte. Professor Dr. G. Wendt. Mhrer -er Jugend. Die junge Generation, die nach dem Krieg in die deutschen Hochschulen einrückte, verlangte wie keine andere nach Lehrern, die ihr mehr zu bieten hatten als gelehrtes Wissen. Ihr Unglück war es, daß sie in neunundneunzig von hundert Fällen auf „Professoren" stieß, wo sie Führer suchte, Persönlichkeiten, die ihr nicht bloß das berufliche Fachwissen vermitteln konnten, sondern ihrem Erlebnis des Krieges Form und Richtung zu geben vermochten, das sie im Gegensatz zu dem Studenten von früher und heute reifer und männlicher an das Studium kommen ließ als irgendwann zuvor eine Generation. Goldstern war eine solche Persönlichkeit, und daß er leider einer der an den Händen auszählbaren Ausnahmefälle war, machte seine Erscheinung doppelt schätzenswert. Diese Generation, die aus den Schützengräben kam; die nur allzubald m grausamer Ernüchterung aus der Verzückung des großen romantischen Abenteuers erwacht war, als welches sich den Achtzehn¬ und Zwanzigjährigen im Sommer 1914 der Krieg noch dargestellt hatte; die jetzt bis ins Innerste erschüttert war von dem sozialen Erlebnis des Krieges — in Goldstein fand sie einen der Führer und geistigen Berater, einen Kameraden und echten Freund, nach dem es sie verlangte. Diese Generation war politisch wie keine andere und sie wußte ohne Ueberhebung, daß sie es war, die dieses Chaos zu gestalten hatte, so gut es eben ging. Ich kann nur von mir sprechen, aber ich weiß, daß ich damit für viele ein Bekenntnis ablege: wir wären ohne diesen Mann nicht geworden, was wir sind. Hier war die Reife des Wissens gepaart mit jener schönen menschlich tiefen Leidenschaft für die lebendige Gegenwart, es war die echte, im wahrsten Sinne politische Leidenschaft und damit eben das, was wir suchten und brauchten. In jener Zeit der „Republik ohne Republikaner" war er einer der wenigen Republikaner von Wuchs in. dem Sinne, daß dem Republikaner das Miterleben und Mitschaffen der politischen und gesellschaftlichen Dinge SelbstverständlichkeiL und Lebenssache sein soll. Und er verfügte dabei über Gaben, die für uns in jener Zeit von unschützbarem Wert waren: er war gerade 'als Politiker ein vollendeter Redner und ein hervorragender Schreiber. Man bedenke doch die Situation: Deutschland über Nacht eine Demokratie geworden, aber völlig traditionslos in der Handhabung der Instrumente, deren Beherrschung zur politischen Willensbildung in der Demokratie nun einmal grundlegende Voraussetzung ist. Ich wiederhole, was wir von Goldstern in dieser Hinsicht lernen konnten und gelernt haben, war unschätzbar. Er war ein Künstler des Wortes; Rede und Schrift waren ihm Kunstwerke. Er besaß Salomo ihn Gabirol: Auf den Tod Jekuiiels. Deutsch von Franz Rosenzweig*), 0 sieh die Sonne, rot in Abends Blassen, als ob sie kleide sich in Kermesdecke, Sie blösst des Nordens und des Südens Ränder, dass sie den Meerwest ganz mit Purpur decke, Die Erde aber — nackt zurückgelassen in Schattennacht zu nächtlichem Verstecke, Bis finster wird der Luftraum, gleich als ob er sich um Jekutiels Tod mit Sack bedecke, *) Brody-Älbrecht, S. 88, - lieber setzt nach einem Entwurf von Herrn Friedrich Bargebuhr {Hamburg), das ursprüngliche Gefühl für den Wert des Wortes, verlor es nicht, trotz Rotationsmaschine und Stenogramrn. Eine Unterhaltung mit ihnr über die Psychologie der Rede und des Redners, über die Struktur eines Artikels, einer Broschüre, eines Buches war nicht bloß Genuß, es brachte weiter. Ich gestehe es offen, seine Kritik des formalen Wertes einer Arbeit war stets die wichtigste und sein Lob eine besondere Auszeichnung. Wer ernsthaft um die Gestaltung unseres öffentlichen Lebens ringt, wer für die junge deutsche Demokratie und ihre Vollendung kämpft, kann deshalb ermessen, was es bedeutet, daß dieser Mann der Generation, der das Schicksal dieses Los der Führung zugeworfen hatte, nicht bloß nach Charakter und Gesinnung, sondern gerade auch nach dieser Richtung Vorbild und Beispiel war. Wir haben uns bei ihm Rat geholt, er hat nie versagt. Bei ihm nicht zuletzt haben wir gelernt, wie man Politik macht in dem Sinne Max Webers, daß sie „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich bedeutet". Er verlor dabei das Menschliche niemals. Im erbittertsten Streit — und gerade daun — forderte er unerbittlich von sich und jedem Objektivität, unbedingte Fairneß. Man möchte wünschen, daß die Entwicklung des öffentlichen Lebens in Deutschland vom Geist dieses Mannes einen Hauch verspürt. Es wäre sein bestes Denkmal als Lehrer. Dr. 0. Morendorfi (Darmstadt). Dank -es Lehrers unö -es Schülers. von Professor vr. H. Ven-t Hamburg) unö Dr. L. LMeren-orss (Darmssa-t).