Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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134 „Wahrheitstreue Berichterstattung." Zwei Fälle, die Bände sprechen. Der Nürnberger „Stürmer" marschiert in der ersten Reihe jener Organe, die jeden Fall, in dem ein Jude oder ein angeblicher Jude in den Verdacht eines Sittlichkeitsverbrechens gerat, in behaglichster Breite darstetlen. Meist folgt dann ein Dementi, das man nicht bringt, oder ein Verfahren wegen verleumderischer Beleidigung, das man auf sich nimmt; die sechs Wochen Gefängnis sind immer noch erträglicher als ein Verzicht auf die erotische Note des Blattes. Für die wahrheitstrcue Berichterstattung charakteristisch sind zwei Fälle, die wir aus den Meldungen des „Stürmer" und des „Angriff" (Berlin) heransgreiscn. Da erschien, wie auch in anderen Blättern, im „Stürmer" ein groß ansgemachter Artikel gegen Sanitätsrat D r. Magnus H i r s ch s e l d (Berlin), der als „Apostel der Unzucht" begeifert wurde. Alls dem Wust von Beschimpfungen schälen wir die Behauptung heraus, Dr. Hirschfeld habe in einer Schülerversammlnng in Berlin den Geschlechtsverkehr der Jugend propagiert und den Schülern empfohlen, ihre Kameradinnen zu bitten: „Leg deine Hand in meine Hand, und führ mich ein in die geheimen Dinge." Wer den „Stürmer" kauft, weil er durch seine Lektüre seinen Bedarf an Lüsternheit decken will, kommt mit einer solchen Meldung auf seine Kosten. Der ernster denkende Völkische aber und der zu Verallgemeinerungen neigende unkritische Leser stellt in berechtigter Empörung fest: „Ein unerhörter Vorgang, Jugendverführung, Planmäßige jüdische Sittenverderbung!", zumal der „Stürmer" sehr schnell bei der Hand ist, die erfundene Erklärung eines toten Zronistenführers als Beweis dafür anzusühren, daß solche Einwirkung auf das deutsche Volk „im jüdischen Weltherrschaftsplan.e" liege. Was ist an dem Vorgang wahr? Der bekannte Sexualforscher Tr. Magnus Hirschfeld war ausgesordert, in einer Schülerversamrnlnng des Neuköllner Gymnasiums das aktuelle Thema „^chülerselbstmorde" zu behandeln. Er tat dies in streng sachlicher, wissenschaftlicher Weise, indem ^r die drei Hauptwurzeln „Lebensangst, Minderwertigkeitsgefühle, Sexualnot" äußerst vorsichtig und dezent aufdcckte. Die Frage des geschlechtlichen Verkehrs unter Jugendlichen hat Herr S a n i t ä t s r a t D r. Hirschseld überhaupt nicht berührt. Er schloß sein Referat mit dem berühmten Zitat aus Dantes „Göttlicher Komödie", in dem das Verhältnis vom Schül er zu m Leh r er durch die Verse gekennzeichnet wird: „Und heiter nun, daß ich die Furcht bezwinge. Legt er die Hand in meine Hand und führt mich ein in die geheimen Dinge." Diesen Vers hat ein Studienrat Fink (Steglitz) in zahlreichen Rechtsblättern falsch wiedergegeben, indenr er aus Lehrer und Schüler Schüler und Schülerinnen machte und dem Ganzen statt einer pädagogischen eine erotische Note gab. Er wurde wegen verleumderischer Beleidigung von Sanitätsrat Dr. Hirschfeld verklagt und mußte zugeben, „daß manches in seinem Bericht mißverständlich wiedergegeben sein kann, da er die Wesensart des Vortragenden zu wenig kannte". So klärt sich der Vorgang völlig harmlos aus, aus dem der „Stürmer" wieder einmal Stoff für Tiraden gegen die jüdische Unsittlichkeit gierig gesogen hat. (Für die Verleumdungen Dr. Hirschfelds wird sich der „Stürmer" selbstverständlich zu verantworten haben.) Einen ähnlichen Reinfall mußte der „Angriff" des Herrn Tr. Goebbels erleben. „Jüdische Jagd aus deutsche Mädchen!", „Deutsche Autojuden veranstalten Razzien", hieß es in Nr. 35/28. In der Notiz wird geschildert, wie zwei Autofahrer, „natürlich Juden, zwei jüngeren Mädels „gut zuredeten, doch in ihr Auto zu steigen". Der Vorfall soll sich in Halle abgespielt haben, wo das Auto Nr. I A 34 327 eine Razzia nach deutschem Edelwild veranstaltete. „Wie soll sich ein schwächliches Mädchen eines lüsternen Wüstlings erwehren, der sie (!) (soll heißen „es"; oh deutschvölkischer Goebbels, der du als Philologe deutsche Grammatik mindestens beherrschen solltest) in irgendeine einsame Gegend verschleppt hat." Die Angabe Ortsgruppe Frankfurt a. Main Am Sonnabend, den 16. März, spricht in öffentlicher Versammlung im Börsensaal der stellvertretende Vorsitzende des Hauptvorstandes Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin): „Der Weg öes üeutfchen Iuüen". Näheres an den Anschlagsäulen. Frühzeitiges Erscheinen wegen des zu erwartenden Massenandranges geboten. der Autonummer ermöglichte eine Prüfung des Vorfalls. Es ergab sich, daß zwei Berliner Herren sich bei einer geschäftlichen Tour in Halle nach dem Weg nach Merseburg erkundigten; sie unterhielten sich mit. zwei jungen Damen kürze Zeit völlig harmlos, als der der Wagen infolge eines Menschenauflauss halten mußte. Und nun staunen Sie, Herr Dr. Goebbels: Diese beiden Herren legen Wyrt darauf, „Arier" zu sein, und sie betonen ausdrücklich--daß sie keine Nalürlidies ttlneratoasser Das fiesuedlieitswasser! Faching er Versandstell o, Berlin SW 11, Scliöne'berger Strasse 16a. Telefon: L ii tz o w 8260 J 6 L Juden sind. Werden Sie jetzt ehrenhast genug sein, Herr Dr. Goebbels, diese Berichtigung Ihren Lesern mitzuteilen? Wir sind einmal absichtlich aus zwei politisch ziemlich unbedeutende Vorkommnisse eingegangen. Wir haben durch diese ausführliche Behandlung zweier Beispiele darstellen wollen, wie unsere Gegner arbeiten. Wir wollen gewiß nicht den „Stürmer"-Nedakteur belehren, denn er ist unbelehrbar; aber wir hoffen, daß Gegner, die sich ein Gefühl für ehrenhafte Kampfesweise erhalten haben, von diesen Praktiken abrücken. Es muß ichlecht bestellt sein um eine politische Idee, die man mit pornographischen Mitteln propagieren muß. Dr. Hans Reichmann. Geschäft geht vor Politik! Als vor einigen Tagen der Völkische Reichsausschuß der Deutschnationalen Parteil, dessen Vorsitzender der bekannte judenseindliche Professor Freiherr von Freytag- Loringhoverr von der Universität Breslau ist, zusammentrat, wurde auch über das Versagen der Rechtspresse, besonders aus kulturellem Gebiet, gesprochen. Der neue Pressechef der Deutschnationalen Partei, Brvsius, begründete es mit der finanziellen Abhängigkeit der Zeitungen von dem Inseratenteil. Diese Rücksicht „scheide sie häufig von einem kulturellen Kamps aus, insbesondere wenn es sich um den Kampf gegen das Judentum handle". Zu deutsch heißt das: mit Rücksicht aus den jüdischen Inserenten wird die Kulturpolitik der rechtsstehenden Presse nicht so scharf antisemitisch gemacht, wie es der völkische Reichsausschuß gern möchte. — Geschäft geht vor Politik! Sanatorium Rebhaus, Freiburs LBr. rar innere, Nerven-». Stoffwechselkranke. 1929 vollständig renoviert Leitender Arzt: Dr. Mann. Prospekte DER MORGEN Herausgeber und Sdiriftleitung: Prof. Dr. Julius Goldstein, Darmstadt, Beckstrasse 87 Verlag: Philoverlag, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13III * Postscheckkonto: Philoverlag, Berlin 83512 «Druck: RoetherdrückG.mJb.IL, Darmstadt, Bleichstrasse 24-26 wird im V. Jahrgang u. a. folgende Arbeiten bringen: Julius Bab: Literaturberichte. — Bertha B adt- Strauss: Die Tochter Moses Mendelssohns. — Leo Baeck: Volksreligion und Weltreligion. — Ludwig Feuchtwanger: Grundsätzlidies zur Forschung über das Alte Testament. — Hermann Funke: Rasse, Leistung und Schicksal in Sparta. Die Eroberung der geistigen Welt durch Rom. — Julius Goldstein: Aus den Tagebüchern eines Freundes. Aus der Schweizer staatsrechtlichen Literatur. Ehrfurcht. Literarische Hinweise. — B. Jacob: Einführung in das erste Buch Mose. — A. Kahlberg: Der Schwiegervater Moses. Ein Beitrag des Matriarchats in der Bibel. — W. Morel: Das älteste biblische Drama. — Wilhelm Michel: Natursdiilderungen der Bibel. — Hanns Reissner: Mirabeaus Judenpolitik. — Georg Salzberger: Zur Frage der Mischehe. — Margarete Su s man : Das Hiobsproblem bei Franz Kafka. — S. R. Steinmetz (Amsterdam): Ist die Rasse ein wissen^ schaftliches Erklärungsprinzip? — Friedrich Thicberger: Im Banne der Wirklichkeit. Religiöse Zeiierscheinungen: Beiträge von Ludwig Heitmann: Die Krisis der Religion in der Gegenwart. — H. Kappes: Religiöser Sozialismus. — A. Mahr: Bäuerlicher Frömmigkeit. Die Stellung des Geistlidien in den drei Konfessionen: Beiträge von Otto Meller, F. L., Max Dienemann. Religion und Völkerfriede: Beiträge von J. Heinemann, Heinrich Frick, Theodor Steinbüchel, Max Diene mann. Jahresabonnement für 6 Hefte RM. 12,—.