Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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J33 vor öer Hauptvorftanösfltzung. Nationalsozialismus. — Jewisli Agency. Am 28. und 24. Marz findet in Berlin eine wichtige Tagung des HanptvorstandcZ des Centratvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt, die sich vor allem mit der politischen Lage unter besonderer Berücksichtigung des Nativnnlsozialismus ltnb mit unserer Stellung zur llewisii Agency beschäftigen wird. Neben dieser Tagung fiubeu zwei Sitzungen des Arbeitsausschusses sowie eine Besprechung der Beamten des Centraloereins statt. Der Nationalsozialismus null mit der allgemeinen Politischen Lage gewürdigt werden. Für ben ruhigen Beobachter unseres innerpolitischen Lebens ist es klar, daß seit den Wahlen im Jahre 1928 der Nationalsozialismus es verstanden hat, die schlechte wirtschaftliche Lage sowie auch die unbefriedigenden Politische!^ Verhältnisse sich zunutze zu rnacheu. Wie hier schon eingehend berichtet wurde, ist er mit größter Rührigkeit dahinter, die Unzufriedenen im Reiche überall für sich zu gewinnen. Daß solche Tätigkeit von allgemeinem politischen Interesse ist, zeigt u. a. die Entwicklung der Verhältnisse in S ch l e s w i g - H o l st e i n , wo die politische Leidenschaft erst in den letzten Tagen wieder zürn schmerzlichen Bedauern aller besonnenen Deutschen Tote und Verwundete als ihre Opfer zählte. Unser Freund Ludwig Hans hat die Berichterstattung über die politische Lage unter Berücksichtigung des Nationalsozialismus übernommen. Nach dem Bölkerbnndsnmndat fiir Palästina ist die Exekutive dev zionistischen Weltorganisation die unter.der Mandatarmacht England stehende Verwalterin der durch die Balsour-Deklaration garantierten nationalen Heimstätte (national home), solange nicht für diesen Zweck eine besondere Jewisk Agency geschaffen ist. Infolge einer zwischen Professor Wo iz mann und Lollis Marshall (New Nork) getroffenen und von der Zionistischell Exekutive nach lebhaften Erörterungen vorbehaltlich der Genehmigung des Zionistentongrefses angenommenen Vereinbarung soll nunmehr die Alleinverwaltung der Zionisten durch die Jewish Agency, d. i. eine Körperschaft, abgelöst werden, in der auch Nichtzionisten 50 Prozeilt der Sitze nach dem Beschllisse der Zionistenkongresse eingeräumt werden sollen. Zum ersten Mal ist also damit die Möglichkeit gegeben, daß Nichtzionisten gleichberechtigt mit Zionisten Palästina miivenoalten können. Der Vertrag Marshall—Weizmann stützt sich aus die Balsour-Deklaration. Aber keinen! der nichtzionistischen deutschen Teilnehmer darf es verwehrt sein, seine Auffassung von der llnerschütterlichen Bindung zwischen Judentlnn und Deutschtum, wie sie der Cenlratvereiu vertritt, ohne jede Abschloächnng aufrecht zu erhalten. Der Erörterung der Frage, uuv-tmu'ti diese unsere Stellungnahme durch Beteiligung der deutschen Inden au der Agency gefährdet totrb, wird den Hau Pivot'- stand beschäftigen. Maßgebende nichtzionistische aruerikanische Juden rlnter Führung von Lollis Marshall lmd Felix M. Marburg haben sich für den Eintritt in die Jewish Agency ausgesprochen. Die englische Jndenheit, an der Spitze der Je'vrish Board of Deputies, lvird ebenfalls der Agency beitreten. In Deutschland hat bisher die Jüdisch-liberale Bereinigung den Eintritt abgelehnt. Referate von Professor Georg B e r n h a r d (Vertun und RechG ainvalt Alfred Lichten borg (Hannover) sonne rechtzeitig verschickte Makerialnnterlagen werden den Mitgliedern des Hanplvorstandes Gelegenheit geben, eine leidenschaftslose sachliche Prü fang vorzuuehmeu. Wir werden über den Ansgang der Sitzungen berichten. Albert Einstein 5« Jahre alt. Am 14. Marz feierte Professor Albert Einstein seinen 00. Geburtstag. Wir wünschen dem Jubilar von ganzem Herzen alles Gute. Wenn wir auch in vielen Fragen unseres jüdischen und deutschen- Lebens mit der Auffassung Professor Einsteins nicht übereinstinunen, so wissen wir diesen warmherzigen und tiefgründigen Mann, der stets für alles Gute und Edle enrgetreton ist und dessen Bedeutung die Jahrhunderte überdauern wird, in seiner ganzen Menschlichkeit zu verehren und zu würdigen. Mus öer fiebert öes Centralvereins. Aus Anlaß des Lessing-Ir'.bilämns bat im Januar und in der letzten Febrnarwoche Professor Tr. Kinkel, der bisherige Philosoph der Gießener Universität, vor dein Publikum unserer Ortsgruppen und den dazu eingeladenen sonstigen Gememdemitgliedern von Bochum, Duisburg, Essen, Hagen und Oberhausen gesprochen. Der Redner behandelte in seinen Ausführungen jeweils das Thema ,.Lessing nnd die Idee der Humanität" oder „Das Zusammenleben der Konfessionen". Im Geiste seines großen Vorbildes Lessing setzt sich der Vortragende für ein Zusammenleben der Menschen in gegenseitiger Achtung ein. Less'mgs Drang nach Wahrheit lebt förmlich in der ehrwürdigen Gestalt des jugendlich begeisterten Redners. Am 20. Februar sprach Professor Kinkel aus Einladung unserer Ortsgruppe Nauheim vor Mitgliedern und geladenen Gästen über „Die Idee des Staates und die Idee der Menschheit". Unter den Gästen sah man n. a. den Altbürgermeister mit Gattin, sämtliche Beigeordnete, den Stadtbaumeister und zahlreiche Stadtverordnete, sowie den Amtsgerichtsdircktvr. Ter Vortrag fand starken Widerhall in der Oesfentlichkeit, auch durch ausführliche Berichte in der „Bad-Nauheimer Zeitung" und in der „Oberhessischen Volkszeitung". Wir dürfen besten, daß der Sinn des Vortrages, die Verbrüderung der Menschen.über staatliche nud konfessionelle Grenzen hinaus, zu einenr guten Teil in Erfüllung gehen wird. Die-Entwicklungslinie „Von Le s sing zum C. V." zeichnete ein Vortrag, den Dr. M i ch a e l W a s s e r m a u n, der neugewählte Führer der Ortsgruppe Bamberg, am 18. Februar in einer zahlreich besuchten Mitgliederversammlung hielt. Dabei ging er von der Tatsache aus, daß Lessiug durch die Schöpfung des „Nathan" imd durch die von dieser Dichtung ansgegangeneu Wirkungen auch in der Geistestutb Kulturgeschichte der deutschen Juden die stärksten Folgen und Bewegungen ansgelöst hat. Mit dem ,,N a i h o n” war über trennende Unterschiede hinweg gewissermaßen eine Zugbrücke niedergelassen, über die mit Moses Mendelssohn an der Spitze die deutschen Juden ihren Eintritt in den deutschen Kulturkreis vollzogen und zunächst wenigstens das geistige Bürgerrecht erwarben, dem das politische folgen mußte. Lesung ist sonach der geistige Ahnherr des E. D. - Gedankens. Dr. Michael Wassermann bewies mit diesem Vortrag, daß er der rechte Mann am rechten Orte ist und daß wir mit einem neuen ersprießlichen Leben und Wirken in unserer Ortsgruppe Bamberg rechnen können. Ein starkes Echo in der Presse fand ein Vortragsabend, den die Bremer israelitische Gemeinde gemeinsam mit der Ortsgruppe Bremen des EentralvereiuK im großen Haaghanssaale veranstaltete. Dr. Kurt Z i e l e n z i g e r verstand es, in ausgezeichneten klaren Ausführungen die schwierige Materie der notwendigen Umgestaltung des jüdisch-wirtschaftlichen Denkens jedem Zuhörer naheznbringen. Er zeigte in großen Umrissen die Veränderungen der Wirtschaft durch Krieg, Inflation und Stabilisierung und belegte feine Ausführungen auch wissenschaftlich mit interessantem Zahlenmaterial. Die an den Vortrag sich anschließende Aussprache ergab eine Fülle von Material, so daß es sich verlohnt, hierzu noch ausführlich Stellung zu nehmen. Allseitig wurde dankbar anerkannt, daß der Hauptvorstand des E. V. bereits gute Vorarbeit in dieser für den jüdischen Nachwuchs so wichtigen Frage geleistet habe. Die diesjährige Tagung des WürLterridergischerr Larrdesarrsschuffes am 10. März in Stuttgart belvies das außerordentliche Interesse, mit welchem man dem E. B. in Württemberg begegnet. Fast alle großen und kleinen Gemeinden bis auf ganz geringfügige Ausnahme!: waren vertreten, so daß sich die Verbreitung der Bestrebungen und Gedanken unseres E. V. in Württemberg als mustergültig erwiesen hat. Herr Dr. Fcldüintni in Stuttgart, unser alter Freund und Leiter des Landesausschusses, konnte deshalb bei seiner Wiederwahl mit Recht die besondere Wärme und Freudigkeit empfinden, die selbst in den kleinsten Städten des württembcrgischen Schwarzwaldes in der jüdischen Bevölkerung seine Arbeit für den C. V. geschaffen hat. Die beinahe neunstündige Tagung wurde mit einem ausführlichen Geschäftsbericht Dr. Fel dm an ns über die Tätigkeit des Arbeitsausschusses des Wnrttembergischen Landesverbandes, einem umfangreichen Referat Tr. H olländer s über die Lage im Reiche und -zwei eingehenden Vorträgen der Herren Tr. L e v i nnd Dr. W e i l in Stuttgart über die politischen Verhältnisse in Württemberg, schließlich durch eine umfangreiche Erörterung, da fast alle Abgeordneten ans dem Lande Württemberg zu Worte kamen, ausgefüllt. Nene Wege der Arbeit wurden gewiesen; die Sorgen von Stadt und Land wurden erörtert, die großen Schritte, welche die Zukunft nvtiocndig machen wird, vorgezeichnet und wichtige Punkte in der Leitung der Einzelarbeit vereinbart. Wenn auch gerade in Stuttgart noch manche jüdische Deutsche außerhalb des C. V. stehen, obwohl sie gesinnungsgemäß zu ihm gehören, so ist bestimmt zu erwarten, daß die unermüdliche Arbeit des Landesausschusses Württemberg und des Ortsausschusses Stuttgart mit ihrem segensreichen Wirten überall als notwendig und erfolgreich anerkannt werden wird. Im ganzen steht der Landesansschnß Württemberg in Organisation und innerer Anteilnahme im Rahmen unserer Landesverbände Richtung gebend da.