Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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60$ SeschLmpfuKg -er Aachener NuktusgemeirrSe. Aber Dr. Lcy, M. d. L., ist immun- ..Die Israelitische K ultusgerneinde bezahlt Mörder" überschreibt der „Westdeutsche Beobachter" vom 21. Oktober eine Meldung aus Aachen. In unmittelbarem Zusammenhang mit einer Versammlung der Nationalsozialisten, die am 11. Oktober stattsand, kam es zwischen diesen und Notfront-Leuten zu blutigen Schlägereien. Ter „Westdeutsche Beobachter" stellte die Behauptung auf, daß die Israelitische Kultusgemeinde die „Rotfront" für diesen Ueberfall bezahlt und daß ein jüdischer Bürger als Beauftragter des Gemeindevorstandes an dem Ueberfall teilgenommen habe. In der Israelitischen Kultusgemeinde sei nämlich kürzlich beschlossen worden, daß in Aachen keine Versammlung der Nationalsozialisten mehr stattfinden solle, bzw.. daß für jede Versammlung Verbrecher gedungen werden sollen, die die Versammlung stören und die Nationalsozialisten überfallen sollten. Der Aussatz schließt: „Also überall als letzte treibende Kraft der Jude, als Helfer, das grötzte Gesindel, das in deutschen Landen zu finden ist. Nns aber wird dies unr zn einen; treiben — noch intensiver auf den Tag hinzuarbeitcn, an dem es in Deutschland keine israelitischen Knltusgemeinden mehr gibt, an dem Tage, wo sich Halunken an einem anderen Orte treffen können-am Galgen." Der Vorstand, die Israelitische Religionsgemeinde in Aachen, hat sofort Strafantrag wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft und wegen Beleidigung, begangen durch die Presse, gestellt und die sofortige Beschlagnahme durch die Kriminalpolizei veranlaßt. Der Westdeutsche Beobachter" wird von dem als preußischen Landtagsabgeordneten vor Strafverfolgung gesicherten Agitator Dr. Ley als verantwortlicher Redakteur gezeichnet. Das Problem, auf das im Leitartikel der letzten Nummer hingewiesen wurde, besteht also auch hier. Die sofortige Beschlagnahme hindert zwar die Wciterverbreitung der Beschimpfungen. Aber der Ausgang der Strafverfolgung wird kaum mehr ergeben, als neues Material dafür beizubringen, daß das Presse recht, wie es gegenwärtig gilt, unter allen Umständen und möglichst rasch geändert werden muß. Die Uonferenz örr Marshalk-Gruppe. Für die erweiterte Jewisli Agency. Wie wir berichtet haben, tagte vor einiger Zeit in London ein Diererausschuß, bestehend aus Lord M e l ch e t t, Felix W a r b u r g, Dr. Lee K. Frankel und Oskar Wassermann, um die Ergebnisse der Gutachten der auf Grund des Weizmann-Marfhall-Abkomme ns nach Palästina entsandten Sachverständigen sestzustellen und einen rationalen Ausbauplan für Palästina zu entwerfen. Dieser Plan — ein umfangreiches Blau buch — fand, wie wir weiter mitteilten, keinesfalls die Zustimmung des Zionistischen Aktionskomitees, das ihn in stürmischen Sitzungen in Berlin mit entscheidenden Aenderungsvorschlagen versah. Nunmehr tagten am 20. und 21. Oktober in New Jork unter dem Vorsitz Lours Marshalls die nichtzionistischen amerikanischen Palästina-Freunde, um zu dem Bericht des Viererausschujses wie den Beschlüssen des Zionistischen Aktionskomitees Stellung zu nehmen. 3lad) denr telegraphischen Berichte der Jüdischen Tclegraphen-Agentur («Ha) wurde dabei folgende Entschließung gefaßt: ,^Ter Bericht der Joint Palestine Survey Commission, die in London getagt hat und einen Plan und ein Budget der Ansbauarbeit in Palästina für eine Reihe von Jahren ausgestellt hat, wird als Grundlage einer weiteren Aktion der amerikanischen Nichtzionisten angesehen. Sollten jedoch etwa eintretende geänderte Verhältnisse eine Abänderung des Planes notwendig machen, so wird der erweiterten Jewish Agency empfohlen, Llbündcrungcn bzw. Ergänzungen der Aufbanplüne vorzunehmcn, und zwar in einer Art und Weise, die die Jewish Agency als für die wirtschaftliche, geistige und kulturelle Entwicklung Palästinas am besten erachtet." In der Resolution wird vorausgesetzt, daß die Bildung der Jewish Agency sehr schnell fort schreiten wird, sobald die in verschiedenen europäischen Ländern geplanten Jewi8h-Agency-Deratungen siattgejunden haben werden. — Wir geben vorerst diese Mitteilungen, für die die Jüdische Telegraphen-Agentur die Verantwortung, trägt, ohne Erläuterungen hier wieder und behalten uns vor, wie schon angekündigr, auf das Gesamt- Problem der Jewish Agency an dieser Stelle einzugehen. Um die Rlagemauer. Heftiger Zwist in Palästina. In Nr. 40 unserer Zeitung berichteten wir über die bedauerlichen Vorgänge, die sich während der Jaum-Haktipurim-Andacht an der Klagemauer zu Jerusalem abgespielt haben. Sie haben mit dem aktuellen Anlaß leider nicht ihr Ende gefunden, sondern sie haben nur den Auftakt zu weiterem Kampf gebildet. Die Mohammedaner haben nämlich jetzt begonnen, die Klagemaner zu verbauen, indem sie ein kleines Gemach darauf errichteten. Damit soll anscheinend ihr Vesitzrecht augenfällig dokumentiert werden. Auf den Protest der Jerusalemer Jüdischen Gemeinde erwiderte der Tistriktskommiffar von Jerusalem, daß die Mohammedaner zu ihren Maßnahmen berechtigt seien, da die Klagemauer und der Boden, auf dem sie sich befände, territorial ihnen gehöre. Diese Entscheidung, von der wir nicht glauben können und wollen, daß sie endgültig ist, würde eine Stätte angehen, die feit alten Zeiten im Bewußtsein aller Juden als Heiligtum gilt. Wir geben die Hoffnung nicht aus, daß durch eine Einigung der maßgebenden Stellen den Juden die freie Benutzung der altehrwürdigen Klagcmauer unbedingt gewährleistet wird- Protestversammlungen und Kundgebungen von dieser und jener Seite, die schon zu bedauerlichen Zwistigkeiten zwischen Mohammedanern und Juden führten, scheinen nicht das geeignete Mittet, den Frieden wiederherzustellen. Mögen dem Geschick und der Klugheit führender jüdischer Persönlichkeiten Palästinas in Verhandlungen Erfolg beschieden sein, damit neben der Erhaltung der Klagemauer als Andachtsftdtte nicht etwa die Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Palästina gar ejuf dis Dauer schwer gestört werden. Das neue Heft der ZweimonatsschrisL »Der Morgen" — Herausgeder: Professor Dr. Julius Goldstern (Darmstadt) — enthalt die nachfolgenden Aufsätze: Friedrich Thieberger: „Die Erweckung". — Max Dienemann: „Galrrth". — Margarete Busman: „Auslosung und Werden in unserer Zeit". — Edmond Fleg: „Warum ich Zude Lin" (Schlutz). — Kurt Eckstein: ,Leinrich Heine". — Adam Röder: „Die Iudenfrage in Hellpachs .Politische Prognose"". — FranzRosen zweig: „Die Einheit der Bibel". — MartinGoldner: „7. Dclegrertentag des Verbandes der jüdischen Iugendvereine Deutschlands". — Julius Lewkorvitz: „Die Tagung des Deltverbandes des religiösliberalen Judentums" sowie verschiedene Besprechungen wichtiger Werke. (Schloss von Seite 607.) sich an den Beratungen des Sanhedrins zu beteiligen. Napoleon und seine Mitarbeiter scheinen nicht einmal gewußt zu haben, daß es seit Jahrhunderten keinen Juden mehr aus der iberischen Halbinsel gab. Der Enthusiasmus der Juden außerhalb Frankreichs über das Sanhedrin war auch bei weitem nicht so groß, wie Napoleon erwartet hatte. Trotz des Pompes, mit dem Napoleon die Beratung zu umgeben wußte, trat er dem Sanhedrin genau so autokratisch gegenüber wie vorher der Versammlung. Und kaum war die jüdische Versammlung aufgelöst, da traten neue Ausnahmegesetze. gegen die Juden in Kraft, die auf eine Zeit von zehn Jahren die Inden ihrer Forderungen, auch wenn sie noch so reckst mäßig waren, beraubten. Außerdem mußten sie eine besondere Handel scrlaubnis beim Magistrat nachsuchen und waren so den schlimmsten Schikanen ausgesetzt. Auch in militärischer Hinsicht wurden sie einem besonderen Regime unterworfen. Es wurde ihnen das Recht genommen, das den übrigen Bürgern zustand, sich einen Stellvertreter für den Militärdienst zu bestellen. Napoleon scheint damit weniger den Plan verfolgt zu haben, sich der wenigen jüdischen Heerespslichtigen zu bedienen — es gab damals in ganz Frankreich überhaupt nur etwa 60 Oöö Juden —, sondern er wollte den eben aus dem Ghetto befreiten Juden durch das Wasfenhandwerk das Ausgchen in der Nation erleichtern. Dies scheint überhaupt seine vornehmste Tendenz gewesen zu sein, denn er hat sogar einmal den Plan erwogen, jüdische Eheschließungen nur so weit zuzulasien. als jede dritte Heirat eine Mischehe nxlre. Im übrigen haben die Juden schon gleich nach ihrer Befreiung durch die Revolution Eintritt ins Heer gesunden, und der Metzer jüdische Freiwillige N o r d o n , der 1789 ausgezogen war, wurde bereits 1799 Leutnant. Die Gesetzgebung Napoleons, die sich auf die Juden bezog, war im übrigen die ausgesprochene A u> s n a h m e g e s. e tz g e b u ng eines D i k ta to r s. Er suchte durch eine Begünstigung der Juden des Südens portugiesischer Abkunft und der Avignonesen sowie der Juden, die in? Paris ansässig waren, im Gegensatz zu den Juden im Departement des Nordens und des Ostens Zwietracht im jüdischen Laaer selbst zu säen. Die Verwaltungsarbert Napoleons hat aus keinen Fall das Aufgehen der Inden in der Natron beschleunigt. Dagegen haben die Bourbonen nach ihrer Rückkehr sich den Juden gegenüber durchaus objektiv benommen und die Ausnahmegesetzgebung Napoleons, die im Jahre 1818 zu Ende ging, nicht wieder erneuert. Allerdings hatten auch die Kreise, die den Juden feindlich gogenüberstanden, inzwischen erkennen müssen, daß die Ausnahmegesetze gegen die Juden-, vor allen: die wirtschaftlicher Natur, nicht nur den Juden, sondern auch ihren christlichen Mitbürgern mehr gesckstrdet als genutzt hatten. Leopold Steirrfeld (Paris).