Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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V 99 9 m t §WZ§imßl«h. Eine Antwort an Dr. Jsmar Freund. Zu dem Vorträge Dr. Freunds über ..Die Juden in Sowjetrußland" (,,C. V.-Zeitung" Nr. 42) wird uns geschrieben: 1. Tie Prognose Dr. Freunds hinsichtlich des Untergangs der jüdischen religiösen Kultur in Sowjetrußland beruht nicht auf einer Analyse der Tatsachen im Lichte der Entwicklung, als vielmehr auf einer gefühlsmäßigen Beurteilung der Tinge. Auch ich habe nicht die Absicht, Vergleichszahlcn anzuführen und eine Statistik über Tefilin und Schaufüden vor und nach der Revolution zu bieten. Ich zweifle nicht daran, dasi Herr Dr. Freund Zeuae von Tatsachen war, die ihn zu jeneu trübseligen Gedanken geführt hatten, die wir von ihm hörten. Ich aber habe andere Tatsachen gesehen. Wie verschieden ist es uns beiden ergangen: Herr Dr. Freund suchte ausdrücklich Religion. Er ging darauf aus, Religion zu suchen, und er hat sie nirgends gefunden. Ich aber suchte sie nirgends und fand sie überall. Allerdings nicht immer in oer alten unveränderten Form. Ich erinnere mich an die ersten Eindrücke im Kolomsationsgebiet. Nach einer fünfstündigen Autofahrt kam ich an einem kalten Nachmittag in der ersten Kolonie „Frihling" an. Ich hatte Hunger. Die Frau des Kolonisten, bei dem wir Unterkunft fanden, erklärte, daß, wenn wir zwei Stunden warten wollen, sie ein Huhn für uns kochen wird.. Aus meine Frage, warum dies so lange dauern muß, erhielt ich die Antwort: „Weil der hiesige Schauchet heute zu einer Bris-Mileh fuhr und der benachbarte Schächter in einer Entfernung von einer halben Stunde wohnt . . / Und da ist eine zweite Kolonie. Wir besuchen die Wohnungen der Kolonisten und ich bewundere die Sauberkeit der ärmlichen Jnnenraume. In einem Hause, wo der Fußboden sich nicht durch besondere Sauberkeit auszeichnete, horte ich folgende etwas humoristische Entschuldigung: .LÜir sind hier eine Genosienschaft von Bieren, ich, mein Schwager, dieser neu Zugewandertei der noch kein eigenes Haus hat, und der Vierte, der die Hauptschuld daran trägt, daß der Fußboden bei mir nicht sonderlich elegant ist, der Vierte — das x\i der liebe Herrgott selber, denn bei mir ist nämlich ein Minjan. Zweimal des Tages kommen jetzt die Leute zu mir, um ihre Andacht zu verrichten. Ta kann man nicht so sauber halten wie bei anderen Leuten/ — In den Städten sah ich kleinere und größere Religionsschulen; selbst in Leningrad habe ich eine nicht konzessionierte, doch aber geduldete Talmud-Thora gesehen. Und was den Besuch der Synagogen anbetrifft, so könnte eine jede mittlere Gemeinde in der Ukraine es sicher« lich mit mancher frommen Gemeinde in Deutschland aufnehmen. Aber ich möchte auf Grund meiner Beobachtungen nicht verallgemeinern. Wenn ich jedoch das Schlußergebnis formulieren woüre, zu dem ich auf Grund besten gelangt bin, was ich gesehen, gehört und hauptsächlich gefühlt habe, würde ich sagen: Hoffnungslos ist die Lage, wo es Tempel ohne Juden gibt; hoffnungsvoller aber ist die Lage, wo es Juden gibt und ihnen die Tempel fehlen. Sie werden gebaut werden, und wenn auch in einem etwas veränderten Stil. 2. Wo jüdisches Massenleben vorhanden ist, da ist auch jener Faktor vorhanden, der nicht nur stärker als sämtliche Tempel, sondern als die Thora selber ist. Denn ihm. diesem Faktor, haben sowohl Tempel als Thora ihr Dasein zu verdanken. Ich meine nämlich, daß das lebendige Maffengefühl, der Trieb, die eigene Art zu erhalten, das in lebenden Juden dank einer Vererbung von Jahrtausenden wurzelnde Judentum haltbarer ist als bloß die auf Papier oder Pergament geschriebene Lehre. Gewiß ist das gegenwärtige Bild für den konservativen, einer jeden Entwicklung abgeneigten Juden besonders unerfreulich, aber — und damit gelange ich zur Zweiten Bemerkung — derartige Erscheinungen dürfen nicht von einem Augenblicksstandpunkt aus betrachtet werden, denn sie sind Auswirkungen einer historischen Erschütterung. Nicht nur die Synagoge, sondern die Kirche überhaupt hat einen erheblichen Teil ihres Einflusses eingebüßt. Der Weltkrieg und die ungeheure ruffische Umwälzung, der gegenüber die französische. Revolution ein Idyll und die letzte deutsche ein leichter Spaß ist, diese Ereignisse hatten eine innere Krise der Kirche im Gefolge, die tiefer ist, als es im ersten Augenblick scheinen konnte. Haben wir nicht ein universelles Weltbeben erlebt? Was Wunder also, daß dieses Weltbeben, das viele Grundpfeiler und Fundamente erschütterte, auch gewisie ReligionZsormen ins Wanken brachte, die bereits vor dem Kriege den; Ansturm der Entwicklung nicht gut standhalten konnten . . . Das muß als eine Reaktion im Zusammenhang damit gewertet werden, was Rußland überhaupt erlebt hat und in Erkenntnis besten, daß der alte Beth-Hamidrasch schon vor dem Kriege in gewisien Schichten einen Teil seiner Anziehungskraft einzubüßen begann. Auch hrer gilt die Erfahrung, daß gerade diejenigen Formen, die am wenigsten evolutionieren, den größten befahren der Revolution ausgesetzt sind. Und trotz alledem wäre es durchaus oberflächlich all das, was in gewissen Schichten der jüdischen Bevölkerung in religiöser Beziehung vor sich geht, als einen endgültigen Niederschlag der jüdischen Religion überhaupt einznschätzen. Ich habe Vertrauen zu den jüdischen Masten. Ich kenne den starken Odem des jüdischen Mastenlebens. Ich bin dessen überzeugt, daß er auch in den neuen jüdischen Siedlungen sich fühlbar 0toecfd Eigene VerXaufssleUea in allen gross treu Städten Deutschlands. Erhältlich in a Ilen Spezialgeschäften, mm machen wird. Es soll doch nicht außer acht gelassen werden, daß wir es in den Kolonien mit entwurzelten und erst vor kurzem neu verpflanzten Elementen zu tun haben. Alles ist hier noch neu. noch unbestimmt, noch in der Schwebe . . . Mein Glaube ist nicht blinde Vertrauensseligkeit. Er ist die Frucht eines Lieferen Einblicks in die Zustände. 3. Ich hege Bedenken gegen jede Art von Verquickung von Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus mit Fragen der Kulluspolitik, und zwar aus folgenden Gründen: a) Eventuelle höchstwahrscheinliche Enttäuschungen auf dem Gebiete der Religionshilse können bei einer derartigen Verquickung lähmend wirken aus das Interesse und den Willen für wirtschaftliche Aufbauarbeit, die doch das einzige Mittet zur Rettung des russischen Judentums vom physischen Untergange bildet. Dies wäre eine Sünde nicht nur gegen das russische Judentum, sondern auch gegen die jüdische Religion. Ein alter jüdischer Moralist sagte bereits: „Israel und die Thora — ist Israel vorzuziehen. Gewiß, Inden ohne Thora ist schlimm, aber noch schlimmer ist es — Thora ohne Juden!" d) Ich sehe keine objektive Möglichkeit für eine öffentliche, positive, von außen her geführte Arbeit zugunsten der Religion. Organisationen wie die, an welche Herr Tr. Freund appelliert, können ihre Tätigkeit nur auf dem Wege der Oeffentlichkeit und unter Anwendung von politischen Mitteln vollziehen, d. h. aus dem Wege der Verhandlungen usw. Dafür fehlt aber jegliche Basis. Tenn handelt es sich doch hier nicht um eine spezielle jüdische Frage, genau so wenig wie die offizielle Regierung-Politik leine spezielle antijüdische Politik ist. Tie russischen Juden besitzen einen gesunden Lebens- und politischen Instinkt. Sie verlangten bis jetzt keine Ausnahmevergünstigungen für die Synagoge und beauftragten niemanden, es zu verlangen. Man müßte sich also zu diesem Zwecke mit den Vertretern der anderen Konfessionen verbinden. Das wäre an sich möglich, der Erfolg einer derartigen allgemeinen Intervention scheint mir aber sehr zweifelhaft zu sein. Die Sowjetregierung macht zwar Konzessionen auf wirtschaftlichem Gebiete, das geschieht unter dem Drucke der elementarsten wirtschaftlichen Forderungen des Landes. Auf kulturellem Gebiete hingegen ist ihre Position minder gefährdet, und daher kann sie sich hier Handlungen leisten, die geeignet sind, ihren inländischen und ausländischen Anhängern gegenüber als Beweis ihrer kommunistischen Prinzipienreinheit zu gelten. Der Gipfel ihrer Konzessionen auf diesem Gebiete war die Milderung der religiösen Verfolgungen. Daß sie private religiöse Schulen erlauben würde, daran glaube ich kaum. Sollte es aber der Fall fein, so wird sie es höchstwahrscheinlich in der Ueberzeugung tun, daß „die Juden selber", d. h. die jüdischen Kommunisten, deren Verwirklichung verhindern werden. Garantien gegen die Treibereien der Partei wird sie ebenso wenig gewähren, wie sie es den aMändischen Großmächten gegenüber in bezug auf die Tritts Internationale tut. Jedenfalls glaube ich, daß. wenn man die ausländischen Juden daran gewöhnen soll, ihre wirtschaftliche Hilssaktion m der Art des do ui des aegenüber der Sowietrcgierung durchzuführen, dies dem russischen Judentum schaden und die ausländischen jüdischen Unterhändler in eine schwierige Lage versetzen wird, — denn wie kann man Forderungen stellen, die logischerweise zu folgender unglückseliger Konsequenz führen müßten: Wenn die SowjeLregierung dem russischen Juden keine volle Gewissensfreiheit gibt, wollen wir ihm keine materielle Hilfe gewähren. Dr. A. Singalowsty. Keine Meldepflicht mehr für jüdische Arbeitslose an Sonnspenden. Der Halberstädter Verband (Bund gcfctzestrcuer jüdischer Gemeinden) hatte bei dem Präsidenten der Reichscmstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung beantragt, jüdische Arbeitslose von der M e l d e p f l i dj t beim Arbeitsamt an den Sonnabenden 3 u befreien. Aus der Antwort der Rcichsanftalt geht hervor, daß der Wunsch des Halbcrstädtcr Verbandes erfüllt worden ist. Es heißt dort: „In Uebercinstinunung mit dem Herrn Neichsarbcitsministcr habe ich keine Bedenken dagegen zu erheben, daß die Unterlassung der Meldungen an Sonnabenden oder an jüdischen Feiertagen als genügende Entschuldigung gemäß § 114 a. a. C. angesehen wird, wenn nachgewiesenermaßen bei den Arbeitslosen religiöse Bedenken dagegen bestehen und der Zrveck der Arbeitsvernrilllung nicht darunter leidet." Au Un völkische» Ausschreitungen in Budapest. In Budapest i?t cs im Zusammenhang mit der numerus - eluasus - Verordnung zu völkischen Ausschreitungen in der Stadt und an der Universität, besonders von studentischer Seite, gekommen. Wir werden hierüber in der nächsten Nummer einen SpeZialbcricht aus Budapest veröffentlichen.