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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-26 · 43 (26.10.1928) · p. Seite 607

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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Das Ende eines GefHichFsLrriums. Grundlegende Forschungen eines französischen Gelehrten. Die Geschichte der E m a n 3 i p 0 t i 0 n b e r 3 11 b e n i n & 11 r 0 £ a wird durch zwei wichtige Tatsachen beherrscht: durch die jranzösische Revolution und durch die Stellung Napoleons Zu den Juden. Erst die Entwicklung in Frankreich hat auch im übrigen Europa die Befreiung der Juden aus dem llerker des Ghettos ausgelöst. Die wich tige Epoche, die mit der Revolution von 1769 beginnt und mit der Einberufung des Großen Sanhedrins durch Napoleon zu einem gewissen Abschluß gebracht wird, ist bereits oft geschildert worden. Aber es herrscht noch immer über dre Einzel Herten Unklarheit, und so kornmt cs, daß die wirklichen Zusammenhänge bisher noch mehr oder weniger verdeckt waren. Dem Hilst jetzt eine wichtige französische Neuerscheinung ab, das Werk von Robert Anchel, „Napoleon et les Juifs“ (Les Presses Universitaires de France, Paris 1928). Auf Grund eingehender Archwstudien hat Anchel die gesamten Vorgänge, die schließlich zur vollen Gleichberechtigung der Juden in Frankreich führten, durchleuchtet und so die erste lückenlose Darstellung des geschichtlichen Vorganges gegeben. Wir sehen nun nach der Anchelschen Schilderung, daß die Revolution den französischen Juden die G l e i ch b e r e ch L i g u n g zunächst nur aus dem Papier gegeben hat und daß Napoleon, der über jüdische Dinge recht wenig Bescheid wußte, zwar eine Regelung der Kultusfragen vornahm, anderseits jedoch, wenigstens einem Teil der franKsifchen Juden, die volle bürgerliche Gleichberechtigung absprach. Ganz zu Unrecht ist Napoleon nach der populären Vorstellung der eigentliche Befreier der europäischen Juden. Er war leLiglich der Vollstrecker der revolutionären Grundsätze und hat so höchstens indirekt zur Emanzipation beigetragen. Allerdings hat er den Versuch gemacht, sich die jüdischen Sympathien zu erobern, aber aus der anderen Seite nichts getan, um das Schicksal seiner jüdisä)en Untertanen zu erleichtern. Ten fran.wsischen Juden hatte die Konstituante das Bürgerrecht verliehen. Das änderte zunächst an ihrer Stellung, vor allem in den östlichen Provinzen, nicht viel. Die elsäsfischen Juden waren jetzt nicht nur den Verfolgungen des Pöbels ausgesetzt, sondern sie wurden auch von den Revolutiousmännern Ln schwerster Werse bedrängt. Es ist viel zu wenig bekannt geworden, daß die Revolution in ihrer kritischen Periode auch gegen den israelitischen Kultus vorgiug. daß Synagogen entrveiht und Thorarollen verbrannt wurden. Die Jakobiner verhinderten selbst die Sabbatfeier. Die Rabbiner wurden genau so wie die christlichen Geistlichen gezwungen, sich vor der Göttin der Vernunft zu verbeugen. Zahlrerche Rabbiner und Kantoren wurden ins Gefängnis geworsen, und in Bordeaux kam es zu einer wahren Judenverfolgung. Einige der Verhafteten konnten sich durch Hohe Lösegelder freikausen, aber Jean M e n d e §, der erklärt hatte, daß seine religiösen Ileberzeugungen nicht mit der Verfassung übcreinstimmten, wurde aufs Schafott geschickt. Auch in Paris wurden neun Mitglieder der jüdischen Gemeinde Opfer der Guillotine. Als Napoleon die Macht eroberte, war für die Juden eine gewisse Beruhigung cingetreten, aber ihre Lage war noch immer unsicl)er mrd gedrückt. Die Juden hatten aufgehört, als „Nation", wie vor 1789, zu existieren, sie waren nach dem Buchstaben der Verfassung Staatsbürger, in Wirklichkeit aber von der vollen Gleichberechtigung noch wert entfernt. Man sieht, wie unsinnig das Märchen ist, wonach die Juden in Frankreich an der Vorbereitung der Revolution und an den revolutionären Exzessen Anteil gehabt haben sollen. Die Revolution hatte ihnen zwar das französische Bürgerrecht verliehen, aber sie waren auf Schritt und Tritt an seiner Ausübung gehemmt. Dazu kam eine völlige Verwirrung der Kultusangelegenheiten. Es herrschte der größte Wirrwarr über die Verteilung der finanziellen Lasten und über die Neuregelung der Gememdeverhättnisse. Die Juden wandten sich daher des öfteren an den Staatsrat und an die Ministerien des Innern und des Kultus und ersuchten sie um eine Regelung dieser verwirrten Fragen. Auf diesem Umwege wurde Napoleon schließlich mit den jüdischen Fragen befaßt. Es kam hinzu, daß er den katholischen Kultus wiederherstellte und mit dem Vatikan ein Konkordat schloß. So erschien ihm eine Neuordnung des jüdischen Kultus als geboten, aber er ging lediglich als Verwaltungsmann an diese Frage. Früher zwar, als er noch General der Republik war, hatte er die Idee der Revolution auch den Juden gegenüber vertreten. So war er den Juden von Ancona als Ueberbringer der freiheitlichen Grundsätze der Revolution erschienen. Während seines ägyptischen Unterm'hmens harte er an die Juden Asiens und Afrikas eine Proklamation erlas s e n. in der er sie aussorderte, das KönigreichJerusalcm wiederherzustelten, und im „Moniteur" war sogar ein Dekret erschienen, wonach die Juden der ägyptischen Armee emgereiht seien. Im übrigen aber war er den Juden gegenüber voller Vorurteile, wie es ferne streng katholische Erziehung einerseits, seine völlige Unkenntnis von jüdischen Dingen und feine Abneigung gegen das Alte Testame»lt anderseits vielleäht verständlich machen. Die Juden, die kannte, tvaren noch kaum dem Ghetto entronnen, sie mußlen noch die Berufe betreiben, zu denen sie ihre Rechtlosigkeit gezwungen hatte. Kausleute und Händler aber liebte Napoleon überhaupt nicht. So ist es denn begreiflich, daß Napoleon den Beschwerden, die chm im Elsaß über die Juden zu Ohren kamen, gerne glaubte. Der Elsaß machte in jenen Jahren eine schwere WirtschaftÄrise durch. Ter Uebergang aus der Feudalzeit zum modernen Regime hatte sich hier nur unter schweren Reibungen vollzogen. Früher konnte man sich cm den fast völlig rechtlosen Juden jederzeit schadlos halten. Das lvar nun nach der Verfassung unmöglich geworden. Die Juden hatten sich au dem Erwerb der konfiszierten Emigranten güter kaum beteiligt. Aber die Landbewohner hatten gekauft, was sie nur bekommen konnten, und in Ermangelung von öffentlichen Kreditanstalten hatten sie sich an die Juden gewandt. Es mögen hin und wieder Fälle von Wucher vorgekommen sein, aber im großen ganzen wurde die Bewegung gegen die Juden von den Ern>erbern der Nationalgüter in Szene gesetzt, die damit ihrer Schulden ledig werden wollten. Eine genaue Ilntersuchung der elsässischen Beschwerden, die Anchel anstellt, zeigt, daß die Dinge von den Beteiligten und den Präfekten maßlos übertrieben wurden, und daß man geradezu darauf ausging, die Juden ihrer sämtlichen berechtigten Forderungen zu berauben. Zu einer unparteiischen Prüfung der Beschwerden gegen die elsässischen Juden ist es nie gekommen. Napoleon ließ sich überzeugen und ließ ein Dekret ausarbeitcn, durch das die Forderungen der Juden, soloeit sie gegen Bauern gerichtet waren, in den östlichen Departements auf ein Jahr suspendiert wurden. Das Dekret erschien am 39. Mai 1806. Es sollte das Vorbild einer ganzen Reihe von Ausnahmegesetzen gegen die Juden werden. Zur gleichen Zeit aber ging Napoleon daran, den jüdischen Kultus zu reorganisieren und berief am 39. Mai 1896 die jüdische Versammlung nach Paris .ein, aus der später das Große Sanhedrin herrwrging. Die Fragen, die Napoleon der Versammlung vorlegen ließ, zeugen von seiner völligen Unkenntnis jüdischer Dinge. So ließ er sich darüber informieren, ob den Juden die Polygamie erlaubt sei. ob sie Frankreich als ihr Vaterland betrachteten und es verteidigen müßten, ob es Berufe gäbe, die den Juden verboten wären, ob der Wucher verboten sei nsw. Tie Antworten der Versammlung fielen durchweg befriedigend aus, indessen versuchten voreingenommene Mitarbeiter Napoleons an ihnen herumzumakeln. Während der Versammlung nun kam Napoleon auf einen ganz eigenartigen Gedanken, der nur vergleichbar ist mit seiner Idee, den Engländern Indien zu rauben und sich zum L^rrn Asiens zu machen. Er sah sich in der Rolle eines zweiten Moses und träumte davon, den Juden ein neues religiöses Gesetz zu geben, das gewissermaßen die mosaische Rechtsordnung modernisieren sollte. Er ließ sich von seinen Räten historische Darstellungen über das ZLrusalemer Große Sanhedrin anfertigen, und er glaubte, daß ein sanhedrin in Paris bei den Jwden der ganzen Welt dasselbe Ansehen genießen würde wie das Lanhedrin von Jerusalem. So erging denn tatsächlich bei der Einberufung des Ämhedrins eine Aufforderung an alle Juden Frankreichs. Italiens und Deutschlands vnb bezeichnenderweise auch Spaniens undPortugals, Unweit der Reichshauptstadt, auf dem Gatshof Bergkolz bei Michendorf {Regierungsbezirk Potsdam), findet sich die beistehende Tafel mit der Aufschrift:,Juden, Agenten, Hausierer (/) and Musikanten ist das Betreten meines Hofes untersagtl“ Photograph: Keystone-Vieiv Co. \

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