Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- Seite 472 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Zur ^asuncd^Itung! Fachinger Versandstelle, Berlin SW 11, Schöneberger Sfrasse 16a. Telefon: Lützov 8260/61. Die Leipziger Messe steht vor der Tllr; daher durfte nach, folgender historischer Rückblick das besondere Interesse vieler Leser finden. Die Cchriftleitung. Die Leipziger Messe hat die Entwicklung des deutschen Warenhandels in starkem Maße beeinflußt. Auch die Juden haben einen nicht geringen Anteil an ihrer Entwicklung und denr durch sie bedingten Aufschwung des delltschen Wirtschaftslebens gehabt. Werner Sombart würdigt diesen Anteil in seinem Buche: „Tie Juden und das Wirtschaftsleben" wie folgt: „Auffallend gut sind wir unterrichtet über die Beteiligung der Juden an der Leipziger Messe, die ja lange Zerr hindurch der Mittelpunkt des deutschen Handels war und dessen intensive und ertennve Entwicklung einen guten Gradmesser bildet, die aber auch für einige der angren;enden Lander, namentlich Polen und Böhmen, eine wichtige Aolle gespielt hat." (Seite 25'26.) Sombart stützt seine Ansicht auf eine Arbeit von Freudenthal aus dem Jahre 1901, in der die Leipziger Meßbücher von 1668 bis 1699 veröffentlicht find. Tas vorliegende neue Werk^) stellt uns vor ein ungeheuer reichhaltiges Material, das die Zeit von 1675 bis 1764 umfaßt. Tie Listen sind nach Orten und innerhalb dieser nach Namen alphabetisch geordnet, ein Register am Schluß führt alle Familiennamen auf. Tie Meßbücher wurden von der Stadt Leipzig zum Zwecke der Steuerkontrolle über alle die Presse besuchenden Juden angelegt. Ihr Vorhandensein an sich beweist wieder einmal, daß die Juden noch bis weit in die Neuzeit hinein, genau wie im Mittelalter, als reine Steuerobjekte behandelt wurden: „Man sah eben in den Meßjuden nicht Handels leute, sondern Handels wäre nck (Seite 16.) Trotz der hohen Steuern in Form von Leibzöllen und Wegegeldern, Abgaben an Stadtrichter, Gerichtsschreiber usw. ist die Zahl der in den Meßlisten eingetragenen Inden — von einigen Schwankungen abgesehen — von 1668 bis 1738 dauernd im Steigen begriffen; erst mit dem Beginn der Schlesischen Kriege laßt der Besuch rapide nach. Einige Zahlen aus der recht übersichtlichen Tabelle, die der Namenlifte vorangeht: Ostern 1675 beträgt die Zahl der selbständigen Meßbesucher 271, dazu kommen 7 Frauen und 51 Diener, Musikanten usw., insgesamt also 329 Personen; 1699 sind die entsprechenden Zahlen: 1019 selbständige, 194 unselbständige, insgesamt also 1213 jüdische Meßbesucher. Woher, aus welchen Orten kommen nun die Juden? Aus fast allen Gemeinden Deutschlands, ans dem Osten, vor allem aus Oesterreich, Ungarn, Böhmen, Mähren, ja auch aus Polen finden sich alljährlich die Juden zur Mepe ein. Selbst als der allgÄneiue Besuch unter den Juden abnahm, haben die einzelnen.Gemeinden Wert darauf gelegt, wenigstens einen Vertreter nach Leipzig zu schicken. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung Freuden tha ls, daß auch damals schon der Name „polnischer Jude" als Sammelbegriff für die östlichen Juden galt, und daß in dieser amtlichen Zusammenstellung der Zuzug nicht bloß aus eigentlich polnischen, sondern auch aus oft deutschen, gali zischen und a n - grenzenden österreichischen Ortschaften mit unter der Bezeichnung „aus Polen" eingerechnet ist. (Seite 17.) Das eigentliche Ausland ist in den Listen wenig vertreten. Mannigfaltig und interessant sind auch die Aufschlüsse, die uns das Material zur Kultur- und Gemeindegeschichte der deutschen Juden gibt. Wieviel verschiedene B e r u s's a r t e n sind hier vertreten! Zu dem Vertreter bekannter Handelsfirmen gesellt sich der Klein- und Unterhändler. Musikanten und Taschenspieler, Gaukler und Seiltänzer machen während der Messezeit hier ihr Geschäft. Köche,.Köchinnen und Kuchenbäcker stellen sich ein, ebenso Bettler. ^Auch ein Knopsirmcher wird in den Listen erwähnt. Auch selbständig Handel treibende Frauen kommen nach Leipzig. Berühmte, aus der Geschichte wohlbekannte Familiennamen tauchen in den Listen auf. So, um nur ein Beispiel zu nennen, aus Berlin: Daniel Jtzig, die Familien Ephraim, Gum perts, Lieb mann (Lippmann). Besonders aus- Wußreich ist diese Namenstiste natürlich für die jüdische Familiengeschichte. Sie kündet uns von Ansehen und Besitz vieler bekannter Familien, vor allem aber davon, daß die einzelnen Familien überall im Deutschen Reich verstreut wohnten. Die Famitienforfcher, die schon die ersten Liften Freudenthals ausgiebig benutzt haben, haben hier eine wahre Fundgrube. Ueberhaupt bietet diese neue Schrift von Tr. Max Freudenthal durch das reiche veröffentlichte Material und die zusammenfassende kurze Einleitung mannigfache Anregung auf allen Gebieten der.jüdischen Geschichst und bedeutet für den Forscher, der sich mit der neuzeitlichen Geschichte der Juden in Deutschland beschäftigt, ein wertvolles Quellen, werk. Dr. Ellen Liltmann. vorurteilsloss IugenöLtZishLNI. Ein neues Buch von Dr. MüLler-Claudlirs. Tr. Müller-Claudius, dessen auch in der „C. D.-Zertung' besprochenes Werk „Deutsche Rassen angst" in der breitesten Dessen tlichkert großes Aussehen erregt hat, läßt demnächst ein kleine; Buch „Unsere Kinder werden nervöser"*) erscheinen aill dem wir mit Erlaubnis des Verfassers das nachstehende Kapitel auszugsweise zum Vorabdruck bringen: Vom Reifen z u m gesunden Menschentu m. Wir haben von manch einem Hindernis gesprochen, das, ost heimlich und hinterhältig in der Kindesseele dem Reifen zum gesunden Menschen turn entgegenwirkt. Dies eine aber muß noch gesagt werden: Unsere Kinder lernen zu zeitig hassen. . . Die Notzeit, die wir Deutsche mit Erbitterung durchmessen müssen, hat zugleich alle Gegensätze des innerstaatlichen Lebens und Wollens bis zur Verzerrung übersteigert. Tie aufmerksame, wägende. Prüfende, eifernde Teilnahme am Spannungsspiel verschieden gerichteter Meinungen, Methoden, Gesinnungen, Hoffnungen und Forderungen ist der Verachtung, dem Hohn, der Verfemung, dem Haß jedes Andersdenkenden gewichen — nicht nur im öffentlichen Erörtern, sondern bis tief ins private Leben hinein. Don hier aus aber wird allzuoft jener Haß ins wehrlose und arglose Herz des Kindes gesät. Es kann^ihn nicht verstehen; es kann gar nichts von allen den Gründen ermegen, die hinter den heute so gern und nachhaltig geübten Verfemungen der Glaubensbekenntnine. der Politischen lleberzeugungen, der Ktassenforderungen stehen. Statt des unmittelbar ungeschauten Lebens empfängt das Kind viel zu früh in verzerrenden Schlagwortern eine Fülle nbroertender Typenbilder: vom gierigen Kaufmann, vom ausbeutenden Unternehmer, vom vatertaridslosen Proletarier, vom gottlosen Protestanten, vom scheinheiligen Katholiken, vom zersetzenden Juden, vom rückschrittlichen Teutschnationaleri, vom Demokraten mit dem Dolchstoß, vorn frech-eingebildeten Preußen, vom dumm-plumpen Bayern — man könnte das Wörterbuch dieser Verfemungen, die das volkstümliche Denken bevölkern, seitenlang vergrößern. Das Kindaber, das sie aufgreift, wird von ihnen mit den seltsamsten Phantasien angefüllt. Es übernimmt blind, gläubig und phantastisch erregt den Haß. dessen Entladungen es zu Hause erlebt hat — und wendet unbedenklich, gläubig und völlig blind Schimpf und Verhetzung in seinem Klapen- und Kameradschaftslcben an, und es währt nicht lange, bis es selbst mitten in Fehde, Streit. Hohn, Schimpf. Verfemung oder Dünkel sieht um Truge, an -die sein Tasein, sein Wesen, sein Fühlen und Erkennen nicht im entferntesten heranreicht. Tie Seele des Kindes bedarf zum Reifen der reinsten und klarsten Atmosphäre. Ter Haß aber trübt und beschmutzt sie. Wo das Kind mit Aechtungsgesühleu dem Kind der anderen Kreise, der anderen Herkunft, der anderen religiösen und politischen Atmosphäre sntgegentritt, und wo diese Aechtungsgefühle mit der ganzen kindlichen Lust am spielenden Uebertreiben und Auftrumpfen (Jener Lust, die uns so oft als „kindliche Grausamkeit" charakterisier! wurde) ausgespielt und am „anderen" Kind erprobt wird, dem es vom eigenen Erleben aus bisher harmlos-unparteiisch gegenüberftand — da wird feine Erfahrung vorweggenommen, verhärtet und aus der reifenden Entwicklung herausgerissen. Hier werden Kinderseelen blind, rissig, hart und dumpf . . . und hier werden sie der lebendigsten Aufgabe der Bolkskraft entzogen, die nicht die llnfrafi blinden Vorurteils, sondern die Bolkskrasr ureigensten, innersten Erfahrungsreichtums und ureigenster, innerster, quellhafter EntfaltungsgewLlr ist. Die Zeit aber, die unserer Kinder wartet, wird zu ernst und zu hart sein für den verweichlichenden Luxus bequemer Urteilslosigkeit. Wer nicht mit eigenen binnen eigene Ueberzeugung sich erkämpfen lernt, der geht geschwächt und benachteiligt in den Lebenskampf Behüten wir die Kinder vor dem Haß'. Haß ist ein Fremdkörper in der Seele des Kindes, der am Charakter und an den Nerven frißt. Und vor allem: Haß ist nicht mehr lenlbar, wenn man ihn im Kinde wachsen.ließ — und niemand weiß, rvelchen unerwarteten und unerwünschten Lauf durch die kindliche Seele seine vergiftenden Ströme nehme». Haß formt nicht: Haß bläht nur auf. Haß ist die unkindlichste Leidenschaft. Haß, der in Kindernerven entzündet wird, hat nie ausbauende Kraft. Haß ist immer zerstörende Gewalt. Haß leuchtet in Kinderseeten nicht. Er kann nur verbrennen. , *) ©?. SHag ^rcubfiitTjat^ „Leipziger Meßzane, die südilchrn Flucher der Leipziger Messe in den Jahren 1675 bis 176!/' Frankfurt 1924. (Lchriftsn der rLeseUfchast zur Förderung der Wissenschast des Judentums.!!) Dr. Mn kirr. Claudius. „Unsere Kinder Derben nervöser. Sieden Kapitel an die deutschen Eltern", erscheint demnächst im Theodor Oppermann- Verlag, Hanuaver-Rirchrode