Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 31-32 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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442 der Wictschaftsentwicklung Oberschlesiens Zeugnis dafür ablegte. daß jüdische Tüchtigkeit den wirtschaftlichen Fortschritt der deutschen Heimat zu fördern wußte und jüdischer Unternehmungsgeist und Kulturgcdeihen des Vaterlandes eng verbunden fircb. Die Ober - schlesrennummer der „E. V. - Zeitung" vom 13. September 1924 weiß aus der Hand des Dr. Freund (Berlin, früher Gleiwitz) Interessantes hiervon zu erzählen, wie bei der Schaffung der Eisenwerke, der Hütten, auf dem Gebiete des Kohlenhandels, der Schaffung der Schmalspurbahnen und vielem anderen die Juden in erster Reihe standen. ' Aber die Juden wußten nicht nur zu schaden und das von den Vätern Ererbte zu erhalten, sondern in bedrängter Zeit zeigten sie, daß bei dem Kampfe um die oberschlesische Erde nach dem Weltkriege die Juden in diesem Kampfe ihren Mann zu stehen wußten. Gar manches könnte erzählt werden von der vertraulichen Arbeit, die während ^der Friedensverhandlungen und nach dem Versailler Diktat im Ringen für dieAbstimmung und in der Besatzungs- und Abstimmungszeit von Juden geleistet wurde. Wer es selbst miterlebt hat, wie in den Abstimrnungstagen von nah und fern die Juden heranströmten, in der Abstimmungszeit heute fast ausgestorbene Gemeinen sich durch t>ie_ Menge der heranströmenden Abstimmungsberechtigten neu zu beleben schienen, der weiß, daß in den Herzen jener das Tichterwort lebendig geworden war: ,Jch bin geboren, deutsch zu fühlen, bin ganz auf deutsches Denken eingestellt. Erst kommt mein Volk, dann all" die anderen vielen, erst meine Heimat, dann die Welt." Aber auch in dem nunmehr abgetretenen Ostoberschlesien weiß man, daß die Volksgenossin jüdischen Glaubens es in erster Reihe find, die durch alle Widrigkeiten und Anfeindungen hindurch ihre Anhänglichkeit ans Deutschtum bewahren und mit diesem Freud und Leid teilen. Und wenn es auch nicht immer die Kopfzahl der Jüdischen Deutschen ist, die hierbei ausschlaggebend ist, so dock) ihre starke oziale Stellung und ihre vielfach führende Pontion in vielen intellekuellen Berufen. So manche deutsche Minderheitsschule in Ostobcrschlesien möchte in Frage gestellt sein, wenn nicht die Inden in dem Kampfe für die Erhaltung^eutscher Kulturwer:e in erster Linie stehen würden. Nur ein minimaler Ausschnitt aus der Geschichte der oberschlesischen Juden ist es, von denen diese Zeilen erzählen. Aber auch diese wenigen Tatsachen zeigen uns, wie eng verbunden in dieser Ostmark lebendiges Judentum in den einzelnen Gemeinden ist mit der Pflege der von den Vätern ererbten deutschen Kultur und deutschen Geistes. Diesen Zusammenhang weiter Zu wahren soll dankbare Aufgabe der in dem Landesverband Oberschlesiens des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens geeinten Juden sein. Semit. Semit! Und fühlst du nicht die Schande, Errötest du nicht bei dem Wort? Ich fühl"s. — Ich zog von Land zu Lande, Ich wanderte von Ort zu Ort; Doch ob ich in der Heimat Fluren, Ob fern den Frieden ich gesucht: Allüberall fand ich die Spuren . Von jenem Volke, tief verrucht. Trat ein ich in der Schule Hallen, 'Was lehrte man in frommer Glut? Daß sichtbar Gottes Wohlgefallen x Auf dem Semitenvolk geruht. Daß seiner Lehre heilige Flamme Ter sündigen Menschheit Leuchte war. Und daß ein Weib von diesem Stamme Der Well den Heiland einst gebar. - Und wenn ich meine Schritte lenkte Zu jener hehren Stätte hin, -Wo der Bedrückte, der Gekränkte Sein Recht sich sucht mit gläubigem Sinn: Worauf war das Gesetz gegründet. Nach dem man Urteil sprach und Recht? Auf jene Lehren, die verkündet Einst dem semitischen Geschlecht. Horch. Jubelhymnen fröhlich klingen Hin durch der Kirche hohen Chor. Und fromme Lobgesänge schwingen Begeisternd sich zu Gott empor. Wie freudig sich die Herzen heben Bei ihrem weihevollen Klang! Was läßt in Andacht sie erbeben? Ein Psalm ist's, ein.Semitcnsang. Semit! Ich senk' das Auge nieder. Wenn höhnend dieses Wort erklingt. Mich quält's, daß der Verleumdung Hydra Kein Feuerbrand der Wahrheit Zwingt, Daß du nicht kannst den Drachen töten. Mein Deutschland, sonst so ritterlich: Al8 Jude fühl ich kein Errörcn, Jedoch als Deutscher schäm ich mich! Jakob Loewenberg. Bon Dr. Max GrunwalD (Wien). Der Einfluß des Judentums auf das deutsche Volksleben reicht, rein chronologisch bemessen, fast so weit zurück wie die Spuren jüdischer Ansiedlungen aus deutscher Erde. Mit dem Auftreten des Christentums gewannen die-Deutschen ein neues Weltbild und einen neuen geistigen Habitus, die beide allmählich in einem Elemente des Volkslebens, in der V o l k s s p r a ch e, ihren Niederschlag fanden. Das Deutsche hatte sich ursprünglich auf den Hausgebrauch und das Volkslied beschränken müssen. Die Sprache der Kirche war, den Arianismus der Westgoten ausgenommen, das Lateinische. Das erste christliche Buch in einer Vulgärsprache war des Ostgoten Ulfila Bibelübersetzung (4. Jahrhundert). Um den kriegerischen Sinn seiner Gothen nicht noch mehr zu spornen, ließ er die Bücher der Könige aus. Hierzu sei erwähnt, daß bis in unsere Tage hinein, wo patriotische Begeisterung zu wecken ist, nie aus der Bibel das Neue, sondern stets das Alte Testament zitiert wird, weil nur dieses sich hierzu eignet. Beim ersten Auftreten romantischer Deutschtümelei verwahrt sich Gervinus in seiner „Geschichte der deutschen Literatur" (II, 350) gegen die Verdrängung des Alten Testamentes und Homers zugunsten der Nibelungen: „Weder das Vertrauen auf menschliche Kraft noch Strebsamkeit, die allein zu tüchtigen Menschen erzieht, noch Liebe zum Vaterlande, für die das ganze Mittelalter kaum den Namen hatte, kann", so schreibt er, „dem Knaben, dem werdenden Menschen die Passivität dieser alten Germanen geben. Hingegen schöpft man alles dies aus den Schriften der Juden und aus Homer, dem man deshalb hart neben diesen seine Stelle unter uns eingeränmt hat". Bis aus Karl den Großen glaubte man, nur in den drei Sprack)en, Hebräisch, Griechisch und Latein, beten zu dürfen, die angeblich ans dem Kreuz auf Golgatha gestanden hatten. Karl jedoch verlangt deutsches Gebet und deutsche Predigt (Capitularien v. I. 789 und 794). Jede Sprache Paßt für das rechte Gebet. „Denn das ist das erste Gebot des Herrn, des allmächtigen Gottes: Höre, Israel, der Herr, dein ~ Gott ist ein einiger Gott. Und daß er geliebt werde von ganzem Herzen und von ganzem Gemüt und von ganzer Seele und von allen unfern Kräften." So finden wir denn, von mündlicher Ueberkieserung, besonders durch die Predigt abgesehen, vom achten bis zum. elften Jahrhundert althochdeutsche Glosien zur Bibel überall vom Niederrhein bis _ in die Kärntner Alpen. In das Deutsche drangen von da an Worte, wie Herrgott, Vater.im Himmel. Himmelreich, Paradies, Engel und. Teufel, den Psalmen entlehnte mit „Herz" zusammengesetzte Beiworte, sarnanunge — Synagoge, bekehren (das hebr. schub), Gotteswort. Gott es na me, Gotteshaus, Messias, der Zehnte, Priester (aus dem griech. Presbyteros nach 2. Mose 3, 16), Urkunde (Tora), der Nächste (früher: der Nachbar, jetzt: der Mensch), Klerus (gricch. „Erbteil" nach 5. Mose 4, 20), Heide (von Heide — campus, das jüdische „am haarez“, lat. paganus, angeblich weil Konstantin das Heidentum nur in den pagis, den Dörfern, duldete). Unter Ludwig dem Frommen gewinnt das Judentum am Hofe und beim Adel eine solche Macht, daß Bischof Agobard von Lyon dagegen mit einer Judenbekämpsung einsetzt, wie später Concilien gegen solche „Verjudunq" mit Verboten der Ehe zwischen Christen und Juden, gegen den Besuch der Synagogen durch Christen, gegen Religionsgespräche mit Juden u. dgl. eifern. Trotz alledem hören wir, daß Standespersonen zum Judentume übertreten, daß man jüdische Schriften den christlichen vorzieht, daß selbst Bauern Vorliebe für das Judentum zeigen. Noch im 12. Jahrhundert waltet der alttestamentliche Gott in der deutschen Literatur vor. Erst später tritt der Gottessohn und dann erst der Marienkult in den Vordergrund. Tie Predigten, ursprünglich nur Zusammenstellungen biblischer Sütenlehren, die Minnesänger, unter ihnen der Jude Süßkind von Tri mb erg, neben dem Samson P i n e als lieber setze r .einer französischen Fortsetzung des Parsival erwähnt werden darf, sowie die folgende von Bürgern, Bauern und Juden, wie Wolflem von Lochamen und Joh. Pauli, geschriebene Literatur, auch jüdische Aerzte, die zugleich als Lehrer wirkten (vielleicht kommen außerdem. wie in Wien, im Mittelalter. Juden als Buchhändler in Betracht), — alle diese Faktoren verbreiteten die Kenntnis der Bibel. Frühzeitig beginnt auch, zunächst zu Mission?- und Dlsputationszwecken. später zum Studium der Kabbala, die Erlernung des Hebräischen bei jüdischen Lehrern. Hugo von Trimberg verwirft, wie nach ihm die Meistersinger, alle Kunst, die nicht mit der Bibel im Einklänge steht. Man liest in erbaulichen Schriften von „Stufen des Gebetes", die an die jüdische Steigerung der Seelenreinheit bis zur -Heiligkeit erinnern (Talnmd jer. Lchabb. I, 3). Freidank übersetzt geradezu Sprüche des Alten Testamentes und des Talmuds. Er sagt: „laut und liuic girret sint, swa der kunek ist ein kint (Kohelet 10, 16), swer wistuom, ere groz richcit mert, der mert sin arebeit (Kohelet 1, 18), er nennt Gottesfurcht aller Weisheit Ansang (Spr. Sal. 1. 7 und sonst), empfiehlt, aus drei Dinge vor allem zu achten, von denen Pirke Aboth 3, ’l sprechen. Aehnlich der „Brantspiegel". Dank solchen Vermittlern, die besonders durch die Humanisten und Reformatoren sich um ein Vielfaches vermehrten, kamen in die deutsche Volkssprache Wendungen