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Central-Verein-Zeitung · 1937-12-09 · 49 (9.12.1937) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
49 (9.12.1937)
Date
1937-12-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seife 12 C.-V.-Zeifung Nr. 49 * 9. Dezember 1937 Blättern vertreten. In einem anderen Raum dominieren die Arbeiten von Beatrice Lion, ihr Bild in Oe! .^-Unterhäuser", farbig und korupositionell, auch stimmungsmässig noch über den Sonnenblumen" stehend, die hart an den Bildrand ansto»send dem Gemälde etwas Unruhe geben. Auch Emme Frankenberg hat ihre eigene Note in zwei Bildern, im „Kastell in Neapel'* ein recht interessantes Kolorit, in den ,3ooten im Hafen" aber den vollen Klang, der Form, und Inhalt zur Einheit werden lässt. Von Gertrud Bursch-D reyfuss und Anneliese R a t k o w s k i - B r a u n hängen verschiedene neue Arbeiten an den Wänden, wie ' immer neuen Naturalismus erstrebend und entwicklungsgeschichtlich anregend. Grete Wiesenthal hat ein sehr hübsches Bild aus Kopenhagen in diese Ausstellung gesandt, Georg H a u s d o rf eine Landschaft und ein Blumenbild, das eine kultivierte Palette verrät Manfred Steinhardt malte zwei Strassenbüder, Fred Goldberg, bekannt durch manche Sonderausstellung, hat einem Strassemnusikanien allen Realismus abgelauscht. Dagobert Rund gab in einer farbigen Zeichnung „Kamele" ein nettes Tierbild. Wir wollen nicht versäumen, auf viele Namen hinzuweisen, die in Einzelaufstellungen Proben ihrer anerkannten Kunst früher bereits geben konnten: erinnert sei u. a. an Kurt Jansen, Heinz R o » e n t h a 1, Alice M. i c h a- lis. Arno N a d el. A dele Reifenberg- Rosenbaum, Julius Rosenbau m . Martha C o h n - L e b e n h e i in. Kurt B i a 1 o s t o t z k y, Margarethe N ehern las, Hans Henschel, Klara G u m p e r t z. Dr. 0. B. Chanukka-Kunstschau in Frankfurt a. M. Der Jüdische Kulturbund Rhein-Main hat in diesem Jahr die in Frankfurt durch 15jährige Hebung zur Tradition gewordene Cbanukka- Kunstschau jüdischer Künstler und Kunstgewerbler organisiert. Die Veranstaltung, die sich während einer Woche lebhaften Besuchs erfreuen durfte, stand an Vielseitigkeit und Abwechslungsreich tum hinter früheren Ausstellungen nicht zurück; ja, es gab sogar reizvolle, unerwartete Werke zu „entdecken*'. Als eine solche Entdeckung dürfen einige der Aquarelle von Dora N e u m o n d angesprochen werden, die. ganz aus dem Farbig-Atmosphärischen dieser Stadt, Durchblicke in Höfe und .Strassen darstellen, wie sie für Frankfurt bezeichnend sind. Auch die Aquarelle, die Luise Schreiber-Landsb'erg in. diesem Jahre zeigte, lassen Fortschritte in der koloristischen Erfassung der Landschaft erkennen. K. S. H e r z dokumentierte in Zeichnungen von Akten und Profilen ein überdurchschnittliches zeichnerisches Formungsvermögen. Seine gediegene Schulung ist eine wichtige Voraussetzung für seine künitige künstlerische Entfaltung. Gerade diese Voraussetzung der technischen Schulung fehlt leider noch immer dem mit vielen guten Gaben, ausgezeichneten Ernst D r e y f use. Seine 'Bildnisse sind von einer immer wieder überraschenden Unmittelbarkeit in der Wiedergabe des Farbigen und von einer erstaunlichen intuitiven Sicherheit in der iiguralen Komposition. Keineswegs unwichtige Einzelheiten (Verzeichnungen, Vernachlässigungen) lassen jedoch die Freude an seiner Leistung nicht recht aufkommen. Wenn Dreyfuss mit unbeirrbarer Energie daran ginge, erst einmal treu vor der Natur zu arbeiten und zu studieren, wird seine künstlerische Mitgift ihn zu einem beachtlichen. Künstler werden lassen. Unter den jüngeren Malern der Ausstellung ist Fritz S. S c h a in e; die grösste Begabung'." Man kannte seine mit kräftigen und zarten" Farben zu starker räumlicher Wirkung gestalteten Landschaften. Das Männerporträt, das die Ausstellung zeigte, lässt erkennen, dass er at.'-h als Bildiusmaler Anspruch auf ernste Beachtung verdient. Der Entwurf zu einem Mosaik und "mehrere Monotypien zeigten ihn erfolgreich auf dem Weg nach neuen Ausdrucksmitteln. Auch die diesjährige Chanukka-Kunstschau empfing durch Hermann Lismann, von dem Gemälde und Graphik zu sehen war, wertvolle Bereicherung. Seine Figurenbilder und Landschaften gelangen durch strenge Form zu eindringlicher Wirkung. Arthur Galliner, mit Aquarellen vorteilhaft vertreten, erscheint mit zwei Männerbildnissen als fein beobachtender, nobel gestaltender Porträtist. Wie immer, ist auch diesmal Alfred Oppenheim unzweifelhaft die überragende Persönlichkeit der Ausstellung. Ein erst in diesem Jahr entstandenes Bild eines Gartens zeigt ihn als den geschmackvollen Impressionisten, als der er seinen Namen begründet hat. Das Herren-Bildnis, gleichfalls erst kürzlich entstanden, zeugt für den eindringlichen Beobachter und sicheren Gestalter, der Oppenheim als Bildnismaler ist. Man wird dieses Porträt auch künftighin aller Beachtung wert halten: aus ihm ist .Wesenhaftes über den Dargestellten abzulesen. Unter den übrigen Ausstellern verdienen Leo Horovitz mit. formschönen Kultgeräten, H. Tennenbaum mit geschmackvollen Metallarbeiten, die Malerinnen und Zeichnermneii Rosy Lilienfeld. Amalie Seckbach (von ihr auch Kleinplastik), Anna Heidtmann (Kassel) und die Kunstgewerblerinnen Erwähnung. Mit der Chanukka-Kunstschau war eine Gedächtnisausstellung für die Malerin Ise Hanf- Weinhold aus Limburg verbunden. Die Künstlerin war in den letzten Jahren in zunehmendem Masse den Besuchern der Chanukka-Kunstschau interessant geworden. Ihrer vitalen, f arbstrotzenden, aus Tiefen formenden Kunst hat der Tod ein beklagenswertes frühes Ende gesetzt. Was sie zurückgelassen hat, ist Zeugnis einer eigenartigen, echten, fast tragischen Begabung." Dr. H. G. Ein achtjähriger Maler In der Galerie Charpentier in Paris sind zur Zeit die Malereien und Zeichnungen des achtjährigen Knaben Gerard Singer ausgestellt, der einer jüdischen Familie entstammt. Die Musik kennt eine ganze Anzahl von Wunderkindern jüdischer Herkunft, wie Mischa El man, Jascha Heifetz, Bronislav Hubennan und vor allem den genialen Jehudi Menuhim, aber zum erstenmal erfährt . die grössere Oeffentlichkeit hier von einem „Wunderkinde" auf dem Gebiete der Malerei, die — so hiess es oft — den Juden verschlossen sei. Alle, die die frühreifen Werke Gerard Singer« gesehen haben, sind sich darüber einig, dass es sich hier tun ein ungewöhnliches Talent handelt. „Seine Zeichnungen zeugen von einem angeborenen Sinn für die Komposition, und so primitiv auch seine Landschafts- und Meeresmalereien sind, eine gewisse Verwandtschaft mit den zarten Seidenmalereien der Japaner ist kaum zu verkennen. Wo liegt die mystische Quelle solcher frühreifen bildnerischen Magie"? .— so schreibt ein Pariser Kunstkritiker. Civil Aronson. in „Samedi". Der Zufall fügt es, dass gleichzeitig mit dieser Ausstellung in der Galerie Charpentier auch eine andere Kunstausstellung israelitischer Kinder in Paris gezeigt wird. Es handelt sich um die Malereien, Zeichnungen und Entwürfe ostjüdiseber Jugendlicher, die die „Organisation Juive de FEnseignement en Pologne" in der jüdischen Kulturabteilung des Internationalen Pavillons der Ausstellung veranstaltet Die Farbenphantasie und der Bildsinn dieser polnischen Kinder setzten den Betrachter in Erstaunen. Kein Geringerer als Marc Chagall stellt das mit Nachdruck fest. Eröffnung der Ausstellung „100 Jahre jüdische Kunst". Das Jüdische Museum wird am 14. Dezember mit einer grossen Ausstellung: „10 0 Jahre jüdische Kunst aus Berliner Besitz" eröffnet. Besuchszeiten: täglich 10 bis 14 Uhr. ausser Sonnabend. Kunstnachrichten Die „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler", Frankfurt a. M.,~ gibt ein kleiues Heft über die Sammlung Siegmund Nauheim heraus. Dieser Judaica-Besitz, der als Vermächtnis in das Museum jüdischer Altertümer in der Fahrgasse kam, bedeutet eine ebenso umfangreiche wie interessante Bereicherung für die Frankfurter Judenheit. Hermann Gundersheimer und Guido Schönberger widmen den von ihnen betreuten Beständen an Kultgerät, Handschriften, den textilen Schätzen, kenntnisreiche Ausführungen. Ein überaus klares Abbiidungsmaterial erhöht die gute Ausstattung des Kataloges, der aber in der Uebersichtlichkeit und durch die wissenschaftliehe Genauigkeit sehr viel mehr als ein Verzeichnis ist. Ueber allem aber steht die unermüdliche Sammlertätigkeit von Siegmund Nauheim (1879—1935), der dem Frankfurter Jüdischen Museum stets ein Förderer, seinen Leitern wohl der beste Wegweiser in ihrem Bemühen um neue Erkenntnisse gewesen. 0. B. Emil P o 11 n e r , der bekannte Maler. Graphiker und Schöpfer hervorragender Tierkeramiken, vollendet am JÜ. Dezember sein 65. Lebensjahr. Die Jury der Weltausstellung in Paris hat. dem berühmten jüdischen Maler Marc Chagall für ein Gemälde, das auf der Grossen Internationalen Ausstellung 193" ausgestellt war, die Goldene Medaille zuerkannt. Rabbi Akiba Eger wurde nicht, wie es in miserem Bericht über die Akiba-Eger-Ausstellung irrtümlich hiess, in Märkisch-Friedland, sondern in Eisen.Stadt;n Ungarn geboren. Voranzeigen Berlin: 11. Dezember. 20 Uhr SO Min.: Synagoge Friedensiemnel. Vortrag Rabbiner Dr. Nussbaum „Was ist uns "Religion f" Musikalische ümrahmuiLg. 11. Dezember, 20 Uhr: „Estaer", biblische Tondichtung von- Margarete Cohn. Mirwirkeride: Annemarie Elias. Toni Pohl (Sopran), Rose Agnes Herscb (Alt), Edgar Lissner. Ismar Ba-ssfreund (Tenor)). Werner Simon . (Bass)., Betty. Abrahamsohn (Harmonium). Leitung: Margarete Co'hn. Synagoge Sc-huistr. 7. Eintritt frei. Xur"für Gemeindemitslied'sr. 12. Dezember. 16 Uhr-30 Min.: Haaskonzert. Mitwirkende: Godfried Zeeiander, .Liiii Schlesinger, Dr. Fritz Eisenberg. Simon, Wannsee, Bismarckstr. 3. 15. Dezember, 20 Uhr 15 Min.: Klavierabend Erich Landerer. Grosser Saal des Brüdervereins, Surfürstenstrasse 115/16. 15. Dezember. 20 Uhr 45 Min.: Kün-stlerhilfe der Jüdischen Gemeinde. Unterhaitungsabend. Mitwirkende: Eugen Transky (Tenor), Heinz Fischer (Klavier), Kapelle Makowski. Cafe Leon. Frankfurt a. M.: 12. Dezember. 20 Uhr SO Min.: Gesellschaft für judische Volksbildung. Religiöse Weihestund«. FUbhmer Dr. Lernte „Er»z Israel". Hebräische Gesäuge: Ober- kantor X. Nauroovr-Fleischmann. Westend-Synngog". Schachaufgabe Nr. 113 von P. Resenblatt (Berlin) (Grunewald Echo 1931) Matt in zwei Zügen Weiss: Kaö, Dg6. Tdo, Tfl, LbT. Lgl, Sb«. Se6, Bg4, g5 <-10;. Schwarz: Ke-i, Dc8. Tfö, LbS. ShS, Bc3. H Lösung der Aufgabe Nr. 112: 1. 0—0, KMXhS; 2. De4—hl matt ____ g3—g-2: 2. De4—el matt * Richtige Lösungen gingen ein von: B. Lindner •Burgkunstadt), Martin Hirsch (Grottbau). Kantor D. Cohn (Koblenz), Walter Simon (Duisburg-Hamborn), Lothar Schöntlial, Karl Bechhöfer (Nürnberg:,' Siegmund Amsterlitz (Glessen), Landg.-Rat Emii Bacharach (Arnberg), Landg.-Rat Dr. Karl Ulrich (München), Alfred" Schück, Alfred Dzialosz'ynsbi (Breslau), Rechtsanwalt Dr. Ernst Boehm (Brieg:, Fritz Riess, Dr. med. Herbert Picard, Dr. med. Gerhard Böhm. Gustav Lewi (Berlin). Michael Levy (Krefeld), Trude Levin (Gross-Breesen). Dr.-.med. H. Kreilshetmer (Stuttgart), L. Mehrländer (Konstadt), Frau Tilde Adler (Laudsberg). Dr. H. Hauimelbacher (Nürnberg). Weitere Lösung von Nr. III: Rechtsanwalt Ludvrid Mayer (Berlin). Aus den Familien Otto Michels (Zerbst) hat seinen 75. Geburtstag begangen- — Benedick Schwarz 'Erp,^ Kreis Euskirchen; feierte am 3.'Dezember seinen SO. Geburtstag — Fräulein Pauline Iiiig (Bernburgbeging "am 9. Dezember ihren 80. Geburtstag. — Samuel Cohn (Wolfenbüttel) wird am 12. Dezember 75 Jahre alt. — Frau Wilhelmine Hermann geb. Klee (Höngen b. Aachen) begeht am 13. Dezember ihren 75. Geburtstag. — Bernhard Grossmann (Eisenach), langjähriger Vorsteher der Chewra Kadischa, vollendet am 13. Dezember sein 75.. Lebensjahr. — S. Kahn, Kassierer de* Jüdischen Ceniral-Vereins in Mainz, 'feiert am 14. Dezember seinen 60. Geburtstag. — Frau Berta Freudenberg (Essen) begeht am 15. Dezember ihren 80. Geburtstag. — Frau Alber tine Berger geb. Loewy (Berlin-Charlottenburg) feiert am 15. Dezember ihren 90.. Geburtstag. — Siegfried Loewe (Pasewalk). Vorsitzender der Synagogengemeinde, wird am 16. Dezember 75 Jahre alt;. — Frau Bettv J a b 1 o n s k y geb. Joel <Kottbus) vollendet am 17. Dezember ihr SO. Lebensjahr. — Leopold R Osenberg und Frau Berta geb. Sommer (früher Mengede, jetzt Dortmund) feiern am 13.- Dezember ihre goldene Hochzeit. — Rudolf ücko und Frau (Breslau) feiern am 15. Dezember ihre silberne Hochzeit. — Heinrich Hirsch (Frankfürt a. MO, der frühere Vorsitzende des C.-V. in Gross-Geräu. ist gestorben. — Sigmund Lewiii, Vertrauensmann'de* C.-v. und Vorsteher der Gemeinde Labian, ist .gestorben. Sanitätsrat Dr. Julius F a c k e n h e i m lEisenach) begeht am 12. Dezember sein goldenes Doktorjubiiäum. hauptsächlich. die „Mecbirat Josef (Verkaufung Josefs)", die, 1710 in Frankfurt a. M. erschienen, von Bacliurim aus Hamburg und* Prag, die hier als fahrende Scholasten und Schauspieler erscheinen, „mit ausserordentlichem Aufwand von Dekorationen. Maschinerien und sonstigen szenischen Effekten" aufgeführt wurde! Das Stück behandelt in barocken Reden und in verwilderten Alexandrinern das Geschick Josefs 'in Aegypten, vor allem natürlich das Liebeswerben der Frau des Potii'ar um Josef. Sie heissi. hier Selicha, das ist die. hebräisierte Form der Suleicha des Mittelalters. Auch sie krankt an Liebeskummer, auch, sie hat ihre Freundinnen zm einer Gasterei geladen, auf der sie ihnen Josef vor die Augen stellte, mit dem gleichen Erfolg wie in der hagadischen Erzählung, nur der Zug fehlt, dass die Damen sich in die Fingerchen schneiden. Die burleske Atmosphäre, die unreine Sprache des Werkes -stellt sich dar in Selichas Geständnis: Ich weiss bald nit, was ich vor Liebs-Affaire soll anfangen. Mein Fleisch "und Blut ist mir fast ali vergangen. Denn die Lieb', die ich trag' zu meinem Diener Josef ist unmöglich zu schreiben, Und ich weiss nicht, auf was für Manier ich sie kann geniessen oder vertreiben. Mit tiefem Bedauern stellt sie fest: „Ich habe ihm, seine Liebe zu geniessen so oft zugemuth't, .— aber er .ist derjenige, ders nit tut../'' In solcher Sprache, in solcher nicht ganz freiwilligen Komik zeigt sich die Ueberspitzung des burlesken Elements, die dieser Literatur so schädlich wurde und ihr Ende beschleunigte. IX. Schlussbetrachfung In der Tat war diese volkstümliche Literatur von ' ihrer einstigen Höhe herabgestiegen, barocke Komik überwucherte den Ernst von einst, während die grosse, traditionelle Literatur des 16 Jahrhunderts allmählich zu veralten, den veränderten Zeitverhältnissen nicht mehr zu entsprechen begann. Auch die einst reine Sprache ■ der frühen jüdischen Spielleute war verwildert und in Unordnung geraten; die eingesprengten hebräischen Worte, ihrer klangvollen vokalischen Endungen beraubt, waren verstümmelt; wurden sie, höchst unnatürlich, noch mit Hilfsverben eines andern Sprachgebiets zusammengekoppelt, so entstand eine höchst anfechtbare Mischsprache, der eigentliche „Jargon". Es war daher an der Zeit, dass Moses Mendelssohn den Ruf nach sprachlicher Reinheit erhob und den Grundsatz aufstellte: Nur keine Vermischung der Sprachen! Mit seiner neuen Bibelübersetzung gab er, der ein Schriftsteller von tiefer Kultur und anmutiger Form war. gleichzeitig ein Beispiel und Vorbild sprachlicher Reinheit. Dies Beispiel wurde bald allgemein befolgt, selbst von denjenigen Schriftstellern, die, wie Aron Bernstein oder Leopold Kompert, ebenfalls noch die alte Gasse und die üeberführung ihrer Bewohner in eine andere Kulturepoche erlebt hatten. Mit dem Ende des jüdischen Mittelalters, das eigentlich erst hier festzustellen ist, schwinden auch die Spuren jener jüdischen „Singer*4 usw. Nur im Osten soll eine Nachfolgeerscheinung, der sogenannte „Badchan", noch bis in die neuere Zeit aufgetreten sein. Und im Osten ist es auch, wo dieser „Jargon" Millionen zur „Sprache'' geworden ist, die sich, abgetrennt von ihrem Ursprung, unter neuen Verhältnissen und Daseinsbedingungen verselbständigt und konsolidiert hat. Auf dieser Grundlage ist eine neue und grosse Literatur aller modernen Gattungen entstanden, die freilich ein neues Kapitel bedeutet und eine andere als die hier geübte Betrachtungsweise erfordern würde. In diesen Tagen feierte man in Holland den 350. Geburtstag des niederländischen Dichters Joost van den Vondel. Die Jüdische Gemeinde -Rotterdam veranstaltete aus diesem Anlass zusammen mit dem Institut für jüdische Bildung eine '.'rr enkfeier in der das Thema ..Y •< d p l and die Bibel" behandelt werden wird, da der Dichter seine Stoffe oft der Bibel entnahm und auch Psalmen ins Holländische übersetzte. Helena Perez Helena Perez. die Witwe des berühmten jiddischen Dichters J. L. Perez. ist. achtzig Jahre alt, in Warschau gestorben. Perez hatte die sieben Jahre jüngere Frau 1878 geheiratet und war die letzten vierzig Jahre seines Lebens mit ihr verbunden. Ein bekanntes Bild von beiden, aus dem Jahre 1903 zeigt die zierliche Gestalt, die feinen und auch damals noch ungemein ansprechende]'. Züge der stillen, klugen Frau, neben der Perez wie ein mächtiger Koloss wirkt. Tatsächlich beginnt man jetzt erst die bedeutende Rolle zu erkennen, die Frau Helena Perez im Leben und Schaffen des Dichters gespielt hat: aus dem 400 Seiten starken Perez- Sonderheft der „.liwo-Blätter", das viele biographische Einzelheiten und besonders Briefe enthält. Helena war die zweite Frau des Dichters. Aus seiner ersten Ehe stammte ein Sohn Lucian. Die jetzt veröffentlichten Briefe an diesen enthüllen eine Vater-Sohn-Tragödie von erschütternder Gewalt. Es gelang dem Vater nicht, ein gutes Verhältnis mit dem bypersensiblen Sohne zu erreichen. Es war einer der Gründe für eine schwere Depression bei Perez, die eeit Jahren' eich steigerte, bis er Helena kennen lernte und heiratete. Er zog sich aus Warschau zurück, wurde Advokat in Zamoszcz und verbrachte hier die erste Zeit seiner neuen, glücklichen Ehe. Inzwischen war Lucian Gymnasiast in Warschau, Perez schreibt ihm, immer zärtlich, regelmässig, rücksichtsvoll, um die Liebe und das Vertrauen des seelisch nicht gesundem, wenngleich geistig hochstehenden Sohnes werbend, dem aber „der Alte-' mit seinem Ruhm, mit seiner Ueberlegenheit immer und überall im Wege, dämonisch unentr ionbar bleiben sollte. Unter diesen Umständen hat sich Frau Helena Perez nicht nur als eine Lebenskünstlerin, sondern als ein guter Engel erwiesen. So wenig sie davon Aufhebens zu machen liebte, so hatte sie doch auch auf das dichterische Schaffen J. L. Perez' bedeutenden Einfluss und seine Briefe verraten, wie wesentlich ihm ihr Rat und Urteil war. Nach seinem Tode, den sie \i\ um fasl zwanzig Jahre überleben sollte, stellte sich heraus, mit welcher Achtsamkeit sie alles, was von Perez oder von Wert über ihn war. gesammelt, geordnet und bewahrt hatte. Sie war immer bemüht, alles guten Händen anzuvertrauen, und wer auch kam. um von ihr über Perez etwas zu erfuhren, fand nicht nur die sorgsame Hüterin seines Andenkens, sondern die beste und gescheiteste Kennerin seiner Lebensarbeit in ihr. Es gibt nun schon eine ganze Perez-Literatur; sie wäre arm ohne diese Frau, die der Forschung und dem Verständnis immer zu dienen suchte, und .schliesslich kurz vor ihrem Tode dem jüdischen wissenschaftlichen Institut auch noch übergab.-was ihr am meisten lieb und wert gewesen sein'mochte, die jetzt veröffentlichten Briefe aus der Brautzeit und den ersten Ehejahren. L. H. Literarische Notizen Franz Wr e r f e 1 sprach kürzlich in W i e n über das Thema „Von der Glückseligkeit der Menschen". Die „Neue Freie Presse" schreibt über den Vortrag u. a.: ..Der kulturhistorisch und zeitkritisch gleichermassen interessante, dichterisch sehr schöne, leidenschafidurehpuisie Vortrag mit seinem kämpferischen Mut für da? Grosse und Unsterbliche im Menschenwerk wurd: von der erlesenen Zuhörerschaft mit begeistertem Jubel aufgenommen." Der jüdische Kulturverein in Jobanpisburg gibt eine neue Monatsschrift unter dem Titel „Yoraus" heraus. In der Zeitschrift, deren drittes Heft jetzt erscheint, werden gesellschaftliche. Literatur- und Kunstfragen behandelt. Von Georg Frosch ei erscheint im Ve'rlac Ludwig Natb, Wien, ein neuer Roman ..Abschied von den Sternen'i Als Ergänzungsband zu der vom Präger Y'erlac Heinrich Mercy Sohn herausgebrachten sechsbändigen Ausgabe von Franz Kafkas Werken erschien aus der Feder Max Broos eine umfassende''Biographie des Dichters. * Im Verlag K u 11 u r - L i g a in W a r s c hau erschien von J. J. Trunk „S c b o 1 e m A I ec b j e m. sein Wesen nndseine Werk e". ' Das 500 Seiten umfassende Werk stellt weniger eine Bioirra nhie als eine Wesensdeutun? des Dichters dar. Einer der Grundgedanken des Autors geht dabin, die Fisür^n Alechjems nicht nur als Individuen, sondern.quasi._als kollektive Erscheinung zu deuten. " /

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