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Central-Verein-Zeitung · 1937-11-11 · 45 (11.11.1937) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
45 (11.11.1937)
Date
1937-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Hr. 45 2. Beibitait C.-V.» Zeitung von.fr Ml T Z B A M Seife 5 11. November 1937 B E R G E R Er hatte den Auftrag erhalten,- etwas zum Buch zu schreiben. Etwas irgendwie Liebenswürdiges und Schmeichelhaftes," Das Buch sollte in liebenswürdigstem Lichte erscheinen, denn es war ja dafür Propaganda zu machen. Dem Publikum sollte geschmeichelt werden, weil es doch an eben dieses Buch herangeführt werden mussie. Und scharmante Verführung leistet da mehr als strenger Befehl. Und ausserdem sollte der Aufsatz noch exakt und wissenschaftlich sein. ..Das fordert die Tradition unserer Zeitung." Der ■Redakteur schlug einen kurzen und entschiedenen Haken in die Luft um zu verdeutlichen, was er unter Exaktheit verstünde. Die Redakteurin neigte den Kopf, deutete einen sanften Bogen in der Bewegung ebensolcher Finger an und wollte damit klarmachen, was s i e sieh unter liebenswürdig und schmeichelhaft vorstelle. Der Mann, der den Auftrag erhalten und leichtsinnig angenommen hatte, ging nach Hau^e uod dachte lange darüber nach, dass das deutsche „irgendwie" im Französischen mit ..je ne sais quoi" wiedergegeben wird. Als er damit fertig war. stand die Stunde des Redaktionsschlusses unmittelbar und bedrohlich bevor. Er dachte aufs neue nach. Vieles ging ihm durch den Kopf. So vieles, dass die alten Griechen auf diesen Fall gesagt haben würden: vieles und anderes. In langen Kolonnen marschierten die bezüglichen Themen an und standen schnell als Kolumnen vor seinem typographisch-geistigen Auge. „Die Auflagenhöhe der hebräischen Inkunabeln unter besonderer Berücksichtigung der Soncino-Drucke" — „Vergleichende Statistik der Bücherpreise im sefardischen Kulturkreis und der Schächtgebühren in der Provinz Posen. Ein soziologischer Querschnitt durch die jüdische Wirtschaft" ... Er sab schnell, dass dies Theme« für die ..Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums*'4 wären, nicht aber ... Zur rechten Zeit fiel ihm sein geliebter Petrarca ein: „Ich habe Freunde, deren Gesellschaft mir sehr wert ist Sie stammen aus allen Zeiten und Ländern, grosse Ehren hat ihnen ihre Gelehrsamkeit eingetragen. Dabei ist es leicht, mit ihnen zu verkehren, denn sie steheu immer zu Diensten, immer sind sie bereit, die Fragen zu beantworten, die ich ihnen stellte.*' So stellte er denn seine Fragen den Büchern, der Weltliteratur, die pergamenten und ledern, in rotes und grünes Maroquin feinster Körnung gebunden und aus vornehmster und allervornehmster Provenienz stammend, sein Zimmer bis zur Decke lullten. . (Ganz leise und vertraulich gesagt: im wesentlichen benutzte er eine moderne Anthologie, in Pappe gebundeu.) Er begann mit dem unsterblichen Cervantes und fand den Satz: „Kein Buch ist so schlecht, dass nicht etwas Gutes darin zu finden sei.*' Er war einen Augenblick unschlüssig, ob er es nicht zum Motto eines Aufsatzes über die derzeitige jüdische Bucbkritik machen sollte. Aber nur einen Meinen Augenblick: dann war er sich ganz schlüssig. Das ist die Devise der jüdischen Buchrezensenten, keine-andere. Wir produzieren nu r gute Bücher. Und auch d i.e .Bücher tragen . noch Ewigkeitswert in sich, die den alten Cervantes gewiss veranlasst hätten, sich zu überlegen, ob er nicht doch seinem. Satz die kleine Möglichkeit einer Ausnahme zugestehen sollte. Unser Mann erinnerte sich einen Augenblick an seine Morgenlektüre. Da hatte er im Jüdischen Gemeindeblatt für Berlin gelesen — und deshalb griff er noch einmal von der Weltliteratur zum Gemeindeblatt zurück —, wie der Rabbiner Ignaz Maybaum den Rabbiner Max Wiener lobte, weil er im Lehrhaus als Bedingung eines guten Judenstaats die Uebenvindung des jüdischen Rachmonus gefordert hatte. Sollte man diese Forderung nicht auch für die jüdische Buchkritik erheben*? Aber als er das Gemeindeblatt zurück- Bialostotzki: Lesende Fol. Grete Karplus. Beriet legte, um zum Juvenal zu greifen, da fand er statt der erwarteten scharfen Geisselung der Torheiten und der Sittenverderbnis der römischen Zeit nur die mild-resignierte Aufforderung: „Seid nachsichtig mit vergänglichem Papier .. Auch das chinesische Sprichwort versicherte ihm: ..Man kann aus jedem Buch etwas lernen.*'" Er war also wieder in sehr versöhnlicher Stimmung, als er zu Montaigne kam und dort las: „Ich suche in den Büchern weiter nichts, als mir durch vernünftigen Zeitvertreib ein Vergnügen zu machen; oder, wenn ich studiere, so suche ich nach keiner anderen Wissenschaft, als der. welche vou der Kenntnis meiner selbst handelt: und die mich lehrt, gut leben und gut sterben." Nun war Michel de Montaigne allerdings ein Skeptiker. Sein Wappen zeigt eine Wage und darüber den Wahlspruch ,.Que saisje?" und schon wollte unser Mann sich überlegen, ob diese Skepsis, die doch den ganzen Satz mit dem Vergnügen in Frage stelle, irgendwelche Gründe in Montaignes jüdisch-spanischer Abstammung mütterlicherseits haben könnte, da beschloss er, doch diesmal von dieser schwierigen Untersuchung abzusehen und sie auf ein andermal zu verschieben. Der volltönende Name der marranischen Mutter, Antoinette de Louppes, reizte ihn zwar noch einen Augenblick, aber seinem Auftrag schien entsprechender zu fragen: Kaufen denn unsere Leute überhaupt Bücher*? Und kaufen sie auch alte Literatur, klassische Literatur, aus der man eben das erfahren kann, wie man gut lebt' und gut stirbt? Könnten sie mit Macchiavelli fühlen, wenn sie bei ihm lesen würden: „Wenn der Abend kommt kehre ich nach Hause zurück und gehe in mein Schreibzimmer. An der Schwelle werfe ich die Bauerntracht ab, voll Schmutz und Kot, ich lege prächtige Gewänder an und, angemessen gekleidet begebe ich mich in die Säulenhallen der grossen Alten. Freundlich von ihnen aufgenommen, nähre ich mich mit der Speise, die allein die meinige ist für die ich geboren ward. Da hält mich keine Scham zurück, mit ihnen zu sprechen, sie um den Grund ihrer Handlungen zu fragen und herablassend antworten sie mir. Viele Stunden lang fühle ich keinen Kummer, vergesse alle Leiden, fürchte nicht die Armut, es schreckt mich nicht der Tod: ganz versetze ich mich in sie." Doch unser Bücher-Freund weiss: zu allen Zeiten haben die Juden gute Bücher gekauft. Man könnte einen Aufsatz „Jüdische Bibliopbilie früher und heute'* schreiben, von der Leidenschaft zu Büchern sprechen, von der zu Ende des 17. Jahrhunderts der kundige Hofmann Menage gesagt hat, dass sie iniiner die Leidenschaft der anständigen Menschen gewesen sei. Unser Mann nimmt einen Pope-Band zur Hand, der den Besitzvermerk des jungen Ephraim Kuh trägt. Kuh war Dichter und dazu ein reicher junger Mann, der Neffe des Berliner Münzjuden Ephraim, und er konnte, wie später Napoleon sagen: ,.Icb wünsche schöne Ausgaben und elegante Einbände — ich bin reich genug dazu." Kuh hat einen grossen Teil seines ererbten Vermögens für Bücherkäufe verbraucht Im Jahre 1786 sollte er sich von ihnen trennen und nur weniges behalten. „Zuerst nahm er die Bibel und legte sie in stiller Andacht in den Koffer: sie sollte da» Bretterhaus weihen, in das er seine Freunde schlöss; eine Auswahl der Griechen, Römer, Deutschen, Italiener, Engländer und Franzosen sollte ihn begleiten. Je mehr und je länger er aber wählte, um so ungerechter deuchte es Um, dieses oder jenes Buch zurückzulassen. War nicht da und dort eine Stelle, die ihn so oft. getröstet, erfreut, erhoben, und diese sollte nicht die Fracht wert sein, ihn überall begleiten zu dürfen? So füllten sich nach und nach mehrere grosse Koffer mit seiner Bibliothek, von der er sich auch in der äussersten Not nicht trennen mochte. Lieber verkaufte er von seinen Kleidern und Bijouterien, was er nur irgend entbehren konnte, litt lieber Mangel an den notwendigsten Bedürfnissen des Lebens, als eins seiner Bücher zu verkaufen." Viele Bibliotheken jüdischer Sammler sind aufgelöst worden. Unser Mann blättert in Versteigerungskatalogen, die jüdische Namen tragen. Dem einen. oder anderen hat Karl Wolfskehl verständnisvolle Worte mit auf den Weg der Auflösung und Zerstreuung gegeben. „Wer seine Bücher verkauft, wird auf einmal alle Qualen hienieden kennenlernen." Das ist ein Wort, das man bei dem grossen Philologen Scaliger findet. Aber darf nicht, wer diese Qual durchmacht, sich damit trösten, dass das Wunder des Buches an ihm geschehen ist? Unser Mann las bei Carlyle: „Keine zauberwirkende Rune ist wunderbarer als ein Buch. | mg gas In grosser EL fe B Auswahl Eleg. Modeüe Ponae modarne'/j-Paldot« verschiedene!a Silberföchss alles sehr preiswert J. Weissler, nur Kurfürstendamm 29 Alles, was die Menschheit getan, gedacht, erlangt hat oder gewesen ist: es .liegt wie in zauberartiger Erhaltung in den Blättern der Bücher aufbewahrt. Sie sind das auserlesene Besitztum der Menschen. Ueben Bücher nicht noch immer Wunder, wie die Sage sie von den Runen tun lässt? Sie bereden die Menschen.*' Und bei Gibbon hätte er lesen können, dass dieser englische Historiker Roms bereit war, die Reichtümer beider Indien hinzugeben, um in den Genuss von Büchern zu kommen. Wieder wurde unser Mann bedenkenvoll. Ist Leidenschaft solcher Stärke nicht doch verschwunden? fragte er sich und hielt bei seinem Gang durch die Weltliteratur inne. Und ist uusere Jugend dieser Leidenschaft noch fähig? Ist ihr nicht die Welt der Bücher fremd geworden? Und verehrt sie nicht überschwänglich dort, wo die Alten nur massvoll zur Kenntnis nahmen? Lässt sie sich noch von Büchern und ihrer ewigen Weisheit bereden, und 'erziehen? Verlangt sie nicht Eindeutigkeit, ■ wo Bücher mit vielen Zungen und mit vielen Sprachen sprechen? Schnelle Weisung, wo das Buch nur langsam bildet? Will sie nicht insgesamt geführt werden, wo das Buch zutiefst nur zum Einzelnen redet? Unser Bücherfreund muss sich erinnern, was ihn zu seinem Weg durch Bücher und Fragen veranlasst hat. Er hatte einen Aufsatz zu schreiben und wusste nicht welchen. Sollte er vielleicht das Thema ..Die Jugend und das Buch" wählen? Gerade in diesen Tagen hatte er in einer jüdischen Monatsschrift gelesen, dass die jüdische Jugend sich in neuer Wandlung befinde, und er hatte hingehört, ob er nicht dort erfahre, was sie an persönlichem Vorbild durch den einzelnen Menschen fordere und bereit wäre, an unpersönlich - persönlicher Leitung durch das Buch anzuerkennen. Wo vielleicht Neues wächst und ruhiges Wachstum nötig, ist, sollte man nicht mit Gedrucktem stören . Unser Mann war müde geworden. Da schlug ihm noch einmal das Wort des alten Buches den Bogen zur Wirklichkeit unseres Daseins. Er las, was Cicero an Varro geschrieben hatte: Si hortum cum bibliotheca habes, nihil deerit. „Wenn du einen Garten mit einer Bibliothek hast wird es an nichts fehlen." Er sah die jungen Arbeiter in Palästina vor sich, die sich in ihren Diskussionen fragen, wie man das Buch in die Siedlung bringen, Arbeit und Buch DER GROSSE BUCH-ERFOLG Sahnan Schneur jftoaj) lautste Em Roman / Leinen M 4;— ßesei.sierte Kritik in der Presse aller 5 Erdteile WER WUSSTE VOR EINEM JÄHRE etwas vor» Jsoab Pandre and Salman Schneur? HEUTE WEISS JEDER, daß Salman Schneur der größte lebende jüdische Dichter und seine Romangcstalt 2\Toah Pandre der tief im jüdischen Herzen wurzelnde Volksheld ist. IN EINEM JÄHRE wird es NIEMAND gehen, der Scbneur nicht liebt und seine Bücher nicht mit Ungeduld erwartet l Joaehtm Prinz Die ju^nä&ilcke^: Soeben erscheint: Die Geschichten der Bibel 6.-7. Tausend T'~on den ersten Menschen bis zu, Salomes Tod Mit 71 Bildern / Gebunden M 3,50 Die Reiche Jsraei und Juda Geschichten der Bibel. 4.-6*. Tausend Fon Salomos Tod bis zum Zerfall der Reiche - Jüdische Helden und Frauen Mit 6 Tafeln und 61 Bildern / Geb. M 3,50 Joachim Prinz bat sich bei den jungen und jüngsten Lesern mit seiner Art, die alten Stoffe für unsere Zeit und Auffassungsweise lebendig zu machen, unzählige Freunde gewonnen. — Und so dürften diese Bücher die schönsten und begehrtesten Geschenke für die Jugend werden. (Xachricktenblait Hannover) BEI Btänduß BERLIN W 50 MANFRED STURMANN Palästinensisches Tagebuch Auizeicimung einer Reise Gebunden Ml,60 Der Autor sagt in seinem Buche: „Es geht mir ja nicht darum, wichtige Punkte des Landes zu „besichtigen", nur um dort gewesen zu sein und pflichtgemäß darüber erzählen zu können. Es geht um mehr: ich möchte Eingang finden zu Mensch und Land, die wechselseitige Beziehung von einem zum andern erleben. Ich will sehen, was das Land aus dem Menschen, und was der Mensch aus dem Lande gemacht hat, ganz unpolitisch in das Mosaik des palästinensischen Alltags eindringen, und hierin soll sich meine Aufzeichnung von den sonst üblichen unterscheiden." Tlerhmft und Gesinnung Jüdische Gedichte 'Kart. M 1,80 / Halbleinenband M 3,- Walter Proskauer ütoh — tmU Unr Schicksalsfragen und Gottesantwort Gebunden Ml,20 Diese Schrift vermag viele Zweifel zu lösea. Und sie ist ein flammender Aufruf! Nach einer Darstellung des gedanklichen Inhalts des Buches Hiob wird gesagt, was dieses unsterbliche Werk uns lehrt: Ergebung in die unergründliche göttliche Ordnung — aber nicht Fatalismus, sondern tätige Standhaftigkeit im. Unglück: Karl Emil Franzos Wohlfeile Neu-Ausgaben Ber Meme j&atttn Eine Erzählung / 152Seiten / Geb.MljSQ Sie braune 3&ofa Vier Novellen / 175 Seiten / Geb. M 1,30 DER NEUE VERLAGSKATALOG KOSTENLOS! Erhältlich durch die jüdischen Buchvertriebe. Wo ein solcher nicht erreichbar, durch den jüdischen Buch-Verlag Brandus, Berlin W50, Banxberger Str. 61 (Postscheek 2o44o)

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