Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 24 (17.6.1937)
- Date
- 1937-06-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 C.-V.-Zeftung' Nr.24 * 17. Juni 193* Kreis immer stärker werdenden zionistischen Moments. Der Individualismus des 19. Jahrhunderts aber ist bei Zionisten und Nichtzionisten schon längst abgelöst durch die Erkenntnis von der religiösen Gemeinschaft aller Juden. Wenn heute in Amerika scheinbar ein Schritt rückwärts gemacht wird, so denkt natürlich nicht ein einziger Reformrabbiner daran, an den Grundlagen der r e 1 i g i ö s e n Reform etwas zu ändern. Haben doch selbst die sogenannten konservativen Gemeinden bis auf den heutigen Tag in den Synagogen das Zusammensitzen von Männern und Frauen nicht aufgehoben, haben doch sogar die konservativen Rabbiner in Amerika noch im letzten Jahr eine Reform des Ehe rechtes verkündet, die von echt religiös-liberalem Geist durchweht ist. Und wenn heute in den Versammlungen des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum die Frage nach der Autorität im religiösen Leben stark diskutiert wird, so denkt "kein Mensch daran, damit einen Schritt rückwärts zu tun, genau so wenig, wie die Reformgemeinde in Berlin religiös-reaktionär geworden ist, weil sie zum Freitagabend zurückkehrte, und unsere Feste mit ihrer Jugend in immer grösserem Umfange begeht. Was die eigentliche Aufgabe des religiösen Liberalismus ist, die Verbindung zwischen Gott und den Menschen zu schaffen, sie so zu formen, dass ihr Ausdruck dem echten religiösen Empfinden der Gemeinschaft Israels entspricht, sie aufzubauen auf den ewig flutenden Strom der menschlichen Fortentwicklung, dieses religiöse Streben ist völlig unbeeinflusst von den Ereignissen von aussen. Kein noch so radikaler Reformer leugnet heute, dass die emanzipatorische Entwicklung eines Jahrhunderts von innen und von aussen heraus zu einem Abschluss gekommen ist, und dass eine neue Entwicklung nur von innen heraus begonnen hat. Wir ringen um unsere religiösen Probleme und bekennen es offen, wenn die Entwicklung nicht geradlinig nach vorn führt, sondern eine Richtung einschlägt, die nur der Oberflächliche Rückschritt nennt. Solcher religiösen Kämpfe aber bedarf unsere heutige Zeif mehr als je, und darum ist erst jetzt, nachdem die emanzipatorische, religionsfremde Wurzel abgestorben ist. die Zeit gekommen, in der die religiöse Wurzel der Reform ihre lebensspendende Kraft erweisen kann und erweisen wird. Dr. Esriel Hildesheimer, Berlin: Dozent am Rabbiner-Seminar Die beiden Pressemeldungen, die den Ausgangspunkt der Ausführungen von Herrn R.-A. Heinrich Stern bilden, haben in der Tat in den Kreisen des überlieferungstreuen Judentums lebhafte Befriedigung ausgelöst. Und dies wohl mit Recht. War es doch der Präsident einer der grössten und einflussreichsten rabbinischen Körperschaften der Welt, der unumwunden aussprach, dass ..die Tage unserer Reform vorüber sind1'. Fast gleichzeitig aber wurde von einer grossen und angesehenen Gemeinde Europas der Beschluss gefasst. die Orgel aus ihrer Synagoge zu entfernen. Unabhängig voneinander wird also in zwei Ländern, in denen sich die politische Lage der jüdischen Bevölkerung nicht verändert hat. die Erkenntnis wach, dass "der Weg der Reform falsch war. Da die Presse Einzelheiten über die Beschlüsse der amerikanischen Rabbiner noch nicht berichtet hat, so lässt sich vorerst die Tragweite dieser Beschlüsse noch nicht voll ermessen. Hingegen liegt die Bedeutung der Entscheidung der "Züricher" Gemeinde klar zutage, und es ist wohl keine Uebertreibung, zu behaupten, dass sie von. symptomatischer Bedeutung ist. Die Orgel ist seit ihrem Aufkommen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts geradezu das Schibolet in der Beurteilung eines Gottesdienstes als konservativ oder liberal. Zwar ist es richtig, dass sie nicht das einzige Unterscheidungsmerkmal darstellt, dass vielmehr auch weitgehende Verschiedenheiten in den Gebeten bestehen: aber dennoch lässt sich im allgemeinen die Behauptung aufstellen, dass das. Vorhandensein der . Orgel in einer-'Synagoge auf Einführung des reformierten Gebetbuches schliessen lässt. Die Orgel darf mithin, cuin grano salis, als das Wahrzeichen des liberalen Judentums bezeichnet werden. Um so mehr gilt es aufzumerken, wenn sie aus einer Synagoge entfernt wird, in der sie sich Jahrzehnte hindurch befunden hat. Die energische Abwehr, die das konservative Judentum allen Anträgen auf Einführung der Reform entgegensetzte, erfolgte natürlich weitgehend deshalb, weil sie in klarem Widerspruch zu den Bestimmungen des Schulchan Aruck steht. Daneben aber spielte ganz gewiss auch das Moment eine starke Rolle, dass der Antrieb zu diesen Reformplänen im wesentlichen der Assimilationssucht ihrer Propagandisten entsprang. Es wäre doch fürwahr ein mehr als merkwürdiger Zufall, wenn die gleichen Personen, die sich in der Anpassung an die Kultur und Denkweise ihrer Zeit nicht genug tun konnten und in der Verleugnung ihrer jüdischen Sonderart eine höhere Aufgabe sahen, aus anderen als aus assimilatorischen Gründen eine Aenderung des jüdischen Gottesdienstes erstrebten. Wieso kam es, dass in früheren Geschlechtern eine Diskrepanz zwischen der altüberkommenen Form der religiösen Lebensgestaltung und den eigenen religiösen Gefühlen und Ueberzeugungen nicht bestanden? Wollte etwa jemand behaupten, dass es ihnen an dem rechten religiösen Verständnis gebrach! Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte zeigt aber, dass die judenheit seit Fixierung der Stammgebete in einer Umgebung mannigfachster kultureller, sozialer und religiöser Bedingungen gelebt hat, die ohne Zweifel auch stärkste psychische Wandlungen in den Bekennern des jüdischen Glaubens hervorriefen und damit die Voraussetzung für ein verändertes religiöses Empfinden hätten schaffen können. .Warum betete man aber trotzdem alle die vielen Jahrhunderte hindurch mit tiefster Inbrunst immer wieder die gleichen Gebete und fand keinerlei Widerspruch zwischen der Form des Gottesdienstes und der religiösen Ueberzeugung. Aber just in dem Augenblick, da das Aufgehen in der Umwelt als Ideal erschien, da alles Trennende beseitigt werden sollte, gerade da entdeckte man einen Widerspruch und hielt Aenderungen im Texte der Gebete, wohlgemerkt der altüberkommenen Stammgebete,, für notwendig. Man macht heute für die Benutzung des Deutschen als Gebetssprache geltend, dass die hebräische Sprache den Betenden zumeist nicht mehr verständlich ist. Diese Begründung trifft aber für die Zeit der Einführung der deutschen Gebete keineswegs zu. damals war ganz gewiss der grösste Teil der deutschen Judenheit imstande, die Gebete im Urtext zu verstehen. Ist da nicht der Schluss berechtigt, dass man das Religiöse dem Politischen zum Opfer brachte und die bürgerlich-emanzipatorische Herkunft der Reform das Entscheidende ist! Die Vertreter der Reform führen gegen die traditionelle Gebetsordnung ins Treffen, dass sie zu wenig Raum lässt für die Entfaltung des individuellen Gefühls. Nun, es sei zugegeben, dass die Orthodoxie in dieser Frage einen grundsätzlich anderen Standpunkt einnimmt, sie ist von der Ueberzeugung durchdrungen, dass InnMii InrwMwnt mu*.mwum ^SÜITH TO^m na*»3 :p^m-mm^ m ntTTm^m^T^ nrm^n nvriwn , mm :n*3&n» - rrstfiss mirrn man rnnrowi Hvwnw*. ml* nmit% nwn'! Gedenktafel in Jagur Die Inschrift lautet: „Die Handwerker schule wurde zum Andenken an Dr. Ludwig Tietz durch die grossen jüdischen Organisationen in Deutschland errichtet: Reichsvcrlretung der Juden in Deutschland, Zionistische Vereinigung für Deutschland, Central-Verein, Hilfsverein, Jüdische Gemeinde Berlin, mit Hilfe der Zentralstelle für die Ansiedlung von Juden aus Deutschland bei der Jewish Agency. Im Jahre 5696. — Architekt: Erich Mendelsohn, London-Jerusalem. Beratender Ingenieur: Dr. Erich Kempinsky, J erusalem." Fot. Lou Landauer gerade dann der einzelne um so inniger und überzeugter beten wird, wenn er das Bewusstsein hat, dass genau so wie er Hunderttausende . von Juden an ihren Gott sich wenden. Gerade die für alle gleiche Form des Gebets kräftigt in besonderem Masse das Bewusstsein der gegenseitigen Verbundenheit und stärkt die Hoffnung auf Erhörung des Gebets durch Gött. Darum auch kommt dem in Gemeinschaft gesprochenen Gebet besonderer Wert zu. Dessen ungeachtet lässt aber die Tradition Raum' für Einfügung persönlicher Bitten an Gott, insbesondere im Achtzehngebet. Es sei auch darauf hingewiesen, dass lokale Ereignisse freudiger oder trauriger Natur vielfach Gegenstand religiöser Dichtungen geworden sind und in Form von Einschüben in den Gebetstext in der Geschichte fortleben. Persönliche Erlebnisse oder Anliegen können also in bestimmten Grenzen durchaus ' Berücksichtigung in der Liturgie finden. Aehnlich steht es mit der inneren Ausgestaltung der Form des ■ Gottesdienstes. Um nur auf ein'Beispiel hinzuweisen: Wer einmal Gelegenheit hatte, in den verschiedenen Typen von Synagogen Jerusalems einem Gottesdienste beizuwohnen, dem bietet sich ein buntes Bild dar. Wie fremdartig erscheint doch dem europäischen Besucher einer Synagoge mit sephardischem, besser orientalischem Ritus der dort herrschende Brauch, alle Gebetstücke durch den Chacham (etwa Rabbiner) laut vortragen zu lassen, wie unmelodisch mutet ihn dort der monotone Singsang an. wie überraschend ist ihm schon die blosse Anordnung der Sitzreihen. Oder vergleichen wir die Gestaltung des Gottesdienstes in einer deutschen orthodoxen Synagoge mit dem in einem „Chassidimstübl" üblichen: zwei Welten scheinen sich aufzutun. Auch die Stellung der Orthodoxie zur deutschen Predigt zeigt deutlich, dass sie in ihren EntSchliessungen durchaus nicht in dem Ausmasse vom Religionsgesetz beengt ist, wie dies so vielfach behauptet wird, dass sie vielmehr Wille und Kraft genug hat, die Formen der goltesdienstlichen Ordnung dem Lebensstil ihrer" Bekenner anzupassen. Sie lehnt die Pre- digt in der Landessprache ab, solange sie die Befürchtung hat, dass der Predigt weitgehend die Aufgabe zukommt, die Vertrautheit mit der Landessprache zu fördern. Sie zieht iore Bedenken zurück, sobald sie feststellt, dass die Landessprache bereits so stark Allgemeingut der jüdischen Bevölkerung geworden ist, dass\ gerade bei einem Gebrauch dieser Sprache von der Predigt eine gute Wirkung zu erwarten ist. Die Orthodoxie braucht an den Feststellungen und Fortschritten der jüdischen wie der allgemeinen Wissenschaft keineswegs vorbeizugehen. Festhalten am altüberlieferten" Gesetz bedeutet ganz gewiss nicht Abkapselung von der modernen Welt oder Ablehnung der Wissenschaft. Wissen und Religion sind im Judentum keine Gegensätze. 'Ganz anders aber verhält es sich mit der Gebetsordnung und der äusseren Gestaltung des Gottesdienstes, wie sie die Reform für gut hielt. Hier wurde mit der Tradition bew^usst und grundsätzlich gebrochen. Nicht nur, dass sie ganze Stücke fortliess oder umgestaltete, deren Rezitierung vom Standpunkt des gesetzestreuen Judentums als wesentlich galt, ja man fügte Fremdkörper ein und oktroyierte Formen auf, wie sie Geist und Tradition des Judentums völlig fremd, ja konträr sind. Besonders verletzend aber musste die Einführung der Orgel wirken. Sie bedeutet einen vollständigen Bruch mit dem Hergebrachten. Steht es ja" vollkommen fest, dass seit Zerstörung des Tempels zu Jerusalem keine Synagoge eine Orgel, ja überhaupt. Instrumentalmusik kannte, auch wo sie, wie zumal in Spanien, mit grossem Kostenaufwand errichtet wurden.' In der Tat verbietet sich ja die Orgel aus vielen Gründen, nicht nur im Hinblick auf zahlreiche entgegenstehende religionsgesetzliche Verbote, sondern auch im. Hinblick darauf, dass sie ein ausgesprochenes christliches Kultgerät ist, was selbst diejenigen anerkennen müssten, die das Religonsgesetz beiseite schieben. Nachgewiesenermassen steht ja die Orgel ihrer Natur nach und von Hause aus im Dienste der christlichen Kirche und das Orgelspiel macht einen wesentlichen Teil ihres Kultus aus. Eine verbreitete Ansicht leugnet sogar für den Tempel zu Jerusalem die Existenz einer Orgel. Wo in ihm Musik gespielt wurde — beim Gottesdienst der sogenannten Standschaften und Gemeindevertretungen, die die Repräsentanten des ganzen jüdischen Volkes darstellten, fehlte sie — geschah dies nur als Begleitung, es bildete also der Vokalgesang der Chöre den eigentlichen Kern des Gottesdienstes und die Instrumentalmusik diente .nur zur Hebung und Verstärkung der Eindrucks der Vokalmusik. Es dürfte nach unseren Ausführungen verständlich sein, warum um die Einführung der Orgel ein besonders heftiger Kampf entbrennen musste. Das gesetzestreue Judentum sah hierin geradezu einen Verrat an jüdischer Religion und an jüdischem Wesen. Befriedigt blickt es auf die Entschliessung der jüdischen Gemeinde von Zürich, die offen ihren Fehler bekannte und ihn beseitigte. Dieser Vorgang ist in besonderem Masse geeignet, die Entschlossenheit der Orthodoxie in ihrem Kampf um die Wahrung der Tradition zu stärken und zu heben. Wir hoffen zuversichtlich, dass immer weitere Kreise die Notwendigkeit einer „Rückkehr zur Tradition'* erkennen werden. * Anfang Juni wurde in Amsterdam die erste re 1 igiö s -1 iberale Synagoge der Stadt eingeweiht. Im Rahmen des Festgottesdienstes, dem u. a. als Vertreter der Gemeinde Berlin Rechtsanwalt Dr. Heinrich Stern beiwohnte, sprach Rabbiner L. J. M e h 1 e r. und abgehend, führten, betonte Ludwig Tietz in einer für ihn sehr charakteristischen Weise immer wieder, wieviel stärker solche Spiegelung durch die Persönlichkeit gewirkt hätte als alle" Bücher und Artikel. Die Aera der Palästinagespräche begann. Unter ihnen nahmen einen Sonderplatz die langen Unterhaltungen mit Kurt Blumenfeld ein, dem „Magier des Gesprächs", wie wir ihn manchmal -genannt haben. 1929 kommt nach langen Unterhandlungen zwischen Weizmann und Louis Marshall der Verfassungsentwurf der Jewish Agency zustande. Für den August wird der neu zu wählende Council der Jewish Agency — fifty/fifty aus Zionisten und Nichtzionisten zusammengesetzt — nach Luzern berufen. Auch in Deutschland ergeht der Ruf an die nichtzionistische Welt zur Beteiligung. Ein Initiativkomitee wird gebildet und auch der Centrai-Verein zum Eintritt aufgefordert. Im März 1929 tritt der Hauptvorstand zu einer Sitzung zusammen, die in einer zweitägigen Debatte eine Klarstellung der Fronten bringt. Die Majorität spricht sich gegen den offiziellen Beitritt des Centrai-Vereins aus. Aber die Gruppe der Agency-Freunde, mit der auch Julius Brodnitz und Ludwig Holländer stimmen, stellt bereits eine so starke Minderheit dar, dass ein vermittelnder Beschluss gefasst wird, der dem einzelnen die Mitarbeit an der Jewish Agency freigibt. Das Initiativkomitee zur Erweiterung der Jewish Agency für Deutschland umfasst, als es zur Wahl der Nichtzionisten-Delegation für den Council zusammentritt, bereits 15 Hauptvorstandsmitglieder des Centrai-Vereins. Ludwig Tietz war in diesen Monaten bei vielen Gelegenheiten hervorgetreten. Es ging ihm hier um eine Kernfrage jüdischer Arbeit. Der sonst so liebenswürdige Mensch konnte mit schneidender Schärfe sprechen, wenn er die Agency-Politik seines Kreises gegen die Angriffe und oft sehr unsachlichen Anfeindungen verteidigte, an denen es nicht mangelte. Es war selbstverständlich, dass Ludwig Tietz in die Delegation der Nichtzionisten für den Council gewählt' wurde. Die Liste ist auch heute noch interessant. Es ist sicher kein Zufall, dass sie sich weitgehend mit dem Kreise der Männer deckt, die mit Leo Baeck. Otto Hirsch, Ludwig Tietz und Max Warburg an der 'Spitze den Zentralausschuss für'Hilfe und Aufbau geschaffen haben und die Arbeiten der Reichsvertretung der Juden in Deutschland tragen. Die Gruppe der Agency-Freunde brauchte nicht umzulernen, sie brachte eine vertieftere Erkenntnis jüdischer Gemeinschaftsaufgaben für die neue Arbeit mit. Ludwig Tietz kam aus Luzern zurück und berichtete. Auch hier war er am stärksten von den Persönlichkeiten beeindruckt, vor allem von Marshall und Weizmann und von der sinnfälligen Vielfältigkeit der Typen, die sich hier als eine Art Spiegelbild des jüdischen Volkes bot. Wir können hier nicht eine Geschichte des Agency-Gedankens schreiben, nicht alle die Kämpfe um die Durchsetzung dieses Gedankens schildern, die die nächsten Jahre in Fülle brachten. Eine kleine Episode sei nur noch erwähnt, die mit dem Namen von Ludwig Tietz verbunden ist. Bei den Wahlen für die Repräsentanz der Berliner Jüdischen Gemeinde im Jahre 1930 trat Ludwig Tietz mit einer eigenen neuen Gruppe auf. die den Versuch machte, Nichtzionisten im Zeichen der jüdischen Schule und des Palästinaaufbaues zu sammeln. Der Versuch endete mit einem völligen Misserfolg. Zu fest erstarrt waren noch die Parteifronten und zu gross die Unlust, umzulernen, neue Wege zu gehen. Die umkämpften Forderungen aber, die das Programm dieser Gruppe ausgemacht hatte, sind im Laufe der Jahre Gemeinplätze im jüdischen Bezirk geworden, wenn sie auch manchmal noch vom Vortragspult oder vom Schreibtisch aus als Neuentdeckungen verkündet werden. Ludwig Tietz hat der Misserfolg nicht geschadet. Zu gross war der Respekt vor der Reinheit der Persönlichkeit und der Konsequenz seines Weges. 1932 wählte ihn der Centrai-Verein zu seinem stellvertretenden Vorsitzenden. Es war die formelle Anerkennung der von ihm geführten Agency-Arbeit durch den Centrai- Verein. Er ist bis zu seinem Tode in seinem Amt geblieben, ohne je von seiner Grundlinie abzuweichen. Dass das möglich war. ist ein Beweis für das menschliche Niveau dieses Kreises und die undogmatische Grosszügigkeit auf beiden Seiten. Grosszügigkeit einer Organisation, der die Qualität eines Menschen wichtiger war als die hundertprozentige Verpflichtung; Grosszügigkeit eines Mannes, der über die eigenen Ziele die Treue zu einem Kreise stellte, dem er sich menschlich und anschauungsmässig bis zuletzt verbunden fühlte. Wenn der Centrai-Verein das Andenken seines stellvertretenden Vorsitzenden nicht besser ehren zu können glaubte, als dass er sich, zusammen mit der Reicbsvertretung der Juden in Deutschland, an der Begründung der Lehrwerkstätte Jagur massgebend beteiligte, tat er recht daran. Er stellte sich damit hinter das Bekenntnis zum Aufbau Palästinas, das von Ludwig Tietz verfochten und nun von der Gesamtheit aufgenommen worden war. Er ehrte einen seiner besten Männer dort, wo dieser den wichtigsten Weg zu jüdischer Erneuerung gesehen hatte. Und er half mit, das Gedächtnis an den Namen Ludwig Tietz der jüdischen Jugend zu übergeben, die unsere Hoffnung ist, und der unsere Wünsche gelten. Die Eröffnungsfeier in Jagur Die Eröffnungsfeier am 2. Juni bot ein farbenfrohes Bild. Vom Dache der Werkstätten wehten die jüdische und die britische Fahne, daneben eine von dem Architekten des Hauses, Erich Mendelsohn, entworfene blauweisse Flagge, die das Blau und Weiss wirksamer anordnet, als es bei der traditionellen blau-weissen Fahne der Fall ist. Gegenüber und seitlich der Rednertribüne sassen die zahlreichen jungen und älteren Gäste — darunter Dr. Siegfried Moses, Berlin, und Hermann Struck —, die aus allen Teilen des Landes und aus den Siedlungen zusammengekommen waren. Ein von den Schülern der Werkstätten gesungenes Lied eröffnete die Feier. Sodann ergriff Arthur Ruppin, der Vorsitzende der Abteilung für die Ansiedlung der Juden aus Deutschland und des Kuratoriums der Ludwig-Tietz- Werkstätten das Wort, begrüsste die Gäste, insbesondere den englischen Distriktskommissar Keith-Roach und schilderte den Aufbau und Plan der Werkstätten, worüber in Nr. 22 der C.-V.-Zeitung vom 3. Juni ausführlich berichtet wurde. Er dankte den an der Gründung beteiligten jüdischen Organisationen aus Deutschland, der Reichsvertretimg und ihrem Zentralausschuss, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, dem Centrai-Verein, dem Hilfsverein, der Jüdischen Gemeinde Berlin, der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendalija und der Jüdischen Gemeinde Berlin, der Mithilfe am Werk. Er hob die besonderen Verdienste Dr. Max Kreutzbergers, dem Generalsekretär der Hitachduth Olej Germania, an dem Zustandekommen der Werkstätten hervor. Er schilderte schliesslich die nahen Beziehungen, die Ludwig Tietz zu den Fragen der Berufsausbildung und des Palästinaaufbaus hatte. Dr. Georg Landauer verlas Begrüssungsschreiben und Telegramme des High-Commissioner W a u c h o p e , der bedauerte, zur Feier nicht erscheinen zu können, und seinen baldigen Besuch in Aussicht stellte, der Reichsvertretung, von Frau Gertrud Tietz, der Mutter des verstorbenen Ludwig Tietz, von Miss Henrietta S z o 1 d, und zahlreicher Organisationen. In einer humorvollen Ansprache, in der er auf den Wert des Handwerks und der praktischen Tätigkeit im Gegensatz zum blossen Reden hinwies, brachte der Distriktskommissar Keith-Roach seine herzlichsten Glückwünsche dar. Namens der Reichsvertretung und der übrigen an der Gründung der Werkstätten beteiligten Organisationen aus Deutschland sprach Dr. Georg L u b i n s k i. Berlin. Er begründete, warum in Palästina ein Werk zur Erinnerung an Ludwig Tietz errichtet worden ist. Ludwig Tietz, der nicht der zionistischen Organisation angehört hat, dem es nicht vergönnt w"ar, den Boden Palästinas zu betreten, darf auch der Jugend in Jagur Vorbild sein. Dem jüdischen Jischuw aber dankte Dr. Lubinski, dass er dem Namen Ludwig Tietz' in Erez-Israel eine dauernde Stätte gegeben hat. Für die Siedlung Jagur, auf deren Boden die Ausbildungsstätte errichtet worden ist, sprach I d e 1 s o h n, besonders zu den Schülern der Werkstätten von dem Ideal der Arbeit, das die jüdische Arbeiterschaft in Palästina beseelt. Der Erbauer des Hauses, Dipl.-Ing. Mendelsohn, erläuterte den Bau und die seiner Ausführung zugrundeliegenden Gedanken Er forderte die Schüler zur pfleglichen Behandlung der Räume auf, damit sie in ihnen eine neue Heimat finden mögen. Ein Rundgang durch die Werkstätten und durch die Wohngebäude beschloss die kurze und eindrucksvolle Feier. Dr. G. II.