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Central-Verein-Zeitung · 1937-06-17 · 24 (17.6.1937) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
24 (17.6.1937)
Date
1937-06-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 * 2. Beiblatt CYIeitunq 17. Juni 1937 - Seite 5 Gestaltwandel im religiösen Judentum? Zwei Pressemeldungen, die in den letzten Tagen zu uns gelangten, haben uns an sehr äusserlichen, aber gleichsam symbolischen Tatbeständen etwas deutlich gemacht, was wir eigentlich schon längst wussten: dass in dieser Zeit des jüdischen Umbruchs und Aufbruchs auch die religiöse Bewegung in Fluss gerät, dass neue Fragen sich stellen, neue Antworten gesucht werden und dass die alten Fronten wanken. In Zürich wurde die Entfernung der Orgel aus einer liberalen Synagoge gefordert, und in Chicago warb der Präsident des Reformrabbiner-Verbandes mit eifernden Worten für „Rückkehr zur Tradition". Handelt es sich um ein zufälliges Zusammentreffen oder um die tief begründete Gleichheit der Bewegungsrichtung? Beide Beurteiler, der Vertreter der religiös-liberalen, sowohl wie der der gesetzestreuen Richtung, die wir unserer stets geübten religiösen Neutralität zufolge hier zu Worte kommen lassen, sind sich zunächst darin einig, dass die zwei Vorfälle in einer inneren Beziehung zueinander stehen. In ihnen komme ein Irrewerden an dem bisherigen Weg der religiösen Reform zum Ausdruck. Und während nun der liberale Wortführer dieses Irrewerden als eine Abkehr von bestimmten, aus der vergangenen Zeit geborenen und mit ihr dahingehenden Einzelfehlern deutet, den Grundgedanken der Reform aber als überzeitlich und gültig erweist, sieht der gesetzestreue Betrachter darin die Anzeichen einer endgültigen Umkehr. Uns sind in diesem Zusammenhang Einzelheiten, so anregend sie sich in doppelter Beleuchtung auch ausnehmen mögen, weniger wichtig als die Herausarbeitung der grundsätzlichen Gesichtspunkte, unter denen die religiöse Entwicklung unserer Tage gesehen werden kann. Darüber hinaus aber freuen wir uns, jeder jüdischen Lebensäusserung, in der — ob das gewählte äussere Symbol gut oder schlecht sei, ob klar erkannt oder missverstanden, — der Wille zu jüdischer Sammlung und Erhaltung zum Ausdruck kommt. E.R.-J. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin: Eine Pressemeldung besagt, in der Gemeinde Zürich habe eine Abstimmung stattgefunden, auf Grund deren die Orgel aus der Synagoge entfernt worden ist. Einer der Züricher "Rabbiner hat die Forderung nach dem Verschwinden der Orgel — wenn die Quelle recht berichtet — damit begründet, dass damit das Zeichen der Reform als einer endlich überwundenen Verfallserscheinung des vorigen Jahrhunderts beseitigt sei. Ausserdem wurde in der Presse darauf hingewiesen, dass der Präsident des grossen amerikanischen Reform- Eabbiner-Verbandes. der Rabbiner Felix Levy aus Chicago, bei seiner Eröffnungsansprache mit besonderer Wärme für die „Rückkehr zur Tradition" eingetreten sei. Die Rede Levys selbst liegt nicht vor, Beschlüsse vom Kongress liegen ebenfalls noch nicht vor (ausser einem, der sich stark für den Aufbau Palästinas einsetzt), und selbst die Ansprache des Präsidenten ist uns nur in einer kurzen ITA-Meldung erhalten. Trotzdem erregt die Meldung natürlich grosses Aufsehen und in der religiös-konservativen Presse Befriedigung und Genugtuung. Man kann es dem konservativen Judentum nicht übelnehmen, wenn es von seinem Standpunkt aus jedes leise Ausbiegen der Nadel nach rechts registriert. Ernster zu nehmen aber sind die Zweifel, die in den Kreisen auftauchen, die sich bisher selbst „liberal" genannt haben, das heisst in dem grossen Lager der sogenannten „guten Juden", die religiös indifferent waren und die nun von den Schauern der letzten Jahre durchrüttelt, einen Weg zum positiven Judentum suchen. Aber auch einige nachdenkliche Menschen hört man hier und da davon - sprechen, ,dass jene Reformepoche mit dem und durch das Jahr 1933 abgeschlossen sei. Für diese wenigen und für diejenigen überhaupt, die den -Wunsch haben, objektiv zu bleiben, muss das Folgende geschrieben werden. Die Orgel in der Synagoge ist geschichtlich zu einem Schiboleth des religiösen Liberalismus geworden. Noch vor 70 Jahren, bei der Frage, ob man in der Neuen Synagoge in Berlin die Orgel einführen sollte, gab' es einen neuen Sturm von Gutachten für und wider. Religionsgeschichtlich ist dieser Kampf ganz interessant. Heute wissen wir längst, dass das Vorhandensein einer Orgel in der Synagoge nicht mehr ein Zeichen für das ist, wa6 ein wirklicher Liberaler liberalen Gottesdienst nennt. Wir haben in Deutschland grosse Orgelsynagogen mit einem vollkommen konservativen Gebetbuch; wir haben andererseits kleine „Stübel", in denen nach wirklich religiös-liberalem Ritus gebetet wird. Nach dem Vorhandensein oder dem Fehlen der Orgel beurteilen zu wollen, ob ein Gottesdienst „reformiert" ist oder nicht ist völlig abwegig. Sehr bedenklich aber wäre es, wenn wirklich der Rabbiner von Zürich mit seiner Behauptung recht hätte, dass die Reform des Gottesdienstes als solche und die religiöse Reform überhaupt durch die heutige Zeit, insbesondere durch die Ereignisse von 1933 überholt worden seien. Hier muss mit aller Klarheit gesagt werden, dass, wer so spricht, die Idee der Reform des vorigen Jahrhunderts entweder nicht erkannt hat oder verfälscht. (Da ich beides dem von mir verehrten Züricher Rabbiner nicht zutraue, bezweifle ich die Echtheit des ihm zugeschriebenen Ausspruches.) Die Reform des 19. Jahrhunderts floss aus zwei ganz verschiedenen Quellen. Für sie verantwortlich war einmal ein echtes religiöses Sehnen und Streben, das Sehnen danach, Formen des religiösen Lebens auszuschalten oder umzugestalten, die mit den religiösen Erkenntnissen und Gefühlen nicht mehr in Einklang, ja oft sogar in schroffem Widerspruch standen. Innerlichstes Streben nach religiöser Wahrheit diktierte diesen, den unvergänglichsten Teil der „Reform", die sich übrigens keineswegs auf den Gottesdienst beschränkte, sondern in weit grösserem Masse auf die religiöse Erziehung überhaupt gerichtet war. Diese religiöse Erziehung wurde durch die neu erstehende Wissenschaft des Judentums beeinflusst und von Grund auf umgestellt. Es ging nicht an, an den Werken von Zunz, Geiger, Frankel usw. einfach vorbeizugehen. Es ging nicht an, bei der Darstellung der Bibel die geschichtlichen und wissenschaftlichen Forschungen jüdischer und christlicher Gelehrter einfach totzuschweigen. Und der aufmerksame und unbefangene Kenner der Reformgeschichte weiss, dass selbst das konservative Judentum in Deutschland von der anderen Reform gelernt hat. Nicht nur in der anfangs so viel geschmähten „Tracht" des Rabbiners, sondern auch in der für Millionen von Juden im Osten unvorstellbaren Tatsache, dass in einer Synagoge deutsch gepredigt wurde. Dieselben Konservativen, die die preussische Staatsregierung noch im Jahre 1824 zum Verbot der deutschen Predigt vermochten, übernahmen diese deutsche.Predigt später selbst. Wer die Schriften im Hamburger Tempelstreit und auch die sehr ernst zu nehmenden Vorarbeiten zur Begründung der Berliner Reformgemeinde unbefangen prüft, kann gar nicht leugnen, dass man aus einem starken religiösen Streben sich dagegen wandte, im Gottesdienst noch für die Wiederherstellung der Opfer zu beten, dass man ein Eherecht abänderte, welches die Frau rechtlos machte, eine Art der Beerdigung nicht mehr billigte, die den in seinem tiefsten Leid besonders empfindlichen Menschen religiös geradezu verletzte und dass man endlich in der Sprache beten wollte, die jeder verstand. Neben dieser religiösen Wurzel, aber sachlich und geschichtlich ganz getrennt von ihr, ist die bürgerlich-emanzipatorische Wurzel der Reform zu betrachten. Es ist nicht zu leugnen, dass auch die Emanzipation an der Wiege der Reform gestanden hat. Zu den starken religiösen Empfindungen gesellten sich die Bestrebungen, Juden und Judentum nicht nur bürgerlich (rechtlich und kulturell), sondern auch religiös der Umwelt anzugleichen. Wir wissen übrigens genau, dass gerade diese emanzipatorische Strömung auch in gesetzestreuen Kreisen mit beträchtlicher Stärke floss. Diese emanzipatorische Strömung war an sich zeitgebunden, eine Folgeerscheinung der französischen Revolution und der durch sie ausgelösten Emanzipationsbestrebungen. Sie hat zu Erscheinungen geführt, gegen die sich der religiöse Liberalismus schon im letzten Menschenalter immer stärker gewendet hatte, der religiöse Liberalismus übrigens nicht nur in rechtsliberalen Kreisen, sondern ebenso in den Kreisen der deutschen und englischen, jetzt auch der amerikanischen Reform. Wenn man z. B. aus den Gebeten jede Anspielung auf die Erwähltheit Israels strich, wenn man die Zionsgebete wegliess, so geschah dies in dem Bestreben, jeden Unterschied von der Umwelt möglichst zu leugnen und auszugleichen. Ein ganz besonders typisches Beispiel ist die Behandlung der hebräischen Gebetssprache auf den Rabbiner-Konferenzen der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Forderung nach der deutschen Gebetsspracheneben (oder statt) der hebräischen wurde von einer Reihe von Rabbinern ganz richtig religiös begründet mit der Tatsache, dass der Mensch in dem Moment tiefster Ergriffenheit in der Muttersprache sich zu Gott wenden will. Es muss aber leider gesagt werden, dass diese reinen Klänge in der Versammlung übertönt wurden von denen, die das Hebräische einer angeblichen staatlichen Notwendigkeit zum Opfer bringen wollten, und es ist zu verstehen, dass Zacharias Frankel diesen Schritt nicht mitmachen wollte. Auch die Frage des Sonntagsgottesdienstes statt (nicht neben) dem Sabbath-Gottesdienst ist stark von bürgerlichen Zweckmässigkeitsgründen beeinflusst worden. Sie sind es gewesen, gegen die sich Abraham Geiger, gewiss ein echter Reformer, mit seiner ganzen Energie gewendet, und die auch noch vor zehn Jahren Lily Montagu bekämpft hat. Die Folgerungen aus dieser Entwicklung sind klar. Je stärker das Hervorbrechen der religiösen Quellen wurde, je stärker insbesondere die Idee der religiösen Gemeinschaft wieder in den Vordergrund trat, desto mehr musste eine Bewegung eintreten, die rückläufig zu sein, schien, die aber, wie Max Dienemann im vorigen Jahr in seinem grossen Referat richtig darlegte, nichts weiter ist als das .Weiterfliessen des ewigen Stromes der religiösen Entwicklung, der so alt ist wie das Judentum überhaupt. , Auch der religiöse Liberalismus wollte das Gebiet des Gottesdienstes, des religiösen Brauchtums und der Erziehung ausschliesslich von religiösen Erwägungen beeinflusst wissen. Diesen Bereich des religiösen Lebens darf das Leben draussen nicht knechten. Die Religion sollte das Leben beeinflussen, nicht aber sollten Wirtschaft, Technik, Philosophie und — menschliche Bequemlichkeit die Religion knechten und verdünnen. Wissen um den Gottesdienst hat dahin geführt, dass auch der nicht nationale jüdische Beter von Zion sprechen konnte, ohne den Judenstaat zu meinen, dass auch der loyalste Staatsbürger den Segensspruch über die Tora, der von der Erwähltheit Israels spricht, sagen durfte, ohne zu fürchten — „oben anzustossen". Und es bedurfte wirklich nicht der Ereignisse der letzten Jahre, um uns klar zu machen, dass Israel sein eigenes Leben im Haus, Schule und Gotteshaus führen muss, wenn es sich erhalten will. Wenn nun heute die amerikanischen Reformrabbiner die Tradition stärker betonen, so ist das der Einfluss des gerade in ihrem tiiiiiiiiiiiiii(iiiiiiiiic:uiiiiiiiiiiiiiiisiiiiiiiifiiiiiiiiiiiimi2iiuiiiiiitiiiiin In der Fremde Von Willy Blumenthal Das Leben der fernen Strassen brandet an mir vorbei Und findet mich nicht. Und die Gluten Von allen Sonnen, die hier meine Seele umspinnen, Können mit Brennen mich heiss überfluten, Aber sie machen mein Herz nicht frei.- Die Berge, die mich umstehen, bleiben mir noch verschlossen Und richten mich nicht auf. Und die Fülle Der seltenen Blumen, die mich zu umkosen sinnen, Weckt mich nicht aus der einsamen Stille, Denn mein Denken ist ganz von Sehnsucht umflossen.- Dich suche ich, Gott, in den Formen der Sterne; In der Hülle der Nacht sei Du meine Nähe, Dass ich aus dem Dunkel der Ferne In Dir Ursprung und Heimat sehe! Ludwig Tietz in der Jewish Agency Von Friedrich Brodnitz In diesen Tagen erscheint, herausgegeben von der R<;ichsveriretung der Juden in Deutschland, aus Anlass der Eröffnung der „Ludwig- Tietz-Lehrstäüe", in Jagur (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 22 von 1937), eine Denkschrift mit Einleitungsworten von Leo Baeck und Otto Hirsch und mit Aufsätzen aus dem Freundeskreis Ludwig Tietz. Der folgende Vorabdruck des Beitrags von Friedrich Brodnitz, der Ludwig Tietz persönlich und sachlich in besonderer Freundschaft verbunden war, ist zugleich ein interessanter Ausschnitt aus der Entwicklungsgeschichte des Central-Vereins. Die Schriftleitung. Die Lehrwerkstätte in Jagur, die in diesen Tagen ihrer Bestimmung übergeben worden ist, trägt den Namen von Ludwig Tietz. In dieser Schrift, die seinem Andenken gewidmet ist, werden die Beziehungen der verschiedensten Art dargelegt, welche das Haus, das der Berufsausbildung jüdischer Jugend in Palästina dienen soll, mit Ludwig Tietz verbinden. Die Darstellung wäre nicht vollständig, wenn nicht eine Betrachtung ergänzend hinzuträte, die von einer besonderen Tatsache ausginge: hier wird, wohl zum erstenmal, eine Einrichtung des palästinensischen Aufbaus nach einem Nichtzionisten aus Deutschland benannt. Ludwig Tietz, bis zu seinem Tode stellvertretender. Vorsitzender des Centrai-Vereins und nun „Schutzpatron" einer Schule für jüdische Arbeiter in Palästina, sind das nicht unvereinbare Gegensätze? Sie scheinen es in der Tat auf den ersten Blick zu sein und mögen es für den bleiben, der ohne Kenntnis der Entwicklung nur die Klischees oberflächlicher Einteilungen benutzt. Ein kurzer Ueberblick über das Gesehehen wird interessant sein, wertvoll zur Würdigung der Persönlichkeit von Ludwig Tietz, der auch hier Bahnbrecher zu neuen Wegen war, wesentlich aber auch zur Würdigung des Kreises, für den er gerade in der Frage des Palästina-Bekenntnisses so oft sprach.; Das Problem der Stellung zum Palästina-Aufbau hat seit der Balfour-Deklaration die führenden Menschen des Central-Vereins schon lange beschäftigt. Die schroffe Ablehnung der ersten Nachkriegsjahre wurde zwar immer noch von einem Teil, insbesondere der Aelteren, geteilt. Immer stärker wurde aber die Gruppe derer, die nach einem Weg suchten, um bei prinzipieller Ablehnung des zionistischen Gedankens eine Möglichkeit zur Mitarbeit am Aufbauwerk in Palästina zu finden. Es begann damit, dass Anfang der 20er Jahre einige Persönlichkeiten des Hauptvorstandes des Central-Vereins in das Präsidium des Keren Hajessod eintraten. Die Reaktion war zunächst eine äusserst heftige. In zahlreichen Hauptvorstandssitzungen und auf der Hauptversammlung des Central-Vereins, platzten die Geister mit grösster Schärfe aufeinander. Es berührt heute fast etwas wehmütig, wenn man sich an manchen Gegner erinnert, der für sich oder die Seinen nun in Palästina eine Heimat gefunden hat. Wir sagen wehmütig, weil es falsch wäre, aus der vertieften Einsicht des Heute heraus zu sagen, dass es nur Starrheit oder Verbohrtheit war, die auf der Seite der Neinsager zu finden gewesen war. Es stand dort auch sehr viel ehrlich erkämpfte Ueberzeugung, Meinung von Männern, die nur den Lauf der Geschichte gegen sich gehabt haben. Ludwig Tietz. der sehr jung als Vertreter der studentischen Ortsgruppe 1921 in den Hauptvorstand gewählt werden war, trat in den ersten Jahren wenig in Palästinafragen hervor. Es ist wohl kein Zufall, dass es erst, dann aber um so intensiver, zu der gleichen Zeit geschah, als der von ihm begründete Reichsausschuss der Jüdischen Jugendverbände zu einer umfassenderen Gemeinschaftsarbeit vorstiess, etwa zu Beginn des Jahres 1927. Was dort verwirklicht wrurde, war ja eine Art Jewish Agency der Jüdischen Jugend, vor allem in der sozialen Sphäre. Anfang 1927 versuchte Julius Brodnitz als Vorsitzender des Central-Vereins in Unterhandlungen mit Oskar Wassermann, dem damaligen Präsidenten des Keren Hajessod in Deutschland, und der Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu einer Art Entpolitisierung des Palästina-Bekenntnisses zu kommen. „Wir fühlen uns alle als Palästinawanderer und ringen mit dem Palästinaproblem", hatte er in seinem Schlusswort auf einer Vortragsveranstaltung gesagt, die Juden verschiedener Richtungen vereinigt hatte. Die Zeit war seinem Vorhaben noch nicht günstig. In einer Reihe sehr temperamentvoller Briefe, die er damals an den Verfasser schrieb, beklagte er sich heftig über die starre" Hundertprozentigkeit auf beiden Seiten, die den Versuch scheitern liess. Unter den wenigen Männern, die den Versuch einer Befriedung im Zeichen des Palästina-Aufbaues unterstützten, wird immer wieder der Name Ludwig Tietz genannt. Immer deutlicher aber zeichnete sich im Hauptvorstand des Central-Vereins eine Gruppe ab, die diese Linie weiter zu verfolgen suchte. Der Kreis war nicht auf die Jüngeren begrenzt, eine ganze Reihe von Menschen der mittleren und älteren Jahre suchte gemeinsam einen Weg zur Betätigung ihrer Verbundenheit mit Palästina. Die Hauptversammlung des Central-Vereins im Jahre 1928 brachte wieder grosse Diskussionen. Den Anstoss gab eine allen Delegierten zugestellte Denkschrift, die den bescheidenen Titel ..Der Cenlral-Verein der Zukunft" führte. Ihre Autoren waren Ludwig Tietz, Kurt Cohn und der Schreiber dieser Zeilen, zu denen noch, auf dem Titelblatt nicht genannt, als stiller, aber sehr wertvoller Mitarbeiter Alfred Hirschberg hinzukam. Manche der Ansichten, die wir da in schöner Unbekümmertheit verfochten, haben sich im Sturm der Ereignisse späterer Jahre verflüchtigt. Zwei Dinge aber verdienen aus dieser Denkschrift hervorgehoben zu werden, die das Motto des von Ludwig Tietz geführten Kreises wurden: das Bekenntnis zur jüdischen Erziehung und zur Gemeinsamkeit der Verantwortung für den Aufbau Palästinas. So heisst es in der Denkschrift: ..Die religiös-sittliche Idee des Judentums aber' erwächst aus der Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, die durch gemeinsame Schicksale eine bestimmte Eigenfarbe erlangt hat, die sich auch gegenüber den grossen vorhandenen inneren Unterschieden in der Denkstruktur durchsetzt . . . Gerade, wenn wir von der Wertigkeit dieser Menschen überzeugt sind, müssen wir sie in ihrer Eigenfarbe erhalten, d. h. unsere Arbeit muss dem jüdischen Menschen in erster Linie gelten. . . . Und eine Bemerkung sei gestattet: Dieses selbstbewusste Judentum will nicht verwechselt werden mit dem Gemisch von falsch verstandener Pietät und unerfreulicher Sentimentalität, das heute den „jüdischen Inhalt" vieler deutscher Juden darstellt. Eine Begründung können wir uns wohl ersparen; Leben verdient nur, was wirklich lebendig ist. Nicht nebelhafte „Jüdischkeit", sondern klares, lebenspendendes Judentum. . . . Auf der anderen Seite lehnen wir das Judentum, das sein Dasein nur dem Trutz der Umwelt verdankt, als etwas unwürdiges ab. Trutzjudentum kann niemals ein vollwertes Element unseres Seins abgeben, es muss innerlich unfruchtbar bleiben. Und glaubt man'wirklich, dass unsere Umwelt nicht feinhörig genug ist, um nicht ein durch die Umstände erzwungenes Festhalten von den Tönen lebendigen Seins unterscheiden zu können?" Sätze, die wir auch heute nicht würden anders schreiben können. Und nun aus dem Kapitel über die Stellung zum Palästina-Aufbau: „Wir empfinden, unabhängig von unserer Stellungnahme (zur zionistischen Bewegung. D. Verf.) ein Gefühl der jüdischen Gesamtverantwortung für die zahlreichen jüdischen Menschen, die ihr Schicksal mit dem Palästinas verbunden haben. Und wir sehen es daher als eine Aufgabe an, aus dem heutigen unerfreulichen Zustand herauszufinden, Mittel und Wege zu suchen, um es auch uns Nicht-Nationaljuden zu ermöglichen, an einem unpolitischen Aufbauwerk für notleidende jüdische Brüder mitzuwirken. Wir bedauern es, dass die Zugespitztheit des politischen Kampfes uns von beiden Seiten Hindernisse in den Weg legt, wTenn wir dem Geburtsland unserer Religion unsere Verehrung erweisen wollen dadurch, dass wir in ihm jüdischen Menschen ohne Parteiambitionen das Dasein ermöglichen." Was hier vertreten w-urde, ist im Grunde nichts anderes als das Programm der Jewish Agency, wie es im Zusammenschluss von Zionisten und Nichtzionisten auf der Basis des Palästinamandats ein Jahr später verwirklicht wurde. Den Gründungsverhandlungen der Jewish Agency ging das Erscheinen des berühmten Berichtes der Untersuchungskommission voraus, der zu ungeheuer lebhaften Diskussionen in der jüdischen Welt führte. In einer Versammlung, in der zionistische Arbeiterführer, unter ihnen Berl Locker, mit stärkster Rhetorik jiddisch sprachen, sassen Ludwig Tietz und der Verfasser. Bei aller Abweichung der vorgetragenen Meinungen von der unsrigen, waren wir tief beeindruckt von der Wucht des Glaubens an ein Werk und seine Grösse. In dem langen Nachtgespräch, das wir dann, die Strassen auf-

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