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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-04 · 9 (4.3.1937) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
9 (4.3.1937)
Date
1937-03-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Georg Wittkowskis „Faust"-Ausgabe Das zweibändige „Faust"-Buch von Professor Dr. Georg Witkowski, dem jetzt im Ruhestände lebenden Literaturhistoriker der Leipziger Universität, ist soeben im Verlag von E. I. B r i 11 in L e i d e n (Holland) in neunter, sorgsam neubearbeiteter und vielfach ergänzter Auflage erschienen. Die Ausgabe der Dichtung mit ihrem vorzüglichen Kommentar hat seit langen Jahren viele Freunde gefunden; sie hält jetzt beim 51. bis 5 3. Tausend, das ist eine ansehnliche Zahl. Witkowski hat im allgemeinen die bisherige Einteilung belassen; der erste Band enthält neben den beiden Teilen der Tragödie und ihren Vorspielen den Ur¬ Faust, ferner das 1790 als erste Kostprobe für die Oeffentlichkeit gedruckte „Fragment", das 1800 niedergeschriebene erste Bruchstück der „Helena", sowie aus Goethes Nachlass nicht aufgenommene Einzelheiten, Entwürfe und Skizzen — der zweite Band bringt dann die eingehenden Erläuterungen und Erklärungen des Riesenwerkes, deren zuverlässige, für die Benutzung ausserordentlich bequem hergerichtete, auf sicherem wissenschaftlichen Fundament ruhende Zusammenfassung der gesamten „Faust"-Forschung von jeher den Wert der Ausgabe vor allem bestimmte. Es wird kaum eine Frage zu der viel verflochtenen, über zwei Menschenalter sich erstreckenden Geschichte der Dichtung geben, auf die hier nicht Antwort erteilt, kaum eine schwierige Stelle des Textes, die nicht erhellt wird. Das Ziel, den Lesern von allgemeiner Bildung nützlich zu sein, um ihnen die der ganzen Welt gehörende -Dichtung im ganzen und einzelnen zu erschliessen, ist wahrhaft erreicht. Vollkommen neu bearbeitet ist das Literaturverzeichnis, eine willkommene Hilfe und Anregung zu eingehender Beschäftigung mit dem Werk, wobei diesmal auch die Forschung des letzten Jahrzehnts, zumal der reiche Ertrag des Gedenkjahres 1932, verwertet wurde. Gänzlich erneuert und beträchtlich erweitert wurde die originelle, von keinem früheren ,5Faust"-Kommentar gelieferte Zutat des „BUderanhangs". Das ist eine Beigabe von hoher Bedeutung. Witkowski ging dabei von der Tatsache aus, dass an nicht wenigen „Fausf'-Stellen Einwirkungen bestimmter, dem Dichter nachweislich oder vermutlich bekannter Kunstwerke erkennbar sind — Einwirkungen, die den Ani regungen durch literarische Eindrücke gleich- 1 berechtigt zur Seite treten und sogar, wie der f Verfasser mit Recht betont, „noch überlegenen Wert gewinnen, da sie vermuten lassen, in welcher Formung manche Visionen vor dem Schaf- \ fenden aufstiegen". So kann man mit vollem [ Recht für den allerersten Beginn, das Vorspiel j im Himmel, wie für den Schluss des zweiten 1 Teils, für den Aufbau der überirdischen Sphäre l nach Fausts Tod, auf die Fresken des Camposanto in Pisa hinweisen. Goethe hat diese Wandgemälde zwar in Italien selbst nicht gesehen, doch kannte er sie, wie sich aus viel- Erinnerungen eines Jerusalemers Ephraim Cohn-Reis: Misichraunaus t isch jeruscholajim, angezeigt von Oberrabbiner Joseph Carlebach, l Hamburg | Die ewige Stadt Jerusalem hat in den letzten 1 hundert Jahren eine in der Weltgeschichte un- : vergleichliche Wiederauferstehung und Entwick-; lung durchlebt. Um 1830, zu Zeiten des Damas- ■ zener Ritualmordprozesses war Moses Montefiore . als erster jüdischer Europäer ins Heilige Land gekommen und hatte ' Zion aus vielhundertjährigem Dornröschenschlaf erweckt. Die ersten Anregungen zur Gesundung und Neugestaltung, zu weltlicher Betätigung, Schule i und Arbeit waren von ihm ausgegangen. In einer Kette von wechselvollen historischen Fügungen, im Zusammenwirken der Juden aller Länder und Zonen, ist dann Schritt um Schritt, : Haus um Haus und Institution um Institution Jerusalem gewachsen und ausgebaut worden, f bis es jetzt im Mittelpunkt aller jüdischen Interessen steht. Nun wird uns ein Memoirenwerk von einem!j Sobne Jerusalems geschenkt, das uns die l* Ruhmesgeschichte der Heiligen Stadt in ihren '■ r Hauptzügen, mit ihren wichtigsten Persönlich- 1 keiten und allen einschneidenden Ereignissen 2 lebensvoll vor Augen stellt. (Erschienen im ■? Verlag Buben Mas, Jerusalem.) Der Verfasser, in der Mitte der 70 stehend, hat an den Geschicken seiner Geburtsstadt an hervor- **$ ragender Stelle mitgewirkt, ist also vor allem *J berufen, ganze letzte Vergangenheit der -« Davidsstadt uns miterleben zu lassen. Beson- || ders glückliche Sterne walteten über seiner 1 Jugend, dass er die Thorawelt Jerusalems in s,!| sich aufnehmen, dann aber in Europa, in Lon- % ^0n> am Lehrerseminar zu Hannover, in Altona als Schule? Oberrabbinner Lobs, moderne fachen Stellen der Goetheschen Aufzeichnungen ergibt, sehr genau. Das Pisaner Fresko zur Hiobs-Legende, auf dem Satan vor dem Herrn und seinen Erzengeln erscheint, die Anordnung der Einsiedler in der Thebaischen Wüste braucht man nur mit einem Blick zu streifen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, dass diese grossartigen Darstellungen des 14. Jahrhunderts auf Goethes Phantasie befruchtend gewirkt haben. Wenn der Dichter für die Erscheinung des Erdgeistes bei der Aufführung im Berliner Schauspielhaus ein Transparent mit dem Haupte des Zeus von Otricoli mit flammendenm Haar und Bart vorschlug (sich später aber sehr geschmeichelt fühlte, als er erfuhr, dass sein eigenes kolossales Bildnis für einen Augenblick aus den wallenden Nebeln auftauchte), so ist es richtig, sich den majestätischen Kopf des Götterbildes im Vatikan beim „Fausf'-Studium in der Abbildung von Augen zu führen. Giorgiones Venus in Dresden, die Goethe bewundert hat, steht in Zusammenhang mit der Spiegelerscheinung in der Hexenküche, Mantegnas Triumphzug des Julius Cäsar berührt sich ebenso wie manche Abbildungen aus der Antike und allerlei römische Karnevalfigurinen, mit dem Maskenzug des zweiten Teils. Es ist von höchstem Interesse, die 52 Abbildungen, die Witkowski aneinanderreiht, mit den entsprechenden „Fausf'-Stellen und mit den Notizen des Kommentars zu vergleichen. Schliesslich hat der Herausgeber noch ein ungemein brauchbares „F a u s t" - W ö r t e r b u c h angefügt, das nicht nur die Personenbezeichnungen und geographischen Namen der Dichtung umfasst, sondern auch alle durch Form und Bedeutung vom heutigen Sprachgebrauch abweichenden Wörter, Wortformen und Satzkonstruktionen. Das wird dem Leser und Benutzer die oft schwierige Auffindung versteckter Einzelstellen, aber auch die richtige Deutung mancher Verse erleichtern. Doch man kann in diesem Buche nicht nur nachblättern, sondern im eigentlichsten Sinne lesen! Wie Witkowski in grossem Umriss Wesen und Ewigkeitsgeltung der Richtung umschreibt, wie er ihre Gestalten charakterisiert, ihre Bühnengeschichte kurz darlegt, das ist meisterlich. Wir freuen uns aufrichtig dieser Gabe eines Gelehrten jüdischen Stammes, der die Müsse seiner Spätjahre zu immer neuer Ausheilung einer so bewunderungswürdigen Leistung nutzte. Max Osborn. Kleine Prosa Katherine Mansfield ist vor dreizehn Jahren, dreiunddreissig Jahre alt, gestorben. Sie stammte aus Neu-Seeland; ihren Nachlass mitgerechnet, gibt's nur drei Bände kleiner Prosa von ihr, und doch ist sie eine der eigentümlichsten und feinsten Erscheinungen der neueren Literatur. In dieser „Bewusstseinskunst" — die nicht etwa ein« schulmässige Richtung, sondern ein gültiger literarischer Ausdruck Wissenschaft und Zielstrebigkeit, Sprachgewandtheit und kulturelle Arbeitslust sich aneignen konnte. Als Direktor der Lämelschule, der ersten vom Dichter L. A. Frankl gegründeten neuzeitlichen Lehranstalt, wird er dann Vertrauensmann des Hilfsvereins der Juden in Deutschland und so der Initiator für das grosse palästinensische Schulnetz des Hilfsvereins, der Kindergärten, der Knaben- und Mädchenschulen, vor allem des Lehrerseminars in Jerusalem, und zuletzt die rechte Hand Paul Nathans in den Vorarbeiten für das Technikum in Haifa. Cohn war ein echter Mann der Mitte, allem Stürmen und Drängen ebenso abhold wie jeder stagnierenden Tätigkeit. Für die allmähliche Ueberleitung der palästinensischen Welt in die neuen Lebensformen der Arbeit und der Selbstemanzipation war er der gegebene Mann. Geschickt wusste er alle Verhältnisse sich dienstbar zu machen und gute Kräfte für sein weitschichtiges Werk heranzuziehen. So hat er viel geleistet, so hat er fast alle grossen. Mäzene und Wissenschaftler der Judenheit für Jerusalem interessiert, vielen Jungen und Aelteren die Lebensbahn gewiesen und erleichtert. Aber die Entwicklung, besonders die zionistische, Jerusalems, liess sich, einmal rege geworden, nicht in das Bett einer gleichmässigenStetigkeit zwingen; die nationale Leidenschaft brach vulkanartig hervor und hat in dem berühmten Sprachenstreit, der hei der Gründung des Technikums alle Dämme durchstach, die Schulen revolutionierte und Lehrer und Schüler für die Ausschliesslichkeit des Hebräischen fanatisierte, alle Pläne Cohns und des Hilfsvereins über den Haufen geworfen und ihn selbst zu Fall gebracht. Eine Tragik liegt über diesem Lebensabschnitt des Verfassers und über dem selbstlosen Wollen eines Paul Nathan und James Simon, sowie des deutschen Konsuls Schmidt, die wirklich Freunde und Wohltäter Jerusalems waren. Die Hemmungslosigke:': des entfachten Kampfes ging über ihre vornehme Gesinnung und Wirksamkeit hinweg, so dass Cohn selbst .die Früchte seiner Leistungen sich entwunden unserer Zeit gemäss dem Stande unserer philosophischen, psychologischen, ja naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ist, wenngleich die deutschsprachige Literatur diesen Weg noch nicht eingeschlagen "hat — gilt Katherine Mansfield mit Recht als eine der frühen Grossen. Sie scheint sehr deutlich und sehr zart die Farben und Linien ihrer Novellen, in denen familiäre und erotische und kindliche Beziehungen sehr verhüllt und zugleich in überwacher Schärfe angedeutet werden, nur so hinzutupfen (doch in welch einer Unmittelbarkeit von Sprache, von Stil!), und schon haben wir, auch in der winzigsten Skizze zwei kleine „in sich, in eigenem Leben kreisende und blutende Seelenweiten, die sich begegnen oder wieder begegnen und nun ihren früheren Bestand auflösen, aber zugleich einen neuen ungeahnten und unerhörten Kosmos, eine intimste Verwandtschaft oder Fremdheit in vorüberhuschenden und doch als .eigentlich wirklich' erfahrenen Beziehungen erleben und auskosten". — Dass der Verlag Herbert Reichner, Wien, einen deutschen Auswahlband dieser Novellen („F ü r sechs Pence Erziehung") herausgibt, ist ihm gar nicht genug zu danken, denn alle diese short stories, obwohl das „Puppenhaus" und „The Stranger" darin fehlen, sind erschütternd und mit jedem Wort bezaubernd. Der Tscheche Karel Capek („A u s Hans v. Hamraerstein: Die gelbe Mauer. Bermann-Fischer Verlag Wien. Der vor kurzem aus der österreichischen Regierung ausgeschiedene Minister Hans v. Hammerstein-Equord hat einen mit edelsten Mitteln packenden Liebesroman geschrieben, dessen Hauptreiz in einer seltsamen und seltenen Mischung aus Reife und Leidenschaft besteht. Ein fast fünfzigjähriger österreichischer Aristokrat, nach dem Weltkrieg aus dem öffentlichen Leben geschieden, in selbstgewählter Einsamkeit der Gebirgslandschaft mit geistiger Arbeit beschäftigt, sehr kultiviert, sehr belesen, in inniger, sich täglich durch Briefe mitteilender Neigung einer ebenso reifen, fernen Freundin verbunden, die ihm ihr Leben opferte, wird plötzlich von wilder Sinnen- und Seelenliebe zu einem jungen, schönen und kräftigen Mädchen ergriffen. Er weiss, wenn er die Junge heiratet, wird es der Tod der älteren Geliebten sein; wenn er auf die junge Geliebte verzichtet, wird es seinen eigenen Tod bedeuten. Drei Menschen werden so zwischen Glück und Leid hin und her gerissen, bis alle drei zermürbt sind. Das Zermürbendste aber ist die gesellschaftliche Konvention, der Mangel an menschlicher Grösse; zum Symbol für diese Hemmnisse. der Aussenwelt wird die gelbe Mauer, die den Park um .das elterliche Schloss des Mädchens eingrenzt. Diese „Urkunde einer Leidenschaft", wie der Untertitel des Buches lautet, ist als Selbstbekenntnis geschrieben, dem nicht umsonst ein Motto aus Goethes „Dichtung und Wahrheit" vorangesetzt ist. Die Erzählkunst des alten Goethe hat auf diesen feinnervigen, abgeklärten, durchgebildeten Schreiber gewirkt, aber auch die guten Geister der österreichischen Literatur. An Schnitzler gemahnt die seelische Zergliedesah. Aber er hatte die Genugtuung, dass aus Anlass seines 70. Geburtstages Jerusalem ihn einlud und ihm den grossen Dank für die Echtheit seines Schaffens darbrachte. Cohn weiss geschickt zu erzählen. Eine schlichte, anmutige hebräische Diktion steht ihm zur Verfügung, im Plauderton leicht und flüssig reiht sich Szene an Szene, Bild an Bild, plastisch gemalt in seiner Darstellung. Die Lektüre wäre ein reiner Genuss, wenn nicht ein grosses Mass von Subjektivität, um es gelinde zu sagen, den Blättern seiner Lebenserinnerungen Abbruch tut. Es sind zwar Stücke aus seinem eigenen Leben, die Cohn gibt, aber das ominöse Wörtchen „Ich" kommt doch etwas zu viel vor. Schlimmer noch ist, dass die gefährliche Zunge von Jerusalem auch auf diesen Sohn abgefärbt hat. Keiner der vielen grossen und kleinen Menschen, die wir über die Bühne Jerusalems gehen sehen, die Gäste aus aller Welt, die Förderer und Vertreter der Institutionen von Erez und Galut, bleibt von einer verkleinernden Charakterisierung verschont. Von Reb Chajm Anser bis Achad Haam, von Montefiore bis James Simon, auf jeden fällt durch eine Anekdote oder irgendeinen Ausspruch ein Schlaglicht, das das Allzumenschliche unterstreicht, gegenüber dem allen überlegenen Verfasser. Im ganzen verdient jedenfalls das Werk Cohns, sein pädagogisches wie jetzt sein literarisches, weitgehend Anerkennung. Seine „Sichraunaus" gehören zu den besten Memoirenwerken der jüdischen Literatur. Uriel Birnbaum Vor mir liegt ein schmales broschiertes Heft: „Uriel Birnbaum. Dichter, Maler, Denker." Es •ist im Kommissionsverlag von Dr. Heinrich Glanz in Wien im Jahre 1936 erschienen. Sein Verfasser, Dr. Arthur Graf Polzer Hoditz, trägt einen der besten Namen der österreichischen Aristokratie. Nachdem ich den Inhal' des Heftchens gelesen habe, muss ich gestehen, dass ich mich schäme, weil ich so lange Zeit an der einer Tasche in die andere", Verlag Rolf Passer, Leipzig-Wien) ist hier sehr wohl bekannt, ein sehlichter, dabei blendender Erzähler, dem es vor allem auf den Stoff, ja oft aufs Kuriose ankommt, und so ist die kurze, manchmal fast kiplinghaft knappe short story sein eigenlichstes Gebiet. In diesem neuen Band sind 23" Geschichten, die meisten sind Kriminalromane en miniature und viele zum Brüllen vor Lachen. Sie strotzen förmlich von prachtvollen Einfällen und — gesundem Menschenverstand, sie sind ungemein sympathisch in ihrer Moral, die die „Augen des Gesetzes" als Menschen, oft als Prachtkerle erscheinen und deren Objekte doch nicht psychologisch zu kurz kommen lässt, kurzum, es ist Tschechowscher Humor dahinter. Und da wir ja auch noch immer das seltsame Amt haben, bei jedem Buch die Beziehung zu uns zu notieren, so ist hier zu melden, dass auch jüdische Namen und Typen bei Capek vorkommen, insbesondere ein Einbrecher namens Rozanowsky, alias Rosenberg, — aber wen bestiehlt der"? Einen jüdischen Wohltätigkeitsverein — und ein Kunstfreund Dr. Goldberger, ein grosser Chirurg, und der Intimus des genialen Schauspielers Benda. der ermordet wird; und was der Polizei nicht gelingt, nämlich den phantastischen Mordfall aufzudecken, das bekommt die hingebungsvolle Freundschaft dieses Dr. Goldberger fertig. L. H. rungskunst, das Hineinspielen absonderlicher und geheimnisvoller Menschen, an Stifter die resignierende Weisheit und vor allem das Ver- \vobensein aller Geschehnisse mit den Erscheinungen der Natur und Landschaft. In dieser Schilderung der immerwährenden Verbundenheit des Menschen mit dem Naturgeschehen liegt die schönste dichterische Bedeutung der Erzählung, kp. Lucian Schnell: Variationen in Moll. Leo Alterthum Verlag Berlin. Diese aufschlussreiche Geschichte ist offenbar das Erstlingswerk eines jüdischen Berliner Schriftstellers. Ihr Inhalt wiederum ist die Geschichte eines Erstlingswerks, eines Mädchendramas, das ein junger jüdischer Schriftsteller in Berlin schreibt. Also wahrscheinlich ein Selbstbekenntnis. Aber die Handlung, das Geschehen ist in dieser „Künstlernovelle" (so nennt der Autor selbst sein Buch) nicht sehr wichtig, sondern wichtig ist oder vielmehr wichtig nimmt Schnell das, was in den beiden Hauptgestalten vorgeht, in dem jungen Schriftsteller und in seiner Freundin. Was in den Seelen und Herzen der beiden jungen Leute geschieht, wird sozusagen lyrisch analysiert. Auch die Aussenwelt ist lyrisch gesehen, auch wenn die Strassen Berlins, das Romanische Cafe oder der Tiergarten geschildert werden. Dies lyrische Erlebnis der Innen- und Aussenwelt ist oft bilderreich und wohlklingend geformt, manchmal allerdings auch mit etwas herkömmlichen Vergleichen und bedeutungsschwerer Schwelgerei, hinter der zu wenig Sachliches zu finden ist. Die wirkliche, heutige Gegenwart spielt nicht in das Buch hinein, ebensowenig das Judesein der Hauptpergrossartigen Welt, die sich mir nun aufgetan hat, achtlos vorübergegangen bin. In der Tat: die geschaffene Welt Uriel Birnbaums ist von unerhörtem Reichtum und bezwingender Gestaltungskraft. Sie umfasst lyrische und epische Versdichtungen, Kurzdramen, Erzählungen, Abhandlungen über künstlerische und geschichtliche Fragen, Kinderbücher, Bilderzyklen, illustrierte Mappen und Gebrauchsgraphik. Es sind bisher zehn Bücher, von ihm erschienen, über fünfzehn liegen ungedruckt fertig vor, nicht zu reden von den vielen in Arbeit befindlichen Schriften und der Fülle des Bildwerks. Graf Polzer Hoditz teilt eine kluge Auswahl davon mit. Sie vermittelt den bannenden Eindruck phantastischer Symbolistik, die auf tiefen, mystischen Seelenabgründen aufruht. Grösse und Grauen des Kriegserlebnisses ist in Sonetten festgehalten, die auf dem Grund einer ernsten, tapferen Gläubigkeit gewachsen sind. Daneben stehen Liebesgedichte von reiner Einfachheit und lyrische Landschaften, welche zarteste Stimmungen abzuwägen verstehen. Das Schönste und Wahrste, was jemals, über Wien gesagt worden ist, ist in einem Gedicht festgehalten, das seiner, Birnbaums, Heimatstadt gewidmet ist. Seine Musikalität ist so bezaubernd, dass ich es in diesen Tagen immer und immer wieder gelesen habe. Von dem Inhalt der dramatischen Balladen Birnbaums kann ich nichts mitteilen, weil ich zu wenig davon kenne. Aber erwähnenswert ist es, dass von „Gedichten in einer neuen Form" ein umfangreicher, wrenn auch leider ungedruckter Band, vorliegt. Auch einem Mann wie Birnbaum gelingen nicht alle Dinge gleichmässig, aber in der Gesamtheit seines Werks hat er Weltgültiges zu sagen. Dabei ist er alles weniger als ein losgelöster Literat. Wer so mit dem Urgrund der Dinge verbunden ist wie dieser Mann, für den ist es keiner eingehenden Erwährung bedürftig, dass er das jüdische Schicksal mit besonderer Innigkeit umfasst. Es gibt von ihm eine Sammlung biblischer Spnnette, eine sprachkräftige und Geschichten und Geschichtliches

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