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Central-Verein-Zeitung · 1937-02-04 · 5 (4.2.1937) · page 13

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
5 (4.2.1937)
Date
1937-02-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 5 * 3. Beiblatt CYRihmj 4. Februar 1937 Wegweisung in das alte neue Judentum Zu Ignaz Maybaums Schrift: Neue Jugend und alter Glaube / Von Max Dienemann Der bereits rühmlich bekannte Rabbiner Ignaz Maybaum lässt seinem früher erschienenen Buche „Parteibefreites Judentum" jetzt iein zweites nachfolgen „Neue Jugend und alter Glaube" — mit dem Untertitel „Der Chaluz und der Baal — babajit in der Verantwortung vor der Lehre". Dieses neue Buch (Philo-V erlag, 127 S.) gehört innerlich zu dem früheren, ist in gewissem Sinne seine Fortsetzung, denn es ist sein Ziel, auf eine Erfassung des Judentums in seiner Ganzheit hinzulenken, im Gegensatz zu bisherigen parteigefärbten Zielsetzungen. Maybaum kommt geistig vom religiösen Liberalismus und vom Zionismus her, und indem er 'durchaus weiter zu ihnen steht, überwindet er sie beide. Aber dieses Ueberwinden ist nicht ein Verlassen, sondern vielmehr ein Erfüllen. Er wirft dem Liberalismus der abgelaufenen Zeit vor, dass er zu sehr reine Glaubenshaltung gewesen sei, ohne Beziehung zum jüdischen Schicksal, ohne sich selbst in die Geschichte hineinzustellen. Und er wirft dem Zionismus vor, dass er ganz und gar neues Judentum sein will im Sinne einer politischen Zielsetzung und sich nicht in bewusster Verbindung mit dem Judentum als Lehre und religiöser Forderung hält. Es kann ganz dahingestellt bleiben, ob der Verfasser hier immer richtig sieht, ob ihm nicht z. B. in seinem Urteil über den gewesenen Liberalismus mancher Irrtum unterläuft, es wird weiter noch die Rede davon sein, aber seine Zielsetzung ist richtig. Es ist in der Tat ein anderer Liberalismus als der, der im neunzehnten Jahrhundert der landläufige war, um den er ringt, vielleicht nicht ein anderer, wenn man an die wesentlichen Führer der vorigen Epoche denkt, aber bestimmt ein anderer, wenn man an die Massen denkt und ihre oberflächliche Auffassung, und Maybaum steht hier in der vordersten Front derer, die das Schwergewicht ■rdes religiösen Liberalismus auf die positive rArbeit und die Tat legen und so die Sache des Liberalismus bewusst vertreten. Und es ist erfreulich, dass ein Mann, der heut bereits zu den Führenden zählt, bei aller Kritik nicht in den Chor derer einstimmt, die die Epoche des religiösen Liberalismus als abgetan [erklären, sondern erst jetzt als wirklich fruchtbar erfüllbar erachten und sich zu ihm bekennen. Und es ist wie eine nachträgliche Rechtfertigung so mancher früheren Kämpfe gegen den politischen Zionismus, wenn jetzt ein aus dem Lager «les Zionismus Hervorgegangener, zu ihm sich Bekennender die Ausstellung macht, gegen die man früher Sturm lief, weil man in ihr Versündigung am Judentum, wie es der damalige Zionismus auffasste, sah. Nun aber genügt die Erkenntnis nicht, dass beide Haltungen miteinander vereinbar sind, es genügt auch nicht die Kritik Maybaums am Liberalismus, dass er bislang wenig für Palästina geleistet hat, es ist in der Tat heute eine besondere Aufgabe, die vor dem Liberalismus steht, an dem religiösen Aufbau des Landes mitzuwirken; und wenn man am Zionismus oder am jüdischen Nationalismus die Entfernung vom Glaubensinhalt und seinen Werten rügt, so muss man — diese Lehre musste man längst ziehen, und man zieht sie aus dem Buch noch mit besonderem Nachdruck — mit der eigenen Haltung positiv um den religiösen Aufbau sich sorgen. Das Buch, das im ganzen reizvoll in seiner Sprache und in der Art, wie Schlüsse gezogen werden ist, reizvoll auch da, wo man den aphoristischen Aussprüchen, so blendend sie sein mögen, widersprechen möchte, hat seine Höhepunkte. Da ist die ausgezeichnete Partie, die sich mit den Bünden befasst, in der der Verfasser ausführt, selbstverständlich bei aller warmen Anerkennung für alles, was sie leisten, dass sie deshalb nie volles Judentum geben können, weil dieses sich ganz nur in der Familie und der Familienordnung entfaltet. Das Ideal des jüdischen Lebens ist nicht die Gemeinschaft, in der die Familie aufgeht, sondern die Familie mit ihrem Oberhaupt, dem baal-habajit. Das ist eine bewusst bürgerliche Haltung, und erfrischend die Deutlichkeit, mit der sie hier ergriffen wird. Wie hier gezeigt wird, dass der Bund, weil er immer ein Bund Gleichaltriger zu sein sieh bemüht, aus der vollen und naturgemässen Ordnung herausfällt, dass die religiöse Haltung ihre Lücken hat, das ist in hohem Masse interessant mitzulesen. Ein Höhepunkt ist die Darstellung der Rolle, die das Judentum in Deutschland innerhalb des Judentums der Welt gespielt hat, und wie der hier ausgebildete religiöse Liberalismus, soweit er echt war, die angemessene Ausdrucksform war, die dem Judentum in Deutschland seine führende Stellung unter den Juden der Welt erwarb. Aus der Eigenart dieses Judentums in Deutschland entwickelt er die Aufgabe des Lehrhauses als der Form, in der der geistige Gehalt des Judentums allerwärts sagbaT gemacht werden kann, und er weist dem Lehrhaus die Aufgabe zu, die sämtlichen inneren Vorgänge seit Moses Mendelssohn auf ihre jüdische Bedeutung durchzuprüfen, nichts davon verlorengehen zu lassen, sie alle in die Gegenwartsstellung des Judentums hineinzuziehen. Er meint, dass man heut, entfernt von den Kämpfen von einst, den einzelnen Standpunkten besser gerecht w7erden kann, ihre Irrtümer erkennen und ihr Berechtigtes anerkennen und unterstreichen kann. Höhepunkt ist ferner die Entwicklung der Forderung, dass bei der heutigen Wanderung in die Welt die Gemeinde mit ihren Erinnerungen und ihren Lehrinhalten mitgenommen werden .muss, die Darstellung, dass diese Wanderung sinnvoll auch vom Religiösen her ist, wenn die Auswandernden eine_ religiöse Haltung mitnehmen und zu verwirklichen suchen. Dass so erfasst nicht nur die Wanderung nach Palästina legitim und sinnvoll ist und dass die nach Palästina auch nur sinnvoll ist, wenn sie dort jüdisches Glaubens- und Lehrgut festhalten und entwickeln will, und ihre Gefahr hat, wenn man dort nur ein politisches Gemeinwesen begründet und ein politisches Ziel verwirklicht wird. Als besonders geglückt empfinde ich auch das über den Gottesdienst Gesagte, dass er in der Ordnung der teilnehmenden Menschen im kleinen ein Spiegel der Ordnung der Gemeinschaft im grossen sein soll und die Aufbauidee der Gemeinschaft verwirklichen muss. Man kann von alledem nur Andeutungen geben, denn das ist ein Buch, von dem nach der Art seiner Anlage und der Srilführung weniger als von irgendeinem eine Inhaltsangabe möglieh ist; man muss es schon selbst lesen, die einzelnen Aeusserungen durchdenken und nachdenken, sich an ihm freuen — und gelegentlich sich auch ärgern. , Das Sichärgern ist wohl etwas übertrieben, ein Widerspruch sachlicher Art kann und soll immer entstehen, wo es um die Erörterung ernster Fragen und um Auseinandersetzung über sie geht. Aergern darf man sich aber doch, wenn man den Verfasser bei Redewendungen und Schlagworten verbleiben sieht, die missverständiich sind und dazu noch Verwirrung schaffen. Er hat die Marotte, Vorgänge in den innerjüdischen Geisteskämpfen cer vergangenen Epoche durch blendende Parallelen aus der christlichen Religionsgeschichte — scheinbar — aufzuhellen; das kann nur Verwirrung stiften. Dazu gehört seine Methode, die Beschränkung des Judentums auf Gebet und Kultus, wie sie im neunzehnten Jahrhundert 6ich vollzog, als Protestantisierung zu betrachten. Das aber war sie nicht, und das muss auch der anerkennen, der diese Beschränkung als falsch, als Verengung des Jüdischen verwirft. Jene Beschränkung war eine bestimmte Form der .Emanzipationshaltung, sie war eine Reaktion auf den Missbrauch der autonomen Gerichtsbarkeit der Gemeinden und Rabbiner, als solche erklärlich, und war durchaus keine Parallele zur Glaubenshaltung 'des Protestantismus. .Falsch ist es.auch, die Reformgemeinde als judenchristliche Gruppe zu bezeichnen. Auch das •muss selbst der anerkennen, der nicht mit ihr übereinstimmt. Da sie den W i 11 e n zum Judentum hatte, und nur auf den Willen kommt es an, ■da. sie an dem jüdischen Gesamtschicksal teilnehmen wollte, steht sie in keiner Parallele zum Judenchristentum, dessen Wesen und Wille war, 6ich aus dem jüdischen Gesamtschicksal zu lösen. Abwegig, und es wäre Zeit, mit diesen zwar blendenden, aber haltlosen Parallelen aufzuhören, .ist des Verfassers Parallele zwischen dem religiös-liberalen Judentum in Deutschland und paulinischem Christentum einerseits und dem religiös-liberalen Judentum Amerikas und petrinischem Christentum andererseits. Der Verfasser würde arg in Verlegenheit kommen, wenn er das genau ausführen sollte; in keinem Vergleichsteil trifft der Vergleich zu; damit richtet man nur Verwirrung an und gibt zu Missverständnissen Anlass. Es ziemt dem Weisen, „vorsichtig zu sein mit seinen Worten". Solche Vorsicht sollte man auch mit bestimmten Voraussagen walten lassen. Zu erklären, dass der Weg des amerikanischen, englischen und französischen Judentums da, wo es von der Gedankenwelt des Judentums Deutschlands und von der Grundlage des Ostjudentums nicht mehr getragen ist, rettungslos aus dem Judentum herausführt, das geht über das Recht, das dem einzelnen zusteht, hinaus. Schliesslich hat dieses Westjudentum gerade in heutiger Zeit aus sich heraus eine Kraft der Selbstbehauptung und des Hilfswillens gezeigt, auf die man nicht mit solcher Voraussage antworten kann. U n s kann vieles an der Jüdischkeit dieses Teils der Judenheit und ihrem Ausdruck missfallen; zu sagen, dass ihr Weg au3 •'^K „Moses mit der Schlange" Steinguifigur von Jaif Nielsen. Aus der König' liehen PoTzellanfabrik Kopenhagen dem .Judentum hinausführt, hiesse 'dieselben' Fehler begehen, die einst die Wortführer der Orthodoxie dem religiös-liberalen Judentum in Deutschland gegenüber begingen. Maybaum nimmt eine Formulierung Franz Rosenzweigs auf, dass der Christ in ewigem Ringen auf dem W e g ist, der Jude in einem Sein. Es wäre zu fragen, ob diese Gegenüberstellung zutreffend, in allen Teilen zutreffend ist. Gewiss ist der Jude durch sein Hineingestelltsein in die Kette der Geschlechter, durch das Hineingerissensein in die Offenbarung und Sendung in einem Sein. Aber zugleich ist er auch im ewigen Weg. Er muss, um wirklich Jude zu sein, auch erst Die Predigt — heute Wie wir in dem Bericht über die Tagung des Südwestdeutschen Rabbiner-Verbandes in Nr. 2 . der C.-V.-Zeiiung vom 14. Januar mitteilten, hat Rabbiner Dr. M. M. Rosenberg (Worms) auf dieser Tagung in einem Vortrag über praktische Fragen des rabbinischen Amtes besonders über die Aufgaben der Predigt in dieser Zeit, gesprochen. Nachstehend veröffentlichen wir eine ausführliche Wiedergabe dieses Referats von Dr. M. M. Rosenberg selbst. Der letzte Sabbat des vergangenen Jahres und der erste des neuen haben dank der Gunst des bürgerlichen Kalenders allerorts so ungeheure Scharen von Juden in den Synagogen gesehen, wie früher nur die hohen Festtage. Man kam, um zu beten, aber oft auch nur, um der Predigt willen, der Hinwendung der eigenen Gedanken in ein anderes Reich. Dieser Anlass führt zu der Betrachtung, was das Wesen der Predigt von heute ist, welches ihre Zwecke und welches ihre Mittel sind. Der Rabbiner auf der Kanzel hat heute eine noch verantwortlichere Aufgabe als je zuvor, da auf ihm die Verantwortung für die religiöse Haltung all der Hunderte — oder in den Riesensynagogen sogar t Tausende — liegt, die gerade durch sein : Wort das religiöse Erlebnis, sei es Erschüt- 1 terung oder Belehrung, erfahren wollen. i Will der Rabbiner auf diese Menschen \ fruchtbar einwirken, so muss er sich auch \ über die seelische Haltung derer, die ins 1 Gotteshaus strömen, kritisch klare Einsicht \ verschaffen, so wie der Stratege den Schau- | platz seiner Kämpfe zu überblicken hat. I Der Massenbesuch der Syn 4 agogen darf uns nicht darüber hinweg;j täuschen, dass die grosse Mehrzahl unsere i 4 Brüder längst noch nicht zum Judentun q| als der religiösen Lehre zurückgefunden k hat. Sie kommen, um Hilfe zu suchen, I kennen oft noch nicht einmal den Gedanken einer inneren Erlösung aus dem Glauben. Man flieht in die Synagoge, in die legitime jüdische Versammlung, wo der Glanz der Vergangenheit beheimatet ist, und wo viele Erinnerungen an bessere Tage sich assoziieren. - "Wollte in dieser Synagoge der Rabbiner keine Predigt halten, sondern im traditionellen Sinne belehren und nach der Ueberlieferung das Schriftwort ausdeuten, während er selbst auf dem sicheren Fundar ment des Glaubens steht, so würde er über die Köpfe seiner Gemeinde hinwegreden. Ein solcher Rabbiner, eine im Glauben und Handeln in sich geschlossene Persönlichkeit, würde Bewunderung und Ehrfurcht bei vielen hervorrufen, aber nicht die Gemeinde — die Gemeinde, wie sie heute" und hier ist — erschliessen. Drei psychologische Momente sind zu beachten. Die Aufgabe, vor der heute der Rabbiner steht, verlangt eine besondere Einstellung zu der seelischen Situation seiner Gemeinde. Als erstes ist ihm aufgegeben, die Menschen, die da zu seinen Füssen versammelt sind, aus der quälenden Spannung ihres Alltags zu erlösen. Die Mittel mögen verschieden sein, doch verlangt das Misstrauen, das die erschöpften Menschen dem „Prediger" entgegenbringen, den Beweis, dass er um ihre Not wirklich weiss und sie nicht nur ablenken will. Es ist geradezu als Therapie zu bezeichnen, dass das verständnisvolle Aussprechen der Tagesnöte die Seele des Hörenden erleichtert, wie andererseits auch die Freude an der Darstellung seiner selbst den Menschen fesselt und eTschliesst. Aber es sind nicht immer nur materielle Sorgen, sondern es ist auch die religiöse Not, der "Unglaube, die Unfähigkeit zu glauben, die den Menschen niederpresst; und auch in dieser Sphäre hat der Rabbiner i n seiner Gemeinde und nicht über seiner Gemeinde zu stehen, er hat den religiösen Kampf mit der Gemeinde mitzuringen, um ihr überhaupt erst den Mut zu diesem Ringen zu geben. Die letzte seelische Lösung aus dem Alltag kann aber der Gottes dienst-dem Menschen bringen, wenn er so gestaltet ist, dass der einzelne nicht nur. stummfeierlich einem vielstimmigen Chor zuhört, sondern selbst den Mund öffnet, mitsingen und beten kann. Das zweite psychologische Moment ist das Geheimnis eines jeden Werkes, aus sich heraus in die Welt zu wirken: Das T h e m a der Predigt muss in seiner Gestaltung den Hörer fesseln, die Logik seiner Gedanken muss zwingend sein oder die Bildhaftigkeit der Worte müssen ihren Eigenwert haben, um der aus dem qualvollen Alltag'losgelösten Seele einen neuen Inhalt zu geben. Was die Predigt aber von jeder anderen Rede unterscheidet, ist nicht der Raum, in dem sie gehalten wird, sondern der Geist, in dem sie wirken will. Das religiöse Thema wird den Anspruch des Absoluten auf jeden Menschen oder den Schutz Gottes für seine Geschöpfe darstellen. Das religiöse Wort wird immer wieder von neuem aus der Seele des Menschen quellen, aber doch bleibt der legitime Ausdruck aller jüdischen Religiosität an der Bibel und dem ihr nachfolgenden Schrifttum haften. Und hier erhebt sich das schwierige Problem für den sieh seiner Verantwortung gegenüber der Vergangenheit bewussten Rabbiner; inwieweit darf er dieser jüdischen Gemeinde von heute, die ins Judentum zurückdrängt, sich selbst mit seinem eigenen religiösen Erleben geben, oder inwieweit ist er an das überlieferte Wort gebunden? Das höchste Ideal ist, wenn völlige Uebereinstimmung der in der Schrift niedergelegten religiösen Erlebnisse mit denen des Predigers herrscht und ihm das Problem dieser Zwiespältigkeit gar nicht auftaucht. Aber so wie die menschliche Seele sich im Laufe der Jahrtausende gewandelt hat, so hat sich auch ihr Zugang zu Gott verändert.. Wohl, hat jede Epoche ihre eigene Auffassung und eigene Darstellung der Religion und der Tradition erlebt. Aber wir stehen heute an einem Wendepunkt, in dem auch ein Umbruch der Ueberlieferung alles Göttlichen, Religiösen, Jüdischen stattfindet. Da heisst es für den Rabbiner auf der Kanzel, ernsthaft mit diesem seinen Schicksal sich auseinanderzusetzen, quillt doch die Kraft seines Amtes aus der Autorität der Lehre, der alle Generationen vor uns schon gedient haben. Das dritte psychologische Moment ist die taktvolle Aufgabe des Rabbiners, die aus seiner Darstellung gezogenen Schlussfolgerungen einer religiösen Weltordnung in das praktische Leben der Gemeinde einzubauen. Denn das ist der einzige Trost, der dem Menschen heute zuteil werden kann, dass er die Kleinheit seines Einzelschicksals hinter dem Sinn der gewaltigen Weltentwicklung zurücktreten sieht und sich als Baustein für die Errichtung einer höheren Welt erlebt, und das ist seine Erbauung. Zwei Arten d e r D a r s t e 11 un g sind denkbar. Das Mittel der Predigt ist das abstrakte Wort, dem zu folgen der Gemeinde aufgegeben ist. Jede Abstraktion setzt ein begriffliches Denken voraus, dessen Grenze jeweils von der Ausbildung des menschlichen Intellekts abhängt. Nun haben wir heute bei dem Zurückfluten der Juden in die Synagoge eine Mischung von Menschen vor uns, die alle von dem gleichen Judenschicksal gepackt, deren geistige Fähigkeiten aber grundverschieden sind. Der jüdische Proletarier wie der Herr Kommerzienrat, die beide nur am Rande des Judentums lebten, sitzen vereint mit dem jüdischen Mittelstand und dem aus der seelischen Unsicherheit Einkehr haltenden Intellektuellen auf den gleichen Bänken. Als die deutsche Predigt ihren Einzug in den jüdischen Gottesdienst hielt, war sie an die höher Gebildeten gerichtet, denen sie aus gewissen vorausgesetzten Normen die Lehren des liberalen Judentums deduzierte, während ihr selbst als Beweisstücke

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