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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-31 · 44 (31.10.1924) · p. Seite 664

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
44 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
Seite 664 (sequence 4)
Language
German
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664 Nationalismus, Internationalismus und Religion. Dücherbesprechun g von Ludwig Holländer. Schon im Jahre 1831 schrieb in der „Edinburgh Review" der berühmte englische Geschichtsschreiber Macaulay einen Aufsatz, in dem er folgendes ausführte: „Die englischen Juden, so sagt inan uns, sind k e in e Engländer. Sie sind ein besonderes Volk, das räumli d) auf dieser Insel \v o h n t, aber moralisch imb politisch mit seinen über die ganze Welt zerstreuten Brüdern in Gemeinschaft lebt. Ein englischer Jude sieht einen holländischen oder port u g i e s i s d) c n I u den als feinen L a n d s in a u n an, und einen englischen Christen als Fremden. Dieser Mangel an patriotischem Gefühl, sagt man, macht einen Inden zur Ausübung Politischer Funktionen ungeeignet. Diese Beweisführung hat etwas für sich; dod) eine genaue Prüfung zeigt, daß sie g ä n z! ich unhaltbar ist. Selbst wenn die angeführten Tatsachen zugegeben werden, so sind doch die Juden nicht das einzige Volk, das die Sekte dem V a t c x 1 a n b c vorgezogen hat. Das Gefühl des Patriotismus entspringt in einem g e - fitnben Staate aus natürlicher und u n v etmeibli ch e r Vereinig u n g in den Gemütern der Bürger, die wissen, dag sie alle ihre Behaglichkeit und ihre Freuden dem Lande verdanken, das sie zu einer Gemeinschaft verbindet. Aber unter parteiischer Druckherrschast können diese Vereinigungen nicht die Kraft erlangen, wie unter besseren Verhältnissen. Die Menschen find genötigt, bei ihrer Partei den Schutz zu suchen, den sie von ihrem Lande erwarten sollten- Die Hugenotten Frankreichs riefen die Hilfe Englands an gegen ihre k a t h v l i s ch e n Könige. Die Katholiken Frankreichs riesen die Hilfe Spaniens an gegen einen H u g e n o t t e n t ö n i g. Würde es billig sein, zu schließen, daß gegenwärtig die französischen Protestanten ihre Religion mit Hilfe einer preußischen oder englischen Armee zur Herrschaft bringen wollten? Sicherlich nicht. Und wie kommt es, daß sie nicht wie früher die Interessen ihres Landes den Interessen ihrer religiösen Aeberzeuguug opfern wollen? Ter Grund ist augenfällig: damals wurden sie verfolgt, setzt nicht. Tie englischen Puritaner unter Karl I. bewogen die Schotten, in England einzufallen. Wünschen die protestantischen .Dissenters unserer Zeit die Kirche durch den Einfall fremder Calvinisten unterdrückt zu sehen? Wenn nicht, warum nicht? Sicherlich deshalb nicht, weil die protestantischen Dissenters jetzt weit besser behandelt werden als frühe r. Einige der berühmtesten Staatsmänner, die England je hervorbrachte, waren geneigt, vor der Tyrannei Lands (Erzbischof von Eanterbury unter Karl. I.) in Nordamerika Zuflucht zu suchen. Etwa weil Presbyterianer und Independenten nicht imstande sind, ihr Vaterland zu hüten? Doch cs ist müßig, die Beispiele zu häufen. Nichts ist für jemanden,^der etwas von Geschichte oder menschlicher Natur weiß, f o w i dv x wärtig, w i e wenn die Machthaber irgendeine Sekte der Hinneigung zum Anslande b rs ch u l d i g e n. Wenn es irgendeine allgemein gültige Wahrheit in dev Politik gibt, so ist es diese, daß Anhänglichkeit a ns Ausl a n d di e F r it ch i heimisch e r M i ß w i r t s ch a s t i st. Es ist ein K n i f s v o n Fröm nr. lern, immer ihre IhVkrtanen dahei m e l e n d z u mache n und sich dann darüber zu beklagen, daß sie sich i m U u § - lande n a ch Hilf e il u: s e h e n : ei n e S p a k t it n g in die Gesellschaft zu bringen und sich dann zu Wundern, daß sie nicht einig ist; sie regieren, als ob ein Teil das Ganze wäre, und tadeln andere Teile, weil sie es an patriotischem Geiste fehlen lassen. Wenn die Inden sich England gegenüber nicht als Kinder gefühlt haben, so geschah es, weil England sie wie eine Stiefmutter behandelte. Kein Gefühl entwickelt sich sicherer im menschlichen Gemüte unter erträglich guter Re g i e r u n g als das Gefühl der Vaterk a n d s l i e b e. Seit Weltenbeginn gab es n i e m a l s eine Nation oder eine Gruppe irgendeiner Nation, die. o h n e g r a u - s a m u n i e t b x ü cf t 3 u sein, gänzlich jenes Gefühles bar gewesen wäre. Deshalb also eine Menschenklasse anzuklagen, sie sei nicht patriotisch, ist das gemeinste Kunststück der ^ophistik. Es ist die Logik des Wolfes gegen das Lamm. Das hieße die Mündung des Stromes für die Vergiftung der Quelle verantwortlich machen^). In diesen Worten des berühmten Staatsmannes ist ein Umriß für das gegeben, was man in der heutigen Sprache Widerlegung der Behaupt u n g ii b e r das V o r h a n d e n s e i n einer jüdischen Internationale nennen könnte. Es ist geschichtliche Tatsache, daß g e d r ü ek t e M i n d e r h e i t e n von ihren B e d r ü d e x n fast regelmäßig des Landesve r r a t s geziehen worden sin ly Denn die Behauptung der sogenannten Internationale in dem L-irme, in dem sie gebraucht wird, bedeutet nichts anderes als den Vorwurf des Landesverrats. Man spricht nicht gern von Landesverrat, weil man weiß, daß das Verlanget? nach Beweisen für unklare und versteckte Behauptnugen seitens der Allgemeinheit meistens gering ist. Behauptet mau aber, jemand ist ein Landesverräter, so wird, weil hier ein bündiger und schlüssiger Nachweis leichter gefordert werben wird, die Sache für die Behauptenden viel schwieriger. In der Sache selbst aber ist der Unterschied zwischen dem Inhalte der beiden Begriffe nicht gegeben. In dem schon wiederholt erwähnten, vor wenigen Wochen erschienenen Werke von Dr. Bruno' Weil „Die jüdische Internationale^) ist in eigener Abhandlung einmal eingehend die Bedeutung des Wortes „Internationale" in seinem w a h r e n und g e s ä l s ch k c n Sinne dargetegt worden. Wer unseren geseLschaft- *) Sind die Z irden gleichberechngi? Eine Annvo-rt von Thomas Babing ton Mscaulay. Neberfetzt von Professor I. Friedländer. (PhiLo-Berla-, Berlin 1922.) 2) Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin SW 48, den Phrlo-Verlag, Berlin SW W» Zn beziehen dmt lichen Verhältnissen nachgeht, Uürd immer finden, welche Vieldeutigkeit in den Begriffen liegt, die gang und gäbe sind und von Mund zu Mund wechseln. Wenn in einer Unterhaltung dre Begriffe Kapitalismus. Sozialismus, Kommunismus, .Kultur, Nasse, Zivilisation gebraucht werden, so versuche man einmal festzustellen, welche Tatbestandsmerkmale den einzelnen dieser Begriffe zugrunde liegen, und was die diese Begriffe im Munde Führenden darunter verstehen. Man wird über die II n i l a rheiL erschreckt sein, und man wird sich sagen, was fnun aus Erörterungen herauskommen, die aus völlig ungeklärten Voraussetzungen beruhen. So der Begriff der j ü bischen I n Lernatio n a l e. Es ist das Verdienst" der Weilschen Schrift, daß sie in einem Hauptkapitel sich über das Positive Sein der jüdischen Deutschen ausspricht und neben Religion, Sprache, Kultur 'und Abstammung die F r a g e der Einbettung des jüdischen E l e m e n L e s in Deutschland ausführlich behandelt. Mau kann sich naturgemäß über den Vorwurf der Baterlaudsfeindschaft nur äußern, wenn man sich nicht das Zerrbild des von politischer F e i n b j d) a f t gezeichneten I n den vor Augen hält, sondern sich über das Wesen des deutsche n I n d e n klar zu werden versucht. Wenn in einer ausführlichen Darstellung der völkischen Lehre Weil besonders auf y b e l s Ausführungen hinweist, welche dartun, daß bei den D e u t f d) e n it rsPrünglich I e in e & P u r eines nationalen Bewußtseins vorhanden gewesen ist, und daß deshalb die sogenannten wissenschaftlichen Voraussetzungen der Völkischen von vornherein brüchig sind, so hatte er auch noch darauf Hinweisen können, daß der Inhalt des Begriffes „Patriotismus" im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte sich außerordentlich geändert hat. Mit starker Einbildungskraft sind Behauptungen wie: „deutsch sein" heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun, ausgestellt worden,'die zwar sehr schön und herrlich klingen, aber vom Standpunkt g e s ch i ch t l i ch e r Betrachtungen in das Gebiet der R eben s arten, der Unbeweisbarkeiten, verlegt werden müssen. Mit solchen, in jedem Volke nachweisbaren Lobsprüchen dient man niemandem, am wenigsten der Wahrheit. Eine Haßatmosphäre wird durch diese Herabsetzung des Nachbarn erzeugt. ~ So bietet Weil in seinem Werke eine Fundgrube von Stoff nnö Gedanken nicht nur für die Frage der „Jüdischen Internationale", sondern auch für die Frage V 0 l k e r l e b e n und Völkerha ß. Tenn die Erscheinungen der in den verschiedensten Zeiten austretendeu Haßpolitik sind völlig gleichartig. Ein geistvoll und ungemein inhaltsreich erklärender Deuter der Bölkerentwicklung iftEhne Zweifel Oswald Spengler. Auch er hat sich mit dem Jndenproblem befaßt und hat eine Erklärung des angeblichen jüdischen Problems bekanntlich durch eine besondere K atalogisierung der I u d e n gegeben, die zweifellos geistvoll und bedeutsam, aber geschichtlich ebenso falsch ist wie die Behauptung eines Vorhandenseins einer jüdischen Internationale. Speziell mit Spengler setzt sich der bekannte Wiener Gelehrte und Rabbiner Dr. M-ax Grunwald^) in einer Schrift: „Das Judentmn bei Oswald Spengler" auseinander und beweist die Richtigkeit des Satzes über das Wesen des Judentums: „Das Judentum ist und blcibt eine einzigartige Erscheinung, eine inkommensurable Größe, ein Kulturgebilde si<i generis, cin historisches H aparlegomenon", d. h. in einfaches Deutsch übertragen: Das Judentum ist einzigartig und laßt sich mit den übrigen Religionen und Nationen in sein e n Aufgaben, in seiner inneren Z u s a m m e n s. e tz u n g , und daher au ch in der Möglichkeit seiner B 4 u r t e i l u n g nicht in eine Linie setzen. Es muß deshalb für sich genommen und betrachtet werden. Die wissenschaftlich gebildet e n Judengegner haben sich zum größten Teil, wenn auch glücklicherweise nicht alle, zur Begründung ihrer Auffassung auf die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion" berufen. Wie in dem Weilschen Werke von Grund aus dem Vorwurf der Internationale begegnet ist, so hat in einer umfangreichen Abhandlung der bekannte Schriftsteller und Forscher B. Segels die „Protokolle der Weifen von Zion" kritisch beleuchtet, d. h. er hat'an Hand dieser sogenannten Protokolle einmal bewiesen, wie Legendenbild u n g c n zustandek 0 m m e n , welche seelischen U m stände sie erzeugen und ihnen helfen, welche Plumpheiten derartigen Fälschungen Zugrunde liegen, und welche geistigen Mächte es doch sind, die sie nr politische Höhe bringen. Russische und französische Psychologie lernen wir kennen, und wen?, jemand einmal ein Lehrbuch der V 0 l k s v e r f ü h r u n g schreiben wird, so wird er ein so ungeheures Material in dem Segekschen Werke finden, wie es vordem auch nicht annähernd geschaffen wurde. Es ist gar nicht von den Parallelen gesprochen, in denen genau dargestellt ist. was für ein großer Teil der Protokolle aus anderen Büchern einfach abgeschrieben worden ist. Noch viel bedeutsamer sind die Gedankengänge der europäischen politischen Hintertreppenliteratur, die sich überall wiederholen. Die Frage Nationalismus, Internationalismus und Religion hat in den letzten Tagen Friedrich Nieberg all in höchst bedeutsamer Weise im Oktoberheft der Zeitschrift „Deutsches Volkst u m", Monatsschrift für das deutsche Geistesleben, Herausgeber Wilhelm Stapel, behandelt. Niebergall behandelt dte Frage; „Wie hat sich Israel zu den anderen Völkern gestellt?", und hat Vernichtendes gegen die Behauptung eines Fritsch uni) seiner s) Philo-Berlag 1924, Berlin SW 68. *) Milo-Verlag 1924, Berlin SW 68.

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