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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 145

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
Ein Geschlecht von Erziehern
Date
1936-01-01
Page
Seite 145 (sequence 5)
Language
German
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Max Freudenthal. Ein Geschlecht von Erziehern Auch darin unterschied sich sein Lehrhaus von der alten Talmudschule, daß er nicht bloß den Talmud, sondern gleichwertig die Bibel zum Unterricht heranzog. Seine Lehrmethode bestand in einer sehr gründlichen Durchnahme des Stoffes, der erst verlassen wurde, wenn er durch häufige Wiederholung im Verständnis der Schüler festsaß, und auf den er im Fortgang des Unterrichts immer wieder zurückgriff. So zeigte er sich auch ohne Kenntnis pädagogischer Theorien als ein von Natur begabter und verständiger Lehrer, und als solcher begriff er sehr wohl die von allen Seiten anströmende Bewegung nach allgemeiner Bildung innerhalb der jüdischen Jugend. Weit davon entfernt, darin eine Ketzerei zu erblicken, hatte er nichts dagegen einzuwenden, daß seine Schüler, zu denen seine eigenen Kinder, die seiner nächsten Anverwandten und „Studenten" von auswärts gehörten, in freien Stunden durch Selbstunterricht, ja sogar unter Anleitung. christlicher Lehrer sich die Kenntnis der deutschen Sprache und der allgemeinen Bildungsgegenstände zu verschaffen suchten, obgleich er selbst deutsche Bücher getreu den talmudischen Vorschriften nur „in ganz müßigen Stunden und auf geheimen Orten" las. Im übrigen konnte er sich in seiner versöhnlichen Haltung auf seinen Lehrer R. Hirschel Levin beziehen, der die Nichtbekanntschaft der deutschen Juden mit der Sprache des Landes als einen Unstern bezeichnet hatte, und dessen Sohn Saul solche Unkenntnis gerade bei jüdischen Lehrern noch viel schärfer als der Vater verurteilte8). Als R. Meinster erst einmal dazu gebracht worden war, Moses Mendelssohns Bibel-Übersetzung und Kommentar anzusehen, wandelte er sich sogar aus einem Gegner der neuen Richtung in einen verständnisvollen Freund dieser Literatur und verfolgte die Arbeiten der Mendelssohnianer mit lebhafter und zustimmender Teilnahme. Es war darum begreiflich, daß er, wie überall, auch in diesen Kreisen sich besonderer Wertschätzung erfreute, und so überrascht es nicht, daß ihm bei der Einrichtung des Westfälischen Konsistoriums in Kassel von Jacobson die Stelle eines Geistlichen Rates angeboten wurde. Die Annahme dieses Amtes, für das ein ansehnliches Gehalt festgesetzt war, hätte ihn aus der Dürftigkeit der heimatlichen Verhältnisse befreit. Allein er lehnte ab, wie er schon früher seiner Gemeinde zuliebe die Übernahme einer Stellung im Hause des angesehenen Hofagenten Herz in Braunschweig zurückgewiesen hatte. In das Konsistorium einzutreten wagte er auch aus religiöser Überzeugung nicht. Er sah voraus, daß es ohne religiöse Reformen nicht abgehen würde, und billigte weder einer solchen Versammlung noch viel weniger sich selbst das Recht zu, religionsgesetzliche Änderungen vorzunehmen. Der in Form halachischer Deduktionen gehaltene Absagebrief an Jacobson ist in Braunschweig selbst abgefaßt und ein beweiskräftiges Zeugnis der reinen Gesinnung und des festen Charakters seines Verfassers; er findet sich in dem Denkmal der Liebe und Verehrung, das der Sohn Jeremias in seiner Zeitschrift, dem Allgemeinen Archiv, dem am 19. Elul (= 2. September) 1825 heimgegangenen Vater setzte und dem er dessen Bildnis mit den feinen, milden und durchgeistigten Zügen beifügte. In würdiger Weise gedachte auch bei Einweihung der neuen, noch bestehenden Synagoge zu Sandersleben am 17. Dezember 1830 der damalige Volkslehrer J. Beerensson des langjährigen Führers der Gemeinde9): „Insbesondere laßt uns jetzt 8) Zunz, Gottesdienstl. Vorträge, 2. Aufl., 1892, S. 466. 9) C. 15, No. 108. — An der Einweihung der Synagoge nahmen zwei Söhne von R. Meinster teil, Salomon und Lipmann. Über Salomon s. weiter Anm. 59. Lipmann, geb. 1781, gest. 11. 2. 1853, war seit 14. 3. 1821 mit Esther, Tochter des Loeb Hildesheimer, einer Schwester von R. Israel Hildesheimer, verheiratet und lebte in Halberstadt. Er stiftete für die S. Synagoge die noch erhaltenen Kultgegenstände, Kidduschbecher und Gewürzbüchse, mit einer Widmung für seinen Vater. 145

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