Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Ein Geschlecht von Erziehern
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Freudenthal. Ein Geschlecht von Erziehern Mendelssohns Heimat Dessau war bekanntlich um jene Zeit die Stätte allgemeiner Schulreformen. Fürst Leopold Friedrich Franz besaß volles Verständnis für die Notwendigkeit einer besseren Volksbildung und öffnete Herz und Hand den Erziehungsideen der Philanthrop isten, half ihnen in seiner Hauptstadt durch Basedow das Philanthropin begründen und wandte sich nach dessen Auflösung erst recht der Hebung und Neugestaltung des Unterrichtswesens in seinem Lande zu. So ist es auch begreiflich, daß gerade im Anhaltischen überallhin Funken dieses neuen Geistes sprühten und manches Herz entzündeten und manchen Geist in Flammen setzten. In die jüdischen Gemeinden des Landes drang gar ein doppelter Strom des neuen Geistes, von Berlin und von Dessau her2). Auf guten Nährboden traf er in der kleinen Gemeinde Sandersleben, die sich sonst in nichts vom Typus der jüdischen Gemeinden jener Zeit unterschied. Das religiöse Leben bewegte sich ganz in den überlieferten Formen, Unstimmigkeiten herrschten unter der geringen Mitgliederschar ebenso unerfreulich wie in den großen Kehilloth, die Erschwernisse des Erwerbs und der Lebenshaltung waren sogar noch größer als anderswo; denn das Amt Sandersleben bildete eine Enklave im preußischen Land, war in Kriegszeiten ein natürliches Durchzugsgebiet für in- und ausländische Truppen und in friedlicheren Zeiten wiederum durch Zollauflagen von preußischer Seite in Handel und Verkehr aufs äußerste beschränkt. Die jüdische Gemeinde kam in ihrem Bestand selten über 25 Familien hinaus, von denen kaum die Hälfte das vorgeschriebene jährliche Schutzgeld erlegen konnte; die Anhaltischen Fürsten gewährten zwar meistens den Nachlaßdesselben, erschwerten aber andererseits die Niederlassung in üblicher Weise dadurch, daß sie allein dem ältesten Sohn Heirat und Selbständigmachung gestatteten, fremden Juden nur bei nachgewiesenem Vermögen den Zuzug erlaubten und die später auf 20 Familien festgesetzte Normalzahl möglichst nicht überschreiten ließen. Es ist erklärlich, daß diese Enge ständig den Gedanken der Auswanderung wach hielt, und es hängt sicherlich damit zusammen, daß stärker als anderswo hier in manchem Hause der Sinn für Ausbildung der Jugend und die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Umgestaltung der Erziehung und des Unterrichtswesens vorhanden war. Ein solches Haus war das des Nah um, in der Umgangssprache Nochern, zu deutsch Joachim genannt. Sein Vater Salomon, Sohn des Jakob, aus dem Levitengeschlecht, und seine Mutter hatten mit zu den ersten gehört, die Ende des 17. Jahrhunderts sich in Sandersleben als Schutzjuden ansässig machen durften3). Nahum und seine Frau Chaichen (Chaja) waren „biedere, fromme Eltern". Sie konnten sich zwar für ihre Sprößlinge keinen „Hausmeister" leisten gleich begüterten Familien, wußten ihnen aber das Streben nach eigener Fortbildung ins Herz zu pflanzen und vererbten offenbar erzieherische Talente auf sie 2) Über die Beziehungen der Philanthropisten zu den Juden s. meine Abhandlung „R. Wolf Dessau" (in: Festschrift für Martin Philippson, Leipzig 1916, S. 199 ff.). 3) Als erste Schutzjuden in Sandersleben werden 1697 Israel Hirsch und Hirsch Nathan genannt (C 15 No. 28). Letzterer war bereits seit 1693 dort ansässig und ist ein Schwiegersohn des Assur Marx in Halle. Auf dessen Fürsprache erhält er 1705 mit seinem Bruder Josef die Erlaubnis zur Niederlassung in Schleusingen, wo seit 1704 der Schwager des Assur Marx, Samuel Bochheimer, Hofjude des Herzogs Moritz Wilhelm, wohnhaft ist (Akta Haupt-Staatsarch. Dresden loc. 8652). Beide sind Leipziger Meßbucher; s. meine „Leipziger Meßgäste", Frankfurt a. M., 1928, unter Sandersleben und Schleusingen. Salomon Jakob bezieht gleichfalls schon seit 1699 von Sandersleben aus die Leipziger Messe (s. das.).. Er starb um 1733, seine Witwe wird noch 1735 erwähnt. Nahum war sein einziger Sohn. Eine Tochter war an Nathan Hirsch aus Halberstadt in Sandersleben verheiratet und zeichnete sich durch ihre Wohltätigkeit besonders aus („sie 142