Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Ein Geschlecht von Erziehern
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Geschlecht von Erziehern*) Von Max Freudenthal Der Mann, dessen Andenken anläßlich seines 100. Geburtstages wieder besonders lebendig geworden ist, DavidFriedländer, hat — wenn auch nicht immer glücklich in der Durchführung der Gedankenwelt seines Meisters Moses Mendelssohn — wenigstens auf einem Gebiete unbestrittenen und dauernden Erfolg erzielt, nämlich in der Umgestaltung der jüdischen Jugendbildung. Hier erwies er sich tatsächlich als echter Schüler des Weisen, von dem er selbst berichtet: „Vorzüglicher Gegenstand der Unterredung waren Erziehungs- und Bildungsanstalten; Verbesserung des Unterrichts und Empfehlung der deutschen Muttersprache waren Mendelssohns Lieblingsthemata"1). Dieses Streben nach besserer Bildung- und besonders nach Aneignung der deutschen Sprache und allgemeiner, vor allem für den Handelsverkehr benötigter Kenntnisse war zwar schon längst in den Gemeinden vorhanden und erhielt durch das Auftreten Mendelssohns und seiner Schüler nur besonders starke Antriebe. Aber die Errichtung einer eigenen Schule zu solchem Behufe, wie sie von David. Friedländer gemeinsam mit seinem Schwager Isaak Daniel Itzig und Hartwig Wessely 1778 in der jüdischen Freischule zu Berlin geschaffen wurde, bedeutet doch einen Wendepunkt in der Geschichte des jüdischen Schulwesens. Zunächst freilich mußte sich die Gründung solcher Schulen naturgemäß sowohl aus Mangel an Mitteln wie an Lehrern auf die größeren Gemeinden beschränken, und es blieb anderswo nichts übrig, als, wie es Mendelssohn selber einst getan hatte, auf dem schweren Wege des Autodidaktentums sich jene Kenntnisse zu erwerben, sie mit Hilfe gütiger und verständnisvoller christlicher Gönner in Ordnung und System zu bringen und auf diese Weise zu einer etwas höheren Stufe der Allgemeinbildung aufzusteigen. Aus dem Kreise solcher Autodidakten entstammte denn auch zumeist das Lehrpersonal der neuen Schulen, die durch die Anhänger Mendelssohns an verschiedenen Orten begründet wurden. Der stärkste Widerstand, der ihren Bestrebungen gegenüber zu überwinden war, ging von einer Anzahl Talmudlehrer aus, die in der bisherigen Beschränkung auf eine rein jüdische Bildung die Kraftquelle des religiösen Lebens sahen und — sicherlich nicht immer ohne Grund — in dem Eindringen nichtjüdischer Bildung eine Gefahr für die religiöse Durchflutung des jüdischen Seins erblickten. Der gegenteilige Beweis in der Gestalt Moses Mendelssohns selber erschien ihnen nicht ausreichend; viele von ihnen verstanden gar nicht seine Persönlichkeit. *) Die Abhandlung beruht, soweit nicht besonders und im einzelnen vermerkt, auf folgenden Quellen: a) Akten des Anhaltischen Staatsarchivs zu Zerbst, Abteilung C 15 (nur mit der Signatur zitiert); b) Akten des Geheimen Preußischen Staatsarchivs, Berlin-Dahlem, Rep. 77 XXX Stadt Berlin Nr. 60 vol. 1. 2., nach Abschriften von Moritz Stern gütigst überlassen (nur mit Geh. Staatsarch. zitiert); c) Zeitschriften: Jedidja, hgg. von Jeremias Heinemann, Berlin 1817 ff.; Allgemeines Archiv des Judentums (Jedidja, Neue Folge), vom gleichen Herausgeber, Berlin 1841 ff.; Sulamith, hgg. von David Frankel, Dessau 1806 ff.; d) Mitteilungen von Familienangehörigen, besonders von Sigrid Josephsion, Göteborg, einer Urenkelin von R. Chajjim Meinster Heinemann, und R i - «chard Li epmannssohn, Hamburg, dem Urenkel eines Bruders des Genannten. *) Jedidja, II, Teil 1, S. 147. 141