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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 120

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte
Date
1935-01-01
Page
Seite 120 (sequence 6)
Language
German
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Max Dienemann. Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte urteilen und in welcher Engnis sie lebten, unter welchen Bedingungen man ihnen zu leben verstatten mochte. Die meisten auf die wirtschaftliche Betätigung der Juden Bezug nehmenden Bestimmungen entsprangen dem Willen der Zünfte, die Juden aus dem Bereich der mit ihrer Arbeit zusammenhängenden Gebrauchsgegenstände fernzuhalten. Die Interessen der Zünfte und der Regierenden, sei es Magistrat oder Bischof, Fürst oder Kaiser, waren nicht die gleichen. Die einen wollten die Betätigung der Juden einengen und fragten nicht nach ihrem Recht auf Lebensraum, die anderen wollten eine wirtschaftlich gedeihende Judenschaft, damit sie aus ihr und ihren Einkünften den größtmöglichen Steuernutzen zögen. Die nichtjüdischen Gewalten waren sich also über die Ordnung der jüdischen Betätigung nicht einig, selbstverständlich kam es nun infolge der vielfach sich kreuzenden Verordnungen zu beständigen Auseinandersetzungen. Eine Darstellung der Wormser Gemeindegeschichte berichtet2) aus den im Archiv vorhandenen Ratsakten über derlei Beschwerden: „So beklagte sich im Jahre 1705 die Gerberzunft, daß Juden mit Leder handelten, was ihnen nicht gestattet sei, worauf die Vorsteher der Juden in einer am 1. Okt. 1705 im Rat verlesenen Gegenschrift behaupteten, daß die Juden auch vor dem Stadtbrande von 1689 in Worms Lederhandel getrieben hätten, den kaiserliche Privilegien ihnen gestatteten. Da beschwerte sich 1717 die Schuhmacherzunft, daß die Juden mit neuen Schuhen öffentlich handelten, die Schneider wollten nicht, daß Juden neue Kleider verkauften, es seien denn solche, die von Wormser Meistern verfertigt wurden. Die Bäcker beklagten sich über den Mehlhandel eines Juden, wodurch ein Eingriff in ihr altes Recht erfolge. Die Knopfmacher wollten, daß den Juden der Handel mit goldenen, silbernen, zinnernen und hörnernen Knöpfen untersagt werde; die Küfer wollten den Faßhandel der Juden nicht dulden, die auch viel Landwein zum Schaden des Wormser Gewächses in die Stadt einführten. Am 1. Juli 1757 beschwerten sich die Krämer beim Rate, die Juden verkauften ,Thee, Zucker und Coffee*, was ihnen verboten werden müsse. Auch sollten sie nur in ihrer Gasse verkaufen dürfen, und außerhalb keinen öffentlichen Laden haben dürfen, es sei denn zu Meßzeiten.“ Diese Kämpfe sind nicht eine Besonderheit von Worms, sie sind typisch. Man könnte, ohne sich von der Wahrheit zu entfernen, jede beliebige Stadt einsetzen. Was hier, dank der sorgsamen Verwahrung der Akten, zu uns spricht, ist Bericht darüber, in welcher Form die aus der Wirtschaftsordnung der Zeit sich ergebende Kämpfe sich abspielten und mit welchen Gründen und Zielsetzungen sie geführt wurden. Der verdiente Lehrer und Sekretär der jüdischen Gemeinde, S. Rothschild, hat in einem Sonderheft die „Abgaben und die Schuldenlast der Wormser jüdischen Gemeinde“ beschrieben; es belehrt über die sinnverwirrende Fülle der Abgaben und Lasten, denen die Juden jahrhundertelang unterworfen waren. Die Schrift läßt die Lasten der ältesten Zeit beiseite und setzt erst mit 1594 ein. Mit Erschrecken liest man, welche Bürde auf die Juden gelegt war, nur weil sie Juden waren, außerhalb der Lasten, die alle zu tragen hatten. Keine Gelegenheit der allgemeinen Politik der Stadt und des Landes ging vorüber, ohne daß die Juden eine besondere Steuer zu leisten gehabt hätten, jedes Ereignis ihres persönlichen, familiären und beruflichen Lebens war Steuer- und abgabepflichtig. Und an die verschiedensten Stellen waren diese Abgaben zu entrichten, an den Kaiser, an den Bischof, an die Stadt, an die fürstliche Familie Dalberg, zu der die Juden von altersher in einem besondem Schutzverhältnis standen. & entsteht die Frage, wie sie diese Lasten tragen konnten. Sie konnten sie in Wahrheit nicht tragen. Von 2) „Zur Geschichte der Wormser Gemeinde. Gedenkschrift zur Eröffnung des neuen Friedhofes.“ Worms 1911. H. Kräuterische Buchhandlung, S. 22/23. 120

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