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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 119

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte
Date
1935-01-01
Page
Seite 119 (sequence 5)
Language
German
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Max Dienemann. Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte Von besonderer Wichtigkeit für die jüdische Allgemeingeschichte sind die Vorgänge aus der Franzosenzeit. Im Verlauf seiner Reunionsfeldzüge hatte Ludwig XIV. durch seine Truppen die Pfalz besetzen und verheeren lassen. 1688 besetzten die Franzosen Worms. Sofort erhoben sich Stimmen, die die Juden des Einverständnisses mit den Franzosen beschuldigten, ihnen vorwarfen, daß sie sich zuungunsten der übrigen Bürgerschaft Vorteile bei den Franzosen erwirkten, sich den allgemeinen Lasten und Kontributionen zu entziehen suchten. - Es ist schicksalhaft, wie hier im Augenblick eines gemeinsamen Leides sofort gegen die Juden der Vorwurf des Landesverrates erhoben wird, der wie in allen solchen Fällen nicht gerade gegen die Wormser Juden gerichtet war, sondern die allgemeine Stimmung gegenüber den Juden und das Urteil über ihre Stellung zu vaterländischen Forderungen widerspiegelte. Wie unrecht man mit dem Urteil und den Vorwürfen hatte, ging und geht sofort daraus hervor, daß die Franzosen, mit denen angeblich die Juden im Einverständnis gestanden hätten, zuerst den Juden schwere Kontributionen auferlegten und dann beim Abbrennen der Stadt auch die ganze Judengasse verbrannten, so daß sich die Juden in alle Winde zerstreuen mußten. Es ist ein Stück Gesamtgeschichte, die hier am Beispiel von Worms sichtbar wurde, daß bei kriegerischen Verwicklungen .die Juden immer doppelt zu leiden hatten, daß sie die allgemeinen Leiden der Bevölkerung mittrugen, naturgemäß mittrugen und zugleich bei ihr unter dem Vorwurf des Verrates standen. Jene Zeit, da die Existenz einer Gemeinde in Worms vorübergehend unterbrochen war, ist nach einer andern Richtung hin lehrreich für die Kenntnis der Gesamtgeschichte der Juden. Als nach dem Friedensschluß des Reiches mit den Franzosen Worms wieder neu auf gebaut wurde und die Angelegenheiten der Juden neu geordnet werden sollten, machte der damals in Worms einflußreichste Mann, Lizentiat Seidenbender, Schultheiß der Stadt, bestimmte Vorschläge, unter welchen Bedingungen die Juden wieder nach Worms zurückkehren dürften. Die Vorschläge, ob sie nun in allen Einzelheiten gebilligt wurden oder nicht, geben Aufschluß darüber, wie man damals in den Kreisen der Bürgerschaft über die Juden dachte, was man ihnen gegenüber für recht und billig hielt. Er stellte an die Spitze die Erwägung, keinerlei Juden zu den vorhandenen neu zuziehen zu lassen, damit man „stillschweigend die race aussterben lasse“, und alle die Heirat bestimmenden Gesetze so auszuführen, „daß mancher unverheiratet seinen heiligen Sand füllen hilft“. Aus der Fülle seiner Vorschläge nur einige: Verbot jeglichen Handels mit Bier und Wein; sie dürften nicht auf dem Markt spazieren gehen; was sie an Obst und sonstigem Verzehr auf dem Markt kaufen, nicht anfassen, ehe sie es bezahlt haben; mit den Waren, die sie verkaufen dürfen, nur Engros-Handel betreiben; morgens nicht vor und abends nicht nach dem Läuten der Torglocke die Straße betreten; keine Fremden um geschäftliche Dinge ansprechen, sondern warten, bis sie zu ihnen kämen; sie seien gehalten, Mottenschaden, der an Pfandstücken entstanden wäre, zu ersetzen; sie seien anzuhalten, den gelben Fleck sichtbar zu tragen, bestimmte Kappen zu tragen und keine Hüte; ihre Eide sollten sie auf der Haut eines Schweines stehend schwören, das in den letzten vierzehn Tagen Junge gehabt hatte; es dürfte ihnen nicht gestattet sein, von Männern oder Frauen der Stadt an Sabbath und Feiertagen sich Licht anzünden oder Oefen heizen zu lassen. Diese Blütenlese mag zeigen, wessen man sich damals von Juden versah, und wie man sie unter Druck zu halten als höchste Weisheit ansah. Es ist auch hier nicht ein Vorurteil, das sich gegen die Wormser Juden richtete, Seidenbenders Vorschläge sind vielmehr aufschlußreich für Stellung und Leben der Juden jener Jahrzehnte, unter welchen Vor- 119

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