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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 121

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte
Date
1935-01-01
Page
Seite 121 (sequence 7)
Language
German
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Max Dienemann. Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurde die Gemeinde tiefer verschuldet. Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert überstieg die Schuldenlast das vorhandene Vermögen fast um das Sechsfache. Aus dieser Sachlage ergaben sich die verschiedensten Folgen: Ständige Forderungen der Gläubiger, rasendes Anwachsen der Schulden, da die Zinslast die Schulden vermehrte, Inanspruchnahme der Vorsteher für die Schuld der Gemeinde, Versuche Einzelner, sich der gemeinsamen Last zu entziehen. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts laufen die Bemühungen zu einem tragbaren Vergleich zu kommen. Man kann an den Akten über diese Vorgänge die Wirkungen studieren, die die ohne Rücksicht auf ihre wirkliche Kraft geübte Sonderbehandlung der Juden zeitigen mußte. Das Bild, das sich hier entrollt, ist wiederum nicht nur ein Bild aus der Sondergeschichte der Wormser Gemeinde; sie steht vielmehr da als Beispiel des Schicksals der Juden, der Schwierigkeiten jüdischer Gemeinden, Schwierigkeiten, die nicht aus ihrem Aufgabenkreis erwuchsen, sondern die von außen her als Schicksal ihnen auferlegt wurden. Und es ist aufs neue beispielhaft, wie man im Uebergang zur neuen Zeit mit diesem Erbe fertig werden mußte, in ruhigem Ueberlegen und mit Anspannung aller Kräfte den Ansprüchen gerecht zu werden suchte, die im Grunde aus einem äußern Recht, aber nicht aus einem Recht der Gerechtigkeit erwachsen waren. Im „Stammbaum der Familie Guggenheim aus Worms“3) ist eine im Besitz der Familie befindliche Aufzeichnung der Hochzeitsgeschenke wiedergegeben, die 1835 bei einer Hochzeit in der Familie den Brautleuten gewidmet wurden. Nicht nur die Verwandten und Bekannten schenkten, es schenkte die ganze Judengasse. Und man liest mit Behagen und Erstaunen, was geschenkt wurde. Von 145 Schenkenden sind Geschenke verzeichnet wie: 1/6 Taler, ein Tintenfaß, ein Salzfaß, ein silberner Kaffeelöffel, ein zinnernes Schüsselchen, ein grünes Kaffeebrett, ein Kuchenblech, ein eisernes Tiegelchen, eine Feuerschippe. Welche rührende und vorbildliche Anspruchslosigkeit muß damals unter den Juden allgemein geherrscht haben, wenn solche Gegenstände als Hochzeitsgeschenke galten! Und welcher Zusammenhalt muß in der Gemeinde gewesen sein, wenn jedermann zu den Gebenden gehören, welche Religiosität geherrscht haben, wenn jedermann unter den „Braut und Bräutigam Erfreuenden“ sein wollte! Jede jüdische Gemeinde ist mit der Gesamtheit verbunden, von ihr getragen, durch sie lebend. Keine ist gleichgiltig. Von der einen mag die jüdische Welt mehr wissen, von der andern weniger. Der Name der Wormser Gemeinde hatte seinen Klang weithin nicht nur aus den Klage- und Bußgebeten, in denen der Bericht vom Schicksal der Wormser Gemeinde noch heute festgehalten und wiederholt wird. Im 18. Jahrhundert malte ein Maler die Synagoge in Mohilew am Dnjepr aus, an der einen Wand malte er eine Phantasiestadt hin und bezeichnete sie als Jerusalem, auf der andern malte er ebenfalls eine Phantasiestadt hin, zeichnete einen Lindwurm um sie und nannte sie Worms; ein Doppeltes ist hier festzuhalten: daß die Legende von der Entstehung des Namens Worms bis zu den Juden des tiefsten Ostens gedrungen war, und daß die Juden dieses Ostens den Namen der Wormser Gemeinde neben den Jerusalems stellten. Kann es ein sprechenderes Zeugnis dafür geben, daß alles Leben in den jüdischen Gemeinden über Raum hinweg eine Einheit ist, daß die Geschichte der Einzelgemeinde zur Geschichte des Judentums aufeteigt, daß im Bewußtsein der Gesamtheit das Einzelne im Ganzen aufgeht? 3) Offenbach 1926. 12t

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