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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 117

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte
Date
1935-01-01
Page
Seite 117 (sequence 3)
Language
German
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Max Dienemann. Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte nicht nur die Wormser Juden, die hier ihre Standhaftigkeit bezeugten und, auch nicht um den Preis eines Abfalles, sei er auch nur scheinbar und vorübergehend, ihr Leben zu retten gedachten — es offenbart sich hier die Gesamthaltung der deutschen Juden in dieser, vielleicht der schwersten Stunde ihrer Geschichte. Was in Worms geschah, geschah überall, wohin die Welle der Verfolgung brandete, und es wäre überall geschehen, hier war der Gradmesser der seelischen Verfassung der deutschen Juden. In einem vielfachen Sinne wird hier die Geschichte der Einzelgemeinde zum Spiegel der Zeit, sowohl was die jüdische Geschichte als auch was die Gesamtgeschichte der Landschaft anbelangt. Dem Wormser Rabbiner Eleasar ben Jehuda erschlug man 1197 Frau und Kinder. Er ist der Verfasser eines der gelesensten Sittenbücher der Zeit „Rokeach“. Eindringlichst mahnt er in ihm zur Demut, zum Gehorsam gegen die Torä, mahnt, schamhaft zu sein und. geschehenes Unrecht zu verzeihen. Er warnt vor lauter und heftiger Rede, vor Lüge, Schwören, vor Spott und Rachsucht und zügelloser Begierde. Wiederum ist festzustellen, der Wormser Rabbiner ist mit diesem Buch Spiegel der jüdischen Haltung jener Zeit. An dem der Geschichte von Worms zugehörigen Mann kann man den Stand der Sittlichkeit feststellen, wie die Juden der Zeit sie forderten und übten, kann man feststellen, wie sie auf die an ihnen verübten Gewalttaten antworteten. Worms wirft hier ein Licht nicht auf seine, sondern auf d i e Juden. Man hat gegen Ende des 19. Jahrhunderts das alte Frauenbad der Wormser Gemeinde aufgefunden. Man kann es heute jederzeit ohne Schwierigkeit besichtigen; seine architektonische Merkwürdigkeit ist unbestritten. Man kann an ihm erkennen, wie vor 900 Jahren jüdische Gemeinden Ritualien dieser Art Genüge taten. Denn es ist selbstredend, daß jede Gemeinde für ein solche Stätte sorgte, ohne deren Vorhandensein es für den dem Religionsgesetz Treuen — und das waren damals alle — kein eheliches Leben hätte geben können. Wie ein solches Bad aussah, wie man es baute, welcher Hilfsmittel man sich bediente, das alles kann man hier am Erinnerungsbild der Einzelgemeinde erfahren, die Kulturgeschichte der Gemeinde wird zur Kulturgeschichte des damaligen Judentums. Eine Anzahl von Verordnungen des frühen Mittelalters tragen die Bezeichnung Takanoth SCHUM, d. h. die Rechtsordnungen der Gemeinden Speyer, Worms, Mainz. Diese Anordnungen regeln Ehe- und Erbrecht, sorgen für Redlichkeit im Verkehr, legen fest, daß niemand seine Beziehungen zur Obrigkeit dazu benützen dürfe, sich von den Gemeindelasten frei zu machen. Indem der Name der Wormser Gemeinde mit dieser auf alle Gemeinden sich ausdehnenden Rechtsordnung verknüpft ist, wird die Ordnung dieser Gemeinde zum Vorbild für das Rechtsleben der gesamten Judenheit, und aus der Geschichte der Gemeinde fällt ein Licht auf die Judenheit im ganzen. Die Juden waren im besondem Schutz des Bischofs und in einem bestimmten Vertragsverhältnis zu ihm. Aber 1348 überliefert Karl IV. die Juden der Stadt mit Leib und Gut als eigen. In der Folge ergeben sich daraus mancherlei Konflikte zwischen Bischof und Stadt in bezug auf die ihnen an den Juden zustehenden Rechte und über die Abgrenzung der Zuständigkeiten. Für die Gesamtgeschichte ergibt sich an diesem Beispiel mancherlei. 117

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