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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 116

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte
Date
1935-01-01
Page
Seite 116 (sequence 2)
Language
German
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Max Oienemann. Die Geschichte der Einzelgemeinde als Spiegel der Gesamtgeschichte Aber es gibt nicht allzuviel solche Dinge selbst im Ablauf einer so alten Geschichte wie der der Wormser Gemeinde. Und auf ihnen ruht er auf den Begebenheiten, die zwar in dieser Gemeinde geschahen, gerade aus dieser Gemeinde berichtet werden (vielleicht nur deshalb, weil hier Erinnerungen sorgsamer niedergeschrieben und festgehalten sind), die aber auch für das Judentum und seine Geschichte bedeutsam sind. Die größere Wichtigkeit haben die Begebnisse, die Spiegel und Zeugnis der allen Juden gemeinsamen Erlebnisse sind, bei der das dort Geschehene und die Haltung der Menschen der Einzelgemeinde charakteristisch für die Seelenhaltung der Juden einer bestimmten Epoche ist. Hier wird die Geschichte der Einzelgemeinde zum Barometer für die Judenheit der ganzen Landschaft in einer bestimmten Zeitlage. Gerade von hier aus gewinnen die einzelnen Vorkommnisse ihre Bedeutung für alle Juden, kann man an ihnen Schicksal und Sinnesart der Juden in den wechselnden Zeitläuften ablesen. Wenn R a s c h i Schüler im Lehrhaus zu Worms war, so geht das nicht nur Worms als Ort des Lehrhauses an, sondern gewährt zugleich einen Einblick, auf welche Höhe das Geistesleben der deutschen Juden der Rheingegend stand, wie stark bereits ihre Selbständigkeit im Lernen war, wenn ein Mann wie Raschi dort seine Prägung und die Richtung seiner späteren Arbeit finden konnte. Zugleich aber kann man daraus ersehen, welche kulturelle Gemeinsamkeit die Juden der deutschen mit denen der französischen Landschaft umschloß, wenn man aus Troyes, Raschis Heimat, nach Worms ging, um hier zu lernen. Ja, man kann, über die jüdische Geschichte hinaus zur Allgemeingeschichte fortschreitend, hier erkennen, wie stark Deutschland und Frankreich damals noch kulturell miteinander verbunden waren, wenn französische Juden in deutschen Lehrhäusem lernten; die Geschichte der Gemeinde wird hier zum Baustein an der Geschichte der Länder und ihrer Menschen. Wormser Juden halfen Heinrich IV., als er in großer Bedrängnis war. Es ist nicht von entscheidender Wichtigkeit, daß er den Wormser Juden später einen Schutzbrief und Zollfreiheit an königlichen Zollstätten gewährte; diese Dinge haben immer nur eine sehr zeitbegrenzte Kraft. Wichtig aber ist, daß diese besondere Stellung der Juden zu Heinrich IV. sich im Rahmen der Stützung kundtat, die damals das Bürgertum dem von den Fürsten bedrängten Kaiser zuwandte. Und man kann hier ablesen, wie um jene Zeit die Juden an der Gesamthaltung des deutschen Bürgertum es teilnahmen, mit ihr verbunden waren; das ist das Entscheidende und Wichtige, hier wird das Stück Wormser Geschichte wesentlich für die Gesamtgeschichte der Juden in jener Epoche. Es gibt deutliche und bis in die Einzelheiten gehende Berichte über die Schicksale der Juden von Worms in den Kreuzzügen. Es ist in diesem Rahmen unnötig, auf alle diese Einzelbegebenheiten hinzuweisen, auf die massenhafte Tötung der in ihre Häuser Eingeschlossenen, auf die Verzweiflung derer, die ihre Angehörigen mit deren Willen selbst hinopferten, damit man nicht Gewalt an ihnen übe. Das alles geht nicht Worms allein an, sondern wird zum sinnfälligen Ausdruck des jüdischen Schicksals in jener Zeit Es sind Haus außerordentlich große Mengen von Wein vorfanden. Da zu jener Zeit für Juden ein Handel mit Wein nicht in Frage kam, läßt die Bestandaufnahme einen Schluß auf die Trinkfestigkeit und -freudigkeit der Wormser Juden zu. Das ist sicher für die Lokalgeschichte von Interesse, jedoch ohne Bedeutung für die jüdische Geschichte im ganzen. 116

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