Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 14)
- Language
- German
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Max Freudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr in der Gemeinde wieder herzustelleu und zu sichern, und eine Predigt über den Frieden, die er bald nach seinem Amtsantritte am Versöhnungstage hielt, bUeb besonders im Gedächtnis der Jugend so tief haften, daß sie dauernd die Gemüter beeinflußte. Der religiösen Unterweisung der Jugend galt denn auch von Anfang an sein Augenmerk. Gegen mannigfache Widerstände setzte er die Begründung einer Religionsschule zur Ergänzung des öffentlichen Religionsunterrichtes mittels des hebräischen Unterrichts durch und führte Konfirmation und Jugendgottesdienst ein. Persönliche Seelsorge und öffentliche Wohlfahrtspflege waren ihm gerne geübte Pflichten. Die Förderung der bestehenden und die Gründung neuer wohltätiger Vereine, die Regelung des Wanderbettels und die Durchführung produktiver sozialer Hilfe, dies alles lag ihm am Herzen und kam vielfach zur Verwirklichung. Eine Ansprache, die er zum 100jährigen Bestehen des Männerkrankenvereins hielt, zeigt vereint seine soziale Auffassung wie seine schlichte agadische Art des Vortrags und bietet zugleich historisches Interesse69). „In früherer Zeit hatte man sich nicht darauf beschränkt, Erkrankte durch Geld zu unterstützen, vielmehr die Pflege und Wartung derselben als heilige Pflicht der Vereinsmitglieder erachtet. Solches Wirken schützt, wie der Talmud sagt, vor dereinstiger Höllenqual und vor der Macht der Dämonen. In der Tat wird ein jeder am Krankenbette derart über die Hinfälligkeit unseres Daseins sowie über die menschliche Ohnmacht gegenüber der göttlichen Allmacht belehrt, daß er mit vollem Ernste seine höhere Lebensaufgabe erfassen und die Dämonen verderblicher Leidenschaften aus seinem Herzen bannen wird. Für jedes Mitglied, das auf Pflegegeld verzichtete wurde ein sog. Pidjon-Nefesch veranstaltet, ein Gebet, das neben seiner mystischen Bedeutung einen schönen sinnbildlichen Hinweis darauf enthielt, daß wir Menschen dem Baume gleichen, der durch Menschenhand gehegt und gepflegt werden muß, außerdem aber der Einwirkung einer höheren Macht nicht entbehren kann, wenn er in seiner Kraft erhalten werden und nicht hinwelken soll. Das Wirken des Vereins wurde von vielen Vereinsmitgliedern so hoch geschätzt, daß sie ihre Söhne in jugendlichem Alter, manche sogar sofort nach der Geburt als beitragende Vereinsmitglieder einzeichnen ließen, ein Vorgehen, das auch in unserer Zeit Nachahmung verdiente. Der Stiftungstag des Vereins ist der 15. Schebat, der Tag, an welchem die Bäume von neuem Saft durchströmt werden. Der Baum der Wohltätigkeit, der so manchem Leidenden seine erquickenden Früchte reichte, der so manchen Matten durch seinen Schatten labte, hat tausendfach die Kraft bekundet, die auch ihm am 15. Schebat verliehen wurde. Die Wirksamkeit des Vereins erstreckte sich nicht nur auf seine Mitglieder, sondern auch auf die Armen unserer Gemeinde, denen man an gewissen Tagen bestimmte Beträge überwies, sowie außerdem auf das Krankenhaus, dem man nicht unbeträchtliche Summen aus der Vereinskasse zugewendet hat. Als im Jahre 1870 viele Familien der Stadt infolge des Kriegs von Mangel und Not heimgesucht wurden, steuerte auch unser Verein für die Pflege der Verwundeten und für die Unterstützung der ihrer Ernährer beraubten Familien bei. Das Beispiel imbegrenzter Wohltätigkeit, das unser Verein hierdurch gegeben, erweckte Nacheiferung. Es wurde uns nämlich von einer andersgläubigen Einwohnerin dieser Stadt ein größeres Vermächtnis hinterlassen, eine Tatsache, die eine schöne Anerkennung der Leistungen unseres Vereins bedeutet. In früherer Zeit wurden von seiten des Vereins allsabbathlich Vorträge aus der Thora veranstaltet. Man setzte voraus, daß hierdurch auch der Wohltätigkeitssinn gefördert und angeregt werde. In der Tat war das in hohem Grade der Fall. Schon das Wort, mit dem die Schrift die Liebeswerke als ,Zedokoh‘, als Werke der ausgleichenden Gerechtigkeit bezeichnete, muß jeden Tieferdenkenden zur Uebung solcher Werke anspomen und ihn davor schützen, solches Wirken sich als ein besonderes Verdienst anzurechnen. Beim Durchlesen der alten Urkunden unseres Vereins beschlich mich einerseits ein Gefühl wehmütigen Ernstes, andererseits erfüllte mich eine frohe Genugtuung. Wehmütig stimmte es mich, die Namen vieler trefflicher Männer zu lesen, die mit der Geschichte unseres Vereins und unserer Gemeinde innig verwachsen 69) Aus dem Protokollbuch des Männerkrankenvereins vom 9. Februar 1887. Gedruckte Predigten Steins sind nicht bekannt. 113