Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259301-2261872--162-2261932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Freudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr In der Geschichte der Wormser Gemeinde gebührt ein solcher Ehrenplatz nicht minder meinem bereits genannten Lehrer Dr. Alexander Stein (1843—1914; Rabbiner in Worms 1867—1910)66). Er würde den Versuch, ihn in die Reihe der ausgezeichneten Wormser Gelehrten aus alter Zeit einzureihen, sicherlich mit dem Hinweis auf jene biblische Inschrift abgelehnt haben, die einst in der Wormser Synagoge dem Platze des Rabbiners gegenüber angebracht war: „Ich bin nicht besser denn meine Väter“; aber er hätte hinzufugen dürfen: „Ich bin auch nicht schlechter denn meine Väter.“ Den Süddeutschen führte aus gleichgearteter frommer Erziehung und Vorbereitung wissenschaftlicher Drang zu Zacharias Frankel nach Breslau, dessen Schriften schon den Gymnasiasten beeinflußt hatten und der ihn dann ebenso hoch schätzte wie seine Studiengenossen, aus deren Schar er manchen dauernden Freund sich gewann. Freilich mußte er die wissenschaftliche Arbeit, die er verheißungsvoll mit einer von ihm gelösten Preisarbeit des Breslauer Seminars „über die Fortbildung der hebräischen Sprache in der Mischnah in formaler und realer Beziehung“ begonnen hatte, infolge seines Augenleidens einstellen. Aber das reiche theologische Wissen, das er in selbstverständlicher Verbundenheit mit deutscher Bildung besaß, versiegte nicht und ist seinen Schülern und vor allem denen, die gleich mir zur Vorbereitung auf das rabbinische Studium allwöchentlich noch besonderen Unterricht bei ihm genießen durften, in nachhaltigster Weise zugute gekommen. Dieses Wissen entsprach aber in seiner Wesensart ganz dem der alten Wormser Schule. Es war ein „Bekiuth“, das schlicht und zuverlässig die Gegenstände kannte und sie in ihrer einfachen Bedeutung rein wissenschaftlich zu erfassen suchte und wußte. Voller Interesse wandte es sich natürlich auch der Geschichte der Gemeinde zu und in der historischen Literatur seiner Zeit wird man auf manche Bemerkung stoßen, die von Stein herrührt. Doch auch in seiner tiefen unbefangenen Gläubigkeit, in seiner harmlosen Güte und nachsichtigen Milde, in seiner über alle Maßen geduldigen Friedfertigkeit, in der vornehmen Bescheidenheit, die nur selbstverständliche Pflichterfüllung ohne jede Eitelkeit und Ruhmsucht kannte, bewährte er die Tugenden der großen Meister, die einst die Zierde des Wormser Rabbinats gebildet hatten. Man braucht nur die herrliche Charakteristik zum Vergleich heranzuziehen,- die Abraham Berliner von Raschi gegeben hat07), um im Menschlichen leicht die Aehnlichkeiten aufzufinden. Stein vereinigte zum erstenmal wieder in der Gemeinde das Amt des Rabbiners und Predigers, das seit der Emanzipationszeit und den dadurch hervorgerufenen Reformbestrebungen in der Gemeinde auseinandergenommen und in der engeren rabbinischen Tätigkeit einem Gelehrten älteren Schlages, in der Belehrung und Unterweisung aber einem moderneren Theologen übertragen worden war. Die allsabbathlicnen Predigten Steins waren wie er selber schlicht und einfach, frei von jeder Phrase und Pose; er verkündete das Bibelwort in leicht verständlicher Weise und die agadischen Ausführungen darin gingen die volkstümlichen Wege Raschis. Wenn Güdemann bei der Beurteilung des Sittenbüchleins des R. Eleasar ben Isaak eine ähnliche nichtjüdische Moralschrift des Mittelalters heranzieht und darauf hinweist68), daß die Mahnung in der letzteren, nach den Worten der Geistlichen zu handeln und nicht nach ihren Werken, dem ersteren gar nicht in den Sinn kommen konnte, d.a Lehre und Leben der jüdischen Prediger und Rabbiner eins war und jene nur Bedeutung hatte, wenn sie durch dieses getragen und veranschaulicht ward, so darf Stein auch in dieser Hinsicht würdig der großen Reihe seiner mittelalterlichen Vorgänger eingefügt werden. Es war ihm darum ein Leichtes, den durch religiöse und persönliche Gegensätze getrabten Frieden 66) Ueber Stein vgl. Rothschild a. a. O., S. 37 ff., ferner Zeitschrift „Ost und West“ X (1910), S. 373 ff., anl. seines Scheidens aus dem Amte u. der Ernennung zum Ehrenrabbiner (Verfasser ist sein Schwiegersohn Rabbiner Dr. Richard Grünfeld), sowie meinen Nachruf anläßlich seines Todes in der Allg. Ztg. d. Judent. 1914, S. 106 ff. 67) Im Gedenkbuch für David Kaufmann, S. 260 ff. 6S) Güdemann am ersta. O., S. 121 ff. 112