Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 12)
- Language
- German
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Max FreudenthaL Die Eisenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr setzte dank dem Verständnis des Gemeindevorstandes, dessen Mitglied Julius Goldschmidt zuerst die Reste des alten Gemeindearchivs aus ihren Verließen wieder ans Tageslicht brachte und in einem Regestenbuch beschrieb, und unter der sachkundigen Leitung von Samson Rothschild, meines ehemaligen Lehrers, als dem trefflichen Kenner derGeschichteder Wormser Gemeinde, eine systematische Sammlung der auf Worms bezüglichen jüdischen Urkunden und eine fortlaufende Aufnahme der Grabsteine ein, die für die Geschichtsschreibung von größtem Werte ist. Durch solche Vorarbeiten wird denn wohl auch die noch fehlende Gesamtdarstellung der Geschichte der Wormser Gemeinde ermöglicht werden. In dieser Geschichte werden die Namen der Märtyrer, die aus der Gemeinde und für die Gemeinde ihr Leben oft in grausamster Weise hingeben mußten, gar manches traurige Blatt füllen. Aber sie wird ebenso von manchen künden, die zum Leben und zur Erhaltung der Gemeinde „in den Riß sprangen“ und allen Einfluß, den sie besaßen, zugunsten der Heimat wie der gesamten Judenschaft nutzten. Zwei solcher „Stadlanim“63), die aus Worms hervorgegangen sind, haben ihre Namen besonders tief in die jüdische Geschichte eingegraben, die beiden „Hochmögenden“ am kaiserlichen Hofe in Wien, Samson Wertheimer und Samuel Oppenheimer. Die Reihe solcher Männer, die mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit all ihrem Wissen und Können, mit Aufbietung all ihres Einflusses sich für ihre gesamte Glaubensgemeinschaft und für viele ihrer Glaubensbrüder in uneigennützigster Weise einsetzten, reißt nicht ab und führt bis in die Gegenwart hinein. Wenn ich an Worms denke, so schien es mir von jeher, als ob in diese Reihe der „Stadlamm“, der ausgezeichneten weltlichen Führer des deutschen Judentums, auch Dr. Max Loeb (1860—1911) mit hinein gehörte64). Sein Elternhaus in Worms, in dem ich wie in so manchem anderen dort nach fortgepflanzter alter jüdischer Sitte als Schüler allwöchentlich gastliche Aufnahme fand65), trug in seiner Einfachheit und Behaglichkeit das alte jüdische Gepräge. Aus ihm und aus dem Unterricht seines — und meines — Lehrers, des damaligen Rabbiners Dr. Alexander Stein, erwuchs Max Loebs jüdisches Fühlen und Wissen, aus dem heimatlichen Einfluß von außen her, wie das immer in Worms so war, die starke Verbundenheit mit der deutschen Kultur und Gesittung, aus der Eigenart des rheinischen Volkstums sein frohes und lebhaftes Temperament. Hochgeschätzt in seinem Stande und Berufe als Anwalt in Mainz, aber auch voll hinreißender Beredsamkeit ein Anwalt seiner Glaubensbrüder, ein feuriger Bekenner der Treue gemeinsam gegen Heimat und Religion und zugleich ein ernster Mahner im Sinne jener alten jüdischen Sittenbücher, bleibt er nicht bloß denen unvergeßlich, die ihn kannten und die Verbundenheit mit einem solchen Manne als ein köstliches Teil ihres eigenen Lebens betrachten durften, sein Name wird vielmehr auch in der Geschichte der rheinischen Gemeinden dauernd einen Ehrenplatz finden. als Prediger neben dem damaligen Rabbiner Jakob Koppel Bamberger tätig; s. Samson Rothschild, Beamte der Wormser jüd. Gemeinde, Frankfurt a. M. 1920, S. 25 ff., wo zu ergänzen ist, daß L. in der MGWJ und in der Allg. Ztg. d. Judent. vielfach über die Geschichte der Wormser Gemeinde und über das Leben in ihr zu seiner Zeit berichtet hat. 63) Ueber den Begriff der Stadlanim s. Horovitz, Frankfurter Rabbinen I, 21, und Wachstein, Inschriften des alten Judenfriedhofs in Wien- I, XL. Horovitz das. sieht in den Beschlüssen der Synode zu Worms 1542, welche die Vorladung einheimischer Juden vor ein auswärtiges rabbinisches Gericht verbieten, einen Schutz gegen die Uebergriffe mächtiger Stadlamm, die natürlich auch öfters vorkamen. 64) Vgl. über ihn meine Skizze (in: Festnummer zum Ordenstag des Ordens Bne Briss 1932, S. 115). 65) Beispiele der Fürsorge für die in Worms studierende Jugend s. bei Kaufmann a. a. O., S. 91, u. Epstein a.a.O. (MGWJ 45, 1901), S. 68 u. 71. 11t