Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259301-2261872--160-2261930- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max FFeudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr 1213 ebenso großzügig die Frauensynagoge anbauten57). Es ist wohl zu verstehen, wenn R. J. Ch. Bacharach ausruft: „Wer Worms in seinem Glanz und in seiner Ordnung nicht gesehen, hat nie eine herrliche Gemeinde erschaut!“ Sozialer Sinn und Sinn für Wohlordnung herrschten in der Gemeinde. Für den letzteren legt auch die für den Forscher ganz besonders erfreuliche Tatsache Zeugnis ab, daß sich — wie selten sonst — so viele Urkunden über ihre Geschichte bis heute erhalten haben, von denen noch immer ein großer und für die historische Forschung bedeutungsvoller Teil sich in Worms selbst befindet58) und durch Isidor Kiefer seine Sammlung im Museum der Gemeinde gefunden hat. Der Sinn für solches Festhalten und Sammeln des historisch Wichtigen geht in Worms gleichfalls schon auf die Frühzeit zurück und fand in drei Sprößlingen der Gemeinde einen ganz besonders starken Ausdruck. Der erste schon am Ausgang des 16. Jahrhunderts war der Arzt Dr. Josef ben Meir, genannt Feibusch Wallich, ein eifriger Sammler von Handschriften; in seinem Besitz und dann fortlaufend im Besitz der Familie Wallich befand sich u. a. die berühmte Handschrift des Kommentars zur Thora von R. Samuel ben Meir, dem Enkel von Raschi, die jetzt zu den kostbarsten Schätzen der Bibliothek des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau gehört59). Der zweite war R. J. Ch. Bacharach, der mit hervorragendem historischem Sinn in mühseliger Arbeit unzähliges geschichtliches Material in wundervoller Ordnung gesammelt hat und nicht mit Unrecht von seinem ausgezeichneten Biographen David Kaufmann als Vorläufer der modernen Wissenschaft des Judentums bezeichnet worden ist, wenn auch von allen diesen gesammelten Schätzen, wie es scheint, leider nur noch die von ihm angelegten Register sich erhalten haben. Der dritte im Bunde ist R. David Oppenheim, über dessen Sammlungen glücklicherweise ein besseres Schicksal waltete. Unter den zahlreichen seltenen Handschriften und Büchern, die er von überall her zusammenholte und die heute in unermeßlichem Werte den kostbaren Schatz der Bodleiana in Oxford ausmachen, befanden sich auch solche, die auf dem Speicher der Wormser Synagoge lagen und den Grundstock seiner Bibliothek bildeten60). Unter anderen Kostbarkeiten erstand er aus dem Besitz der Familie Wallich die erwähnte Handschrift von Raschi-Raschbam und ließ sie 1703 in Frankfurt a. d. O. zum Druck bringen. Es war eine Ehrentat der Wormser Gemeindevorsteher, daß sie bei der Niederbrennung der Stadt durch die Franzosen zu allererst die gemeindlichen Schätze, Urkunden, Bücher, Akten, die gottesdienstlichen Geräte, „die Gaboim-Kist mit allen Schriften und Pinax der Gemeinde und die eiserne Lade, genannt Tiurkist“ nach Metz in Sicherheit brachten und so unschätzbares Material vor dem Untergänge retteten61). Der seit dem Erblühen der modernen jüdischen Wissenschaft von neuem erstarkte historische Sinn hat in Worms auch zu einer literarischen Beschäftigung mit den Grabsteinen des alten Friedhofs geführt62). Seit Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts 57) Ueber die Wormser Bauten s. Epstein in MGWJ 40 (1896), 509 ff. und 45 (1901), 44ff., sowie Isidor Kiefer (in: ZGJD., I, 1929, S. 291 ff.). 58) Eine Zusammenstellung gibt Epstein im Kaufmann-Gedeakbuch a. a. O., S. 290 ff., und Samson Rothschild, Aus Vergangenheit und Gegenwart der isr. Gemeinde Worms, Frankfurt a. M. 1905, S. 28 ff. 59) Ueber Josef Wallich und die Handschrift s. Schultze a. a. O., S. 63 ff., über die letztere auch Landsberg in MGWJ 14 (1865), S. 370 ff., und Rosin, R. Samuel b. Meir als Schrifterklärer, 1880, S. 24 ff. 60) Löwenstein im Gedenkbuch für David Kaufmann a. a. O., S. 545. Ueber Oppenheim als Büchersammler s. meine Abhandlung in MGWJ 42 (1898), S. 139 ff. 61) Kaufmann a. a. O., S. 73 ff. 62) L. Lewysohn, Nafschoth Zadikim, sechzig Epitaphien von Grabsteinen d. isr. Friedhofs zu Worms, Frankfurt a. M. 1855. Der Verfasser war 1851—1859 110