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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 109

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
Date
1935-01-01
Page
Seite 109 (sequence 10)
Language
German
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Max Freudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr gaste aus Worms ein altes Zollfreiheitsprivileg49) —, doch weiter kamen sie nicht. Zur Pfingstmesse in Nördlingen fand sich seit 1591 öfters einmal ein jüdischer Besucher aus Worms ein50). Am bezeichnendsten aber ist es, daß zur Leipziger Messe, dem großen Sammelplatz von Juden aus allen Himmelsrichtungen, in dem Jahrhundert von 1675 bis 1764 fünf ganze Familien aus Worms unter den eingeschriebenen Meßbesuchern verzeichnet sind51). Trotz alledem ist der Ruhm der Hilfsbereitschaft der rheinischen Gemeinden weiterhin erhalten geblieben. Die Wormser Gemeinde deckte ihre normalen Ausgaben für solche Zwecke aus den Eingängen von Spenden bei Freud und Leid, aus den Opferstöcken in der Synagoge und dem „Umgang“ bei Beerdigungen, aus der Vergebung von Plätzen im Gotteshaus, um die ein heißer Kampf entbrannte, wenn es sich um die nach berühmten einstigen Inhabern benannten Ecken handelte52). Auch die Verteilung der synagogalen Ehrungen brachte nach alter Sitte reichliche Spenden ein. Um die Ehre, den Thora-Abschnitt vorlesen zu dürfen, stritten sich einmal zwei Gemeindemitglieder in der Wormser Synagoge fast zwei Stunden lang, sodaß zuletzt die Zuschauer die Thorarolle nahmen und Vorlesung und Gottesdienst in der Betstube des Lehrhauses zu Ende führten53). Im Gotteshause ging es übrigens öfters recht lebhaft zu, sodaß ein eigener „Mischeberach“ für diejenigen eingeführt war, die während des Gebetes und der Thoravorlesung nicht. schwätzten, wie auch für diejenigen, die den Mut hatten, den Schwätzern rücksichtslos Ruhe zu gebieten54). Trotzdem die gewaltigen Auflagen von Seiten der Machthaber einen geordneten Haushaltplan nicht zuließen, herrschte doch Ordnung, Kontrolle und regelmäßige Rechnunglegung über Einnahmen und Ausgaben, wie sich aus dem „Grünen Buch“ der Gemeinde ergibt55). Es fehlte auch nicht an hochgesinnten Männern und Frauen, welche besondere Opfer auf sich nahmen, um die außerordentlichen Bedürfnisse zu decken. So mußte z. B. 1564 eine Kaution von 20 000 Gulden aufgebracht werden, um einen unschuldig des Kinderraubes Angeklagten frei zu bekommen56). Nach allen Katastrophen traten sofort Männer und Frau :n zusammen, um die alten Wohlfahrtsvereinigungen und Einrichtungen von neuem zu beleben oder andere zeitgemäße an deren Stelle zu setzen. Von den jetzt in der Gemeinde bestehenden derartigen Vereinen geht der Männer- und Frauenwohltätigkeitsverein, die Chebra, immer noch im Volksmund mit dem alten Ausdruck „Kippe“ benannt, sicher auf die Zeit der Entstehung des Friedhofs, der Männerkrankenverein auf das Jahr 1784 zurück. Unerreicht aber leuchteten als Vorbilder durch die Jahrhunderte allen späteren Geschlechtern mit ihrem Opfersinn voran: Mar Jakob ben David und seine Frau Rahel, die aus ihrem Vermögen vor 900 Jahren die Synagoge errichteten, und Meir ben Joel hacohen und seine Frau Judith, die 49) Das. I, 366. 50) Archiv der Stadt Nördlingen, Meßgeleitsbücher. 51) Max Freudenthal, Leipziger Meßgäste, Frankfurt a. M. 1928, S. 218. 52) Kaufmann a. a. O., S. 10. 53) Güdemann a. a. O., S. 97. 54) Kobez al Jad, S. 32. 55) Kaufmann a. a. O., S. 15 u. S. 57, Anm. 6. 56) Boos a. a. O., I, Anm. S. 28, No. 871. 109

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