Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259301-2261872--158-2261928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Freudenthal. Die Egenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr Schwermut genäht sei45), so hätte solcher Sarkasmus die rheinische Frömmigkeit nicht treffen können. Hell und froh durchströmten die Wellen des Rheins mit ihrem vielen Singen und Sagen auch die Judengassen und selbst den Gottesdienst. Dieser hat in Worms an manchem alten Ritus bis heute festgehalten. Die überlieferten Gemeindegesänge sind durch die Vorbeter und vor allem durch den Synagogenchor, der immer wieder freiwillige Kräfte in den heiligen Dienst einstellt, zum Besitztum der ganzen Gemeinde geworden. Wenn sie heute von den Tönen der Orgel begleitet werden, so ist das ganz gewiß ein fühlbarer Gegensatz zum Brauch an dieser 900 Jahre alten Betstätte, aber ganz gewiß nicht zu der Stimmung und frohen Erhebung, die in diesem Hause von jeher den Ton angab. Auch jene anderen, vom chassidischen Rabbi gegeißelten Wesenszüge angeblicher Frömmigkeit konnten in der Wormser Gemeinde nicht festen Fuß fassen. Eine aus solchem Groll im vorigen Jahrhundert entstandene fromme Absonderung vom Gottesdienst verschwand wieder mit dem Tode ihres Begründers, dem übrigens die Literatur über die Juden in Worms einen noch immer brauchbaren Beitrag verdankt46). Religiöse und sonstige Ueberhebung gar liegt überhaupt nicht im Wesen der dortigen Bevölkerung. Wenn auch Bischof Reinhart von Sickingen bei Uebemahme seines Amtes 1445 dem Klerus ausdrücklich ansagen mußte, daß er unpassendes oder anmaßendes Wesen nicht dulden werde47), so war für solche Anordnung in der Judengasse keine Veranlassung. Hier wirkte von selber das herrliche Vorbild der geistlichen Führer, von denen allen immer wieder Demut und Bescheidenheit im Auftreten und Wirken, weitab von Eitelkeit, Ehrgeiz und bewußtem Stolz, übereinstimmend als hervorstechende Wesenszüge überliefert werden und deren Reihe wieder von dem Meister geführt wird, der in Worms den Grund zu seiner Wesensart gelegt hat, Raschi. „Wormser Juden, fromme Juden“, soll Kaiser Heinrich IV. geäußert haben, als die Wormser Juden ihm in der Not die Treue hielten. Der Begriff der Frömmigkeit mag seine verschiedenen Spielarten haben, aber dieser Begriff der Hilfsbereitschaft ist jedenfalls nach jüdischer Auffassung davon untrennbar. Die Ausübung des Wohltuns ist eine Selbstverständlichkeit in jeder jüdischen Gemeinde. Sie war es allezeit auch in Worms, obwohl die Gemeinde weder durch Größe noch durch Reichtum hervorragte, und ihre wirkliche Größe, die Berühmtheit ihrer Lehrhäuser, gerade besondere Opfer von ihr forderte; denn es war nach allgemeinem Brauche selbstverständlich, daß die große Zahl der Studierenden von der Gemeinde und ihren Mitgliedern erhalten werden mußte. Die ungeheuren Summen, welche die Kaiser, die Bischöfe, die Stadt selbst in allen Jahrhunderten für Schutz und Aufenthalt regelmäßig und noch drückender bei allen möglichen außerordentlichen Gelegenheiten den Juden abnahm en, waren — ganz abgesehen von den furchtbaren Verfolgungszeiten und ihren alles vernichtenden Katastrophen — hinreichend, um einen wirklichen und gesicherten Wohlstand gar nicht aufkommen zu lassen. Dazu war der frühere freie Handel und Erwerb im Laufe der Jahrhunderte immer stärker eingeschränkt worden. Vordem waren Jude und Kaufmann in ehrenvollem Sinne synonyme Begriffe48). Seit den Kreuzzügen hatte die Zurückdrängung der Juden aus Handel und Wandel und ihre Beschränkung auf Hausier- und Geldgeschäft überall eingesetzt. Die Wormser Juden besuchten wohl noch wie früher die näheren Meßplätze in Frankfurt a. M. und Köln — in Frankfurt bestand für die Meß- 45) Buber, Hundert chassidische Geschichten, Berlin 1933, S. 12. 46) Moses Mannheimer (geb. 1810, gest. 1892), Die Juden in Worms, Frankfurt a. M. 1842. 47) Boos a. a. O., II, 529. 48) Das. II, 126. 108